Ein kollektives Jaulen erschütterte die Schweizer Blättli, Heftli und Leutschenbächler, als es Nik Hartmanns Hund Jabba den Magen umdrehte und er das Zeitliche segnete. Nebst dem Hund ging dem Schweizer Fernsehen auch ein gutes Stück Markeninhalt der beliebtesten Schweizer Marsch-Sendung verloren, sorgte doch der treue Begleiter nicht nur für den unabdingbaren "Jöh, wie herzig"-Faktor, sondern auch für regelmäßige 40 Prozent Marktanteil.

Der Erfolg der treuen Wanderfreunde hat Leutschenbach dazu bewogen, das gesamte Programm einer gnadenlosen Folklorisierung zu unterziehen. Der Sendekübel SRF bi de Lüt wurde mit Landfrauen, Töfflibueben, Berggängern, Wunderland, Stadtoriginalen und einem ganzen Dorf vollgestopft. Schweiz Aktuell schickte Protagonisten zuerst in die Steinzeit, dann in die Gotthardfestung und jetzt auf die Alp. Und auch in Sachen Volksmusik wurden neben dem Grand Prix und den Stadln mit der Alpenrose und dem Alpenrösli neue Casting-Formate für Tracht, Treicheln und Hackbrett ins Leben gerufen. Kurz und gut: Die Volkstümelei auf der Schweizer Mattscheibe dürfte um gefühlte 200 Prozent zugenommen haben, auch wenn dies die SRF-Medienstelle so nicht teilt: "Livesendungen aus der Unterhaltung mit eher ruralen Inhalten wie zum Beispiel Donnschtig-Jass oder Alperose steht die Castingshow The Voice of Switzerland gegenüber, wo die Herkunft der Kandidatinnen und Kandidaten keine wesentliche Rolle spielt."

Die geradezu grotesk anmutende Antwort zeugt von einer doch recht fortgeschrittenen Erblindung auf dem folkloristischen Auge des Schweizer Fernsehens. Dass es so weit kam, dafür seien an dieser Stelle zwei Gründe herausgehoben: die politischen Botschaften der SVP sowie Albrecht von Hallers Monumentalgedicht Die Alpen von 1729.

Mit dem Gewinn der EWR-Abstimmung 1993 und dem damit initialisierten Aufstieg der SVP setzte eine Wertewende in der Schweiz ein. Anstelle von Offenheit und Internationalität besetzten nach und nach die von der SVP propagierte Angst und der damit einhergehende Isolationismus die vorderen Plätze der eidgenössischen Sorgenskala. Waren auf dem Sorgenbarometer die Stichworte "Ausländer/-innen" und "EU/Integration" 2004 noch weit abgeschlagen auf den beiden letzten Plätzen zu finden, hat sie das propagandistische Dauerfeuer der SVP auf die Plätze zwei (Ausländer/-innen) und sechs (EU/Integration) hochgetrieben (2012). Es lässt sich eine schleichende Rückführung zur Sonderfall- und Réduitmentalität der Weltkriegszeit feststellen. Mit dem einzigen Unterschied, dass der Feind nicht mehr Nazideutschland und seine Verbündeten sind, sondern an der Weltfront die UN, an der Grenzfront die EU und an der Heimatfront die Ausländer.

Um diesen Kampf zu gewinnen, beschwört der Pfarrerssohn Blocher gebetsmühlenhaft die Schweiz als beste aller Welten. Nebst der direkten Demokratie, der freiheitlichen Kultur – die der Philosoph Karl Popper notabene direkt aus den Schweizer Alpen abzuleiten versuchte –, natürlich nebst den Bergen, den Seen, den gschaffigin und gäbigin Lüüt, zementierte der Albisgüetli-Houdini bar jeglicher historischer Wirklichkeit auch noch gleich die Schweizer Urmythen Tell, Winkelried, Rütlischwur zum kreationistischen Glaubensfundament der Schweiz. "Es gibt eine Wahrheit, die steht über der Realität", behauptete er 2010 im NZZ-Folio .

Dieser Satz beschreibt das Kerngeschäft jeder TV-Anstalt. Und folgerichtig legten die Leutschenbächler ihr Glaubensbekenntnis nach den Nationalratswahlen 2007, die der SVP historische 28,9 Prozent bescherten, ab und überzogen die Schweizer Fernsehschirme mehr und mehr mit der Wahrheit von Chuelis, Sennekuttelis und Schabziger, die über der Realität der städtischen und veragglomeratisierten Schweiz steht.

Das Bildprogramm dazu lieferte Albrecht von Hallers Die Alpen, ein episches Gedicht in 49 Strophen von je 10 Alexandrinern, das das Bild der Schweizer Bergwelt seit bald 300 Jahren national wie international geprägt hat und weiterhin prägt.