Neulich hat bei Anneliese Krause der Blitz eingeschlagen. Der Pflegedienst war gerade weg. Die Seniorin, 89 Jahre alt, saß im Wohnzimmer, als es auf dem Balkon plötzlich "knallte wie bei einem Feuerwerk". Der Strom fiel aus, die Leitung des Telefons war tot, selbst der Notfallknopf, den sie ums Handgelenk trägt, funktionierte nicht mehr. Frau Krause hockte in ihrer Zweizimmerwohnung wie eine Gefangene. Zum Glück kam an dem Vormittag Karin Wanke vorbei. Eine impulsive und drahtige Frau mit Prinz-Eisenherz-Frisur, 63 Jahre alt. Sie hat einen Schlüssel für die Wohnung und sorgt sich um Frau Krause. Sie öffnete die Tür und rief die Techniker an. Vor allem aber tröstete sie die alte Dame.

Karin Wanke ist Seniorenbegleiterin. Eine Tätigkeit, die es in Zukunft häufiger geben wird. Neben Pflegeheimen und ambulanten Pflegediensten stellen sich immer mehr Dienstleister auf den demografischen Wandel ein. Die mobile Fußpflege oder Friseure kommen nach Hause, es gibt private Besuchsdienste – vor allem aber suchen Hilfsorganisationen und Kommunen nach ehrenamtlichen Seniorenbegleitern. In Deutschland leben heute mehr als zwei Millionen Menschen über 80 Jahre allein. Die Mehrheit von ihnen sind Frauen. In dem Stadtteil Bremen-Hemelingen, wo Anneliese Krause wohnt, hat laut einer Studie jeder Dritte über 70 nie Kontakt zu Freunden; fast jeder Sechste seltener als einmal im Monat. Mit Hausbesuchen versuchen Menschen wie Karin Wanke, die Einsamkeit der Alten zu lindern.

"Manchmal spreche ich den ganzen Tag mit niemandem", sagt Anneliese Krause. Morgens kommt der Pflegedienst, zieht ihr die Kompressionsstrümpfe an, und mittags kommt das Essen auf Rädern. "Aber die sind ruck, zuck wieder weg." In ihrer Wohnung riecht es nach Teppichboden und Filterkaffee, auf den Tischen und Sesseln liegen Häkeldeckchen, und aus der braunen Schrankwand blicken die Enkel und Urenkel von den Fotos. Ihr ganzes Leben verbrachte sie in diesem Haus, einen Teil hat sie jetzt vermietet. Ihre Tochter starb sehr jung vor über 40 Jahren, zuvor schon der Ehemann. Die Familie ist klein. Ein Enkel wohnt in Köln, eine Enkelin in Bremen, aber die ist berufstätig und hat selbst Kinder. Da bleibt wenig Zeit für die Oma.

Karin Wanke gießt Kaffee in die geblümten Tassen und legt Anneliese Krause ihren Handrücken auf die Wange. "Schön warm", sagt die Seniorin. Sonst streichelt ihr selten jemand das Gesicht, nennt sie bei ihrem Vornamen oder besucht sie, nur um mit ihr zu plaudern. Seniorenbegleiter knüpfen da an, wo anderen Menschen die Zeit für Zuneigung fehlt. Wankes Terminkalender ist gefüllt mit Konzert- und Zoobesuchen, Bingo-Nachmittagen, Dampferfahrten, Shoppingtouren, Arzt- und Friseurterminen, Spaziergängen oder Kaffeekränzchen. Sie richtet sich nach den Wünschen der Senioren und begleitet sie überallhin. Aber meistens klingelt sie bei den älteren Menschen mit einer simplen Frage: Wie geht es Ihnen heute, oder wie kann ich helfen?

