Olli SchulzDer Erneuerer

Olli Schulz ist für viele nur der Irre aus der TV-Show von Joko und Klaas. Falsch. Der Mann revolutioniert gerade das Fernsehen. von Matthias Kalle

Er hat bereits zwei Stunden geredet, da erzählt Olli Schulz noch eine Geschichte. Einmal, da war er vielleicht zwölf, ist er mit seinen Eltern in die Ferien gefahren, irgendwo nach Spanien, es war schrecklich heiß. Seine Mutter hatte ihm eine Radlerhose gekauft, die viel zu eng war, schon damals war Olli Schulz groß, fast ein Meter neunzig, seine Oberschenkel waren stämmig, die Radlerhose saß stramm, sehr stramm. Aber er trug sie, auch als er mit anderen Kindern Volleyball spielte. Und dann wollte er einen Ball baggern, er ging in die Knie, Hintern raus, Arme nach vorne, den Ball im Visier, da riss die Hose an der hinteren Naht entzwei. Und natürlich wollte er sie zusammenhalten, das Missgeschick kaschieren, aber er merkte nicht, dass sie beim Zusammenhalten auch vorne riss – und so stand er dann da, vor den anderen Kindern, sie lachten ihn aus, und er lief in die Ferienwohnung und verließ sie für den Rest des Urlaubs nicht mehr, weil er sich schämte. Stattdessen brachte er sich das Jonglieren bei, deshalb kann er heute mit fünf Orangen jonglieren. "Das ist eine Parabel auf mein Leben", sagt Olli Schulz, "eine wahre Geschichte."

Vielleicht. Wahrscheinlich eher nicht. Aber es ist eine lustige Geschichte, und gleichzeitig ist es eine traurige Geschichte, und Olli Schulz hat von diesen Geschichten eine ganze Menge – verrückte, lustige, traurige Geschichten. Er hat davon mehr als irgendjemand sonst im deutschen Fernsehen, und er ahnt womöglich nicht einmal, wie wichtig das ist und wie wichtig das erst noch werden könnte. Die wenigsten ahnen das. Als wir vor einigen Monaten an dieser Stelle darüber berichteten, dass das deutsche Fernsehen besser ist als sein Ruf, und ein Schattenkabinett des deutschen Fernsehens benannten, hatten wir Olli Schulz vergessen. Er kam nicht vor. Aber nach Lage der Dinge könnte er in absehbarer Zeit Anspruch auf den Vorsitz anmelden.

Anzeige

Olli wer?

Olli Schulz, 39, zurzeit im Fernsehen auf ProSieben ständiger Gast in der Show Circus HalliGalli der beiden Moderatoren Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt. Diese Sendung ist so etwas wie ein Experiment, es soll beweisen, dass junge Menschen immer noch gerne fernsehen wollen, dass man sie noch begeistern kann mit einem nicht ganz einfachen Format. Die Macher von Circus HalliGalli konnten sich zwei Jahre in dem Spartenkanal ZDFneo austoben, auch da war Olli Schulz schon dabei – und das mit dem Toben hat so gut geklappt, dass nicht wenige meinten, Heufer-Umlauf und Winterscheidt sollten die Nachfolge von Thomas Gottschalk bei Wetten, dass..? antreten, denn was die beiden veranstalteten, könnte die Zukunft der Fernsehunterhaltung sein. Auf die Idee, dass diese Zukunft auch Olli Schulz sein könnte, ist niemand gekommen. Auf die Idee kommt nicht einmal Olli Schulz.

Ein Treffen in Berlin, wo der gebürtige Hamburger seit zehn Jahren lebt. Es ist einer der ersten warmen Frühlingstage, und Olli Schulz sitzt auf der Terrasse eines Lokals an der Spree und frühstückt. Um zwölf. Er trinkt Kaffee. Keinen Cappuccino, keinen Latte irgendwas. Kaffee. Und bevor man ihm die erste Frage stellt, erzählt er seine erste Geschichte, die davon handelt, dass er ja eigentlich Musiker sei und nur zufällig beim Fernsehen gelandet. Olli Schulz sagt: "Ich wollte da nie hin." Er sagt, dass er doch nur unterhalten wolle; ob mit Liedern oder im Fernsehen, sei doch letztendlich egal. Und dann erzählt er, wie ihn Klaas Heufer-Umlauf nach einem Konzert angesprochen hat, 2006 war das, und seitdem sind die beiden Freunde, aber die Sache mit dem Fernsehen begann anders, damit hatte Heufer-Umlauf nichts zu tun.

