Karim Khan ist für dieses Gespräch zwei Tage lang unterwegs gewesen, er hat sieben Checkpoints passiert, ist sieben Mal auf Sprengstoff untersucht worden. Wut treibt ihn an, Wut auf die USA, die ihm viel Leid zugefügt haben. Davon will er erzählen. Er trägt einen langen schwarzen Bart und einen schwarzen Turban, den er straff gebunden hat. Er schnalzt mit der Zunge, setzt sich auf den Stuhl und sieht mich an, den Reporter, der ihm gegenübersitzt. Den Mann aus dem Westen, den Christen, der sagt, dass er ein Journalist sei, der aber womöglich doch ein Agent Amerikas ist. Ich bin ihm mehr Feind als Freund.

Der Ort, an dem eine Annäherung stattfinden soll, ist ein fast leerer Raum mit nackten Wänden, darin ein Schreibtisch mit blanker Arbeitsfläche. Ein Raum ohne Eigenschaften. Wir treffen uns an diesem für uns beide sicheren Ort, in einem Anwaltsbüro in Islamabad, Pakistans Hauptstadt. Khan kommt aus einer Region, die US-Präsident Barack Obama als "die gefährlichste Gegend der Welt" bezeichnet hat. Spricht Khan den Namen seiner Heimat aus, klingt es, als würde Haut am Stacheldraht reißen. Wasiristan.

Es ist ein zerklüftetes Land, aufgefaltet von den Gewalten der indischen und eurasischen Erdplatten, die hier aufeinanderstoßen, bis zu 3000 Meter hoch, der Gebirgsrücken des Koh-e-Sufaid im Norden und des Sulaiman im Süden. Im Winter bedeckt es der Schnee, im Sommer der Staub. Es liegt an der Grenze zu Afghanistan, es gibt nur wenige Straßen, dafür ein Netzwerk an Ziegenpfaden. Drei Dutzend Stämme bewohnen das Land. Paschtunen sie alle, aber oft untereinander verfeindet. Aus den Talauen ragen ihre Häuser auf wie mittelalterliche Burgen, mit wuchtigen Festungstürmen und bis zu sechs Meter hohen Mauern. Wasiristan hat sich vom britischen Empire niemals ganz unterjochen lassen. Und auch in Pakistan besitzt es einen besonderen Status, ist Teil der FATA, der Federally Administered Tribal Areas, der zentral von Islamabad regierten Stammesgebiete. Tatsächlich wird es von niemandem regiert. Nach dem Einmarsch der USA in Afghanistan flüchteten Taliban- und Al-Kaida-Kämpfer hierher. Wasiristan wurde zum Rückzugsgebiet all derer, die gegen die von der Nato geführten Isaf-Truppen kämpften.

Unter öffentlichem Protest der pakistanischen Regierung, aber mit ihrer heimlichen Duldung führt Amerika seit Jahren in Wasiristan einen erbitterten Krieg. Zum ersten Mal in der Militärgeschichte brauchen die USA hierfür keine Armee. Washington schickt stattdessen eine Flotte aus ferngesteuerten Robotern. Meist fliegen sie in einer Höhe von 7,5 Kilometern. Seit 2004 starben in Wasiristan über 3500 Menschen durch Drohnen. Ziel sind offiziell nur hochrangige Terroristen, die für die USA eine Bedrohung darstellen. Die Angriffe seien dank der neuen Technik so präzise, dass es bislang keine zivilen Opfer gegeben habe, erklärte 2012 der damalige Präsidentenberater und heutige CIA-Chef John Brennan. Die CIA mit Hauptquartier in Langley, Virginia, plant und betreibt dieses Töten. Den Krieg behandelt sie als Geheimsache. Sie bekennt sich nicht zu konkreten Angriffen und nimmt keine Stellung zu möglichen Opfern. Erfolgsmeldungen verbreitet sie über anonyme Quellen. Zugleich sperrt das pakistanische Militär die Zugänge zu Wasiristan für alle Pakistaner, die nicht in den Stammesgebieten wohnen, und auch für alle Journalisten. Wasiristan ist so abgeschottet wie kaum eine andere Region der Welt. Nur ganz allmählich dringt nach außen, wie blutig der Drohnenkrieg in diesem Landstrich tatsächlich ist.

