Noch sind keine Berichte erschienen, die nicht schaudernd von der Möglichkeit sprachen, die jetzt zum ersten Mal von amerikanischen Forschern eröffnet wurde: menschliche Embryonen aus normalen Körperzellen zu klonen – mit anderen Worten, die Kopie eines erwachsenen Menschen heranwachsen zu lassen. Die Welt, so scheint es, gruselt sich vor der Verwirklichung einer Fantasie, die in Literatur und Film seit über hundert Jahren in Umlauf ist. Mary Shelleys Frankenstein , Michail Bulgakows Hundeherz , die Klonkrieger aus dem Science-Fiction-Film sind nur drei Beispiele aus der Flut von Angstbildern, die mit dem Eintritt in die Moderne anschwillt und im 20. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreicht. Vernebelt der kulturelle Vorlauf den nüchternen Blick auf die Chancen und Risiken des gentechnischen Fortschritts?

Es ist umgekehrt. Die Künstler, die Dichter und Filmemacher haben bereits die Konsequenzen durchdacht, die sich aus der jetzt erreichten Forschung ergeben. Aus dem einen, dem größten Erfolg, dem Durchbruch zur Klonkopie eines Menschen, ergeben sich die anderen angstvoll erträumten Möglichkeiten wie von selbst. Mit den Mitteln, die eine Kopie erlauben, kann man die Kopie auch optimieren, verbessern oder verändern, und damit sind wir schon bei Frankenstein oder den Klonkriegern, man kann vielleicht auch artfremdes Genmaterial einschleusen und Bulgakows Proletarier mit tierischer Substanz schaffen. Nichts von dem liegt mehr fern. Die leichteste Übung wäre es wahrscheinlich, die furchterregend großen Reptilien aus Bulgakows Verhängnisvollen Eiern zu züchten, die zum Vorbild all der späteren Horrorfilme über Riesenspinnen und Riesenameisen wurden.

Schon das ist erstaunlich genug – dass die immer als pseudowissenschaftlicher Unfug abgetane Kunstfantasie heute ihren Realitätstest besteht. Aber das ist nicht das Entscheidende, was wir von den verachteten Vordenkern der Gentechnik lernen können. Sie haben vor allem durchdacht, was es für den Menschen bedeutet, wenn er vom Geschöpf zum Schöpfer, mindestens Mitschöpfer wird. Was ist das für eine Verantwortung? Kann er sie tragen, wird sie womöglich von dem Lebewesen eingeklagt werden, das er in die Welt gesetzt hat? Schon Frankenstein muss erleben, dass sich sein Geschöpf wider ihn empört, verzweifelt ob der eigenen Existenz. Und Bulgakows Hundemensch richtet eine Protestrede an seinen unzufriedenen Hersteller, die das juristische Vokabular benutzt, das wahrscheinlich auch heute, spätestens morgen das Verhältnis von Schöpfer und Geschöpf bestimmen könnte: "Habe ich Sie gebeten, mich zu operieren? Eine hübsche Geschichte! Erst schnappt man sich ein Tier, schneidet ihm mit dem Messer den Kopf auf, und dann ekelt man sich davor. Ich habe vielleicht nicht erlaubt, mich zu operieren. Ebenso wenig meine Angehörigen. Ich habe vielleicht sogar das Recht, Sie zu verklagen."

Und in der Tat. Könnte nicht auch ein Klon den Mediziner verklagen, der ihn zu Blondheit und Sportlichkeit bestimmt hat, ohne jemals zu fragen, ob er die Rugbybegabung seiner genetischen Vorlage überhaupt besitzen wollte? Mit anderen Worten: Was wird aus Gleichheit und Freiheit aller Menschen, wenn nicht alle gleich und frei geboren werden? Entstehen zwei oder mehr Klassen von Menschen – Klone zum Beispiel, die nur als Organspender für das Original existieren? Die denken, sie seien als Individuen und zum Glücklichsein, zum Fühlen und Denken bestimmt – tatsächlich aber nur als Ersatzteillager gedacht sind? Auch das haben ein Roman und ein Film ( Alles, was wir geben mussten, 2010) noch kürzlich als Science-Fiction vorgeführt.

Und jetzt könnte man es wirklich machen. Selbst wenn wir uns alle – die ganze Welt, jedes Land und jeder Forscher – aufrafften und diese letzte, die schrecklichste Möglichkeit der zweckgebundenen Menschenproduktion streng verbieten würden, so wäre die Möglichkeit doch noch immer da, und allein als Möglichkeit verändert sie unseren Begriff vom Menschsein. Wir könnten uns Krieger erschaffen, um deren Tod keine natürliche Mutter trauerte, wir könnten uns Sklaven halten, die außerhalb des Geltungsbereichs von Verfassung und Menschenrechten lebten, wir könnten Menschen als begabte Maschinen oder lediglich auf ihren Einsatz wartende Körper betrachten, als schönes, gesundes, warm pulsierendes Fleisch, an dem zuallerletzt interessiert, dass ihm noch so etwas wie Seele oder Bewusstsein eignet.

Jürgen Habermas hat vor zwölf Jahren, als zum ersten Mal ein Embryo zu Zwecken der Stammzellgewinnung geklont wurde, darauf hingewiesen, was aus unseren Idealen von Freiheit und Demokratie, von Selbstverantwortung und Selbstbestimmung wird, wenn sich die Gentechnik am Menschen durchsetzt – nämlich nichts. Die Ideale wären sämtlich gegenstandslos. Beziehungsweise müssten sie, was noch erbärmlicher wäre, ihren Geltungsbereich künstlich definieren. Mit der natürlichen Ausstattung des Menschen mit bestimmten Rechten von Geburt an wäre es vorbei – weil es mit der Natürlichkeit vorbei wäre.

