DIE ZEIT: Maya, Sie stammen aus einem Dorf in der Region Khumbu am Fuße des Mount Everest und betreiben seit etwa 20 Jahren selbst eine Trekking-Agentur in Kathmandu. Vor knapp vier Wochen kam es im Lager 2 am Everest zu einer Schlägerei, bei der einige ihrer Landsleute, Sherpas, auf eine Gruppe Profibergsteiger losgingen. Was steckt Ihrer Meinung nach dahinter? Ist da ein lange schwelender Konflikt ausgebrochen?

Buddhi Maya Sherpa: Nein, das glaube ich nicht. Ich denke, es hat zunächst einmal damit zu tun, dass da oben so viele Leute unterwegs sind. Mehr als 30 Expeditionen in dieser Saison, rund 3000 Menschen … Da ist die Stimmung natürlich manchmal gereizt. Wegen der Witterung sind Aufstiege nur zwischen April und Mai möglich. In sehr kurzen Zeitfenstern brechen dann viele Gruppen gleichzeitig auf.

ZEIT: Und die treten sich am Berg auf die Füße?

Maya: Nicht überall, aber es gibt ein paar Engpässe, wo die Bergsteiger warten müssen, bis sie weiter aufsteigen können. Der bekannteste ist der Hillary-Step knapp unter dem Gipfel. Da kann es dann schon mal zu Reibereien kommen. Aber ein grundsätzlicher Konflikt? Nein, ich denke, den gibt es nicht.

ZEIT: Immerhin behauptet der Bergsteigerprofi Ueli Steck, er sei von den Sherpas verprügelt und mit dem Tod bedroht worden. Meinen Sie, das sei nicht ernst gemeint gewesen?

Maya: Jedenfalls gehe ich davon aus, dass die Geschichte ein bisschen aufgebauscht wurde, weil die beteiligten westlichen Alpinisten enge Medienkontakte haben. Es gehört sich natürlich nicht, Bergsteiger zu verprügeln, aber die Bergsteiger werden auch ihre Fehler gemacht haben. Wissen Sie, es gibt am Everest ein ungeschriebenes Gesetz, das lautet: Sherpas, die den Weg vorbereiten, haben Vortritt. Die sogenannten Icefall Doctors sichern mit Seilen und Leitern den Weg oberhalb des Basislagers. Sie sind von Beginn der Saison an da und werden von allen Expeditionen gemeinsam bezahlt. Dann folgen die Climbing Sherpas, die Fixseile befestigen. Bei dem Streit werden sich die Sherpas geärgert haben, dass die freien Alpinisten einfach geklettert sind, wie sie wollten, und sich nicht an die Regeln gehalten haben. Vielleicht haben sie dabei Eis losgetreten, das auf die Sherpas gefallen ist, vielleicht auch nicht, ich war ja nicht dabei. Aber bestimmt waren sie zornig über diese unorganisierten Kletterer, die sagen: Wir brauchen keinen Sauerstoff, wir brauchen niemanden, der uns am Berg hilft.

ZEIT: Mit denen verdienen sie ja auch kein Geld.

Maya: Das Geschäft mit den Bergen ist bis heute fest in den Händen der Sherpas. Viele haben eigene Agenturen, mit denen auch die internationalen Veranstalter zusammenarbeiten müssen. Aber die Sherpas sind außerdem ein sehr stolzes Volk.

ZEIT: Hatte der Streit eher damit zu tun: dass sich am Mount Everest seit der Erstbesteigung vor 60 Jahren mit Sherpas und westlichen Bergsteigern zwei völlig verschiedene Denkweisen gegenüberstehen, die dem Berg ganz unterschiedlich begegnen?

Maya: Das spielt gewiss eine Rolle. Wir sind ein Naturvolk mit einer alten, aus Tibet stammenden buddhistischen Kultur. Wir gehen zum Schamanen, wenn wir krank sind. Auch vor Reisen oder einer Bergexpedition besucht man seinen Haus-Lama oder einen Lama im Kloster. Der bestimmt dann nach einem Horoskop, ob die Umstände für die Expedition glücklich sind oder nicht. Meistens bringt der Sherpa daraufhin ein Opfer: Reis, Butter, Getränke oder Bargeld. Und der Lama vollzieht anschließend Rituale, um die Götter zu besänftigen. Er liest Mantras, brennt Räucherstäbchen ab und verstreut geweihten Reis.