Khan, 45, einer der Ältesten seines Dorfes, der gelegentlich auch als Journalist arbeitet, verlor bei einem Angriff am 31. Dezember 2009 seinen Bruder Asif Iqbal und seinen ältesten Sohn Zainullah. Er tat, was unter Paschtunen äußerst ungewöhnlich ist: Khan reiste nach Islamabad und suchte sich einen Anwalt. Er suchte lange, die meisten lehnten ab, bis er schließlich auf Mirza Shahzad Akbar traf. Gemeinsam beschlossen sie, die Verantwortlichen in den USA des Mordes anzuklagen. Sie organisierten in Islamabad Proteste und reisten nach London, um vor der Weltpresse Klage zu führen. Viele andere Familien, die bei Drohnenschlägen Angehörige verloren haben, folgten Khan ins Büro des Anwalts. Akbar fasste die Klagen zusammen und reichte sie bei verschiedenen pakistanischen Gerichten ein, nationalen wie regionalen. Die beiden Männer, die nicht viel mehr verbindet als der Kampf gegen die Drohnen, ahnten nicht, was sie auslösen würden.

"Ich heiße Karim Khan und wohne in Machi Khel, einem Ort aus wenigen Häusern. Ich habe die höhere Schule besucht und Arabisch studiert. Ich versorge die Sender Al-Dschasira und Al-Arabiya mit Nachrichten aus meiner Region. Am 31. Dezember 2009 war ich in Islamabad und bekam dort gegen ein Uhr nachts einen Anruf von meinem Cousin. Es sei bei mir zu Hause etwas Ernstes passiert. Er hat mir am Telefon nicht gesagt, dass mein Bruder und mein Sohn umgebracht worden waren. Als ich am nächsten Morgen im Dorf ankam, sah ich die Leichen, meinem Sohn Zainullah fehlte der Hinterkopf. Am Abend zuvor war noch alles wie immer, die Familie hatte gerade zu Abend gegessen und saß in der Hudschra, dem Gemeinschaftsraum. Tagsüber hatten sie alle an der neuen Moschee gebaut, die ich am Haus errichten wollte. Einer der Maurer ist ebenfalls bei dem Angriff gestorben. Mein Bruder war kein Terrorist, er hat Englisch studiert und im Dorf als Lehrer gearbeitet. Auch mein Sohn war kein Terrorist. Er war gerade 18 geworden, hatte als Wächter in der Mädchenschule im Nachbarort gearbeitet. Er konnte den Koran auswendig und war der Beste seines Jahrgangs. Er liebte Kricket. Ich hasse es, weil sie im Dorf überall Kricket spielen. Ihre Bälle treffen dich, sogar im Haus! Ich schwöre dir, wenn so ein Kricketball meine Frau träfe, würde ich den Spieler umbringen! Aber ich habe Zainullah Kricket spielen lassen. Ich habe es geschafft, mich bei der Beerdigung am nächsten Tag zu beherrschen, habe mir nicht die Haare gerauft, nicht die Kleider zerrissen. Allah will nicht, dass du die Kontrolle verlierst. Die Menschen gratulierten mir, weil mein Sohn von Ungläubigen getötet worden sei und deshalb als Märtyrer ins Paradies komme. Tausende gingen zur Beerdigung. Wenn du der Bestattung eines Märtyrers beiwohnst, glauben sie, dann geht ein Teil von Gottes Gnade auch auf dich über.

Ich möchte, dass die Mörder bestraft werden. Ich fordere von den USA, dass sie mir die Verantwortlichen übergeben: den CIA-Direktor und den Piloten im Operationszentrum in Virginia, der auf den Knopf gedrückt hat. Sie werden dann in meinem Dorf behandelt, wie man bei uns Mörder behandelt. Blut für Blut. Ich möchte, dass die Mörder meines Sohnes aufgehängt werden, an einem hohen Pfahl an der Straße. Dort sollen sie hängen, bis ihre Kadaver verfaulen."

