Er hat bereits zwei Stunden geredet, da erzählt Olli Schulz noch eine Geschichte. Einmal, da war er vielleicht zwölf, ist er mit seinen Eltern in die Ferien gefahren, irgendwo nach Spanien, es war schrecklich heiß. Seine Mutter hatte ihm eine Radlerhose gekauft, die viel zu eng war, schon damals war Olli Schulz groß, fast ein Meter neunzig, seine Oberschenkel waren stämmig, die Radlerhose saß stramm, sehr stramm. Aber er trug sie, auch als er mit anderen Kindern Volleyball spielte. Und dann wollte er einen Ball baggern, er ging in die Knie, Hintern raus, Arme nach vorne, den Ball im Visier, da riss die Hose an der hinteren Naht entzwei. Und natürlich wollte er sie zusammenhalten, das Missgeschick kaschieren, aber er merkte nicht, dass sie beim Zusammenhalten auch vorne riss – und so stand er dann da, vor den anderen Kindern, sie lachten ihn aus, und er lief in die Ferienwohnung und verließ sie für den Rest des Urlaubs nicht mehr, weil er sich schämte. Stattdessen brachte er sich das Jonglieren bei, deshalb kann er heute mit fünf Orangen jonglieren. "Das ist eine Parabel auf mein Leben", sagt Olli Schulz, "eine wahre Geschichte."

Vielleicht. Wahrscheinlich eher nicht. Aber es ist eine lustige Geschichte, und gleichzeitig ist es eine traurige Geschichte, und Olli Schulz hat von diesen Geschichten eine ganze Menge – verrückte, lustige, traurige Geschichten. Er hat davon mehr als irgendjemand sonst im deutschen Fernsehen, und er ahnt womöglich nicht einmal, wie wichtig das ist und wie wichtig das erst noch werden könnte. Die wenigsten ahnen das. Als wir vor einigen Monaten an dieser Stelle darüber berichteten, dass das deutsche Fernsehen besser ist als sein Ruf, und ein Schattenkabinett des deutschen Fernsehens benannten, hatten wir Olli Schulz vergessen. Er kam nicht vor. Aber nach Lage der Dinge könnte er in absehbarer Zeit Anspruch auf den Vorsitz anmelden.

Olli wer?

Olli Schulz, 39, zurzeit im Fernsehen auf ProSieben ständiger Gast in der Show Circus HalliGalli der beiden Moderatoren Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt. Diese Sendung ist so etwas wie ein Experiment, es soll beweisen, dass junge Menschen immer noch gerne fernsehen wollen, dass man sie noch begeistern kann mit einem nicht ganz einfachen Format. Die Macher von Circus HalliGalli konnten sich zwei Jahre in dem Spartenkanal ZDFneo austoben, auch da war Olli Schulz schon dabei – und das mit dem Toben hat so gut geklappt, dass nicht wenige meinten, Heufer-Umlauf und Winterscheidt sollten die Nachfolge von Thomas Gottschalk bei Wetten, dass..? antreten, denn was die beiden veranstalteten, könnte die Zukunft der Fernsehunterhaltung sein. Auf die Idee, dass diese Zukunft auch Olli Schulz sein könnte, ist niemand gekommen. Auf die Idee kommt nicht einmal Olli Schulz.

Ein Treffen in Berlin, wo der gebürtige Hamburger seit zehn Jahren lebt. Es ist einer der ersten warmen Frühlingstage, und Olli Schulz sitzt auf der Terrasse eines Lokals an der Spree und frühstückt. Um zwölf. Er trinkt Kaffee. Keinen Cappuccino, keinen Latte irgendwas. Kaffee. Und bevor man ihm die erste Frage stellt, erzählt er seine erste Geschichte, die davon handelt, dass er ja eigentlich Musiker sei und nur zufällig beim Fernsehen gelandet. Olli Schulz sagt: "Ich wollte da nie hin." Er sagt, dass er doch nur unterhalten wolle; ob mit Liedern oder im Fernsehen, sei doch letztendlich egal. Und dann erzählt er, wie ihn Klaas Heufer-Umlauf nach einem Konzert angesprochen hat, 2006 war das, und seitdem sind die beiden Freunde, aber die Sache mit dem Fernsehen begann anders, damit hatte Heufer-Umlauf nichts zu tun.