Im Jahr 2008 zeichnete der NDR mit Schulz eine Late-Night-Show auf – eine Redakteurin hatte sein Talent erkannt –, aber nach einer Folge wurde die Show wieder abgesetzt, nie wieder hat sich der NDR bei Olli Schulz gemeldet. Aber selbst aus diesem traumatischen Erlebnis macht er eine gute Geschichte: "Als ich zu der Aufzeichnung kam, sprach keiner mit mir, niemand hat mir die Hand geschüttelt, alle waren genervt. Irgendwann hörte ich, wie ein Kameramann zu einem anderen sagte: ›Das soll unser neuer Entertainer sein? Weißt du was? Freddy Quinn – das war noch ein Entertainer.‹" Aus den Niederlagen seines Lebens macht er Geschichten. Die müssen nicht wahr sein. Die müssen nur gut sein.

Leserkommentare
  1. ...mit welcher Hysterie OS hier gefeiert wird, nachdem er begonnen hat, aus welchen Gründen auch immer, sich als neue Comedy-Rakete im Fernsehen anzubiedern. Ich erinnere mich an eine Spiegel-Online Reportage über Indiependent Musik in Deutschland. Künstler, Produzenten, Label wurden nach dem Stand der Dinge befragt. OS zog unter anderem das Fazit (aus der Erinnerung niedergeschrieben) er mache es gerne, aber richtig leben könne er davon nicht. Was schade ist. OS ist ein grandioser Songschreiber und begnadeter Performer, seine Konzerte sind zwar auch schon recht lange humorige GEschichten und Stand up comedy mit musik zwischendrin gewesen aber nun gut. Das jetzt nach den Metaebenen und Metaphern seines humoristischen Schaffens gesucht wird...
    Der Künstler OS nähert sich dem Ende, hoffen wir, dass er zumindes jetzt genügend verdient.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    'Sanft und sorgfältig' mit Jan Böhmermann, Sonntags 16-18 Uhr
    ist eine Freude!

    Schönes Porträit, allemal lesenswert!

  2. 'Sanft und sorgfältig' mit Jan Böhmermann, Sonntags 16-18 Uhr
    ist eine Freude!

    Schönes Porträit, allemal lesenswert!

  3. Schade, dass der erste Kommentar wieder purer Hate ist. Der Junge macht einfach und das bewundere ich. Keinen 5-Jahresplan, keine gebleachten Zähne, kein xyz-Understatement.

    Den Artikel habe ich nur in Teilen verstanden...aber ich bin ja auch nur Bildungsprekariat. Von daher bleibt alles gleich.

    Einzig, dass Oli Schulz nicht auf das Musikschutzgebiet-Festival kommen wollte nehme ich im übel...Du....ach egal.

    3 Leserempfehlungen
  4. Ich bin ehrlich gesagt ungemein froh, dass man das Potenzial von Herr Schulz nun auch der breiteren Masse zugänglich macht, er sollte sich nicht mehr hinter den "kleinen" Erfolgen bei NeoParadise verstecken, seine Radiosendung "Sanf&Sorgfältig" sollte als Weltliteratur anerkannt werden!

