Karim Khan ist für dieses Gespräch zwei Tage lang unterwegs gewesen, er hat sieben Checkpoints passiert, ist sieben Mal auf Sprengstoff untersucht worden. Wut treibt ihn an, Wut auf die USA, die ihm viel Leid zugefügt haben. Davon will er erzählen. Er trägt einen langen schwarzen Bart und einen schwarzen Turban, den er straff gebunden hat. Er schnalzt mit der Zunge, setzt sich auf den Stuhl und sieht mich an, den Reporter, der ihm gegenübersitzt. Den Mann aus dem Westen, den Christen, der sagt, dass er ein Journalist sei, der aber womöglich doch ein Agent Amerikas ist. Ich bin ihm mehr Feind als Freund.

Der Ort, an dem eine Annäherung stattfinden soll, ist ein fast leerer Raum mit nackten Wänden, darin ein Schreibtisch mit blanker Arbeitsfläche. Ein Raum ohne Eigenschaften. Wir treffen uns an diesem für uns beide sicheren Ort, in einem Anwaltsbüro in Islamabad, Pakistans Hauptstadt. Khan kommt aus einer Region, die US-Präsident Barack Obama als "die gefährlichste Gegend der Welt" bezeichnet hat. Spricht Khan den Namen seiner Heimat aus, klingt es, als würde Haut am Stacheldraht reißen. Wasiristan.

Es ist ein zerklüftetes Land, aufgefaltet von den Gewalten der indischen und eurasischen Erdplatten, die hier aufeinanderstoßen, bis zu 3000 Meter hoch, der Gebirgsrücken des Koh-e-Sufaid im Norden und des Sulaiman im Süden. Im Winter bedeckt es der Schnee, im Sommer der Staub. Es liegt an der Grenze zu Afghanistan, es gibt nur wenige Straßen, dafür ein Netzwerk an Ziegenpfaden. Drei Dutzend Stämme bewohnen das Land. Paschtunen sie alle, aber oft untereinander verfeindet. Aus den Talauen ragen ihre Häuser auf wie mittelalterliche Burgen, mit wuchtigen Festungstürmen und bis zu sechs Meter hohen Mauern. Wasiristan hat sich vom britischen Empire niemals ganz unterjochen lassen. Und auch in Pakistan besitzt es einen besonderen Status, ist Teil der FATA, der Federally Administered Tribal Areas, der zentral von Islamabad regierten Stammesgebiete. Tatsächlich wird es von niemandem regiert. Nach dem Einmarsch der USA in Afghanistan flüchteten Taliban- und Al-Kaida-Kämpfer hierher. Wasiristan wurde zum Rückzugsgebiet all derer, die gegen die von der Nato geführten Isaf-Truppen kämpften.

Unter öffentlichem Protest der pakistanischen Regierung, aber mit ihrer heimlichen Duldung führt Amerika seit Jahren in Wasiristan einen erbitterten Krieg. Zum ersten Mal in der Militärgeschichte brauchen die USA hierfür keine Armee. Washington schickt stattdessen eine Flotte aus ferngesteuerten Robotern. Meist fliegen sie in einer Höhe von 7,5 Kilometern. Seit 2004 starben in Wasiristan über 3500 Menschen durch Drohnen. Ziel sind offiziell nur hochrangige Terroristen, die für die USA eine Bedrohung darstellen. Die Angriffe seien dank der neuen Technik so präzise, dass es bislang keine zivilen Opfer gegeben habe, erklärte 2012 der damalige Präsidentenberater und heutige CIA-Chef John Brennan. Die CIA mit Hauptquartier in Langley, Virginia, plant und betreibt dieses Töten. Den Krieg behandelt sie als Geheimsache. Sie bekennt sich nicht zu konkreten Angriffen und nimmt keine Stellung zu möglichen Opfern. Erfolgsmeldungen verbreitet sie über anonyme Quellen. Zugleich sperrt das pakistanische Militär die Zugänge zu Wasiristan für alle Pakistaner, die nicht in den Stammesgebieten wohnen, und auch für alle Journalisten. Wasiristan ist so abgeschottet wie kaum eine andere Region der Welt. Nur ganz allmählich dringt nach außen, wie blutig der Drohnenkrieg in diesem Landstrich tatsächlich ist.

Khan, 45, einer der Ältesten seines Dorfes, der gelegentlich auch als Journalist arbeitet, verlor bei einem Angriff am 31. Dezember 2009 seinen Bruder Asif Iqbal und seinen ältesten Sohn Zainullah. Er tat, was unter Paschtunen äußerst ungewöhnlich ist: Khan reiste nach Islamabad und suchte sich einen Anwalt. Er suchte lange, die meisten lehnten ab, bis er schließlich auf Mirza Shahzad Akbar traf. Gemeinsam beschlossen sie, die Verantwortlichen in den USA des Mordes anzuklagen. Sie organisierten in Islamabad Proteste und reisten nach London, um vor der Weltpresse Klage zu führen. Viele andere Familien, die bei Drohnenschlägen Angehörige verloren haben, folgten Khan ins Büro des Anwalts. Akbar fasste die Klagen zusammen und reichte sie bei verschiedenen pakistanischen Gerichten ein, nationalen wie regionalen. Die beiden Männer, die nicht viel mehr verbindet als der Kampf gegen die Drohnen, ahnten nicht, was sie auslösen würden.

