Digitale Kameras blicken auf Schulhöfe, Straßencafés und Bahnsteige, sie beobachten Kreuzungen und Hauseingänge. In Bayern sind 17.000 digitale Videokameras an öffentlichen Plätzen installiert, im Stadtstaat Hamburg sind es bereits 10.000.

Am freien Himmel patrouillieren mit Videotechnik ausgerüstete Drohnen der Polizei, von Fernsehteams und demnächst auch von der Deutschen Bahn. Die will ungeliebte Graffiti-Sprüher künftig aus der Luft verfolgen.

Böser Staat? Böse Unternehmen? So einfach ist es nicht. Am unverfrorensten verfolgen Privatleute das Leben ihrer Mitmenschen. Sie lassen ihre Drohnen über Nachbars Garten, den Spielplatz, das Wohngebiet fliegen. Allein die AR.Drone der französischen Firma Parrot wurde innerhalb von zwei Jahren mehr als 300.000 Mal verkauft, und Hobbypiloten aus Deutschland zählen zu ihren größten Fans.

Wer merkt überhaupt noch, wie viel Zeit er vor einem Kameraobjektiv verbringt? In praktisch jedem Computer, in jedem Handy ist eines eingebaut, und dazu wurden allein im vergangenen Jahr in Deutschland acht Millionen Digitalkameras verkauft. Da stellt sich die Frage, wer noch nicht auf irgendwelchen Fotos im Internet zu sehen ist, wessen Leben noch nicht partiell in einem YouTube-Video festgehalten wurde, wer außer ein paar Dschungelbewohnern noch die Kontrolle über sein eigenes Bild hat.

YouTube wächst jede Minute um 72 Stunden Filmmaterial.

Facebook hat 240 Milliarden Fotos gespeichert, und täglich kommen 350 Millionen dazu.

Irgendwer filmt, knipst, zoomt, dokumentiert immer irgendjemanden.

Wenigstens das häusliche Wohnzimmer war bislang eine blickdichte Zone, aber das ändert sich gerade. In den kommenden Jahren will der amerikanische Konzern Microsoft in Millionen deutschen Haushalten eine extrem leistungsstarke Kamera installieren. Mit ihrer zugehörigen Software kann sie bis zu sechs Menschen gleichzeitig verfolgen und voneinander unterscheiden, ihr individuelles Verhalten dokumentieren, entschlüsseln und darauf reagieren.

Tausend Augen blicken uns an? Von wegen: Es sind Hunderttausende. "Die Möglichkeiten, Menschen technisch zu überwachen, nehmen zu", sagt der Hamburger Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar. Er sagt solche Sätze seit Jahren, und jedes Jahr werden sie ein Stück wahrer.

Da ist kein Dr. Mabuse, der uns alle überwacht

"Überwachung und Kontrolle sind überall da alltäglich, wo Informationstechnik das Leben leichter macht", erklärt der Technikforscher Nils Zurawski von der Uni Hamburg. "Trotzdem: Wir leben noch nicht in einer kompletten Überwachungsgesellschaft. Denn es gibt niemanden, der mit bösen Absichten die ganze Bevölkerung ausforschen will."

Es gibt keinen Dr. Mabuse, heißt das, wohl aber viele Anbieter, die mithilfe von Daten ihr Produkt und ihren Gewinn verbessern. Und genau da liegt der grundlegende Zwiespalt im Umgang mit Überwachungstechnik zu Beginn des 21. Jahrhunderts: So problematisch es ist, wenn Maschinen alles über uns herausfinden – persönliche Daten sind zugleich die Währung, mit der Menschen die Wohlstandsgewinne der vergangenen Jahrzehnte bezahlt haben. Navigationsgeräte ohne satellitengestützte Positionsbestimmung? Unmöglich. Mobilfunk ohne Ortung? Geht nicht. Denn wie sollte ein Telefonat zustande kommen, wenn das Handy nicht mitteilte: "Hier bin ich. Hier bin ich. Hier bin ich"?