Damals war es noch gängige Meinung, von vielen Naturwissenschaftlern und auch vom Bundeskanzler Schröder vorgetragen, dass es sich hierbei um eine lächerliche, pathetische Anrufung von Prinzipien handele, deren Gefährdung gar nicht absehbar sei. Niemand habe die Absicht, so die treuherzige Beruhigungsmelodie, am Menschen oder mit Menschen zu basteln.

Und heute könnte man es tatsächlich machen. Noch sind keine Berichte erschienen, die nicht schaudernd sprechen von der Möglichkeit. Aber wer würde am Ende und warum den Forschern wirklich in den Arm fallen, wenn sie das Frankensteinprodukt oder den Hundeherzträger von morgen, selbstverständlich ohne die grässlichen Narben, den zweifelhaften Charakter ihrer literarischen Vorbilder, sondern in strahlender Schönheit und mit glänzenden Begabungen, erschaffen würden? Wenn es um das Glück der Auftraggeber (früher Eltern genannt) oder um die Heilung der Patienten (früher chronisch Kranke) ginge? Wenn die Verheißung des humanitären Zwecks das inhumane Mittel überstrahlte – wenn überhaupt vergessen würde, dass der verbrauchende Umgang mit Menschen, ihre Erniedrigung zum bloßen Zweck, der eigentliche Kern der Inhumanität ist?

Die Grenze zwischen human und inhuman verschwimmt

Denn wahrscheinlich wird die Grenze von human und inhuman verschwimmen in dem Maße, in dem der Mensch zum Architekten seiner selbst wird – wenn das Menschsein nicht mehr das schlechthin Unhintergehbare, immer schon Vorfindliche ist, sondern das Ergebnis einer Ingenieursleistung. Unter dem bezeichnenden Schlagwort des "Transhumanismus" wird ja auch schon von der Ergänzung des menschlichen Körpers mit digitalen Apparaten geträumt, und darin steckt der gleiche Wahn von einer Selbstoptimierung mit technischen Mitteln. Tatsächlich ist es schwer für uns Altmenschen, die wir noch weitgehend ungesteuert entstanden sind, die Veränderung, die daraus folgt, eine weitgehende Verschiebung des Menschlichkeitsbegriffes, ins Auge zu fassen – was wird von dem Begriff bleiben? Aber einige Dichter haben es visionär gefasst. Was bleiben wird, sagt Bulgakow, ist das Ringen um den Überlebensvorteil.

Schon das erste gentechnische Experiment, von dem die Novelle Die verhängnsivollen Eier erzählt, zeigt unter dem Mikroskop grässlich vitalisierte Amöben, die sich gegenseitig verschlingen: "Die neugeborenen Amöben fielen wütend übereinander her, rissen einander in Fetzen, die sie verschlangen. Inmitten der Neugeborenen lagen die Leichen derer, die im Existenzkampf zugrunde gegangen waren, die Besten und Stärksten siegten. Und diese Besten waren entsetzlich."

Die Besten waren entsetzlich: Das ist die Pointe einer jeden forcierten Evolution. Und man täusche sich nicht: auch wenn es vorgeblich bei allen gentechnischen Manipulationen um einen Kampf gegen Krankheit, Kinderlosigkeit, erbbedingte Mängel geht, so liegt doch gerade darin die Beschleunigung der Selektion, die Auslese der Stärksten und zustimmende Vernichtung der Untüchtigen. Das ist die entscheidende Einsicht Bulgakows: dass Biotechnik niemals bloße Technik, nämlich niemals ethisch neutral ist. Sie ist stets eine Parteinahme im darwinistischen Überlebenskampf zugunsten der Starken.

Und das ist zugleich die antizivilisatorische Pointe: Nach Jahrtausenden der Zähmung des wölfisch auf Kosten der Schwächeren Lebenden wird die Bestie wieder freigesetzt. In sterilen Labors, unter den künstlichen Sonnen der aufgeklärten Wissenschaft, findet die Rückzüchtung des moralischen Subjekts, des leidenden und mitleidenden, an Leiden und Mitleiden gewöhnten, des menschlich gewordenen Menschen statt – in den ungezähmten Urtypus. Wo nach Jahrtausenden des zivilisatorischen Ringens Schwachheit angenommen war, wird wieder nur noch Stärke akzeptiert werden – allein deshalb, weil man Überlegenheit herstellen kann oder herstellen zu können sich einbildet.

Darauf beruht der Schauder, den wir vor den jüngsten Triumphen der Wissenschaft empfinden. Natürlich müssen die neuen Erkenntnisse nicht angewandt werden, aber sie können. Es ist nur eine Aussicht, aber die Aussicht reicht: Nach Jahrtausenden der Entwicklung, auf dem Höhepunkt seiner Naturbeherrschung kann sich der Mensch selbst entthronen, nämlich seinerseits in beherrschte Natur verwandeln. Das stolze Subjekt macht sich zum Objekt, zu bloßem Material. Wenn es dereinst um sich blicken wird und in der schönen neuen Genwelt einen Kranken, Unglücklichen oder Untüchtigen entdeckt, wird es ihn wie ein altes Auto oder einen rostigen Kühlschrank verlachen, die aus einer Vorzeit des unzureichenden Automobilbaus und mangelhafter Klimatechnik stammen.