Mount EverestZwischen Wagnis und Wahnsinn

Drei neue Bücher widmen sich der alpinen Geschichte am höchsten Berg der Erde. von Wolfgang Albers

Als Edmund Hillary und Tenzing Norgay am 29. Mai 1953 den Gipfel des Mount Everest erreichten, wurden sie als Vollender der Entdecker-Ära gefeiert. Heute, 60 Jahre später, kreisen alpin-ethische Fragen und Diskussionen um den höchsten Berg der Welt. Der Mount Everest ist in Verruf gekommen. Er gilt als kommerzieller Umschlagplatz einer Expeditionsindustrie, als Top-Destination für Prestigesüchtige, die – mitunter bar jeder alpinistischen Fähigkeit – auch immer wieder tödliche Katastrophen verursachen.

So liegt es nicht nur am Jubiläumsdatum, dass zur stattlichen Bibliothek der Everest-Literatur in diesem Frühjahr weitere Neuerscheinungen hinzugekommen sind, darunter George Lowes Briefe vom Everest. Der Kumpel des Gipfelhelden Hillary bezeichnete sich selbst zwar als "entbehrliche Größe", bahnte jedoch bei der Expedition als unermüdlicher Malocher die Aufstiegsspur für das Gipfelteam.

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Für die Erstausgabe hat der in diesem Jahr verstorbene Lowe dem Abenteuerhistoriker Huw Lewis-Jones ein Bündel Briefe ausgehändigt, die er 1953 nach den Mühen des Tages im Zelt geschrieben hatte. Sie können neidisch machen auf einen Mann, der fern der Welt das tun durfte, woran sein Herz hing. Denn trotz aller Strapazen und Gefahren – Lowe, das ist in den Briefen zu spüren, hatte am Everest die beste Zeit seines Lebens. Viele Fakten sind zwar aus anderen Publikationen bekannt, aber eines lässt doch aufmerken: Obwohl der perfekte Teamgeist zu den Topoi aller Erstbesteigungsberichte gehört, wird Hillarys Gipfelpartner, der Sherpa Tenzing Norgay, in den Briefen zu "T." gestutzt und mit abfälligen Bemerkungen bedacht: "Der Gedanke der Teamarbeit scheint ihm fremd zu sein." Oder: "Neben Ed war er absolut zweitrangig."

Während die Völker auf dem indischen Subkontinent in jenen Jahren nach ihrer Identität suchten, galt der Everest den Briten in kolonialer Selbstverständlichkeit als "unser Berg". Seine Bezwingung wurde der neu gekrönten Königin Elisabeth II. wie ein Geschenk zu Füßen gelegt. Die Vorgeschichte der Expedition schildert der Schriftsteller Mick Conefrey, der für sein Buch Everest 1953 – Der lange Weg zum Gipfel tief in die Archive gestiegen ist. Als Expeditionsleiter war ursprünglich Eric Shipton vorgesehen, ein Himalaja-Veteran mit Everest-Erfahrung, der am liebsten mit kleinen Teams durch die Gegend streifte.

Shipton ging es am Berg auch um ideelle Werte: "Wenn wir zulassen, dass Konkurrenzdenken und insbesondere Nationalismus Einzug halten, wird das Bergsteigen entwertet und belanglos." Die Herren im Londoner Himalaja-Komitee sahen durch diese Haltung das Projekt gefährdet und ersetzten Shipton durch einen Mann des Militärs, Colonel James Hunt. Der zog durch, was man inzwischen Belagerungsstil nennt: Mit Trägerkolonnen wurde Lager um Lager errichtet und eine Gipfelspur gelegt – bis heute die Blaupause für kommerzielle Expeditionen.

Um Bilder aus dem Buch "Die Eroberung des Mount Everest" zu sehen, klicken Sie bitte auf dieses Bild.

