Neil-Young-TourTonight's The Night

Endlich kommt Neil Young mit seiner legendären Band Crazy Horse wieder nach Deutschland. Navid Kermani, der einst mit dem "Buch der von Neil Young Getöteten" seinen literarischen Durchbruch hatte, ist jetzt schon begeistert – und fürchtet sich zugleich. von Navid Kermani

Neil Young im Februar in Los Angeles

Neil Young im Februar in Los Angeles  |  © Kevork Djansezian/Getty Images

Er hatte diese Krankheit gehabt, Gehirnaneurysma, war in Manhattan auf dem Bürgersteig zusammengebrochen, Riesenglück, dass ein Hotelportier richtig reagierte, kurz darauf ein Krankenwagen da war, die Notoperation trotz Komplikationen gelang. Als er zur Erholung in ein anderes Krankenhaus gebracht wurde, im Grünen außerhalb New Yorks offenbar, habe er das Zimmer mit der "weisesten Person" geteilt, die ihm je begegnet sei, berichtete er später dem Esquire: "Sie war ungefähr fünfundachtzig Jahre alt und vielleicht fünf Fuß groß. Eine alte schwarze Dame aus South Carolina." In dem Krankenhaus habe es eine junge Krankenschwester gegeben, die nicht wirklich ein Gefühl für das gehabt habe, was sie tat, und so habe die alte Dame ihr gesagt, was sie brauche, ohne es zu sagen. Sie habe niemals herablassend zu der Schwester gesprochen, nur Beispiele gegeben. Er habe gefühlt, dass die alte Dame tiefreligiös sein musste, aber es sei nichts Strenges an ihr gewesen, nichts Verbissenes. "Eines Morgens wachte ich auf, es war so Viertel vor sechs, und schaute aus dem Fenster. Auf der Brücke draußen vor dem Zimmer lag Nebel, und ich sagte: ›Gut, das ist nun wirklich wunderschön.‹ Und sie sagte: ›Ja, das ist es.‹ Sie blickte zu mir herüber mit diesem fünfundachtzigjährigen Gesicht, das keine Fältchen aufwies, keine Anstrengung, nichts, und sagte: ›Der Herr nimmt dich also nicht. Du bist noch nicht an der Reihe.‹"

"Ich gehe dorthin, wo der Wind ist. Das ist meine Kirche"

In dem Interview ging es weiter mit Sätzen über Mut, über Liebe, über Sex, jeder so weise, wie er es der Dame zuspricht, jeder noch Jahre später wert, zitiert zu werden, über das Boxen, übers Glück, das Denken zu vergessen und sich im Tun aufzulösen. "Als ich sechs war, wusste ich wirklich nicht, was Gott war. Aber ich wusste, was die Sonntagsschule war. Ich las viel über Gott, aber es langweilte mich. Ich konnte es nicht erwarten, dass die Sonntagsschule zu Ende war. Gott war nebensächlich bei alldem. Aber als die Zeit verging, wurde ich immer wütender, bis hin zu dem Punkt, an dem ich Religion nicht mehr ausstehen konnte. Hass ist ein starkes Wort. Aber ich wurde einfach wütender und wütender...bis ich schließlich nicht mehr wütend war. Ich schloss Frieden, weil ich dachte: Das ist nicht fruchtbar für mich. Ich lehnte das alles ab und fand Frieden im Heidentum. Jesus ging nicht in die Kirche. Ich ging zurück in die Zeit vor Jesus. Zurück zum Wald, zu den Kornfeldern, zum Fluss, zum Ozean. Ich gehe dorthin, wo der Wind ist. Das ist meine Kirche." Und so etwas im Männermagazin, dachte ich, mein Mekka ist eine Rose, mein Gebetstuch eine Quelle, die Steppe mein Gebetsteppich, zwischen health food und Werbung für Rasierwasser. "Wenn ich manchmal Gitarre spiele", sehnte sich Neil Young schon damals wieder nach den Konzerten und meinte doch wohl die Improvisationen mit Crazy Horse, "erreiche ich einen Punkt, an dem es sehr kalt wird in mir, richtig eisig. Es ist sehr erfrischend. Jeder Atemzug fühlt sich an, als seiest du am Nordpol. Dein Kopf beginnt zu frieren. Beim Einatmen kriegst du so unglaublich viel mehr Luft, als du es je für möglich gehalten hättest. Das beginnt in dich einzuströmen. Es hat etwas Magisches. Manchmal, wenn es geschieht, fragst du dich, ob du wieder okay sein wirst."

