Draußen strahlt die Frühlingssonne über Orlando, Florida. Familien sind auf dem Weg zu Disney World. Der Film, der im dämmrigen Konferenzsaal des Marriott-Hotels läuft, wirkt, als ob er aus dem Disney-Reich stammen könnte. Da kurven schnittige Designerautos ohne Fahrer durchs Bild. Sprechende Spiegel fungieren als persönliche Cyber-Butler, intelligente Anzüge prüfen den Gesundheitszustand, und ein 3-D-Drucker spuckt ein synthetisches Ersatzherz aus. Doch die Zuschauer sind keine Science-Fiction-Fans, sondern Firmenvertreter. Es ist die Jahrestagung der Robotics Industry Association, des Verbands der US-Robotikindustrie. Jeff Burnstein, der Vorsitzende, hat enorme Fortschritte zu melden. Mehr Teilnehmer als je zuvor sind gekommen. Noch besser: Das vergangene Jahr war das beste, das die Branche bisher verzeichnet hat. 225.000 Roboter sind inzwischen in der US-Industrie im Einsatz – nur in Japan sind es mehr. Und die Aussichten sind rosig: Nach Schätzungen des Robotikverbandes setzen erst zehn Prozent aller US-Unternehmen, die potenziell Roboter verwenden könnten, diese auch ein. Der Einmarsch der Roboter in die Fabriken sei nicht nur gut für die Robotikverkäufer, sondern für das ganze Land, behauptet Burnstein: "Roboter helfen, die Industrieproduktion wieder in die USA zurückzuholen."

Dank der Automatisierung würde man bei den Fertigungskosten wieder wettbewerbsfähig. Und die wichtigste Botschaft: Damit kämen auch Jobs wieder nach Amerika zurück. Als prominentestes Beispiel für diesen Trend weisen die Robotikvertreter gern auf Apple hin. Apple plant, Mac-Computer zum Teil wieder in den USA herzustellen. Und angeblich soll auch Google Glass, die neuartige Datenbrille der Suchmaschine, im Silicon Valley produziert werden.

Die Rückkehr der Tech-Giganten ist nach langer Zeit eine gute Nachricht für die US-Industrieproduktion. Der Wirtschaftssektor wurde in den Medien schon totgesagt. Amerikas Mittelschicht verdankt ihren Wohlstand vor allem gut bezahlten Jobs in der Industrie. Autohersteller wie General Motors und Ford ermöglichten es ihren Arbeitern nicht nur, ein Eigenheim zu erwerben, sondern sicherten ihnen auch großzügige Sozialleistungen zu. In den Nachkriegsjahren war fast die Hälfte der Erwerbstätigen in der Produktion tätig. Doch seither geht es bergab. Über Jahrzehnte verlagerten US-Konzerne ihre Fertigung ins Ausland. Ganze Branchen verschwanden. Nur noch neun Prozent Erwerbstätige arbeiten heute in der Fabrik.

Lange haben Ökonomen und Politiker in dem Schwund von "made in USA" keine Gefahr gesehen. Die US-Wirtschaft würde durch Know-how und Innovationen wettbewerbsfähig bleiben, die Produktionsjobs seien verzichtbar, so die gängige Meinung. Doch nach der Finanzkrise 2008 erreichte der Stellenabbau in der Industrie dramatische Ausmaße. Allein zwischen Dezember 2007 bis Juni 2009 wurden zwei Millionen Arbeitsplätze im produzierenden Gewerbe vernichtet, jede siebte Stelle. Der Schock infolge der massiven Jobverluste und der anhaltenden Arbeitslosigkeit hat die Debatte im Land verändert. Inzwischen lässt Präsident Obama keine Gelegenheit aus, die Bedeutung einer Renaissance der US-Industrie zu betonen.

Eine Bedingung dafür ist eine weitgehende Automatisierung. Apple ist ein gutes Beispiel für das Umdenken in den Chefetagen. Bisher setzte das Unternehmen vorwiegend auf Zulieferer wie Foxconn, die ein Heer von Arbeitskräften in Billiglohnländern beschäftigen. Doch bei der Produktion des MacBooks kommen inzwischen überwiegend Roboter zum Einsatz. "Das garantiert eine Präzision, die bisher in diesem Bereich nicht möglich war", schwärmt Jonathan Ive, Apple-Designchef, in einem hauseigenen Video. Roboter dürften auch in dem geplanten MacMini-Werk den Hauptteil der Arbeiten übernehmen. Im Jahr 2004 riet die Unternehmensberatung Boston Consulting Unternehmen noch, ihre Produktion ins billigere Ausland zu verlagern – je schneller, desto besser. Doch jetzt empfiehlt Boston-Consulting-Berater Hal Sirkin seinen Kunden die USA als Standort. Der Rückgang bei Löhnen und Gehältern sowie niedrige Energiepreise spielen dabei eine Rolle – und die Roboter. Die Kosten für Roboter und Maschinen seien dramatisch gefallen, sagt Sirkin. Erschwingliche Roboter versetzten etwa Fabrikanten in die Lage, wieder Möbel "made in USA" anzubieten.

Drew Greenblatt blättert in einem vergilbten Notizbuch mit handschriftlichen Aufzeichnungen. "Das war das ganze Know-how, als ich die Firma vor fünfzehn Jahren übernommen habe", sagt er. Greenblatt ist Chef von Marlin Steel in der Hafenstadt Baltimore. Das Unternehmen, gegründet 1968, stellte ursprünglich Drahtkörbe für Bagel-Bäckereien her, die darin ihre Teiglinge abtropfen ließen. Als Greenblatt die Firma übernahm, war das Gebäck mit dem Loch in der Mitte große Mode. Doch dann empfahl die Atkins-Diät, auf Backwaren zu verzichten. Viele Bagel-Bäckereien mussten aufgeben, auch Zulieferer Marlin Steel mit seinen rund zwanzig Mitarbeitern stand vor dem Aus. Bis Greenblatt für Boeing eine Spezialanfertigung baute. Heute liefert Marlin Steel Drahtkörbe an die pharmazeutische Industrie und an Autozulieferer. Die neuen Kunden verlangen eine gleichbleibende Qualität. Aber die Arbeiter hatten bis dahin fast alles von Hand gemacht. Also hat Greenblatt seine kleine Firma in den vergangenen Jahren immer weiter automatisiert. Hinter einem Gitter spuckt eine Maschine im Sekundentakt Drahtbügel aus, ein zweiter Roboter fängt sie genauso schnell auf und biegt sie zurecht, bevor er sie in einen bereitstehenden Karton gleiten lässt. "Die gehen in den Export nach China, an einen Telekommunikationsausrüster", sagt Greenblatt. "Das wäre vor ein paar Jahren noch unvorstellbar gewesen." Für ihn sind die beiden Roboter der Beweis, dass Maschinen die einzige Lösung für die Probleme der US-Industrie sind. "Die Automatisierung hat uns nicht nur überleben, sondern sogar expandieren lassen." Marlin Steel hat heute mehr und besser ausgebildete Mitarbeiter, die auch besser bezahlt werden als vor der Krise.