    Ich gehe zunächst auf den ersten Kommentar eingehen, der in das perfekte Schema eines angeblichen Fans passt: Wie oft berichtete Olli Schulz bereits in seiner Radiosendung von Facebook-Zuschriften, die ihn beleidigen und als kommerzielles Opfer bezeichneten. Er selber behauptet weiterhin, "street" zu sein, die Kritik in einen Mantel voller Humor verpackt,

    Erfolg und Unabhängigkeit müssen nicht unbedingt zusammenhängen, man kann beliebt und erfolgreich sein, und trotzdem eine Klientel besonders erreichen. Und genau das macht die Kunst von Olli Schulz aus, er kann mit überaus witzigen Beiträgen bei Circus HalliGalli die Masse ansprechen, die Leute zum Lachen bringen, die Rangel-Bewegung nimmt unglaubliche Dimensionen an, und trotzdem kann man diesen satirischen, unglaublich tollen Hintergrund erkennen, der meiner Meinung nach in allen Beiträgen von Hr. Schulz steckt!
    Wie im Artikel erwähnt, deckt "Charles" die Missstände im Show-Geschäft mit einer brutalen Härte aus, nimmt mit Oliver Stark die heutige Gesellschaft auf den Arm, die sogenannte "Yoga & Smoothie Gesellschaft".
    Die perfekte Kombination bildet er m.M.n. mit Jan Böhmermann, ebenfalls ein grandioser Satiriker.

  5. 5. Na ja

    Ich habe Olli Schulz einmal, und das rein zufällig, live in Berlin gesehen. Ich kannte ihn vorher nicht, nur sein Name war mir bekannt. Ich habe selten gelacht, das Publikum etwas mehr, er am meisten, scheinbar über seine eigenen Worte. Ich mag's ja, wenn Menschen über sich selbst lachen können, aber das war mir zu viel. Vor allem verfiel er danach wieder ein eine komische Tristesse, er tat mir fast schon leid. Alles war recht emotionslos erzählt und Überraschungen gab's nur in der Form der Lieder, die waren etwas lustiger, aber in meinen Augen absolut nichts herausragendes. Enttäuscht war ich nicht, hinterher gab's noch Party, aber schon erstaunt, welch drögen Typen man da eingeladen hat. Mag sein, dass es seine Rolle war, mir hat sie nicht gefallen. Danach habe ich ihn auch nie wieder gesehen. Diese Lobhudelei wundert mich etwas. Ich habe kein großes Potential erkannt. Mag sein, dass ich dazu nicht fähig bin oder er nur einen schlechten Tag hatte.

    Nun, dank Youtube kann man ja schnell aufschließen. Entweder habe ich nun einen schlechten Tag oder ich bin blind für seinen Genius. Klar, schlagfertig ist er und reden kann er, aber sein Bla bla geht mir echt schnell auf den Keks. Nix überraschendes, recht vorhersehbar. Bemerkenswert ist sicher sein Spektrum.

    Naja, muss ja nicht jeder gut finden.

    Eine Leserempfehlung
    • kaner
    • 25. Mai 2013 9:09 Uhr

    Der Mensch, der OS verstehen möchte, braucht eins!

    Eine Leserempfehlung
  6. Geht's nicht auch ein wenig kleiner?

    Bei all den TVrevolutionierschweinen, die regelmäßig durchs Dorf getrieben werden wundert es mich dann doch immer wieder, dass es immer noch "Germany searched das next Supermodelstarkid", "Das Herbstfrühlingsfest der 1000 singenden Mutanten von Andrea Kiwnebel" oder "Berlinköln 90210 Tasuch, Privatinsolvenzler vermitteln" gibt.

    Irgendeiner dieser TV-Revoluzzer MUSS doch endlich mal einschlagen und das tun, was man ihm nachsagt!

    6 Leserempfehlungen
  7. olli schulz ist ein symphatischer und lustiger typ im fernsehen, im privaten leben scheint er aber das gegenteil zu sein. fernsehleute müssen authentisch sein, und das ist er nicht!
    comedians wie ralf schmitz und mario barth haben das gewisse etwas, um massen mitzureisen, ein olli schulz kann das mit seinen kleingeistigen geschichten nun wirklich nicht. wenn man sich bülent scheilan anguckt, dann lacht man sich zu tode, olli schulz dagegen ist mit seinem unintellektuellen humor eher etwas für die circus-halli-galli-fans.
    sein hang zur vermeidung des mainstreams ist nur ein schutzmantel seines eigenen seins, damit er sich der kritik nicht zu sehr auszusetzen vermag und seine andeutungen, nicht von dauer ein comedian zu sein und sich der musik in zukunft zu verschreiben, ist vielmehr absurd und paradox, weil er nicht an die qualität von cindy aus marzahn und kayar janar herankommt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Panic
    • 25. Mai 2013 12:12 Uhr

    ja bekanntlich nicht streiten. Aber Mario Barth im Kontext mit OS zu nennen, das ist der Witz der Woche. Mario Barth ist in den Niederungen der Plattheit zu Hause ist, und wird da niemals heraus kommen. Oder anders ausgedrückt: Der eine kann eben nur Blockflöte spielen, während der der andere Multi-Instrumentalist ist.