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Die Platten, die er seit der Genesung herausbrachte, waren mal laut, mal leise, akustisch oder elektrisch, mit diesen oder jenen Weggefährten aufgenommen, als wollte er noch einmal alle Töne hervorbringen, mit allen Freunden spielen, in allen Konzerthallen auftreten, die ihm über die Jahre am wichtigsten geworden waren. Neil Young hatte schon immer getan, was er wollte, und sich als einziger Musiker der Rockgeschichte eine Klage wegen vorsätzlich unkommerzieller Arbeit eingehandelt, aber jetzt drückte sich in allem noch einmal eine neue Entschlossenheit aus, zum Leidwesen der Kritiker oder der gewöhnlichen Fans auch eine Unbekümmertheit, ein Hang zum Experiment, durchaus zum Trash, zum schnell Herausgeworfenen, Hauptsache, es trägt dich fort, Hauptsache, der Sound stimmt, überhaupt eine unglaubliche Eile oder jedenfalls Häufung. Kaum ein halbes Jahr verging, in dem nicht etwas Neues von ihm zu hören war, und wenn keine Platte, dann von seinem Kampf für Elektroautomobile oder für verarmte Farmer oder gegen die akustische Verrohung durch iTunes.

Neil Young

Er hat in seiner 50-jährigen Karriere viele Wandlungen durchlaufen, vom Folkrocker zum Country-Interpreten, vom Mann, der den Grunge vorwegnahm, zum Protestsänger und Ökoaktivisten, doch in keiner Rolle ging er je ganz auf: Neil Perceval Young, 1945 in Toronto geboren, war immer ein unbequemer Vertreter seiner Generation, er führte die Ideale der Sechziger weiter, indem er sie ständig neu auslegte. Von Woodstock, wo er mit Crosby Stills & Nash auftrat, führte der Weg ihn zurück zu den Klanggewittern seiner Band Crazy Horse, solistisch brillierte er als Noise-Avantgardist und als Lobsänger ländlicher Idyllen. Young lebt mit seiner Familie auf einer Farm in den Bergen über San Francisco

Tourdaten

Die weiteren Konzertdaten von Neil Young & Crazy Horse:
2. Juni in Berlin
3. Juni Hamburg
11. Juli Luxemburg
22. Juli Stuttgart
14. August Dresden

Navid Kermani

Der Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani, 45, lebt in Köln. Im Verlag C. H. Beck veröffentlichte er dieses Frühjahr den Reportageband Ausnahmezustand. Reisen in eine beunruhigte Welt. Sein Buch der von Neil Young Getöteten kommt im Sommer neu bei Suhrkamp heraus.

Ich mochte mehr oder weniger alles, was er produzierte oder in Interviews sagte, bin mit meiner Tochter und einem Freund aus der Kneipe eigens nach Lyon gefahren, um ihn noch einmal live zu erleben, was wirklich sehr schön war, bestimmt keine Enttäuschung, und doch auch von dem Riesenglück lebte, wenn ich wirklich von Glück reden wollte, dass es ihn überhaupt noch gab. Ja, es war gut, das Konzert, und erst recht die Soloplatte, die 2010 folgte, Le Noise, besser als alles, was in den vorangegangenen fünfzehn Jahren entstanden war, sagen wir seit Sleeps With Angels und der Tournee im Year of the Horse. Immer klang es, als ob es für Neil Young nur noch den einen Tag gäbe, als ob heute nacht tonight’s the night wäre.

Nur mit Crazy Horse trat er nicht mehr auf, seiner eigentlichen Band, und sosehr wir es bedauerten, verstanden es auch alle – mit "alle" meine ich den Freund aus der Kneipe und mich –, weil die Beseeltheit mit Crazy Horse sich ins Ekstatische steigert, zwanzig, dreißig Minuten oft die Improvisationen und vor allem laut, noch lauter als mit gewöhnlichen Rockmusikern. Bereits in den neunziger Jahren musste Neil Young eine Tournee mit Crazy Horse abbrechen, weil er vor Lärm nichts mehr hörte, und jetzt ging er schon auf die siebzig zu, musste seit dem Gehirnaneurysma vielleicht noch aus anderen Gründen als dem Alter auf den Körper Rücksicht nehmen – da ist es mit Headbanging auch mal vorbei. Gut, dass er anfing, seine Vergangenheit zu ordnen, und die ersten zehn von mutmaßlichen hundert oder zweihundert Platten aus dem Archiv herausbrachte. Nach dem Konzert in Lyon meinte der Freund aus der Kneipe, dass in sechzig, siebzig Jahren meine Tochter mit der Aussage Staunen hervorrufen würde, dass sie Neil Young noch live erlebt habe; das sei so, wie wenn heute alte Leute sagten, sie hätten noch Kafka getroffen oder Mahler dirigieren sehen. Ich selbst versprach ihr, dass wir, wenn Neil Young doch wieder mit Crazy Horse auf Tournee ginge, ihm nicht nur bis Lyon, sondern notfalls bis Los Angeles nachreisen würden. Seitdem hoffte die Tochter auch aus anderen als musikalischen Gründen darauf, dass Neil Young sich noch einmal aufs Pferd setzt.