Um Bilder aus dem Buch "Die Eroberung des Mount Everest" zu sehen, klicken Sie bitte auf dieses Bild.   |  © The George Lowe Collection/Knesebeck Verlag

Die Schilderung des Hypes, den die Medien 1953 um die Amateur-Bergsteiger – Hillary war Imker – inszenierten, gehört zu den amüsantesten Passagen des Conefrey-Buchs. In ihrer Einschätzung dürfte sich selten eine Zeitung so getäuscht haben wie seinerzeit der Guardian: "Es ist zweifelhaft, ob jemals wieder irgendwer versuchen wird, den Everest zu besteigen." Mehr als 6100 Mal wurde der Versuch seitdem wiederholt. Conefrey reiht sich ein in die gegenwärtige Gilde britischer Outdoor-Historiker, die britische Mythen distanziert durchlüften, ohne dabei die Kunst des Erzählens zu vernachlässigen. 

Das Jahr 1953 hat die Entwicklung des Profi-Bergsteigens gehörig vorangetrieben. Der Mythos hat aber auch Menschen wie Aydin Irmak mobilisiert, der 2012 im Everest-Basislager als der "Irre mit dem Bike" bekannt wurde. Irmak hatte es sich in den Kopf gesetzt, samt Fahrrad auf den Everest zu gelangen. Das Rad nahmen ihm die Behörden weg, aber Irmak stieg trotzdem auf, erreichte sogar den Gipfel, stürzte dann jedoch entkräftet beim Abstieg und wurde nur gerettet, weil ein junger Israeli auf den Gipfel verzichtete und Irmak mit einem Sherpa hinunterschleppte. Weniger Glück hatte David Sharp. Als er im Jahr 2006 erschöpft zusammenbrach, stiegen mehr als 40 Bergsteiger einfach an ihm vorbei. Zu seiner Zeit sei das anders gewesen, grollte damals der 86-jährige Edmund Hillary: "Menschliches Leben ist weitaus wichtiger, als auf den Gipfel eines Berges zu gelangen."

Der organisierte Wahnsinn moderner Abenteuergier

Everest-Tragödien dieser Art schildert Walter Lücker in seinem Buch Der höchste Berg. In Interviews lässt er Spitzenbergsteiger die "Vergewaltigung eines ehemals großen Berges" beklagen, im Vorwort ätzt die Himalaja-Chronistin Elizabeth Hawley: "Es finden sich sogar Leute aus Ländern wie den Golfstaaten ein, von denen man nie geglaubt hätte, dass sie dort Bergsteiger beherbergen." Lückers Buch gleicht oft einem makabren Totentanz, leistet aber dennoch eine souveräne Everest-Bilanz. Obwohl selbst den Autor mitunter Ratlosigkeit befällt: "Wer die Frage nach dem Warum stellt, hat schon verloren. Denn es gibt keine Antwort auf diesen organisierten Wahnsinn moderner Abenteuergier."

Was also tun? Sollte man nur Leute mit Achttausender-Erfahrung auf den Everest lassen? Zusatzsauerstoff verbieten? Dann jedenfalls wäre es schlagartig sehr viel einsamer im Himalaja. Bislang haben nur etwa 170 Alpinisten den Everest ohne die sogenannte "englische Luft" erreicht. Doch dass es dazu kommt, ist wenig wahrscheinlich. Der Berg ist eine Haupteinnahmequelle für Nepal. "Die Flanken des Everest sind oft von Bergsteigern überhäuft", schrieb George Lowe in einem Nachwort zu seinen Briefen. "Vielleicht ist das bis zu einem gewissen Grad unsere Schuld. Wir öffneten ihnen die Tür, wiesen den Weg."

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Leserkommentare
  1. "Denn es gibt keine Antwort auf diesen organisierten Wahnsinn moderner Abenteuergier."

    Es ist eigentlich eine widerwärtige Doppelmoral, die sich um den Everest dreht. Als organisierter Wahnsinn von Abenteuergier gegeisselt - dabei sind die, die sich da moralisch über andere erheben, selbst von dieser Gier getrieben.

    Sie haben ihre Expeditionen auch zum Teil hoch riskant durchgeführt (gerade auch Messner!), auf der Jagd nach Rekorden wenig Rücksicht auf die eigene Gesundheit oder die ihrer Kameraden genommen. Dass der Kamerad im Berg bleibt, auch, weil es nur um die Durchführung der geplanten Route geht oder den Rekord geht, wird im Mythos verklärt.