Die Begegnungen mit den Menschen aus Wasiristan sind nicht nur für westliche Journalisten schwierig, sondern auch für den Anwalt Mirza Shahzad Akbar. So fremd sind sie einander. Er ist Teil der liberalen Elite Pakistans, ehrgeizig, mediengewieft, studierte Internationales Recht in London, wo er seine deutsche Frau kennenlernte. Regelmäßig macht das Paar Urlaub bei den Schwiegereltern in Rostock. In seinem Büro beschäftigt er zwei junge Kolleginnen, unverschleiert, selbstbewusst, bei deren Anblick seine Mandanten beschämt den Kopf abwenden. Wo die Klägerfamilien herkommen, tragen Frauen die Burka. Selbst das Zeigen nackter Fingerspitzen gilt für Frauen als sündhaft. Akbar, der früher für die Antikorruptionsbehörde als Staatsanwalt gearbeitet hat, ist der Erste, der strafrechtlich gegen die Drohnenkrieger in Amerika vorgeht. Zusammen mit Khan hat er den ehemaligen US-Verteidigungsminister Robert Gates verklagt, außerdem den Ex-CIA-Direktor Leon Panetta und den früheren Leiter der CIA in Islamabad, Jonathan Banks. Khan fordert 500 Millionen Dollar Schadensersatz. Alle Kollegen rieten dem 35-jährigen Akbar davon ab, sich der Paschtunen anzunehmen. Die Gegner seien zu mächtig, sagten sie ihm. Und die Klienten mit ihren Bärten und Burkas seien nicht die typischen Sympathieträger. Niemand wird mehr mit dir arbeiten wollen, warnten sie. Warum opferst du dich für eine verlorene Sache?

Nachts sind die Drohnen besonders laut

Fahim Qureshi, 18, hat zwei unterschiedliche Augen, mit dem rechten lacht er, misstraut er, verschließt er sich und öffnet sich wieder. Das linke Auge ist schwarz und immer starr. Auch er ist ins Büro von Akbar gekommen, um seine Geschichte zu erzählen. Qureshi ist der einzige Überlebende eines Drohnenangriffs vom 23. Januar 2009, bei dem acht Menschen getötet wurden. Der erste Einsatz, den US-Präsident Barack Obama persönlich angeordnet hatte, drei Tage nach seiner Amtseinführung. Qureshi kommt aus Ziraki, einem Dorf wenige Kilometer von Karim Khans Wohnort entfernt. Das grobkörnige Satellitenbild auf Google Earth zeigt eine Siedlung auf einer Landzunge zwischen dem Strom des Tochi und eines seiner Zuflüsse. Am Ortsende zum Tochi hin ragt ein mächtiger Felskopf auf.

"Es war ein sehr kalter Tag, ein Freitag, und in den Pfützen auf dem Boden stand das Eis. Ich hatte den Tee auf die Veranda gebracht, dort hatten sich am frühen Abend, es war gegen 17 Uhr, die Älteren versammelt. Ich wartete etwas abseits, weil es sich für einen Jüngeren nicht gehört, in der Gegenwart der Älteren zu sitzen. Unter ihnen waren zwei meiner Onkel, beide Lehrer, und mein Cousin. Kurz zuvor war noch Laij dazugekommen, der ist geistig behindert. Sie haben immer Späße mit ihm gemacht, er hatte Angst vor Geistern. Manchmal warfen sich meine Onkel Tücher über den Kopf und erschreckten ihn. Ich wollte die Teegläser gerade wieder abräumen, da hörte ich das Zischen, zwei Sekunden lang, alle warfen sich zur Seite. Dann schlug die von einer Drohne abgefeuerte Rakete ein, und ich habe nichts mehr gesehen. Ich habe die nächsten 25 Tage nichts mehr gesehen.

Von der Wucht der Explosion wurde ich auf den Boden geworfen. Schutt fiel auf mich herab, und als ich wieder zu mir kam, brannte ich. Meine Hände, meine Brust, die Kleidung. Ich bin blind hinausgerannt, um das Feuer im Bewässerungsgraben vor dem Haus zu löschen. Ich legte mich hinein, aber in dem Graben war kein Wasser. Dann trugen mich Leute in ein Auto. Ich war vier Wochen lang im Krankenhaus. Ich bin der Einzige, der überlebt hat. Im Krankenhaus sagte mir der Arzt, mein linkes Auge sei verloren. Sie haben es durch ein Glasauge ersetzt. Im rechten Auge waren fünf bis sechs Metallsplitter, ganz klein und schwarz. In vier Operationen haben die Ärzte diese herausgeschnitten. In wenigen Sekunden hat sich mein ganzes Leben verändert.

