Ulrich Schneider (links) und Christian Lindner im Büro der ZEIT in Berlin

DIE ZEIT: Herr Lindner, geht es in Deutschland ungerecht zu?

Christian Lindner: Viele haben am Arbeitsmarkt neue Chancen erhalten. Seit einigen Jahren nimmt die Ungleichheit der Einkommen in Deutschland nicht mehr zu. Umfragen zeigen, dass für viele nicht Ungleichheit das Kernproblem ist, sondern mangelnde Chancengerechtigkeit. Wenn der Eindruck entsteht, dass man sich mit Fleiß keinen Aufstieg erarbeiten kann, ist das unfair. Und wenn ein Zehntel eines jeden Jahrgangs ohne Ausbildungsreife in den Arbeitsmarkt eintritt, dann verfestigt sich Ungleichheit über die Generationen. Weil zu oft immer noch die Herkunft darüber entscheidet, welchen Platz man in der Gesellschaft einnimmt, ist Bildung die Schlüsselaufgabe.

Ulrich Schneider: Zunächst mal: Die Behauptung, die Schere bei den Einkommen ginge nicht mehr auseinander, stimmt nicht. Das zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes.

Lindner: Aber alle Untersuchungen der Wirtschaftsforschungsinstitute belegen: Die Ungleichheit ist seit 2006 nicht mehr gestiegen.

ZEIT: Auch die Industrieländerorganisation OECD hat gerade festgestellt, die Ungleichheit sei hierzulande nicht mehr gewachsen.

Schneider: Ja, das stimmt für 2010. Aber im Jahr 2011 hat sich das geändert. Und für dieses Jahr hat bisher nur das Statistische Bundesamt Zahlen. Nach denen ist die Ungleichheit wieder gestiegen. Außerdem hat der Anteil der Menschen, die unter Einkommensarmut leiden, erstmals seit der Wiedervereinigung die 15-Prozent-Marke übersprungen. So sind die Fakten.

Lindner: Moment. Es geht hier um die sogenannte relative Armut. Danach gilt als arm, wer weniger als einen bestimmten Prozentsatz des mittleren Einkommens hat. Wenn aber zum Beispiel die Tariflöhne der Metaller um 5,6 Prozent steigen, die Inflation niedrig bleibt und deshalb die Hartz-IV-Leistungen kaum angehoben werden, dann werden Unterschiede statistisch größer – obwohl sich die Lebenssituation der Hilfsempfänger überhaupt nicht verschlechtert hat.

Schneider: Aber Herr Lindner, Sie müssen doch zur Kenntnis nehmen, dass in Umfragen über 75 Prozent der Menschen sagen: In Deutschland geht es ungerecht zu! Das kann man doch nicht einfach wegdefinieren. Über drei Viertel der Befragten meinen außerdem, dass wir höhere Einkommens- und Vermögenssteuern brauchen.

Lindner: Wenn man die Folgen beschreibt, ändern sich Umfragen.

ZEIT: Warum brauchen wir höhere Steuern? Die Einnahmen des Staates liegen auf Rekordhöhe.

Schneider: Was heißt hier Rekordhöhe? Nach Abzug der Inflation liegen die Einnahmen heute nur knapp über denen von 2008, also dem Jahr vor der Krise. Und warum wir mehr Steuereinnahmen brauchen? Weil wir zum Beispiel im Bereich der Pflege einen zusätzlichen Bedarf von fünf bis sechs Milliarden Euro haben. Das knappe Finanzkorsett erlaubt den Einrichtungen derzeit gerade einmal eine Stunde direkte Zuwendung pro Pflegebedürftigen pro Tag. Hinzu kommt, dass uns künftig etwa eine halbe Million Pflegekräfte fehlen werden, die kosten Geld. Oder die 400.000 Langzeitarbeitslosen, die kaum noch vermittelbar sind: Wenn man für die eine öffentlich geförderte Beschäftigung will, dann kostet das fünf bis sechs Milliarden. Oder das Thema Bildung: Die Kommunen brauchen rund 20 Milliarden alleine für den Schul- und Kindergartenbau. Wollen Sie noch mehr Beispiele?

Lindner: Das Geld muss aber erwirtschaftet werden. Wenn wir unsere Konjunktur und unsere mittelständisch geprägte Wirtschaft beschädigen, hilft das denen, die auf unsere Solidarität angewiesen sind, überhaupt nicht. Der Staat wird den Prognosen zufolge bis 2017 rund 100 Milliarden mehr einnehmen – ohne Steuererhöhung. Wir haben in Deutschland bereits eine Umverteilung par excellence. 50 Prozent der Einkommenssteuerzahler erbringen 95 Prozent des Aufkommens. Diese 50 Prozent sind qualifizierte Menschen – nicht arm, aber auch kein Jetset. Und Ihre Steuererhöhungen treffen unsere Familienunternehmen. Die haben auch ein Recht auf Fairness, also ihre Belastungsgrenzen anzuerkennen. Steuererhöhungen kosten Investitionen und Arbeitsplätze – am Ende hat der Staat weniger Einnahmen.