Spitzenkoch Tim Raue : Soupe populaire

Der Sternekoch Tim Raue hat in Berlin ein neues Restaurant eröffnet. Im Soupe populaire in Prenzlauer Berg betreibt er den Kult des Unterstatements.

Gentrifizierung ist ja ein großes Thema in Berlin. Lange zerbrach man sich den Kopf über die dauerhafte Pauperisierung der Stadt. Dann plötzlich, wie über Nacht, war nur noch von Verbürgerlichung die Rede, vom neuen Yuppie-Berlin. Wo immer man sich in diesem Diskurs ideologisch positionieren möchte, die gute Nachricht für alle lautet: Alles ändert sich, und zwar schneller, als man glaubt.

Das kann man nirgends besser ablesen als an Berlins Gastro-Szene. "Östlich der Elbe beginnt die asiatische Steppe", soll Adenauer gesagt haben, und kulinarisch traf das auf Berlin, die Stadt des Proletkults, zu. Doch die letzten Jahre haben die Stadt komplett auf den Kopf gestellt. Es schneit nur so Michelin-Sterne, und von Mitte bis Kreuzberg wird mit einem Ernst, was die Produktqualität angeht, und einer Lässigkeit, was das Ambiente betrifft, gekocht, dass es eine Freude ist.

Keiner verkörpert dieses neue Berlin so gut wie Tim Raue. Er kommt selber noch aus dem alten Currywurst-Berlin, gehörte zu den schweren Jungs der 36 Boys, ehe er in die Spitzengastronomie aufbrach. Jetzt hat er neben seinem Zwei-Sterne-Restaurant in Kreuzberg einen Laden in der Bötzow-Brauerei in Prenzlauer Berg eröffnet. Die Location wirkt schon fast wie eine Berlin-Parodie: Alte Industrie-Architektur, so saniert, dass sie roh und rau wirkt. Eingang über die Laderampe, zerschrundene Wände, viel Stahl, ein bisschen Rost, altes, wie zufällig vom Sperrmüll zusammengesammeltes Mobiliar und schlechte Kunst an den Wänden. Aber dann: Tim Raues intellektuell präzise Küche, die sinnlich ist, ohne sich in Schnörkel oder Angebereien zu verlieren.

Soupe populaire nennt er das Restaurant. Ein Begriff, über dessen Relativität man zwischen den Gängen durchaus ins Grübeln kommt. Alles wird in einer Schale serviert, da ist kein Raum für Schäumchen oder Food-Design, die Schale aber ist von KPM. Raues "Volksküche" (Königsberger Klopse! Ein dekonstruierter Bienenstich!) betreibt einen Kult des Understatements, der von Koketterie kaum mehr zu unterscheiden ist. Wer wissen will, wie sich Berlin im Jahr 2013 anfühlt, der gehe ins Soupe populaire.

Kommentare

29 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Fehlkalkulation

-> "Großzügig gerechnet hat man da ja gerade mal 3-4€ auf dem Teller. "<-

Das ist die Art von Kalkulation, die in der Gastronomie einfach nicht funktioniert.

Sie müssen mal darüber nachdenken, welche Kosten mit dem, was "auf'm Teller" ist, abgedeckt werden müssen.

Pacht, Personal, Strom, Telefon, Steuer, Ausstattung....um nur nur einige zu nennen.

Wer nicht bereit ist, das zu zahlen, soll eben zu Hause essen - oder in der XXL-Schnitzel-Gastronomie.

Der neue Laden vom Raue ist mit Sicherheit Geschmackssache - wie so vieles - aber ich denke mal, was bei ihm auf dem Teller landet, ist selten qualitativ minderwertig.

Ja, bei meiner Oma stand nie Sperrmüll rum...

"Da gibt es in Zubereitung und dem Drumherum durchaus Unterschiede, aber was soll's."

Nun:
"Alles wird in einer Schale serviert, da ist kein Raum für Schäumchen oder Food-Design"

Das Essen wird unterschiedslos im KPM-Napf serviert und das Drumherum ist vom Sperrmüll. Wahrscheinlich fänden die Leute es auch noch total angesagtes "Understatement", wenn er den Laden im Winter nicht beheizen würde.

"Nun ja. Es aber auch legitim, am eigenen Laden zu verdienen."

Ja. Machen die anderen auch. Dazu muss man aber keine 16€ für nen Blumenkohl verlangen...

Egal...einerlei...sollen die Leute doch hingehen. Denn letzten Endes gönnt man die Kohle Herrn Raue sowieso eher als seinen begeisterten Kunden. Musikempfehlung dazu: http://youtu.be/RAx0P-8n5K4

Legitim

"Es aber auch legitim, am eigenen Laden zu verdienen."

Natürlich ist es legitim, am eigenen Laden zu verdienen. Aber es ist genauso legitim, festzuhalten, dass ein Blumenkohl ein Blumenkohl ist und es nicht zur betriebswirtschaftlichen Erfordernis gehört, dafür 16 Euro zu verlangen!

Das Raue das probiert, weil er den Namen hat und es in Berlin möglicherweise genug Bekloppte gibt, die das mitmachen, steht ja auf einem ganz anderen Blatt!

Mit stößt dabei etwas ganz anderes auf: Ein gutes, ggf. Sternerestaurant hat weit mehr Aufwand zu betreiben und echte Mühe, die Kosten reinzubekommen. Das wird oft genug nicht gewürdigt. Und hier sind die Leute bereit zu zahlen nur wegen Hype.

Natürlich gehört das zum freien Markt. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob Raue dem Branchenzweig gute Gastronomie mit solch überzogenen Preisen einen Gefallen tut.

Die Leute sind wegen Hype offenbar bereit, 16 Euro für einen Blumenkohl zu zahlen, aber nicht 36 für einen fairen Saibling.