Wieso die uns bombardieren? Ich weiß es nicht. Sie glauben, wir sind Terroristen. Aber in meiner Nachbarschaft gibt es keine Terroristen. Die Drohnen sind seit Jahren über meinem Dorf. Sie sind wie Schatten am Himmel. Die Leute bei uns nennen sie beengana, Fruchtfliegen. Weil das Geräusch ihrer Motoren wie das Surren der Fliegen klingt. Sie bewegen sich meistens in Formationen von drei bis vier kleinen Punkten am Himmel. Manchmal sind es bis zu zehn, dann weißt du, es steht irgendwo ein Angriff bevor. Es gibt zwei Arten von Drohnen, die einen sind schwarz, die anderen silbern. Die einen tragen nur Kameras, sie beobachten uns 24 Stunden lang. Sie fliegen niedriger als die Killerdrohnen. Wenn die bewaffneten Drohnen in den Sinkflug übergehen, ist das wieder ein Zeichen, dass ein Angriff bevorsteht. Ich kann jeden Tag ihr Geräusch hören, ständig, es verschwindet nie. Nur bei Regen und wenn es bewölkt ist. In der Nacht ist es lauter, weil sie dann näher zu den Dörfern hinunterkommen. Viele Menschen schlafen im Sommer nicht mehr auf den Dächern, sondern weichen in die Häuser aus, trotz der Hitze. Weil die Drohnen nachts so laut sind.

Es gibt nur noch mich. Ich muss jetzt die Familie führen, alle älteren Männer sind bei dem Angriff ums Leben gekommen. Mein Vater starb, da war ich klein. Bei uns ist es Tradition, dass die Frauen und Kinder nie alleine gelassen werden dürfen. Immer muss ein Mann im Haus sein, er begleitet sie bei Erledigungen außerhalb der Wohnung. Das bin jetzt ich. Ich bin verantwortlich für 19 Frauen und Kinder. Ich gehe auf Beerdigungen, um die Familie zu vertreten, wässere die Felder, sitze unter den Älteren. Ich fühle mich noch nicht reif dazu. Ich bin doch erst 18. Ich kann mich nicht mehr auf die Schule konzentrieren. Ich will Medizin studieren. Ich will mich an den Amerikanern rächen, indem ich sie auf dem Gebiet der Wissenschaft schlage. Indem ich ihnen zeige: Ich bin besser als ihr. Früher fiel mir das Lernen leicht, aber jetzt bin ich rastlos. Ich weiß nicht, ob ich noch lange auf die höhere Schule gehen kann. Die kleineren Jungs werden älter, müssen auch zur Schule, das kostet Geld. Wir haben vom Lehrergehalt unserer Onkel gelebt, das gibt es jetzt nicht mehr. Ich bin oft ratlos. Ich weiß nicht, was werden wird. Wie ein Hagelsturm im Sommer die Felder zerschlägt, haben die Amerikaner unser Land vernichtet."

Der Luftkrieg über Wasiristan hat in den vergangenen Jahren an Intensität zugenommen. Er begann 2004 mit der Liquidierung eines einzelnen Taliban-Kommandeurs. Ein weiterer Angriff folgte 2005. Doch in dem Maße, in dem der Widerstand gegen die internationalen Truppen in Afghanistan zunahm, stieg in Wasiristan die Zahl der Drohnenangriffe. Schließlich tötete die CIA jede Woche gleich mehrfach, 177 Angriffe waren es im bisher aktivsten Jahr 2011 und 368 insgesamt. Die USA veröffentlichen keine Statistiken über ihren Roboterfeldzug. Diese Zahlen sind Schätzungen, die auf Meldungen der Bevölkerung basieren. Was ursprünglich als Geheimdienst-Mission gegen wenige Terroristenführer begann, wurde zu einem konventionellen Krieg, mit der Drohne als zentralem Waffensystem.

In den meisten Fällen weiß die CIA offenbar nicht, auf wen sie genau schießt. Eine Studie der angesehenen Stanford Law School kommt zu dem Schluss, dass lediglich zwei Prozent aller Attacken hochrangige Al-Kaida-Führer und Taliban-Kommandeure töteten. Nur von diesen seien die Namen bekannt. Die meisten Opfer werden im Rahmen von signature strikes umgebracht. Dieses Prinzip wurde unter der Präsidentschaft von Obama zum System erhoben: Die US-Regierung entschied 2009, dass es nicht länger notwendig sei, die Identität der Zielpersonen zu kennen. Seitdem dürfen auch Gruppen von Männern angegriffen werden, die "bestimmte Merkmale haben oder Charakteristiken, die mit terroristischen Aktivitäten in Verbindung gebracht werden können". Der Schießbefehl wird auf Grundlage von "Verhaltensmuster-Analysen" erteilt. Wiederholt haben Abgeordnete des US-Kongresses die Obama-Regierung aufgefordert, dass sie die genauen Kriterien offenlegt. Nie erhielten sie eine Antwort.

