Mount EverestMutter des Universums

Was bedeutet den Einheimischen der Everest? Ein Gespräch mit einer Sherpa über Streit am Berg, Götter und Dämonen. von Oliver Schulz

Wind bläst Schnee vom Gipfel des Mount Everest, dem größten Berg der Erde.

Wind bläst Schnee vom Gipfel des Mount Everest, dem größten Berg der Erde.   |  © David Gray/Reuters

DIE ZEIT: Maya, Sie stammen aus einem Dorf in der Region Khumbu am Fuße des Mount Everest und betreiben seit etwa 20 Jahren selbst eine Trekking-Agentur in Kathmandu. Vor knapp vier Wochen kam es im Lager 2 am Everest zu einer Schlägerei, bei der einige ihrer Landsleute, Sherpas, auf eine Gruppe Profibergsteiger losgingen. Was steckt Ihrer Meinung nach dahinter? Ist da ein lange schwelender Konflikt ausgebrochen?

Buddhi Maya Sherpa: Nein, das glaube ich nicht. Ich denke, es hat zunächst einmal damit zu tun, dass da oben so viele Leute unterwegs sind. Mehr als 30 Expeditionen in dieser Saison, rund 3000 Menschen … Da ist die Stimmung natürlich manchmal gereizt. Wegen der Witterung sind Aufstiege nur zwischen April und Mai möglich. In sehr kurzen Zeitfenstern brechen dann viele Gruppen gleichzeitig auf.

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ZEIT: Und die treten sich am Berg auf die Füße?

Maya: Nicht überall, aber es gibt ein paar Engpässe, wo die Bergsteiger warten müssen, bis sie weiter aufsteigen können. Der bekannteste ist der Hillary-Step knapp unter dem Gipfel. Da kann es dann schon mal zu Reibereien kommen. Aber ein grundsätzlicher Konflikt? Nein, ich denke, den gibt es nicht.

ZEIT: Immerhin behauptet der Bergsteigerprofi Ueli Steck, er sei von den Sherpas verprügelt und mit dem Tod bedroht worden. Meinen Sie, das sei nicht ernst gemeint gewesen?

Maya: Jedenfalls gehe ich davon aus, dass die Geschichte ein bisschen aufgebauscht wurde, weil die beteiligten westlichen Alpinisten enge Medienkontakte haben. Es gehört sich natürlich nicht, Bergsteiger zu verprügeln, aber die Bergsteiger werden auch ihre Fehler gemacht haben. Wissen Sie, es gibt am Everest ein ungeschriebenes Gesetz, das lautet: Sherpas, die den Weg vorbereiten, haben Vortritt. Die sogenannten Icefall Doctors sichern mit Seilen und Leitern den Weg oberhalb des Basislagers. Sie sind von Beginn der Saison an da und werden von allen Expeditionen gemeinsam bezahlt. Dann folgen die Climbing Sherpas, die Fixseile befestigen. Bei dem Streit werden sich die Sherpas geärgert haben, dass die freien Alpinisten einfach geklettert sind, wie sie wollten, und sich nicht an die Regeln gehalten haben. Vielleicht haben sie dabei Eis losgetreten, das auf die Sherpas gefallen ist, vielleicht auch nicht, ich war ja nicht dabei. Aber bestimmt waren sie zornig über diese unorganisierten Kletterer, die sagen: Wir brauchen keinen Sauerstoff, wir brauchen niemanden, der uns am Berg hilft.

ZEIT: Mit denen verdienen sie ja auch kein Geld.

Maya: Das Geschäft mit den Bergen ist bis heute fest in den Händen der Sherpas. Viele haben eigene Agenturen, mit denen auch die internationalen Veranstalter zusammenarbeiten müssen. Aber die Sherpas sind außerdem ein sehr stolzes Volk.

ZEIT: Hatte der Streit eher damit zu tun: dass sich am Mount Everest seit der Erstbesteigung vor 60 Jahren mit Sherpas und westlichen Bergsteigern zwei völlig verschiedene Denkweisen gegenüberstehen, die dem Berg ganz unterschiedlich begegnen?