    Touren im Expeditionsstil gang und gäbe. Und selbst ein Messner, sicherlich mit Wegbereiter für den Alpinstil auch im Himalaya, hat selbst den weit überwiegenden Teil seiner Touren eben nicht "astrein" absolviert. Da wurden ganz pragmatisch auch Grauzonen genutzt, das Kriterium "Ehrenhaftigkeit" nur sekundär und nach Bedarf gebogen.

    Fixseile, sich von anderen die Route spuren lassen, Sauerstoff etc. - (ich wette - auch da sicher nicht jede Flasche mitgenommen!). Teure Touren, Sponsoren finanziert, wenn sich das jemand anspart, ist es unmoralisch.

    Ist es nicht in erster Linie das Ego, das Töne spucken lässt, weil der eigene Eliteanspruch schwindet?

    Hillary war Hobbybergsteiger, hat sich gezielt antrainiert - und ist ein Held! Wer genau das heute macht und sich seinen Traum erfüllt - wird von den gleichen Leuten verachtet.

    Eine Leserempfehlung
  2. Alle, auch Messner, die von Banalisierung reden, haben doch nur das Problem, dass sie ihre Exklusivität verlieren, wenn mehr und mehr Menschen den Everest besteigen. Messner hat zur Banalisierung mit beigetragen, indem auch er versucht hat, als erster Mensch am Everest (in dem Fall ohne zusätzlichen Sauerstoff) etwas zu erreichen, was vor ihm keiner geschafft hat. Kann er es jetzt den Menschen zum Vorwurf machen, die als erster Blinder, als erster behindeter Mensch, als erste Frau, als erster Araber usw. versuchen, den Everest zu besteigen?

    Wieso soll die Besteigung des Everest nur wenigen Menschen vorbehalten sein? Ich habe nicht das Ziel (und auch nicht das Kleingeld), jemals den Everest zu besteigen, aber es liegt nun mal in der Natur des Menschen, Dinge zu versuchen, die im Grenzbereich des Menschen liegen. Und die Besteigung des Everest ist und bleibt eine Leistung im Grenzbereich. Denn jedes Jahr sterben Menschen am Everest, leicht scheint es also nicht zu sein.

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    ... der Besteigung des Mt. Everest haben, wenn er und Habeler diesem Berg durch die Nichtverwendung von künstlichem Sauerstoff ihm seine wahre Größe wiedergegeben haben? Zudem widersprechen sie sich selbst einige Sätze später, wenn sie bemerken, daß "... es liegt nun mal in der Natur des Menschen, Dinge zu versuchen, die im Grenzbereich des Menschen liegen."
    Und ihm den Verlust von Exklusivität durch die gestiegene Anzahl von Everest Besteigungen als Problem zu attestieren ist als Nachweis ihrer Unwissenheit kaum zu überbieten. 1980 hat er den Mt. Everest von der tibetischen Nordseite aus, im Winter, komplett allein und selbstverständlich ohne künstlichen Sauerstoff, bestiegen (siehe Everest Solo; Der gläserne Horizont).
    Wie exklusiv kann man diesen Berggipfel denn sonst noch für sich haben?

  3. ... der Besteigung des Mt. Everest haben, wenn er und Habeler diesem Berg durch die Nichtverwendung von künstlichem Sauerstoff ihm seine wahre Größe wiedergegeben haben? Zudem widersprechen sie sich selbst einige Sätze später, wenn sie bemerken, daß "... es liegt nun mal in der Natur des Menschen, Dinge zu versuchen, die im Grenzbereich des Menschen liegen."
    Und ihm den Verlust von Exklusivität durch die gestiegene Anzahl von Everest Besteigungen als Problem zu attestieren ist als Nachweis ihrer Unwissenheit kaum zu überbieten. 1980 hat er den Mt. Everest von der tibetischen Nordseite aus, im Winter, komplett allein und selbstverständlich ohne künstlichen Sauerstoff, bestiegen (siehe Everest Solo; Der gläserne Horizont).
    Wie exklusiv kann man diesen Berggipfel denn sonst noch für sich haben?

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  • Schlagworte Berg | Nepal
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