"Ich heiße Karim Khan und wohne in Machi Khel, einem Ort aus wenigen Häusern. Ich habe die höhere Schule besucht und Arabisch studiert. Ich versorge die Sender Al-Dschasira und Al-Arabiya mit Nachrichten aus meiner Region. Am 31. Dezember 2009 war ich in Islamabad und bekam dort gegen ein Uhr nachts einen Anruf von meinem Cousin. Es sei bei mir zu Hause etwas Ernstes passiert. Er hat mir am Telefon nicht gesagt, dass mein Bruder und mein Sohn umgebracht worden waren. Als ich am nächsten Morgen im Dorf ankam, sah ich die Leichen, meinem Sohn Zainullah fehlte der Hinterkopf. Am Abend zuvor war noch alles wie immer, die Familie hatte gerade zu Abend gegessen und saß in der Hudschra, dem Gemeinschaftsraum. Tagsüber hatten sie alle an der neuen Moschee gebaut, die ich am Haus errichten wollte. Einer der Maurer ist ebenfalls bei dem Angriff gestorben. Mein Bruder war kein Terrorist, er hat Englisch studiert und im Dorf als Lehrer gearbeitet. Auch mein Sohn war kein Terrorist. Er war gerade 18 geworden, hatte als Wächter in der Mädchenschule im Nachbarort gearbeitet. Er konnte den Koran auswendig und war der Beste seines Jahrgangs. Er liebte Kricket. Ich hasse es, weil sie im Dorf überall Kricket spielen. Ihre Bälle treffen dich, sogar im Haus! Ich schwöre dir, wenn so ein Kricketball meine Frau träfe, würde ich den Spieler umbringen! Aber ich habe Zainullah Kricket spielen lassen. Ich habe es geschafft, mich bei der Beerdigung am nächsten Tag zu beherrschen, habe mir nicht die Haare gerauft, nicht die Kleider zerrissen. Allah will nicht, dass du die Kontrolle verlierst. Die Menschen gratulierten mir, weil mein Sohn von Ungläubigen getötet worden sei und deshalb als Märtyrer ins Paradies komme. Tausende gingen zur Beerdigung. Wenn du der Bestattung eines Märtyrers beiwohnst, glauben sie, dann geht ein Teil von Gottes Gnade auch auf dich über.

Ich möchte, dass die Mörder bestraft werden. Ich fordere von den USA, dass sie mir die Verantwortlichen übergeben: den CIA-Direktor und den Piloten im Operationszentrum in Virginia, der auf den Knopf gedrückt hat. Sie werden dann in meinem Dorf behandelt, wie man bei uns Mörder behandelt. Blut für Blut. Ich möchte, dass die Mörder meines Sohnes aufgehängt werden, an einem hohen Pfahl an der Straße. Dort sollen sie hängen, bis ihre Kadaver verfaulen."

Die Begegnungen mit den Menschen aus Wasiristan sind nicht nur für westliche Journalisten schwierig, sondern auch für den Anwalt Mirza Shahzad Akbar. So fremd sind sie einander. Er ist Teil der liberalen Elite Pakistans, ehrgeizig, mediengewieft, studierte Internationales Recht in London, wo er seine deutsche Frau kennenlernte. Regelmäßig macht das Paar Urlaub bei den Schwiegereltern in Rostock. In seinem Büro beschäftigt er zwei junge Kolleginnen, unverschleiert, selbstbewusst, bei deren Anblick seine Mandanten beschämt den Kopf abwenden. Wo die Klägerfamilien herkommen, tragen Frauen die Burka. Selbst das Zeigen nackter Fingerspitzen gilt für Frauen als sündhaft. Akbar, der früher für die Antikorruptionsbehörde als Staatsanwalt gearbeitet hat, ist der Erste, der strafrechtlich gegen die Drohnenkrieger in Amerika vorgeht. Zusammen mit Khan hat er den ehemaligen US-Verteidigungsminister Robert Gates verklagt, außerdem den Ex-CIA-Direktor Leon Panetta und den früheren Leiter der CIA in Islamabad, Jonathan Banks. Khan fordert 500 Millionen Dollar Schadensersatz. Alle Kollegen rieten dem 35-jährigen Akbar davon ab, sich der Paschtunen anzunehmen. Die Gegner seien zu mächtig, sagten sie ihm. Und die Klienten mit ihren Bärten und Burkas seien nicht die typischen Sympathieträger. Niemand wird mehr mit dir arbeiten wollen, warnten sie. Warum opferst du dich für eine verlorene Sache?