Maya: Das spielt gewiss eine Rolle. Wir sind ein Naturvolk mit einer alten, aus Tibet stammenden buddhistischen Kultur. Wir gehen zum Schamanen, wenn wir krank sind. Auch vor Reisen oder einer Bergexpedition besucht man seinen Haus-Lama oder einen Lama im Kloster. Der bestimmt dann nach einem Horoskop, ob die Umstände für die Expedition glücklich sind oder nicht. Meistens bringt der Sherpa daraufhin ein Opfer: Reis, Butter, Getränke oder Bargeld. Und der Lama vollzieht anschließend Rituale, um die Götter zu besänftigen. Er liest Mantras, brennt Räucherstäbchen ab und verstreut geweihten Reis.

Leserkommentare
  1. Gestern kam zufällig im Fernsehen ein Beitrag darüber. Der betroffene Bergsteiger erklärte, sie mussten wohl die befestigte Route der Sherpas überqueren worauf diese sauer wurden und in der folgenden Beschimpfung einer der Bergsteiger ein weltbekanntes englisches Schimpfwort (zur Mutter-Kind-Beziehung) losließ.
    Am Abend wurden diese dann im Basislager von einer Meute Sherpas angegriffen und zusammengeschlagen, ohne den Versuch einer mündlichen Aussprache oder ähnlichem. Nachdem ihnen gesagt wurde, dass einer von ihnen heute Nacht sterben werde, sind die Bergsteiger in einer Nacht und Nebel-Aktion geflohen und abgestiegen.

    So ein extremes Schimpfwort wäre wohl nicht notwendig gewesen, wer aber gestern gesehen hat, wie am Everest verzogene Milliardärssöhnchen etc. auf den Gipfel gezerrt werden und die alle in einer riesigen Warteschlange auf einem präpariertem Trampelpfad auf ihren Aufstieg warten, der kann die Wut der professionellen Bergsteiger wohl gut verstehen.

    6 Leserempfehlungen
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    "Gestern kam zufällig im Fernsehen ein Beitrag darüber"

    Na, so zufällig war dies nicht.

  2. Nach mehreren unabhängigen Berichten waren die Todesdrohungen sehr real und kurz vor der Realisierung, wenn nicht einige Felsbroken vor dem Zuschlagen von (eigentlich unbeteiligten) Westlern entrissen worden wären und keine Frauen (va. Melissa Arnot) interveniert hätten. Die Aufrührer wurden entlassen, weil sonst kein westlicher Bergsteiger mehr sicher wäre bzw. 20000 Dollar und mehr für solche Aktionen bezahlen würde. Ein Mob von 70 Sherpas gegen drei Bergsteiger ist keine Prügelei, das ist eine verharmlosende Darstellung, die Todesangst von Ueli hat Stunden gedauert. Es gilt auch als sicher, dass keine Seile berührt oder Eis auf die Helfer abgebrochen wurde. Eine Kommunikationslücke hat dazu geführt, dass die Schnellkletterer überhaupt am Berg waren (die hatten nicht mitbekommen, dass am Tag vorher ein Kletterverbot ausgesprochen wurde, weil sie nicht im Basecamp waren) und nach dem Streit ist die kleine Gruppe Sherpas ins Basecamp und die Kletterer haben die unvollständige Befestigung der Seile für die Sherpas (als nette Geste) beendet, was die stolzen Sherpas erst recht wütend gemacht hat.
    Die Presseerklärung/ den Erlebnisbericht der Betroffenen liest man hier:
    http://www.alpineexposure...
    Die mmn beste unabhängige Berichterstattung eines anderen Bergsteigers hier:
    http://www.outdoorresearc...