Im Jahr 2008 zeichnete der NDR mit Schulz eine Late-Night-Show auf – eine Redakteurin hatte sein Talent erkannt –, aber nach einer Folge wurde die Show wieder abgesetzt, nie wieder hat sich der NDR bei Olli Schulz gemeldet. Aber selbst aus diesem traumatischen Erlebnis macht er eine gute Geschichte: "Als ich zu der Aufzeichnung kam, sprach keiner mit mir, niemand hat mir die Hand geschüttelt, alle waren genervt. Irgendwann hörte ich, wie ein Kameramann zu einem anderen sagte: ›Das soll unser neuer Entertainer sein? Weißt du was? Freddy Quinn – das war noch ein Entertainer.‹" Aus den Niederlagen seines Lebens macht er Geschichten. Die müssen nicht wahr sein. Die müssen nur gut sein.

Paparazzi drohten ihm Prügel an

Er ist im Moment der große Geschichtenerzähler im deutschen Fernsehen. Er erzählt seine Geschichten bei Circus HalliGalli, aber auch in Talkshows. Er saß bei Markus Lanz, in der NDR Talkshow, bei Roche und Böhmermann und in Stefan Raabs Absolute Mehrheit. Wenn man sich diese Auftritte anschaut, erkennt man die Gabe von Olli Schulz, die darin besteht, den Zuschauer mit seinen Geschichten zu unterhalten, weil er mit einer unbedingten Leidenschaft erzählt und weil er vollkommen frei ist von jeder Form von Zynismus. Und das ist deshalb so wohltuend und einzigartig, weil Zynismus eines der Hauptprobleme des Fernsehens heute ist. Die Macher flüchten sich in Zynismus, weil sie wissen, dass das, was sie für die Zuschauer herstellen, nicht gut ist, weil es nicht reicht, weil es Ansprüche nicht erfüllt. Schulz lehnt Zynismus als Mittel ab – und er zitiert als Begründung eine fiktive Fernsehfigur, das Zeichentrickmädchen Lisa Simpson: "Zynismus ist der letzte Rettungsanker aller Hoffnungslosen."

Gegen den Zynismus setzt Schulz Leidenschaft: die Leidenschaft, die Leute zu unterhalten, zur Not mit den Mitteln der Lüge. "Wenn ich in Talkshows sitze, dann bin ich das manchmal nicht, ich bin dann der Bühnentyp. Nur weil ich im Fernsehen bin, bin ich doch nicht verpflichtet, mein Innenleben nach außen zu kehren. Authentisch sein – das ist die viel größere Lüge. Und langweilig ist es außerdem auch noch." Er will nicht langweilen – dafür geht er an Grenzen, das ist das Prinzip Olli Schulz. Um es zu verstehen, muss man sich zwei Einspieler anschauen, die seine Arbeitsweise demonstrieren: In den vergangenen zwei Jahren trieb er sich in der Rolle des trinkenden Möchtegernpoeten Charles Schulzkowski auf der Berlinale rum, 2012 auf dem roten Teppich während der Premiere von Helmut Dietls Zettl, 2013 auf einer Filmparty. Er forderte die Anwesenden auf, mit ihm "einen Lütten" zu trinken, was die wenigsten wollten, also trank er alleine und warf den Prominenten mangelnde Herzenswärme, fehlende Menschlichkeit vor – Boulevardreporter drehten sich angewidert von ihm weg, Paparazzi drohten ihm Prügel an, Til Schweiger behandelte ihn wie Dreck. Das war lustig und traurig und peinlich, und vor allem brachte es eine Wahrheit zum Vorschein.