Wanke arbeitete jahrelang als Schwesternhelferin im Altenheim, bis sie arbeitslos wurde, verschiedene Hilfsjobs annahm und 2008 schließlich über das Arbeitsamt als Seniorenbegleiterin an das gerade entstandene und vom Bremer Senat geförderte Projekt "aufsuchende Altenarbeit-Hausbesuche" vermittelt wurde. Heute ist sie Frührentnerin und macht den Job ehrenamtlich für einen monatlichen Obolus von 125 Euro. "Ich brauche den Job", sagt sie, "weil ich was zu tun habe und viel Dankbarkeit erfahre."

Die Seniorenbetreuung wird immer wichtiger, weil die Gruppe der über 70- und 80-Jährigen wächst. Städte und Gemeinden haben erkannt, dass sie auf die Senioren zugehen müssen, damit diese nicht vereinsamen.

Karin Wanke dreht Anneliese Krause Lockenwickler ins Haar und deckt ihren Kopf mit einem Tuch ab: "Jetzt bist du wieder schick." Die Seniorin wird rot, als hätte ihr jemand etwas Unverschämtes zugeraunt. Sie sagt: "Wir haben ein freundschaftliches Verhältnis, so wie Mutter und Tochter." Seit fünf Jahren besucht Wanke sie jeden Dienstag und Freitag. Auch an den anderen Tagen macht Wanke ein bis zwei Besuche bei Seniorinnen. Für manche von ihnen ist Wankes Telefonnummer die erste, die sie in der Not wählen oder wenn sie Kummer haben.

Manchmal muss sich auch Karin Wanke diese Eindrücke von der Seele reden. Dafür geht sie zu den wöchentlichen Teamtreffen mit ihren rund 20 Kolleginnen und regelmäßig zur Supervision – einem Vier-Augen-Gespräch mit ihrer Chefin, die das Bremer Projekt vor fünf Jahren ins Leben gerufen hat. Bei ihr kann Wanke Sorgen loswerden, kürzlich ist eine ihrer Seniorinnen gestorben. "Das hat mich schon mitgenommen." Ihre Chefin spricht ihr wieder Mut zu und sagt ihr, dass sie "einen prima Job" macht.

Karin Wanke kennt die Probleme der Alten gut, die Not der Einsamkeit, sie weiß, wie es ist, wenn das eigene Heim zu einem Ort der Isolation oder sogar einer Gefahrenquelle wird. Das lernt sie in den monatlichen Weiterbildungen, der Bremer Senat zahlt dafür die Dozenten vom Evangelischen Bildungswerk. In einem Erste-Hilfe-Kurs lernte Wanke, was sie tun muss, wenn eine ihrer Seniorinnen Atemnot leidet. Sie zog sich Kleidung mit Gewichten an, um nachzuempfinden wie sich Arthrose anfühlt, oder setzte Brillen auf, die den grauen Star simulieren. Auch Kommunikationskurse sind dabei: Dort übt Wanke, sich aus den Gesprächen mit den Alten auch wieder zu lösen oder genau andersrum: den Einstieg. Manche wollen keine Hilfe – "es ist ihnen peinlich", sagt sie.

Manche Ältere verwahrlosen in ihrer Wohnung, weil sie sich nicht trauen, jemanden um etwas zu bitten, die Tür zu öffnen, es allein nicht mehr nach draußen schaffen. "Ich mag das nicht – jemanden belästigen", sagt auch Krause. Vorm Lockenwickeln, ihrem Ritual, sagt sie jedes Mal: "Nee, muss nich." – "Ich weiß", antwortet Wanke dann. Aber mittlerweile sagt Krause auch: "Karin könnte noch öfter kommen." Wanke hat immer einen Pack Infobroschüren von der Altenhilfe in ihrem Rucksack. Sie und ihre Kolleginnen schieben sie durch Türschlitze, klingeln an Haustüren oder rufen an, um die Senioren ins gesellschaftliche Leben zurückzuholen.

Anneliese Krause hat sich jetzt auf dem Sofa hingelegt, um sich etwas auszuruhen. Karin Wanke sagt: "Meine größte Angst ist, dass ihr was passiert." – "Meine größte Sorge", sagt Anneliese Krause, "ist, dass ich ins Heim muss."