China : Fantasie stört den Lehrplan

Drei Monate in China – Begegnungen mit Menschen in Universitäten des bevölkerungsreichsten Landes der Welt

Ankunft

Als ich Frau Bao im Flughafen Peking sehe, in einer langen Schlange von wartenden Chinesen, die mit Namen vollgekritzelte Pappdeckel hochhalten, bin ich dankbar und erleichtert. Ich erinnere mich an vergangene Reisen und an hilflose Versuche, Taxifahrern oder auch dem Hotelpersonal deutlich zu machen, was und wohin ich will. Chinesisch erlaubt keine vertrauten Assoziationen, weder in Sprache noch in Schrift. Bei Frau Bao mit dem wunderlichen Vornamen Qiaoqiao (man spreche ihn einmal laut aus) ist das kein Problem: Sie hat Germanistik studiert.

Peking-Universität

Erich Thies

war Generalsekretär der Kultusministerkonferenz (KMK). Der Text ist ein Auszug aus einem längeren Essay, den der Autor kürzlich auf Deutsch und Chinesisch veröffentlicht hat.

Man hat mich im Gästehaus der berühmten Beida untergebracht, der Peking-Universität, Chinas Stanford. Ich folge Einladungen chinesischer Universitäten, auch um über die Einrichtung eines Chinesisch-Deutschen Wissenschaftskollegs zu sprechen. Dabei geht es mir um Begegnungen mit Menschen und Eindrücke von Institutionen – und darum, so die Hoffnung, am Ende vielleicht etwas besser zu verstehen, was China und sein Bildungssystem ausmacht. Bei meinem ersten Spaziergang über den Campus ist es erst einmal gar nicht so anders als an der Humboldt-Universität zu Berlin: Ich sehe in zumeist aufgeweckte, neugierige und freundliche Gesichter von Studenten.

Dabei ist der Weg an die Uni schwierig. Wenn sie in der höheren Schule angenommen worden sind, haben die Schüler bereits eine harte Zeit hinter sich: Der Unterricht findet in der Regel frontal statt, die Leistung misst sich vor allem an der Fähigkeit, den Stoff möglichst genau wiederzugeben. Fantasie und Kreativität stören eher die Lehrpläne und sind deshalb auch nicht sehr gefragt. Abende und Wochenenden sind gefüllt mit Nachhilfestunden und geprägt durch zusätzlichen elterlichen Leistungsdruck. Die im Abitur, dem Gaokao, erworbenen Leistungspunkte entscheiden darüber, welches Fach und welche Universität gewählt werden kann. Nicht das eigene Interesse bestimmt den akademischen Weg, sondern die Eltern und das, was der Staat nach seinen Regeln festlegt. Es ist nicht einfach, aus einem riesigen Potenzial hochintelligenter junger Menschen, die alle lernen und vorwärtskommen wollen, die richtigen auszuwählen.

Beijing Foreign Studies University

Die Beijing Foreign Studies University hat mir im letzten Jahr eine Gastprofessur verliehen, ein weit verbreitetes Mittel, um Personen an sich zu binden. Darum herum gibt es dann Veranstaltungen mit Lehrenden, Studierenden und Doktoranden. So wie heute: Ein Essen im Restaurant auf dem Universitätsgelände in einem gesonderten Raum mit rundem Tisch, fester Sitzordnung und Glasplatte, mit der eine Schüssel nach der anderen durch Drehen herumgereicht wird, das gehört zum Ritual. Die Gespräche drehen sich um den Bologna-Prozess, die Pisa-Studie, die Hochschulfinanzierung in Deutschland, Förderung von Eliten, Studiengebühren. Wir diskutieren auf hohem Niveau, alle sind über die Entwicklungen in Deutschland gut informiert. Das Interesse an Reformen und Veränderungen im Bildungsbereich ist groß.

Selbstbestimmung

Beim Laufen um den Wei Ming-See spricht mich ein junger Mann an und fragt, ob er mitlaufen dürfe. Meine Frage, ob er hier studiere, verneint er und sagt, er käme aus einer kleinen Stadt, zwei Stunden mit dem Zug von Peking entfernt. Er sei hier, um zu sehen, wie die Studenten an dieser berühmten Universität arbeiten und leben, und er wolle seine Anstrengungen verdoppeln, um hier studieren zu können. Auf die Frage, an welchen Inhalten er denn interessiert sei, weiß er keine Antwort – es geht vor allem um sozialen Aufstieg. Kein Wunder, dass chinesische Studierende in Deutschland Schwierigkeiten haben, mit dem hohen Maß an Freiheit in der Gestaltung des Studiums zurechtzukommen. Sie sind es gewöhnt, angeleitet zu werden. Fällt das weg, geraten sie zwischen zwei völlig verschiedene Lern- und Studienkulturen; eine Falle, aus der nicht alle wieder herausfinden.

Parteisekretäre

Man muss sich in China daran gewöhnen, dass bei offiziellen Treffen mit Kollegen in der Regel auch der zuständige Parteisekretär anwesend ist – selbst wenn Deutsch gesprochen wird und der Betreffende nur Englisch versteht. Er ist präsent und damit auch die Kommunistische Partei der Volksrepublik China. Die Parteivertreter sind, wenn man in den Universitäten etwas umsetzen will, wichtige Figuren. Ich höre von verschiedenen Seiten, dass seit den politisch einschneidenden Veränderungen in Nordafrika, der arabischen Revolution, Staat und Partei noch enger kontrollieren. Ich fürchte, eher aus Schwäche und Unsicherheit als aus Stärke. Und das macht die Eingriffe noch weniger kalkulierbar.

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Kommentare

31 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Wolkenkuckucksheim

Wo leben Sie denn? Ich rate Ihnen, sich mehr qualifizierte Beiträge z.B. in DER SPIEGEL oder frontal 21 zu Gemüte zu führen als die Märchenwelt der BWL/VWL-Fachbücher. Diese beiden Fächer habe ich auch während meines Studiums belegen müssen. Dann können Sie zum Beispiel nachlesen, wie das Lobby-System in Deutschland funktioniert - so viel nur zum Thema politische Etnscheidungen nachvollziehen.
Den Staat als Tumor zu bezeichnen, klingt nach Sarah Palin oder FDP. Und ich finde es schrecklich. Das Verhältnis zwischen Staat und Wirtschaft hat sich leider zugunsten der Industrie verlagert. Der Sozialstaat wird langsam abgebaut. Ab 50 werden Mitarbeiter aus Konzernen ausgemustert, auch die mit Diplom. Das wurde jetzt auch durch eine Studie belegt. Thatcher und Reagan haben ganze Arbeit geleistet.