    Und zum Glück gehöre ich nicht zu der Masse, die Mario Barth mit seinem "Humor" begeistert. Denn dann würde ich mir wirklich Gedanken machen.

    cheers

    Wie bitte???
    Ralf Schmitz und Mario Barth haben das gewisse Etwas?
    Nun ja, ich befürchte, dass das tatsächlich der Fall ist, zumindest, wenn es um das 'Mitreißen der Massen' geht. Für die Massen spricht das allerdings nicht. Im Gegenteil.
    Die "Qualität von Cindy aus Marzahn"...
    Auf Ihren Kommentar fällt mir eigentlich, von meiner aussagekräftigen Überschrift abgesehen, nichts mehr ein. Wie allerdings jemand, dem Mario Barth gefällt, die Kleingeistigkeit irgendeines Menschen, ob Comedian oder nicht, postulieren kann, ist mir schleierhaft. Herr Barth könnte in einem seiner Pseudo-Wörterbücher unter K wie Kleingeist sein Passbild einfügen! Dieser Mann schafft es - soviel zum Thema 'Mitreißen' - Aggressionen in mir zu wecken, wie es kaum einem anderen jemals gelungen ist. Es ist mir daher auch nicht einmal mehr möglich, adäquat auf Ihren Kommentar zu reagieren, sodass ich an dieser Stelle wohl besser schließe...

    Na hier werden ja vorschnell allerhand Schubladen aufgemacht und Begriffe – samt Olli Schulz und sein Privatleben – hineingepackt. „fernsehleute müssen authenthisch sein“ - Aha! Wie allerdings soll man einem Menschen, dem man im Fernsehen sieht, Authentizität bescheinigen (oder auch das Gegenteil)? Das gelingt ja nicht einmal im Alltag. Der eine diskreditiert sich mit seinem Verhalten, den anderen macht eben das „authentisch“. Wir haben doch alle eine Maske (persona) auf. Und daran ist auch gar nichts verächtlich – die Maske des Höflichen will ich jedenfalls lieber erleben als ungefragten Schwachsinn von meinem Gegenüber zu hören.

    Ralf Schmitz oder Mario Barth kann man ja in vielerlei Hinsicht gegen Olli Schulz ausspielen (und besser finden – jeder muss ja letztlich für sich lachen), aber mit den Schlagworten „authentisch“ und „gewisses etwas“ ist das der denkbar falsche Ansatz. Jene sind austauschbare Comedy-Profis, die im Nicht-Lacherbecken auf Sat1 oder RTL genau das Publikum finden, das sie verdienen. Olli Schulz ist dagegen alles andere als austauschbar (Achtung: authentisch) und tut erst gar nicht so, als hätte er keine Maske auf. Er setzt ja ständig neue Masken auf, statt uns „den“ einen Olli Schulz zu zeigen. Darin liegt doch der Witz.

    Andererseits bin ich ganz froh, dass Olli auch Unverständnis hervorruft – das wäre ja was, wenn wir uns da ausnahmsweise alle einig sind und ich mich plötzlich beim Thema Humor in „unbequemer“ Gesellschaft befände.

    meine auffassung bezüglich olli schulz hat schon seine richtigkeit, cindy aus marzahn und mario barth haben einen einzigartigen humor und auch die besten einschaltquoten, sodass ich zu dem ergebnis komme, dass erfolg auch gleichzeitig mit qualität gleichzusetzen ist, oder unterstellt ihr allen leute, die rtl gucken und ralf schmitz lustig finden, dumm zu sein ?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service