Der Lehrer Siddique ur Rehman ist mit seinem Zwillingsbruder und seinen fünf Kindern zum Interview angereist, mit zwei Söhnen und drei kleinen Mädchen. Am 24. Oktober 2012 töteten vier Hellfire-Raketen einer Drohne die Mutter der beiden Männer und verletzten acht Kinder. Im Büro von Mirza Shahzad Akbar schauen die mitgereisten Mädchen neugierig den Ausländer aus dem Westen an. Noch nie haben sie einen gesehen.

Auf den Satellitenbildern wirkt ihr Heimatdorf Tappi wie eine Wagenburg. Es liegt wenige Kilometer westlich von Ziraki, dem Wohnort von Fahim Qureshi, dem halb blinden 18-Jährigen. Tappi war seit 2008 bereits fünf Mal das Ziel von Drohnenangriffen. Aus der Luft sieht man eine kreisförmige Ansammlung von Lehmhäusern. Wie Waben wirken die Strukturen der Innenhöfe, tief und hohl. Die Felder, die das Dorf umgeben, sind kleinteilig, von Baumreihen und Gräben durchzogen. Tappi ist zwischen einem Bergrücken und dem kilometerbreiten Schotterbett des Tochi eingezwängt, eines Flusses, der oft nur ein Rinnsal ist, manchmal aber so mächtig wie der Rhein. Rehmans Familie bewohnt eines der Häuser am Ortsrand.

Rehmans Sohn, Zubair ur Rehman, 13 Jahre, erster Oberlippenflaum, Schüler der achten Klasse, ist ein schüchterner Junge. Er erzählt:

"Meine Großmutter Momina Bibi war seit den frühen Morgenstunden auf dem Feld, um Okraschoten zu ernten. Ich bündelte gerade Heu. Es war der Tag vor dem Opferfest, ich war von der Schule gekommen, hatte eine Kleinigkeit gegessen, dann ging ich raus, um meiner Oma zu helfen. Ich beeilte mich, weil ich am Nachmittag mit ein paar Freunden auf den Jahrmarkt in Miranshah wollte. Der findet bei uns nur einmal im Jahr statt, eine große Sache. Ich wollte Geschenke für die Kleinen kaufen. Meine Schwester hatte mir bei der Feldarbeit geholfen, die ist fünf. Ich weiß noch, dass mein zweijähriger Bruder auf dem Dach unseres Hauses stand. Als ich mich über das Heu beugte, zischte etwas über mir. Ich wurde weggeschleudert und fiel zu Boden. Ich lag immer noch da, als nur zwei, drei Meter vom ersten Einschlag entfernt die zweite Rakete niederging. Ein Schrapnell zerfetzte mir das Knie. Ich verstand erst gar nicht, was passierte, ich schrie. Die Mädchen, die neben mir herumgealbert hatten, wurden von der Druckwelle mehrere Meter weit ins Feld geworfen. Mein zweijähriger Bruder, der oben auf dem Dach gestanden hatte, fiel vom Haus. Er brach sich dabei mehrere Rippen. Dass die Oma tot ist, habe ich lange nicht gewusst. Erst als ich nach einigen Wochen aus dem Krankenhaus in Peschawar zurückkam, haben sie es mir gesagt."

"Für die Amerikaner sind wir nur Insekten"

Siddique ur Rehman, 38, gepflegter Schnurrbart, große blaue Augen, Lehrer wie schon seine Vorfahren. Er weint während des Gesprächs, seine Kinder schauen weg.