Überwachungstechnik zum Preis eines Taschenbuchs

Internetdienste wie Google, Facebook und Twitter hätten ohne permanente Analyse menschlichen Verhaltens viel weniger Kunden. Onlinehändler wie Amazon würden ohne die komplette Erfassung von Warenströmen und Kundenaktionen nicht existieren. Und nicht mal real produzierende Modelabel wie Zara kommen zurecht, ohne sämtliche Produktions- und Absatzprozesse global mit Computern zu überwachen. Nur so schaffen sie es, alle paar Wochen eine neue Kollektion ins Schaufenster zu hängen.

"Menschen wissen um den Nutzen, den sie durch die Datenerfassung haben. Aber es begleitet sie eben auch ein permanentes Unbehagen", sagt Zurawski. Das schlägt in Unmut um, wenn aus Datenerfassung in den Augen von Betroffenen eine Überwachung wird, wenn sie keine freie Wahl und keinerlei Kontrolle darüber haben, was mit ihren Daten geschieht.

Microsoft ist dafür ein Paradebeispiel. Das neue System "erkennt die kleinste Drehung eines Handgelenks oder einer Schulter. Es erkennt die Verlagerung des Körpergewichts von einem Fuß auf den anderen", sagt Marc Whitten, der zuständige Vizepräsident, es könne sogar "den Herzschlag erkennen". Das Licht zu löschen hilft übrigens auch nicht weiter: Dank Infrarottechnik sieht das System im Dunkeln fast genauso gut wie tagsüber. Man müsste schon den Stecker ziehen, um das Ding vom Netz zu nehmen. Aber wer tut das?

Selbst im Stand-by-Modus registriert ein Mikrofon jedes Wort, und eine Software untersucht auch das kleinste Gemurmel auf Schlüsselbegriffe. Politische Diskussionen, heimliche Telefonate, Liebesgeflüster? All die kleinen und großen Dramen, Lebenslügen und Sehnsüchte rauschen bald durchs System.

In jedem 16. Haushalt

Böses Unternehmen? Bei dem Gerät mit den Augen und Ohren handelt es sich um ein Spielzeug – vergangene Woche hat Microsoft einfach nur seine neue Computer-Spielkonsole namens Xbox One vorgestellt. Das Vorgängermodell wurde in Deutschland rund 2,5 Millionen Mal verkauft, steht also statistisch gesehen in jedem 16. Haushalt. Die alte Konsole soll nun der neuen weichen, und wenn es ein paar Hunderttausend mehr werden, umso besser.

Strategisch gesehen, sichert die Xbox One dem Softwarekonzern Microsoft einen Platz im Zentrum des Familienlebens. Sie wird an ein Fernsehgerät angeschlossen, liefert Spiele und Filme auf den großen TV-Bildschirm – und ermöglicht dort auch Videogespräche. Fest installiert ist künftig die besagte Sensortechnik names Kinect, die man bisher nur als Zusatzgerät kaufen konnte. Damit lässt sich die Konsole über Sprache und Gesten steuern. Außerdem kann man Computerspiele spielen, die auf Körperbewegungen reagieren.

Wahr ist, dass niemand so ein Gerät kaufen muss. Wahr ist aber auch, dass sich noch jede Spielkonsole von Microsoft bislang millionenfach verbreitet hat. Und insofern zeigt die Box schlagartig, wie nah Sensoren und Kameras dem Menschen rücken und wie permanent und automatisch persönliche Daten im Alltag erfasst werden. Der Informationsethiker Michael Nagenborg von der Uni Tübingen sagt: "Vieles, was wir jetzt in der Xbox sehen, hat Vorbilder im Mobilfunk: die Sprachsteuerung, der permanente Datenaustausch mit großen Rechenzentren, die stets verfügbare Kamera mit Videofunktion. In diesem Sinne ist die Xbox One eine logische Weiterentwicklung ihrer Vorgänger."

