SchulessenMatschige Möhren in der Mensa

Das Essen in vielen Schulen schmeckt den Kindern nicht. Von den Ländern festgelegte Höchstpreise machen es aber unmöglich, hochwertigere und abwechslungsreiche Gerichte anzubieten von 

Warm soll das Hauptgericht sein, mit regionalem, saisonalem Gemüse, frischen Kräutern und ohne Formfleisch. Dazu frisches Obst und ein Glas Wasser mit maximal einem Drittel Fruchtsaft. Und das Ganze darf höchstens zwei Euro kosten. So soll die gastronomische Versorgung an Berliner Schulen aussehen. Auf dem Papier.

Auf dem Teller landen dann nicht selten halb durchgegarte Hähnchenkeulen mit Kartoffelpüree und matschigen Möhren. Gute Qualität, nahrhaft und wohlschmeckend für einen Discountpreis zu liefern – das ist nahezu unmöglich. Die Anforderungen an das Schulessen sind hoch in Deutschland, so hoch, dass es kaum ein Anbieter schafft, alle Qualitätsempfehlungen umzusetzen. Volker Peinelt, Ernährungswissenschaftler an der Hochschule Niederrhein, hat für eine Studie fünf Jahre lang 200 Schulmensen untersucht. Das Ergebnis: Neun von zehn Mensen weisen Mängel auf. Das Essen sei entweder ungesund, verkocht oder unhygienisch zubereitet. "Häufig kommt mangelhaftes Essen auf den Teller der Kinder", sagt der Experte für Lebensmittelhygiene.

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Denn die Kommunen, die über die Vergabe der Schulverpflegung entscheiden, drücken den Preis. Bei Ausschreibungen erhält immer der günstigste Anbieter den Zuschlag. In Thüringen zum Beispiel darf ein Essen nicht mehr als 1,90 Euro kosten. Ernährungswissenschaftler haben ausgerechnet, dass bei einer Mahlzeit, die zwei Euro kostet, nur 60 Cent für die Lebensmittel ausgegeben werden können.

Ein "Teufelskreis" sei das für Catering-Unternehmen, sagt Georg Koscielny. Der Ernährungssoziologe hat an der Hochschule Fulda das Wissenschaftliche Zentrum für Catering, Management und Kulinaristik gegründet. "Das Essen soll möglichst ausgewogen sein, darf aber nur sehr wenig kosten." Eltern fordern gern ein qualitativ hochwertiges Speisenangebot, gern auch Bio, wollen dafür aber nicht entsprechend zahlen. Und die Schüler? Die wollen nicht nur satt werden, sondern abwechslungsreiche, kindgerechte Menüs essen. Das alles kann ein Caterer für zwei Euro aber nicht bieten. Wenn es den Schülern jedoch nicht schmeckt, gehen sie zum Imbiss, und die Mensa bleibt leer. Und wenn die Mengen sinken, erhöht das den Kostendruck weiter.

Trotz dieser Widrigkeiten ist das Schulessen in Deutschland ein wachsender Markt. Durch den massiven Ausbau von Schulen zu Ganztagseinrichtungen und die Umstellung auf das achtjährige Gymnasium steigt die Zahl der Schüler, die bis nachmittags unterrichtet oder betreut werden und mittags verpflegt werden müssen. Für Caterer ist das ein riesiges Geschäft: 151 Millionen Euro Umsatz machte die Branche im vergangenen Jahr. Mehr als die Hälfte davon, 77,5 Millionen Euro, erzielte der deutsche Ableger des französischen Konzerns Sodexo.

Für zwei Euro ein Mittagessen kochen – das geht nur über Masse

Vor einem halben Jahr geriet das Unternehmen in die Schlagzeilen. Mehr als 11.000 Schüler erkrankten im Osten Deutschlands an Brechdurchfall. Die meisten von ihnen hatten zuvor in ihrer Schulkantine ein Mittagessen von Sodexo gegessen. Durch einen Zulieferer waren tiefgefrorene, wie sich später herausstellte, verdorbene Erdbeeren aus China in den Nachtisch gelangt. Die Zusammenarbeit mit dem Lieferanten sei beendet worden, sagt Dieter Gitzen, Vorstandsmitglied bei Sodexo für den Bereich Schulen und Unis. "Jetzt überprüfen wir nicht mehr nur die Lieferanten, sondern auch die Hersteller."