Menschen, die nicht so genau hinschauen, meinen in diesen Aktionen nur eine Weiterführung eines Prinzips zu entdecken, das Christian Ulmen vor einigen Jahren im Fernsehen eingeführt hat – nämlich durch das Schlüpfen in verschiedene Rollen andere Menschen an den Rand des Wahnsinns zu treiben. Aber das ist falsch, Schulz treibt sich und die Zuschauer an den Rand des Wahnsinns, und wenn man ihn schon unbedingt vergleichen muss, dann mit dem legendären US-Komiker Andy Kaufman, der in den siebziger Jahren das Fernsehpublikum so sehr an der Nase herumführte, dass es seine Krebserkrankung für einen grandiosen Scherz hielt. Kaufman ist für Schulz das eine Vorbild, das andere: Peter Sellers, der Schauspieler. "Das sind beides Typen, die man nicht greifen konnte." Und dann erzählt Schulz eine Peter-Sellers-Geschichte über dessen Auftritt in der Muppet Show. Prominente mussten dort mit den Puppen Quatsch machen, aber es gab auch immer einen "privaten Moment", ein kurzes Gespräch mit Kermit, dem Gastgeber. Sellers lehnte dieses Gespräch ab mit der Begründung, er wisse nicht mehr, wer er eigentlich sei, er spiele seit 20 Jahren Rollen, dabei müsse man es belassen. "Das ist doch irre, oder? Und John Lennon sagte mal, er sei nicht mehr in der Lage, zu seinen Kindern eine private Beziehung aufzubauen." Wenn Olli Schulz das erzählt, scheint er selber nicht zu wissen, ob ihm diese Konsequenz Angst macht oder ob er sie bewundern soll.

Schulz hat eine Tochter, vier Jahre alt, nach unserem Gespräch holt er sie aus der Kita ab, er muss mit ihr Gummistiefel kaufen. Er hat Zeit für solche Sachen, er will für solche Sachen Zeit haben, und wenn er darüber spricht, dann sagt er auch, dass er eigentlich bald eine Pause machen will vom Fernsehen, aber es kann sein, dass auch das nur eine Geschichte ist, die sich besser anhört als die von einem ehrgeizigen Mann, der das Fernsehen revolutionieren will. Olli Schulz sagt, er sei kein "engagierter Fernsehtyp", er verfolge seine Karriere nicht mit Nachdruck. Es gibt Angebote, auf seinem Schreibtisch liegen Konzepte, aber das meiste interessiert ihn nicht. Gemeinsam mit Jan Böhmermann würde er gerne für den RBB eine Late-Night-Show machen. Beim Berliner Radiosender Radio Eins beweisen die beiden bereits, dass sie zusammen funktionieren und kleine große Unterhaltungsmomente schaffen können. Im Herbst könnte es so weit sein, und es wäre ein wichtiger Schritt für das Fernsehen, wenn eine öffentlich-rechtliche Anstalt den Mut hätte, so ein Format zu bringen, wenn sie keine Angst vor dem Scheitern hätte. Aber Schulz ist skeptisch. Er sagt, es könnte dem Sender zu teuer sein. Schulz sagt aber auch, er sei immer skeptisch und erwarte besser nichts. Dann könne man auch nicht enttäuscht werden. Was treibt ihn an? Er zuckt mit den Schultern: "Wenn ich das immer wüsste. Vielleicht würde ich es bleiben lassen, wenn ich es wüsste."

Olli Schulz wurde in der Hamburger Independent-Szene künstlerisch sozialisiert, in den neunziger Jahren, als der Begriff "Hamburger Schule" eine Marke in der Popkultur wurde. Er ging auf die Konzerte der Goldenen Zitronen und von Rocko Schamoni, er diskutierte mit anderen darüber, welche Entscheidungen richtig sind und welche falsch. Die Haltung damals war: kein Kommerz, kein Ausverkauf, keine Karriere. Er begann eigene Lieder zu schreiben und veröffentlichte seine erste Platte unter dem Namen Olli Schulz und der Hund Marie, die Kritiker waren angetan, das Publikum war stellenweise irritiert. "Meine erste Platte hieß Brichst du mir das Herz, dann brech’ ich dir die Beine. Witziger Titel. Aber die Lieder waren überhaupt nicht witzig. Es gab zwei, drei Gags – die fallen halt auf. Und dann denken die Leute, du bist ein Komiker."

"Darum muss es doch gehen! Um diese Tragik, diese Komik!"

