Retrovelo Klara von Strausberg : Von A nach B

Anna Kemper fährt mit dem Retrovelo Klara von Strausberg nach Buckow
Retrovelo Klara von Strausberg © Retrovelo

Die Räder, die ich bislang gefahren bin, konnte ich getrost unabgeschlossen abstellen, während ich Brötchen kaufte. Rostig und grau, machten sie sich in jeder Umgebung unsichtbar. Ob sie Namen trugen? Keine Ahnung. Ich nannte sie höchstens Klapperkiste.

Jetzt also Klara. Ihre Rahmen und Bleche sind weiß lackiert, denn das passt perfekt zum hellbraunen Sattel. Seit der Fahrradladen Stilrad sie mir ausgeliehen hat, habe ich eine Ahnung davon, wie es sich für einen Mann anfühlen muss, mit einer Frau auszugehen, die zu extravagant für ihn ist. Menschen starren Klara an und reden über sie. Damit sie bei einem bleibt, hängt man ihr kostbar geschmiedete Ketten um (zum Beispiel eine Faltkette von Abus, die teurer ist als das Rad, das ich sonst fahre) – man hat aber trotzdem Angst, dass der Nächstbeste sie einem wegschnappt. Im Restaurant setze ich mich so hin, dass ich sie durchs Fenster im Auge behalten kann. Sicher ist sicher.

Klara bremst sanft vor jeder Ampel. Ihre dicken Reifen schützen mich vor den Straßenbahnschienen, ich gleite wie auf Luftkissen übers Kopfsteinpflaster. Wir verstehen uns. Bis ich meine, ihr etwas bieten zu müssen: eine Landpartie, von Strausberg nach Buckow im Märkischen Oderland. Mit der S-Bahn soll es raus aus Berlin gehen. S-Bahn? Klara ist nicht begeistert, schließlich stammt sie aus der vornehmen Radfamilie der Firma Retrovelo. Schon am Alex macht sie sich auf der Treppe schwer. Wie jede Diva redet sie ungern über ihr Gewicht, man muss es in der Beschreibung erst suchen. Fast 18 Kilo. Als ich mich in Strausberg auf den Sattel setze, denke ich: Etwas Bewegung wird ihr guttun. Aber dann bewege ich mich mehr, als mir lieb ist: Bei Steigungen muss ich schon recht fest in die Pedale treten, damit Klara sich hochquält.

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In Buckow auf dem Weg zum Haus von Bertolt Brecht wird sie so schwerfällig, dass ich absteige. Es reicht für heute. Mit der Buckower Kleinbahn geht es nach Müncheberg, von dort weiter nach Berlin. Treppe rauf und runter, es fühlt sich an, als hätte Klara unterwegs ein paar Kilo zugenommen. Im Zug lässt sie müde ihren schweren Lenker hängen und tut so, als würde sie jeden Moment umkippen. Zurück in Berlin, schnurrt sie versöhnlich über das Kopfsteinpflaster, so, als sei nichts gewesen. Wer sie als Nächstes ausführt, sollte wissen: Diven gehören eben in die Stadt.

Technische Daten

Rahmen: Chrom-Molybdän-Stahl
Felgen: Aluminium
Reifengröße: 26 Zoll, Ballonreifen
Gewicht: 17,5 kg
Schaltung: 3-Gang-Nabenschaltung, Nabendynamo
Bremsen: Rollenbremsen
Basispreis: 1250 Euro

Anna Kemper ist Autorin des ZEITmagazins

Kommentare

7 Kommentare Kommentieren

Geht das besser?

Der Nabendynamo ist zwar nicht unbedingt retro, aber praktisch.
Was den Rest betrifft:
Wie steil sind die erwähnten Berge? So wie der Text rüberkommt ist das Rad ein tonnenschwerer Eisenklotz, dem die Gänge ausgehen, sobald man nicht mehr in der Ebene fährt.

Ich hätte beinahe gefragt, ob es das auch mit Gepäckträger und mehr Gängen gibt. Eben nachgesehen:
- Ja, Gepäckträger gibt es, auf Wunsch in Rahmenfarbe.
- Ja, mehr Gänge gibt es auch, Klaras ein bißchen bergtaugliche Schwester heißt Paula.

märkische schweiz

Naja, für einen Ausflug in die Märkische Schweiz ist ein Hollandrad vielleicht nicht die erste Wahl. Da braucht man doch ein paar mehr Gänge.

Aber schön und generell lobenswert ist, dass in dieser Rubrik mal ein Fahrrad zu Wort kommt und nicht immer nur diese unsäglichen SUVs auf mehr oder weniger sinnfreie Reisen geschickt werden. Trauriger Höhepunkt neulich das Verbringen von Fahrrad und Sohne von Berlin nach Heidelberg (!), um dort ein paar Kilometer gemütlich zu radeln...

Dann doch lieber mit dem Hollandrad durch die brandenburgischen Gebirgswälder ;-)

Am Bahnhof Alexanderplaz gibt es übrigens Fahrstühle... und Strausberg ist meiner Erinnerung nach ebenerdig.

17,5 kg sind Durchschnitt

Die Stadt Räder werden momentan eher schwerer als leichter. Ich besitze ein Rad von 1982, das wiegt als Stadtrad rund 12 Kilo,allerdings muss man ohne Gangschaltung auskommen.
Leider muss ein Damenrad eh immer ein wenig schwerer sein, als ein Herrenrad.Durch dickere Rohre muss man die konstruktionsbedingte Instabilität des Rahmens ausgleichen.

Aber schön ist das Retrovelo ungenommen.