DIE ZEIT: Herr Präsident, viele Menschen empfinden den Verfassungsschutz als bedrohlich. Wie kommt das?

Hans-Georg Maaßen: Das Bild, das die Öffentlichkeit von uns hat, ist verschwommen und aufgrund historischer Hypotheken belastet. Auf der einen Seite hat dies mit der Gestapo- und der Stasi-Vergangenheit zu tun. Auf der anderen Seite hat es auch damit zu tun, dass unsere Aufgaben und Befugnisse in der Öffentlichkeit nicht bekannt genug sind. Hinzu kommt, dass es bis 1990 einen politischen Feind auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs gab, für dessen Bekämpfung der Verfassungsschutz zuständig war. Nun ist das Feindbild verschwunden. Allerdings ist deshalb der Verfassungsschutz nicht entbehrlich geworden. Denn Berlin ist immer noch die Hauptstadt der Spionage in Europa. In keiner anderen Stadt gibt es so viele ausländische Agenten wie hier.

ZEIT: Wie viele sind es denn? Und was machen die?

Maaßen: Sie verstehen, dass ich keine Zahlen nennen kann. Wir sehen zunehmend Aktivitäten im Bereich der Wirtschaftsspionage und der elektronischen Angriffe sowie auch Versuche der Proliferation, also der Verbreitung von Substanzen oder Technik zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen.

ZEIT: Der Verfassungsschutz wurde gegründet, weil die Alliierten der Demokratiefestigkeit der Deutschen nach 1945 nicht trauten. Haben die Bundesbürger inzwischen ihren Frieden mit der Demokratie gemacht?

Maaßen: Ich habe den Eindruck, die Deutschen sind wesentlich skeptischer gegenüber dem Staat und vor allem den Sicherheitsbehörden als gegenüber jedem Privaten. Dass wir überhaupt das Ansinnen haben, Vorratsdaten durch Unternehmen speichern zu lassen, wird schon als Skandal empfunden. Es wird jedoch nicht als Skandal empfunden, wenn die Unternehmen dies für wirtschaftliche Zwecke selber machen. Die wenigsten lesen die Geschäftsbedingungen, auf die sie sich in sozialen Medien einlassen. Ihnen ist nicht bewusst, welche Macht diese über ihre Daten haben. Staatliche Befugnisse hingegen werden überschätzt. Das ist eine gänzlich andere Einstellung als in vielen anderen westlichen Ländern. Mein britischer Kollege hat jedenfalls dieses Problem nicht. Auch amerikanische Dienste haben in der Bevölkerung eine völlig andere Stellung. Sie können sich vor Bewerbungen gar nicht retten.

ZEIT: Die Pannen der Sicherheitsbehörden bei den NSU-Verbrechen werden Ihnen noch lange nachhängen. Angeblich sind die Nebenkläger im NSU-Prozess überzeugt, dass die Sicherheitsbehörden auf irgendeine Weise in die NSU-Morde verstrickt sind. Wie gehen Sie mit einem solch ungeheuerlichen Verdacht um?

Maaßen: Das ist ein dramatischer Befund, den ich nicht für gerechtfertigt halte. Aufklärung und Transparenz sind notwendig, um derartigen Verschwörungstheorien den Boden zu entziehen. Ich spreche darüber auch mit türkischen Medien.

ZEIT: Sie meinen, der Prozess wird auch von türkischer Seite politisch instrumentalisiert?

Maaßen: Ich habe schon den Eindruck, dass der Prozess politisch aufgeladen ist. Das finde ich nicht gut. Da müssen wir Klarheit schaffen. Es gibt in Deutschland keinen "tiefen Staat" – keine finstere Verbindung zwischen Geheimdiensten und Politik. In Deutschland herrscht eine andere Kultur. Wir werden sehr genau durch das Parlament kontrolliert.

ZEIT: Kritisiert wurde bei dem NSU-Fall vor allem der Verfassungsschutz. Die Polizei, deren Aufgabe es gewesen wäre, die Täter festzusetzen, wurde eher geschont. Warum tut man sich leichter, den Verfassungsschutz anzugreifen als die Polizei?

Maaßen: Die Polizei hat von jeher in Deutschland eine gute Reputation. Gegenüber dem Verfassungsschutz ist größeres Misstrauen vorhanden. Zudem hat die Polizei durch starke Polizeigewerkschaften eine große Lobby.

ZEIT: Agenten stellt man sich als dubiose Typen vor, die selbst sehr weit in dem Milieu stecken, das sie auskundschaften sollen – was sich im NSU-Fall ja auch oft genug als Problem erwiesen hat. Wie sehen Ihre Mitarbeiter sich eigentlich selbst?

Maaßen: Als Nachrichtendienstler, die sich an Recht und Gesetz halten und gute Arbeit leisten. Es ist für die Mitarbeiter eine sehr schwere Situation, dass seit Entdecken des NSU das Amt selbst im Mittelpunkt der Kritik steht. Das hat die Mitarbeiter verunsichert und schockiert.