"Hört sich gruselig an"

Aber wie weit geht sie, diese Weiterentwicklung? Noch sind zentrale Fragen unbeantwortet. Etwa, ob, wo, wie und wie lange persönliche Daten wie Video- oder Tonaufnahmen gespeichert und verarbeitet werden. In der deutschen Microsoft-Zentrale in München heißt es nur, zahlreiche Details zu den technischen Möglichkeiten der Spielkonsole stünden noch nicht fest: "Generell haben Datenschutz und der Schutz der Privatsphäre unserer Kunden für Microsoft höchste Priorität." Trotzdem kann es einem kalt den Rücken runterlaufen, wenn Topmanager Whitten von seinen Sensoren schwärmt: "Anfangs ging es darum, in deine Welt zu blicken. Jetzt erkennen wir, dass diese Welt klar und schön ist."

Viele Nutzer lehnen das ab: Auf speziellen Nachrichtenseiten über Computerspiele diskutieren sie heftig darüber – etwa bei gamestar.de.

Diabolo666: "Hört sich gruselig an."

Nanoko: "Hacker werden sicher ihren Spaß haben, in Tausende Wohnzimmer zu schauen."

Coffee: "Das Letzte, was ich als Käufer wollen würde, dass Microsoft mich permanent bespitzelt."

Erste Computerspieler kündigen an, die Konsole mit einer Unterhose abzudecken, wenn sie nicht spielen. Aber wie weit trägt eine Guerillataktik? Eine Unterhose mag eine Xbox blind machen. Doch was hilft sie gegen eine neugierige Drohne, die über dem eigenen Garten schwebt?

Unterdessen nimmt die Zahl der digitalen Augen unaufhaltsam zu. Videodrohnen werden leichter, kleiner und billiger, bis hin zum gerade mal 19 Gramm wiegenden Nano Hummingbird. Der amerikanische Forscher John Villasenor geht in einem Beitrag für das Harvard Journal of Law & Public Policy davon aus, dass der Preis früher oder später weniger als zehn Dollar betragen werde. Das ist Überwachungstechnik zum Preis eines Taschenbuchs.

Fast zeitgleich mit der Xbox One kommt auch die erste Brille mit Kamera und ständiger Internetverbindung auf den Markt: Google Glass, vom gleichnamigen Suchmaschinenkonzern. Geschätzte 2.000 dieser Brillen sind schon im Praxistest.

Eric Schmidt will eine "neue soziale Etikette"

Was also kann man tun? Der Hamburger Datenschützer Caspar sagt: "Die Entwicklung erhält durch Konzerne und Privatleute einen Schub. Das können wir nicht aufhalten. Was wir aber tun können und tun müssen, ist, die Rahmenbedingungen für den Umgang mit der Technik festzusetzen." Googles oberster Aufsichtsrat Eric Schmidt haut in dieselbe Kerbe. Man müsse eine "neue soziale Etikette entwickeln", sagt er. Man sollte Google Glass eben "nicht in einer Situation tragen, in der es unangemessen ist, Videoaufnahmen zu machen". Der eine denkt an Gesetze, der andere an Benimmregeln – letztlich geht es um dasselbe: Die Gesellschaft muss sich verständigen, wie sie auf die ständige Beobachtung reagiert. Was sie zulässt. Und was sie ablehnt.

In diesem Sinne hat Microsoft eine gute Tat vollbracht. Die Debatte um die Spielkonsole lenkt neue Aufmerksamkeit auf eines der wichtigsten Gesetzesvorhaben in der EU: die Datenschutz-Verordnung. Sie soll noch in diesem Sommer beschlossen werden und wird im besten Fall das Recht am eigenen Bild stärken. Das hängt noch von einigen heftig umstrittenen Paragrafen ab.

Gegen Drohnen aus der Nachbarschaft hilft so eine EU-Verordnung nicht. Aber Luftgewehre sind auch keine Lösung.