Musiker, Komiker – was ist Olli Schulz? Was will er sein? "Ich bin halt so ein Bühnentyp", sagt er und meint eigentlich, dass er das überhaupt nicht weiß. Er komponiert gerade Lieder für ein neues Album, er schreibt an einem Roman, der kommendes Jahr erscheinen soll und den Titel trägt Rock ’n’ Roll verzeiht dir nichts. Er würde gerne ein Drehbuch schreiben – zu einem Film oder einer Fernsehserie, in der Art, wie sie Larry David im US-Fernsehen macht und Bastian Pastewka in Sat.1. Die erste Szene hat er schon, er sagt, genau so sei das passiert vor ein paar Jahren: "Ich hatte mich von meiner damaligen Freundin getrennt und bin ausgezogen, zwei Wochen habe ich in meinem Ford Fiesta gepennt. Dann bin ich mit meinen letzten zehn Euro zur Tankstelle gefahren, wo mich jemand ansprach. ›Für mich bist du der Größte!‹, sagte der Typ und fuhr in seinem schönen Wagen weg, und ich blieb stehen, ungewaschen, mit meinem Ford Fiesta. Darum muss es doch gehen! Um diese Tragik, diese Komik!" Außerdem will er ein Kochbuch schreiben für Leute, die alleine mit ihrem Haustier leben. "Wäre doch toll, wenn man ein Gericht kochen kann, das dem Menschen schmeckt und dem Hund auch – und das nenn ich dann ›Teller und Napf‹ oder ›Löffel und Leine‹."

Wenn man mit Olli Schulz über das Fernsehen redet, dann spricht man auch mit einem Fan –nicht mit einem Nörgler

Langweilt er sich schnell? "Nein", sagt er, nicht wenn er alleine sei. In Gesellschaft fühle er sich nicht wohl, er sei "kein Small-Talk-Typ", er werde schnell einsilbig, still, er könne Erwartungen, die man an ihn habe, nicht erfüllen. Er habe keine Stammkneipe, keinen Lieblingsclub, "und ich kenne auch keine verrückten Künstler, die aus alten Schlümpfen was basteln. Interessiert mich alles nicht. Vor Kurzem habe ich auf Arte Durch die Nacht mit ... Bryan Ferry und Dieter Meier gesehen. Ferry war irre gelangweilt, Meier schleppte ihn mit auf irgendwelche Ausstellungen, und Ferry sagte nur: ›Ich mag keine Kunst.‹ Fand ich ganz sympathisch."

Von Bryan Ferry kommt er zu Klaus Kinski, er versteht nicht, warum viele seine Interviews so legendär finden, weil Kinski im Prinzip einfach nur unhöflich gewesen sei. Damit kann er nichts anfangen – Otto, Loriot und Hape Kerkeling sind ihm da näher, und wenn man mit ihm über das Fernsehen redet, dann spricht man auch mit einem Fan – nicht mit einem Nörgler. Wenn er erzählt, wie er vor Jahren mit seinen Urgroßeltern, bei denen er aufgewachsen ist, Dalli Dalli und Der große Preis geschaut hat, dann ist das rührend und aufrichtig zugleich.

Und das ist dann wohl die Kunst des Olli Schulz: Dalli Dalli auf der einen Seite – und auf der anderen der teilweise krasse, derbe, brutale Humor, den er zelebriert. Ein Widerspruch, natürlich – aber es ist gerade dieser Widerspruch, der so selten geworden ist im deutschen Fernsehen und der doch so guttut, wenn er von jemandem ironiefrei und leidenschaftlich hergestellt wird. Die Frage bleibt allerdings, ob das Fernsehen damit zurechtkommen wird.

Denn Olli Schulz ist immer noch ein Unfall, ein Versehen, etwas, das es im Fernsehen eigentlich nicht geben darf. Aber jetzt, wo er schon mal da ist, kann er auch einfach weitermachen. Im Herbst also vielleicht eine Late-Night-Show. Im RBB. Schön und gut. Aber das wäre noch keine Geschichte. Samstagabend. 20.15 Uhr. Das ist eine Geschichte. Verstehen Sie Spaß?