Geblieben ist die Diskussion über die Qualität des Essens. Die Branche steht unter Druck. Vor allem der Marktführer Sodexo gerät immer wieder in die Kritik. Die Mahlzeiten würden häufig über weite Wege angeliefert oder in den Kantinen über Stunden warm gehalten. Wenn sie dann ausgegeben würden, seien sie lauwarm, total verkocht und geschmacklos, lauten weitverbreitete Klagen von Schülern und Eltern.

Auch die 14-jährige Antonia stochert lustlos in ihrem Jägergulasch. "Ich esse einfach nicht gern hier", sagt sie. Nur gebe es auf dem weitläufigen Gelände ihrer Schule, der Sportschule Potsdam, keine andere Möglichkeit. Der Geschmack der Speisen sei mäßig, sagt die Neuntklässlerin, aber das ist nicht das Hauptproblem. "Ich muss schon Wochen vorher Bescheid geben, was ich an welchem Tag essen möchte. Daran muss ich mich halten, auch wenn ich an dem Tag dann gar keinen Appetit darauf habe."

Dabei bietet die Mensa vieles, wovon viele Schüler in Deutschland nur träumen können: Fünf Hauptgerichte stehen hier zur Auswahl, sonst sind es oft nur zwei – vegetarisch und mit Fleisch. Sodexo beliefert die Schule und kann ein solches Angebot nur machen, weil das Essen direkt vor Ort frisch zubereitet und nicht, wie bei der Versorgung anderer Schulen, vorher mehrere Stunden durch die Gegend gefahren wird. Drei Euro kostet das Essen in der Mensa der Sportschule.

200.000 Hauptmahlzeiten täglich stellt Sodexo nach eigenen Angaben für deutsche Schulen her. Nur wegen der Masse sei es möglich, auch Mahlzeiten für zwei Euro zu produzieren, sagt Vorstand Gitzen. "Das können wir sonst nicht kostendeckend anbieten, das schaffen wir nur über Quersubventionierungen."

Oft geht es in der Schulverpflegung nur ums Sattwerden, das Ernährungsverhalten der Kinder wird mit lieblosem Standardessen nicht nachhaltig verbessert. Die umfassendste Untersuchung zur Akzeptanz des Schulessens hat der Lebensmittelkonzern Nestlé im Jahr 2010 in Auftrag gegeben. Für die Studie So is(s)t Schule wurden 750 Ganztagsschüler und 750 Eltern befragt. Nur gut ein Drittel der Schüler würde täglich in der Mensa speisen, steht darin. Wenn sie überhaupt kommen, wählten sie meist ein Gericht mit Fleisch und Nudeln, Obst hingegen selten. Die Ernährungswissenschaftlerin Ulrike Arens-Azevêdo von der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften hat die Studie begleitet. "Die Schulen sind ein wichtiger Ort, um Einfluss auf das Ernährungsverhalten von Kindern und Jugendlichen zu nehmen", sagt sie. Denn: Wer als Schüler lernt, was gut für den Körper ist, verliert diese Essgewohnheiten später hoffentlich nicht völlig. Schon jetzt sind 15 Prozent der Jugendlichen übergewichtig.

Leserkommentare
    • H.v.T.
    • 31. Mai 2013 7:01 Uhr

    "Immerhin: Der Berliner Senat hat gerade ein Gesetz beschlossen, nachdem die Schulverpflegung von August an verbessert werden soll. Dann wird es Mahlzeiten für 3,25 Euro geben."
    ----

    Von derzeit 23,-€ auf dann 37,-€; fast 60% Erhöhung.

    http://www.rbb-online.de/...

    Mal sehen, welche Eltern sich das leisten können.

    Dann essen `Luise & Maximilian´ köstlich, und andere darben.

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    • H.v.T.
    • 31. Mai 2013 7:05 Uhr

    "Von derzeit 23,-€ auf dann 37,-€; fast 60% Erhöhung." Monatlicher Beitrag, versteht sich.

    was in unserem Staat falsch läuft.

    Anstatt das Schulessen gleich komplett kostenlos anzubieten, schafft man Beitragssätze, die man über bürokratische Wege reduzieren kann. Zum Schluss kostet dann die Bürokratie mehr als das ganze Essen.

    • hg2000
    • 31. Mai 2013 10:05 Uhr

    "Mal sehen, welche Eltern sich das leisten können."

