Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Ich habe zufällig in einem Buch geblättert, mit dem junge Schweizer sich auf die Abschlussprüfung in der Realschule vorbereiten. Dabei habe ich festgestellt, dass politische Korrektheit bereits Schulstoff ist, zumindest in der Schweiz. Eine Aufgabe lautete: "Streiche die politisch unkorrekten Wörter!" Zur Auswahl standen: "Trinker, dumm, nicht motiviert, dick, zum Kotzen, Zigeuner, Hure, gestorben, Invalide".

Ich hätte da, als Prüfer, lieber einen richtigen Satz daraus gemacht, das ist realitätsnäher und macht den Kindern mehr Spaß. Übersetze folgenden Satz in ein politisch korrektes Deutsch: "Zu dumm, dass der dicke Trinker ein Invalide ist, die ohnehin nicht motivierte Hure findet das zum Kotzen, aber er ist dann zum Glück rechtzeitig an seinem Zigeunerschnitzel erstickt und gestorben." Das könnte ohne Weiteres die Zusammenfassung eines Romankapitels von Charles Bukowski oder Hans Fallada sein.

Ich konnte die Aufgabe nicht lösen. Ich denke mal, "gestorben" und "nicht motiviert" sind korrekt. "Dick", "dumm", "Zigeuner" und "Hure" halte ich für eindeutig unkorrekt. Bei "Trinker" und "Invalide" weiß ich nicht so recht. Vielleicht sagt man "Alkoholkranker". Aber zu einem leidenschaftlichen Spezitrinker kann man doch nicht einfach so "du Spezikranker" sagen. Das würde diesen Menschen verletzen. Ein Invalide ist einer, der wegen einer Kriegsverletzung behindert ist, oder? Find ich okay, als Wort, außer dass alle Invalidinnen dabei natürlich ausgeschlossen werden. Vielleicht ist "Invalide" sexistisch. Aber bei "zum Kotzen" war ich ratlos. Klar, ein derber Ausdruck, umgangssprachlich, aber politisch gesehen vermutlich korrekt. Es ist immerhin geschlechtsneutral. Die Kotzenden, wenn ich das mal so sagen darf, das Wort ist immerhin Schulstoff, die Kotzenden also sind ja auch keine fest umrissene Gruppe, die beleidigt sein könnte, wie etwa die Dummen. Sich erbrechen, das tut man meistens situativ. Schon eine halbe Stunde später trinkt so mancher ein Spezi. Ein Dummer dagegen ist eine halbe Stunde später immer noch genauso dumm.

Worum es mir anfangs ein bisschen leidgetan hat: das deutsche Palindrom. Bei einem Palindrom handelt es sich um eine Zeichenfolge, die von vorne und von hinten gelesen das Gleiche ergibt, etwa das Wort "Anna". Satzpalindrome sind zum Beispiel die ökologische Parole "Leo, spar Rapsoel!", das multikulturelle "Risotto, Sir!" oder das zum bewussten Umgang mit Wasser aufrufende "Tunk nie ein Knie ein, Knut!". Ich habe mal gehört, das längste noch halbwegs sinnvolle deutsche Satzpalindrom habe 32 Buchstaben, ohne Leerräume. Es heiße so: "Ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie." Das geht natürlich überhaupt nicht mehr. Aber ich habe herausgefunden, dass man jetzt ein politisch korrektes neues Palindrom gefunden hat, das exakt genauso lang ist, 32 Zeichen, und sogar einen Beitrag zur Verkehrserziehung leistet. Es heißt "Trug Tim eine so helle Hose nie mit Gurt?".

Im Kampf gegen Steuersünder gelten sonderbarerweise diese Regeln noch nicht. Warum redet man ständig von "Schwarzgeld"? Das ist doch weiß Gott kein afrikanisches Phänomen. Das Wort "Steueroasen" macht ausgerechnet die Menschen in der bitterarmen Sahelzone haftbar für Verbrechen, mit denen sie nichts zu tun haben. Und das Wort "Steuerflucht" verharmlost zweifellos in gewisser Weise das Leid der echten Flüchtlinge. Sensibilität kommt bei uns immer nur selektiv zum Einsatz, wobei ich über das Wort "selektiv" vielleicht noch nicht lange genug nachgedacht habe.

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