Wenn eine Kommission ein Pferd zeichnet, kommt dabei oft ein Kamel heraus. Sollte an diesem Spruch etwas Wahres dran sein? An der Reform der österreichischen Lehrerausbildung werkten seit 2009 nicht bloß eine Kommission, sondern gleich deren drei: zuerst eine Expertenkommission, dann eine Vorbereitungsgruppe und schließlich ein Entwicklungsrat. Was dem Parlament nunmehr zur Beschlussfassung vorliegt und die etwas bemüht wirkende Bezeichnung PädagogInnenbildung NEU (sic!) trägt, ist beim besten Willen kein durchkomponierter, in sich stimmiger Masterplan, sondern ein vielhöckeriges Kamel: ein Produkt aus bildungspolitischen Altlasten, Halbherzigkeit, Sparsamkeit am falschen Platz und den klassischen Kompromissen einer Koalition aus SPÖ und ÖVP.

Dabei war der Kontext für eine umfassende Reform der Lehrerbildung selten so günstig. Zum weitverbreiteten Unbehagen an der intellektuell wenig anspruchsvollen Pflichtschullehrerbildung an Pädagogischen Hochschulen (PH) und an einer praxisfernen universitären Ausbildung der Gymnasiallehrer kamen mehrere innovationsfördernde Umstände: Der Übergang der meisten universitären Studiengänge zum sogenannten Bologna-Modell legte auch für die Lehrerbildung eine Gliederung in Bachelor und Magister nahe. Bestärkt durch internationale Expertisen, sollten sich Lehrer nicht mehr als Beamte, sondern als kompetente Profis für Lehren und Lernen verstehen. Eine wachsende Zahl von deutschen Universitäten begann mit der Etablierung von Schools of Education die Lehrerbildung ernst zu nehmen. Und schließlich bietet die im nächsten Jahrzehnt anstehende Pensionierung einer sehr großen Kohorte älterer Lehrer die Gelegenheit zur Verjüngung und Professionalisierung.

Abgesehen vom selbstredenden Bekenntnis zu einer höheren Qualität der Lehrerbildung, ging es bei der am Dienstag im Ministerrat beschlossenen Reform im Wesentlichen um vier Hauptprobleme: Ob es weiterhin einen Dualismus von Pädagogischen Hochschulen und Universitäten oder eine generelle universitäre Lehrerbildung geben soll; die Frage nach der Einführung von "Stufenlehrern" für Volksschulen, Sekundarstufe I (Hauptschulen, AHS-Unterstufe) und Sekundarstufe II (AHS und BHS); die Anwendung von Bachelor, Master und Berufseinstiegsphase und die Einbeziehung der Kindergärtnerinnen in ein hochschulisches Gesamtkonzept der Lehrerbildung. Letzteres hat sich bereits erübrigt. Während in zahlreichen europäischen Ländern die Vorschuleinrichtungen in den Kompetenzbereich der Bildungsministerien eingegliedert wurden und für Vorschullehrer dieselben Qualifikationsstandards wie für Pflichtschullehrer gelten, glaubt man in Österreich, sich das nicht leisten zu können. Die hochschulische Ausbildung der Kindergärtnerinnen ist am Einspruch der Gemeinden, welche die höherqualifizierten Elementarpädagoginnen besser hätten bezahlen müssen, gescheitert.

Die vom Rechnungshof als kostspielig kritisierte Zweigleisigkeit der Lehrerbildung bleibt. Die PH war zwar schon bei ihrer Etablierung 1999 aus europäischer Sicht ein Auslaufmodell, jedoch versteht sich die ÖVP als Schutzpatronin des zweigliedrigen Bildungssystems. Alle Lehrer müssen in Zukunft ein vierjähriges Bachelorstudium absolvieren, das heißt für Pflichtschullehrer verlängert sich das Studium um zwei Semester. Zur Grundausbildung gehört eine ein- bis zweijährige Berufseinstiegsphase. Für eine dauerhafte Anstellung brauchen Volksschullehrer ein zweisemestriges Masterstudium, AHS- und Hauptschullehrer – nun unschön Sekundarschullehrer getauft – ein mindestens dreisemestriges.

In Zukunft werden sich auch die Lehramtsstudierenden an den Unis einem Auswahlverfahren stellen müssen. Wie streng die Selektion angesichts des absehbaren massiven Nachwuchsbedarfs der Lehrerschaft sein kann, wird sich zeigen. In jedem Falle steht den Universitäten eine neue administrativ aufwendige und – laut Rechnungshof – teure Aufgabe ins Haus. Bedauerlicherweise hat es die Expertenkommission unterlassen, für Österreich die Tauglichkeit einer in Deutschland erfolgreichen Studiengliederung zu prüfen, nämlich einen dreijährigen auch außerhalb der Schulen verwendbaren Bachelor, dem ein zweijähriger lehrerbildender Master folgt. Bei diesem Modell fällt die Entscheidung für den Lehrberuf nicht direkt nach der Matura, sondern erst nach drei Jahren universitärer Selbsterkundung.

Die PH soll wie bisher vorwiegend Pflichtschullehrer ausbilden. Da das Gesetz aus Rücksicht auf die Gesamtschulphobie der ÖVP keine Stufenlehrer für die 10- bis 14-Jährigen vorsieht, sondern bloß "Sekundarschullehrer" für die gesamte Altersstufe von 10 bis 19 Jahren, also auch die AHS-Oberstufe und BHS, braucht die PH für ihre Fachstudien die wissenschaftliche Kompetenz der Universitäten. Hinter der erforderlichen Kooperation verbirgt sich allerdings ein Clash zweier Kulturen: auf der einen Seite die PHs als weitgehend weisungsgebundene Dienststellen des Unterrichtsministeriums, auf der anderen Seite die autonomen, wissenschaftlichen Konventionen verpflichteten Universitäten. Die PH will auf gleicher Augenhöhe verhandeln, manche Universitäten wehren sich (noch?) gegen die Zwangsehen mit Institutionen, die ihren Standards nur unzureichend entsprechen.

Was die Universitäten anscheinend noch nicht voll realisiert haben, ist die partielle Aufkündigung ihrer Autonomie. Sie müssen in Zukunft ihre Lehrerbildungscurricula dem von Unterrichts- und Wissenschaftsministerium paritätisch beschickten Qualitätssicherungsrat vorlegen. Ohne die Zustimmung dieses Gremiums gibt es keine Finanzierung der universitären Lehrerbildung.

Der beunruhigendste Mangel der neuen Lehrerbildung ist die fehlende Klarstellung, wie Junglehrer neben der Berufseinstiegsphase, die sie wohl voll auslasten wird, in der Lage sein sollen, an einer in den meisten Fällen vom Schulort weit entfernten Universität ein Masterstudium zu absolvieren. Dem neuen Gesetz müsste ehrlicherweise folgende Präambel vorangestellt werden: "Den guten Willen und die Kooperationsbereitschaft aller Betroffenen vorausgesetzt, werden sich für die vielen offenen Probleme hoffentlich irgendwelche Lösungen finden lassen." Das würde vermutlich Verfassungsjuristen irritieren und wenig dazu beitragen, den Lehrberuf für die klügsten Köpfe attraktiv zu machen. Es wäre jedoch ein angemessenes Eingeständnis, dass das Gesetz wenige Fixpunkte, aber viele Ungewissheiten enthält.

Der Autor lehrt Vergleichende Erziehungswissenschaften an der Universität Wien