    Ich würde tippen, mindestens ca. 93% aller Eltern (derzeit 6,9% Arbeitslosenquote). Und für die Kinder, deren Eltern es sich nicht leisten können, gibt es dann eben Essensmarken vom Staat. Aber dann schreien alle wieder "Diskriminierung!". Also bleibt es bei der 2 Euro Pampe für alle. Ist wahrscheinlich schon mal ein guter Vorgeschmack auf die goldenen Zeiten des Sozialismus.

    "Köstlich" lässt sich auch nicht für 3,25 Euro essen. Man muss sich nur die Uni-Mensen anschauen. Sobald jemand vor Ort als Monopolist auftritt, leidet die Qualität. Aber wir glauben ja immer, der Staat könnte am besten für unsere Kinder sorgen: Mit einer Einheitsganztagsschule, einem Einheitsessen, einer Einheitskrankenkasse etc.

    Es gibt freilich Fälle, in denen es nicht anders geht. Dann muss der Staat eben 1 oder 2 Euro subventionieren.

    39 euro im monat kann sich jeder leisten
    [...]
    dafür können die eltern von lusie und maximilian nix

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf pauschalisierende Polemik. Danke, die Redaktion/sam

  1. Sozialismus ist, wenn es allen gleich schlecht geht.

    8 Leserempfehlungen
    • H.v.T.
    • 31. Mai 2013 7:05 Uhr

    "Von derzeit 23,-€ auf dann 37,-€; fast 60% Erhöhung." Monatlicher Beitrag, versteht sich.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Aus dem Artikel"
    • Atan
    • 31. Mai 2013 7:12 Uhr

    dass ein Kind nur zwischen 2,55 und 3,45 EUR an Lebensmitteln pro Tag benötigt, obwohl selbst Ernährungswissenschaftler sagen, dass sei zu wenig für gesundes Essen.
    So hoch sind jedenfalls die Hartz 4 Sätze, und nicht alle Städte gewähren Ermäßigung auf das Schulessen. Ich fände es fatal, wenn die Preise in den Schulkantinen so hoch wären, dass ein Teil der Kinder ausgeschlossen wäre.

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    • H.v.T.
    • 31. Mai 2013 7:42 Uhr

    Der Landesrechnungshof Berlin kommt auf zu hoch bezahlte Lehrer bei Einstellung; 24 Millionen/Jahr zuviel.

    http://www.morgenpost.de/...

    Wie wär es, man investierte einen Gutteil dieser Überbezahlung in eine kostenfreie Schulspeisung ?

    Aber man soll ja nicht Äpfel mit Apfelsinen vergleichen. :)

    • Rhyz
    • 31. Mai 2013 20:38 Uhr

    Denn die 2,55 -3,45 Euro sind ja beim Hartz-4 Satz tatsächlich die reinen Materialkosten. Bei den Schulessen von 2 Euro werden aber laut Artikel nur 60 Cent für Materialkosten, also Nahrungsmittel, ausgegeben. Also ist der Staat der Meinung, eigentlich bräuchte ein Kind das 4-9fache des Geldes, um gesunde Nahrungsmittel zu kriegen.

    Der Großteil der 2 Euro geht ja für die restlichen Kosten drauf, also Logistik, Personalkosten, Strom, etc. pp. Das sind aber die Dinge, die du als normale Person, die daheim kocht, halt selbst aufbringst. Normalerweise indem du halt mehr Zeit brauchst. Die bezahlt einem dann halt keiner.

  2. dafür, wie wenig nachhaltig unser System ist.

    Wer hochqualifizierte Arbeitnehmer haben will, der muss auch etwas in seine Kinder investieren und ein gesundes Schulessen für alle sollte doch möglich sein.

    Gemäß dem 15ten Sozialbericht der Bundesregierung geben wir für Familienförderung 100 Milliarden Euro jährlich aus. Da sollte es doch möglich sein, dies so umzugestalten, das es bei den Kindern ankommt und nicht irgendwo versackt.

    8 Leserempfehlungen
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    dann "meckern" aber wieder die Hilfsköche, die dann nichts mehr zum Leben haben. Also doppelt erhöhen, einmal für die Kinder und einmal für die Angestellten und Gewerkschaften!
    Und einmal für die Energie, die soll ja der Umwelt zu liebe auch teurer werden.
    Macht dann dreimal erhöhen, als 100 Euro.
    Ist doch fair.? Und für die Besserverdienenden , über 50.000 Gesamtbrutto p.a. gleich noch einen obendrauf, dann sind auch die Grünen zu frieden.