Leserkommentare
  1. Wenn man Crazy-Horse etwas leiser dreht, so dass man noch etwas von Musik hört, dann sind sie wirklich gut, um nicht zu sagen unvergleichlich.

    Und Neil Young? Er gehört sicherlich zu denen, die eine große Sehnsucht nach Gott haben aber bisher keinen fanden, der sie an die Hand genommen hätte. Er ist gezeichnet von ungestillter Leidenschaft, einem Umherstreifen ohne wirklich Frieden zu finden, eine kompromisslose Künstlernatur. Seine eigentlich kaputte Stimme wurde sein Markenzeichen, unverwechselbar, einzigartig voll zärtlicher, zerbrechlicher Kraft. Wie bei allen Männern, die ihr Herz noch spüren bleibt die Sehnsucht. Und diese Sehsucht ruft, singt und schreit nach der Vereinigung mit Gott.

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  2. Kann Musik, vor allem Popmusik, auch wenn sie von einem Neil Young vorgetragen wird, heute noch ernst genommen werden? War das überhaupt je der Fall? Sind die Sehnsüchte, die uns so per mp3, youtube oder Konzert erreichen nicht nur entweder Kitsch oder einfach Geschäft mit Gefühlen?
    Nur die Parodie macht hier noch einigermaßen Sinn. Hier ein (eventuelles) Beispiel (man ist sich ja nie sicher ob nicht doch das Mammon dahinter steckt):
    https://www.youtube.com/w...

  3. ...kann ich leider nicht nachvollziehen warum ich für einen in die Jahre gekommenen Neil Young 80 € für einen Platz in der Waldbühne bezahlen

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    soll

  4. ich wusste gar nicht, dass die amis so progressiv sind und im krankenhaus auf die geschlechtertrennung in den räumen pfeiffen.
    in der sauna passiert einem das nicht.
    beides vice versa bei deutschen verhältnissen.
    hoffentlich kann sich der gute alte young mit den tantiemen, die er auf seiner d-tour bekommt, endlich dann auch mal ein einzelzimmer leisten...

    • Twipsy
    • 30. Mai 2013 23:42 Uhr

    Toller Artikel, denke, ich werd mir die Platte auch holen. Probehören mach ich gerade.
    "Das habe ich noch nie gehört, dass in einem Rocksong gepfiffen wird" Man kann über die Scorpions ja viel sagen, aber nicht, dass in "Wind of Change" nicht gepfiffen wurde. ;-)

    2 Leserempfehlungen
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    • Panic
    • 31. Mai 2013 2:00 Uhr

    dass "Wind of Change" zu den schlechtesten Songs auf diesem Planeten zählt und das er alles andere als ein Rocksong ist. Davon abgesehen: Ich hasse Rock.

    cheers

  5. .. nein .. er hatte seine Zeit und vor allem: sein Geld .. "Keiner kann Gott und zugleich dem Gelde dienen" .. kennen Sie das? Aber ich mag Klezmer ..

    .. http://www.youtube.com/wa... .. ;-)

    Gute Nacht
    Amanda M. Donata

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    Und die Klezmer Konzerte sind umsonst oder wie? Liebe Frau Donata, vielleicht dienen Sie ja in Ihrem Privatleben Gott anstatt dem Mammon, aber meinen Sie ernsthaft im heutigen "Kunst"-Betrieb gäbe es irgend etwas umsonst, wäre irgend etwas nicht im monetären Götzendienst involviert? Ob Neil Young, Giora Feidman oder Simon Rattle: "we are only in it for the money", wie schon vor Jahrzehnten Frank Zappa eines seiner besten Alben ehrlich und selbstironisch nannte. Die klebrige Klezmer Romantik macht Geschäft mit den nostalgischen Gefühlen eines gut saturierten Bildungsbürgertums. Sie hat ihren ursprünglichen kulturellen Sinn vollkommen verloren.

    • Panic
    • 31. Mai 2013 2:00 Uhr

    dass "Wind of Change" zu den schlechtesten Songs auf diesem Planeten zählt und das er alles andere als ein Rocksong ist. Davon abgesehen: Ich hasse Rock.

    cheers

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    Antwort auf "Pfeifen"
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    • 29C3
    • 31. Mai 2013 9:51 Uhr

    Klare Ansage, LOL.

    Sonst: volle Zustimmung, "Wind of Change" ist das Grauen schlechthin, zumal billiges Aufspringen auf einen politischen Zug mit dem festen Blick auf die charts und kommerzielle (Schatten-)Seite. Die ganze "Band", falls man die "Scorpions" überhaupt ernsthaft so bezeichnen kann, ist buhahaha... ich hasse Scorpions. ;-)

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