Kunstmesse FriezeEine Milliarde Dollar für die Kunst

In New York wurde auf den Auktionen für zeitgenössische Werke so viel Geld wie noch nie umgesetzt. Auch auf der Kunstmesse Frieze inszenierte sich der Markt als ferne, krisenfeste Parallelwelt. von Lisa Zeitz

Achtung: In diesem Artikel lassen sich Superlative kaum vermeiden. Was sich in der vergangenen Woche in New York abspielte, hat auch die abgebrühtesten Kunstmarktbeobachter erstaunt. Dort wurde zeitgenössische Kunst für rund eine Milliarde Dollar verkauft – in nur einer Auktionswoche.

Nach der traditionellen Auktionswoche mit der impressionistischen und modernen Kunst, die Sotheby’s und Christie’s sehr solide Preise und eine hohe Verkaufsrate bescherten, begannen die Contemporary Sales am Montag, den 13. Mai, mit Leonardo DiCaprios Benefizauktion zugunsten seiner Umweltschutzorganisation. Hochkarätige Künstler wie Robert Longo, Elizabeth Peyton und Sergej Jensen hatten Werke gestiftet, einige von ihnen mit Bezug auf eine bedrohte Tierart. Da gab es zum Beispiel einen altmeisterlichen Orang-Utan von Walton Ford und Zeng Fanzhis Gemälde eines Tigers mit gefletschten Zähnen hinter einem käfigartigen Geäst. Der Cocktail aus Hollywood-Sexiness, zeitgenössischer Kunst und guter Tat lockerte so manchen Geldbeutel, sodass die 33 Werke zusammen beachtliche 38,8 Millionen Dollar generierten (alle hier genannten Preise verstehen sich inklusive des Aufgelds des Auktionshauses).

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Am Abend darauf kamen bei Sotheby’s Klassiker der Gegenwart zum Aufruf, etwa die amerikanische Farbfeldmalerei: Barnett Newmans Werke kommen nur selten auf jenen Markt, gegen den der Künstler eine tiefe Abneigung hegte. Daher war Onement IV, eine Leinwand aus dem Jahr 1953, deren tiefblaue Fläche nur durch einen einzigen hellblauen Vertikalstreifen unterbrochen wird, eine kleine Sensation. Der Preis für das Bild kletterte wie erhofft bis auf 43,8 Millionen Dollar, rund das Doppelte des bisherigen Rekordpreises für den Künstler. Es wird gemunkelt, dass die italienische Modezarin Miuccia Prada die Käuferin sein könnte.

Ein weiteres Juwel bei Sotheby’s war Gerhard Richters Domplatz, Mailand aus dem Jahr 1968, im Look eines verwischten Schwarzweißfotos. Mit 275 mal 290 Zentimeter ist das Bild besonders groß – es ist das größte, das Richter zum damaligen Punkt in seiner Karriere je gemalt hatte. Als Auftrag von Siemens für die Firmenzentrale in Mailand entstanden, wurde es vor 15 Jahren bei Sotheby’s in London eingeliefert, wo die Familie Pritzker es für 3,6 Millionen Dollar ersteigerte und später im Hyatt Hotel in Chicago ausstellte. Am Dienstag schlug der New Yorker Sammler Donald Bryant zu: Jetzt soll Richters Domplatz, der ihn 37,1 Millionen Dollar kostet, in seiner neuen Residenz im kalifornischen Napa Valley ein Heim finden. Ohnehin hatte Richter den Rang des teuersten lebenden Künstler inne – jetzt hat er seinen eigenen Rekord gebrochen.

Am nächsten Abend bei Christie’s ging es erst recht zur Sache: Mit einer Summe von 495 Millionen Dollar wurde es die umsatzstärkste Auktion aller Zeiten. Allein 59 Werke erzielten Preise über einer Million Dollar. Besonders profitabel war für Christie’s zum Beispiel Jean-Michel Basquiats Bild Dustheads, denn das auf stolze 25 bis 35 Millionen Dollar geschätzte Werk war mit einer Garantie versehen. Das ist ungefähr so, als ob das Auktionshaus dem Einlieferer das Bild direkt abkauft, meist zu einem Preis, der im Bereich der unteren Taxe liegt. Wenn dann der Zuschlag die garantierte Taxe übersteigt, ist die Marge für das Auktionshaus weitaus lukrativer, als wenn der Einlieferer selbst das Risiko getragen hätte: In diesem Fall kletterte der Preis für Basquiats im Graffito-Stil gehaltenes Werk auf sensationelle 48,8 Millionen Dollar, fast das Doppelte des Rekordpreises, der bei Christie’s erst vor einem halben Jahr erzielt worden war.

Der Londoner Juwelier Laurence Graff, der sich schon seit vielen Jahren gern in den Auktionssälen von London, New York und Genf beim Bieten von Millionenbeträgen für Kunst und Diamanten sehen lässt, hat auch wieder zugeschlagen: Roy Lichtensteins Woman with Flowered Hat aus dem Jahr 1963, inspiriert von Picasso, war ihm ein Gebot von 50 Millionen Dollar wert – das sind mit Aufgeld 56,1 Millionen Dollar. Das Bild, so ließ er später verlauten, schenke er sich selbst zum Geburtstag: Er wird im Juni 75 Jahre alt.

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