    Nur schmecken dann die Rüben nicht besser, weil der Bauer einfach den Preis erhöht hat.
    "Scheiß" Zwickmühle.

    von gutem Essen wird niemand hochqualifiziert.Das wäre ja wie Magie. Mein Vater hat in den Nachkriegsjahren ziemlich gehungert und es trotzdem zum Lehrstuhlinhaber an der Universität in einem MINTfach gebracht.
    Ich hab immer gut gegegessen, aber mit dem Gedächtnis war es nicht so weit her..

    • H.v.T.
    • 31. Mai 2013 7:42 Uhr
    6. @ Atan

    Der Landesrechnungshof Berlin kommt auf zu hoch bezahlte Lehrer bei Einstellung; 24 Millionen/Jahr zuviel.

    http://www.morgenpost.de/...

    Wie wär es, man investierte einen Gutteil dieser Überbezahlung in eine kostenfreie Schulspeisung ?

    Aber man soll ja nicht Äpfel mit Apfelsinen vergleichen. :)

    4 Leserempfehlungen
    • karoo
    • 31. Mai 2013 7:45 Uhr

    Bevor ich den Kindern matschiges oder unhygienisches Schulessen zumute, gebe ich ihnen lieber belegte Brote, Käsestückchen, Rohkost, Nüsse und Obst mit. Man kann auch abends warm essen, wenn man schon unbedingt als Kind 8 Stunden täglich gemeinsam mit 600 Kindern in einem Gebäude verbringen muss.

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    "Bevor ich den Kindern matschiges oder unhygienisches Schulessen zumute, gebe ich ihnen lieber belegte Brote, Käsestückchen, Rohkost, Nüsse und Obst mit."

    Ich dachte auch, das sei eine Alternative. Aber die Schule bietet keine Möglichkeit, selbst mitgebrachtes unbehelligt im Sitzen zu verzehren.

  3. 8. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/mak

    18 Leserempfehlungen
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    Was ist denn überhaupt eine intakte Familie?
    Gerade bei älteren Kindern kann es doch gut sein, dass die Eltern beide arbeiten gehen, was ihnen ja auch niemand verdenken soll. Da sind dann die Mensen in den Schulen ein richtiger Ansatz, wenn auch die Umsetzung grauenhaft ist.

    Generell ist nicht alles schlecht, nur weil es anders ist als früher.

    • hg2000
    • 31. Mai 2013 12:22 Uhr

    dass die 1950er Jahre schon vorbei sind, nicht wahr?

    Was ist mit den Kindern ohne intakten Müttern und Vätern? Sollen die besser gar nicht essen?

    Eltern sollen ihre Kinder versorgen, nicht Schulen (außer sie sind darauf spezialisiert wie Internate).
    Gibt es keine Schulhöfe mehr auf denen man seinen Apfel essen kann?
    Oder Tische auf denen man sein Pausenbrot ablegt?
    Wie machen es denn die Erwachsenen in Unternehmen bei denen es keine Kantine gibt?
    Außerdem seit wann ist der Geschmackseindruck der Kinder relevant in der Frage was gutes Essen ist und was nicht?
    Wenn es danach gehen sollte würde McD die Kantinen ausstatten...
    Vielleicht kochen Eltern heute weniger oder führen Kinder nur noch an Fast Food oder TK Kost heran, so dass diese eine "matschige Möhrensuppe" gar nicht mehr zu schätzen wissen oder überhaupt kennen.

    Aber was vor allem ist denn ein hochwertiges Gericht?
    Was wird erwartet und zu welchem Preis?
    Ist dass denn in der Masse realisierbar?
    Können sich das auch alle Eltern leisten, oder hungern dann vielleicht sozial schwächere Kinder?

    Und meine letzte Frage ist, ist denn der Staat mal wieder dafür verantwortlich dass Kinder eine vernünftige Ernährung erhalten oder sind es die Eltern die entschieden haben ein Kind in unsere Welt zu setzen?

    Ich habe den Eindruck, dass es immer sehr schön bequem ist alle Probleme (hier finanzieller Natur) auf den Staat zu schieben und nie bei sich selbst zu suchen.

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