    5 Leserempfehlungen
    • Ullli
    • 27. Mai 2013 12:04 Uhr

    damit es keine Streitereien zwischen Sherpas und den Bergsteigern anderer Nationen gibt.
    Ich war 1969 mit meiner Frau in der Khumbu Region. Da war dort die Welt noch in Ordnung. Heute würde ich jedem Bergsteiger von dieser Region abraten, weil total überlaufen. Es gibt in Kashmir und im Himalaya sehr schöne Routen , die nicht überlaufen sind und für Bergsteiger erheblich attraktiver sind als der groteske Aufstieg zum Mont Everest mit Aluleitern und bereits befestigten Seilen.

    4 Leserempfehlungen
  3. schaue mal beim SPIEGEL vorbei - da gab es vor ein bis zwei Wochen eine mehrseitige Story, in der sich der Bergsteiger schön ausheulen durfte, ohne auch nur ein mal einen betroffenen Sherpa zu fragen oder die Geschichte in Frage zu stellen.

    Von dem, was sich an diesem Link lesen läßt ( http://www.alanarnette.co... , über den unteren Link von JuergenSnood, danke dafür), haben sich die Kletterer unvorsichtig und rücksichtslos und in Folge noch respektlos und beleidigend verhalten.

    Natürlich wird die Wahrheit irgendwo dazwischen liegen und natürlich rechtfertigt dies keinen Lynchmob - aber wer als Reisender in einem anderen Land ist, der hat sich respektvoll zu verhalten und die lokalen Sitten zu beachten. In einer für alle Beteiligten gefährlichen Umgebung gilt dies um so mehr.

    Nun gut, Fehler macht jeder mal. Aber dies dann nun wirklich in allen Medien groß zu vermarkten, wie Heldenhaft man sich hat zusammenschlagen lassen, das ist dann wirklich etwas albern.

    Eine Leserempfehlung
  4. Massentourismus am Großen Berg.
    Die Einen wollen rauf und die Anderen wieder runter.
    Viele sind am Mount Everest einfach auch überfordert.
    So treten sich ganze Gruppen wahrlich gegenseitig auf die Füße und die Zahl der Toten nimmt ständig zu.
    Gäbe es die ganzen Helfer nicht, so kämen die meisten überhaupt nicht auf die Spitze.
    Immer noch gibt es viele die am Berg verlieren und umkehren müssen, weil ihnen der Sauerstoff ausgeht.
    Verdienen tun nur jene, die am Besteigungsgeld profitieren. Heute muß jeder der Touristen 40000 Euro hinblättern.
    Die wrklichen Bergsteiger schütteln schon längst ihre Köpfe wegen des ganzen derzeitigen Wahnsinns.

    2 Leserempfehlungen
  5. Man sollte eigentlich alle "Gereizten" auf den Gipfel schicken. Zum Abkühlen.

    Da treffen sich die richtigen Charaktermasken mit überstarkem Ego und Profilierungssüchten.

  6. .
    Wer über den Brenner will, muss Maut bezahlen und sich an die Tiroler Verkehrsregeln halten, auch wenn die auf weltgewandte Menschen noch so tirolerisch wirken.

    Wer andere Alpenrouten nutzt, für den gilt vergleichbares.

    Warum europäische Bergsteiger stets glauben, sie könnten sich am Mount Everest betragen als wenn es "ihr Berg" wäre, fragen sich viele Alpinisten schon länger.

    Wegen der Fees?

    Nun, wer eine Mautkarte für den Brenner löst, kauft ja auch nicht gleich den ganzen Berg samt seiner Bewohner und Bewirtschafter, nicht wahr ...?

    Und wenn es zuviele auf einmal sind, dann staut sich's halt, das ist überall auf der Welt das gleiche, und dann wird eben gewartet, egal ob Opel oder Ferrari, ob Vereinskletterer oder "Schnellkletterer" ....

    5 Leserempfehlungen
  7. 8. Re: @1

    "Gestern kam zufällig im Fernsehen ein Beitrag darüber"

    Na, so zufällig war dies nicht.

    Antwort auf "Gestern..."

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