Sie ist es wirklich. Die zierliche, elegant gekleidete Dame dort auf der Bühne zwischen den erschöpften Akteuren ist dieselbe Zofia Posmysz, die anno 1959 auf der Place de la Concorde in Paris jäh von Auschwitz eingeholt wurde. Eine deutsche Touristin hatte etwas gerufen, der Polin war die Stimme furchtbar vertraut. War das nicht eine der Aufseherinnen aus dem KZ? Posmysz hatte zwei Jahre Auschwitz überlebt. Ihr Pariser Erlebnis hat sie im Roman Die Passagierin umgedreht: Eine ehemalige Aufseherin, unterwegs nach Brasilien, glaubt auf dem Schiff eine KZ-Insassin wiederzuerkennen – und selbst erkannt worden zu sein.

Und nun steht die Autorin mit ihren 89 Jahren auf der Bühne des Badischen Staatstheaters in Karlsruhe und umarmt die Hauptdarstellerinnen. Marta, ihr alter ego, und Lisa, modelliert nach jener Aufseherin, von der sie schreibt: "Manchmal vergaß sie, dass sie eine SS-Uniform trug." Mit Lisa, aus der Perspektive einer Täterin, beginnt das Wunder einer Oper, der einzigen Oper über Auschwitz. Wer Die Passagierin erlebt hat, von Mieczysław Weinberg 1968 nach Zofia Posmysz’ Roman komponiert, fragt sich: Warum wurde dieses Werk erst vor drei Jahren uraufgeführt? Wie konnte dieser Komponist so überhört werden?

Eine Musik wie das Leben, das die Menschen in Auschwitz verloren

Zehn Tage vor der deutschen Erstaufführug der Passagierin in Karlsruhe ist in Mannheim eine weitere Weinberg-Oper uraufgeführt worden: Der Idiot nach Dostojewski von 1986. Die Parallelaktion der Häuser, 17 Jahre nach Weinbergs Tod, zeigt, dass es nie zu spät ist für ein Genie – und dass es im Westen mindestens so ideologisch zuging wie im Osten. Während man in der UdSSR Weinberg als polnischen Juden an der kurzen Leine hielt, genügte seine Musik im Westen nicht der gängigen Avantgarde. Deren Kriterien freilich erweisen sich hier endgültig als groteske Anmaßung.

Mieczysław Weinberg, 1919 in Warschau geboren, spielte schon als Zehnjähriger in dem Theater Klavier, in dem sein Vater dirigierte. Mit 18 schrieb er ein Streichquartett, das ihn auf der Höhe der Zeit zeigt, mit 19 kam die Wehrmacht. Er floh zu Fuß nach Osten, seine Familie sah er nie wieder. Weinberg studierte zunächst in Minsk, rettete sich 4.000 Kilometer weiter nach Taschkent, schließlich holte ihn Schostakowitsch nach Moskau. Er war es auch, der ihm Zofia Posmysz’ Roman in die Hand drückte und, als keine Aufführung zustande kam, Klaviervorführungen der Oper im kleinen Kreis organisierte.

Diese Freundschaft hat Weinberg den Ruf eines Epigonen eingetragen. Es gibt in der Passagierin den Umgang mit trivialen Idiomen, den Schostakowitsch, Mahler fortschreibend, zu einer eigenen sarkastischen Sprache gemacht hat. Weinberg ist weitergegangen. Er hat für Auschwitz eine Eigentlichkeit des Uneigentlichen entwickelt: eine Musik, die Signale setzt, aber nichts behauptet, die zitiert und bricht und doch autark ist. Eine Identität, ganz unmittelbar zu hören, ein Leben. Eben das, was in den Lagern fast alle verloren.

Die Welt des Lagers wird in Rückblenden immer dominanter, bis die Schiffsreise nur noch Folie ist. Bei der Uraufführung in Bregenz hatte David Pountney die beiden Welten in drastischem Realismus getrennt, in Karlsruhe vereinen Regisseur Holger Müller-Brandes und Ausstatter Philipp Fürhofer sie auf spiegelnder Fläche, auch sonst sind immer beide Welten präsent. Doch wird damit nicht die Perspektive zerstört, die die frühere Täterin zuerst als Privatperson zeigt? Dem steht nicht nur die anrührende, strahlende Intensität der Lisa-Darstellerin Christina Niessen entgegen, sondern auch die Musik.

Wenn die Erinnerung einsetzt, senkt sich eine akustische Schranke: 41 Takte lang ertönt vom Vibrafon dieselbe Quinte. Sanft fast, aber unerbittlich. Genauso arbeitet auch die Regie. Niemand trägt hier Hakenkreuz, manche "Neuzugänge" kommen gar mit modernen Rollkoffern an, die männlichen SS-Leute sind eher Karikaturen – und doch wird das KZ nicht relativiert. Es gleicht vielmehr einem Bewusstseinsraum, in dem aus Opfern Menschen werden.

Da ist der herbe Stolz von Marta (der fantastischen Sopranistin Barbara Dobrzanska), die die Aufseherin Lisa so fasziniert, dass es an Liebe grenzt. Da ist der Stolz des Geigers, der dem Kommandanten nicht den gewünschten Walzer spielt, sondern mit Bachs Chaconne in den Tod geht. Unfassbar, welche Vielfalt von Renaissance bis Foxtrott Weinberg einsetzt, ohne die Identität seiner Musik zu gefährden. "Traurig und frei", wie die Komponistin Sofia Gubaidulina sagt, dringt sie in den Hörer ein. Unfassbar auch die Arroganz, mit der die westliche Avantgarde lange die Mittel diskreditierte, mit denen diese Musik arbeitet.