"Ich saß an diesem Mittag in der Moschee, in der Hudschra, dem Raum, in dem die Männer zusammenkommen, da hörte ich das Fauchen am Himmel. Wir dachten alle, dass sie auf die Moschee zielen, und rannten raus. Als ich sah, dass die Raketen ins Feld eingeschlagen hatten, war ich zunächst erleichtert. Die meisten der Männer hielten Abstand, weil wir ja wissen, dass einem Angriff oft weitere folgen. Meine Frau rannte aus dem Haus: "Wo ist deine Mutter? Deine Mutter war auf dem Feld!" Ich lief ebenfalls los, sah drei verletzte Jugendliche, die gerade von der Schule gekommen waren, sah unsere Mädchen, die bleich waren und aus vielen kleinen Wunden bluteten. In der Mitte des Feldes sah ich eine Plastiksandale, die meine Mutter getragen hatte. Nachbarn hielten mich fest. Ich sah meine Mutter nur kurz, nur noch blutige Fleischstücke, die an Hautfetzen hingen. Sie warfen ein Tuch über die Leiche und zogen mich fort, brachten mich ins Haus, wo alles voll war mit blutenden, verletzten Kindern. Sie schrien, weinten.

Es ist jetzt nichts mehr so wie früher. Unsere Mutter war unser Glücksstern, die sanfte Seele unserer Familie. Sie wurde 65 Jahre alt. Solange deine Mutter lebt, bleibst du ihr Sohn, egal, ob du zwei Jahre alt bist oder 50. Sie war die Hebamme unseres Dorfes, sie hat alle zur Welt gebracht. Das Feld, auf dem sie ums Leben kam, haben wir an die Nachbarn verpachtet. Wir haben hohe Schulden, allein die Operationen für meinen Sohn Zubair kosteten 9500 Dollar. Wir haben fast alles Land verkauft, zur Hälfte des üblichen Preises. Die Leute nutzen dein Unglück aus. Sie wissen, du hast keine Wahl.

Die Hälfte der Bewohner sind in den letzten Jahren aus Tappi geflohen. Immer wenn es Anschläge auf die pakistanische Armee gibt, beschießen sie unseren Ort, sie bestrafen uns kollektiv. Vor einigen Wochen ist ein Nachbar gestorben, als eine Granate in sein Haus einschlug. Helikopter beschießen die Straßen. Vor drei Wochen gab es einen Selbstmordanschlag auf den Militärposten wenige Kilometer von uns entfernt. Ein Lastwagenfahrer hat sich mit seinem Truck in die Luft gesprengt. Er tötete 24 Soldaten. Vier unserer Nachbarn starben, weil sie zufällig mit ihrem Auto am Checkpoint waren. Die Wucht war so stark, ich dachte, unser Haus ist wieder von einer Drohne getroffen. Die Armee erließ zur Strafe eine Ausgangssperre für die ganze Region. Niemand darf die Hauptstraße betreten. Sie wird dann zur Todeszone, auch die Felder links und rechts von ihr. Wenn sie dich da sehen, schießen sie auf dich. Wir haben so oft Ausgangssperre. Die Händler schaffen die Lebensmittel über die Berge heran, auf den Rücken von Eseln. Das ist teuer. Der Preis für 80 Kilogramm Mehl ist in den letzten Tagen von 28 Dollar auf 50 Dollar gestiegen. Die Schulen sind geschlossen. Wie sollen unsere Kinder eine gute Ausbildung bekommen?

Das Schlimmste ist das Misstrauen untereinander. Es gibt Gerüchte, dass Spione Mikrochips vor den Häusern von Terroristen fallen lassen. Als Markierung für die Drohnen. Manchmal kommen Pick-ups mit schwarz getönten Scheiben und holen Leute ab, deren Leichen dann Wochen später gefunden werden. Ich weiß nicht, ob das immer wirklich Spione sind. Es gibt einen Berg bei uns in der Nähe, der heißt Spayra Ghar, der ›böse Hügel‹. Da oben werden oft die Leichen der Spione gefunden. So ist es, das Leben in unserem Dorf."

Noch am Tag des Angriffs zitierten pakistanische Medien anonyme Geheimdienstquellen, wonach in Tappi fünf Menschen getötet wurden, vier mutmaßliche Militante und eine Frau. Die Identität der Toten sei nicht bekannt, auch nicht das Ziel der Attacke.

Der Tod aus der Luft führt in Wasiristan zu Hysterie am Boden. Die Jagd auf US-Spione hält die Region in konstanter Zwietracht. Hunderte angebliche Spione haben die Taliban in den vergangenen Jahren umgebracht. Sie binden ihnen vor laufender Kamera Sprengstoffgürtel um und jagen sie in die Luft. Sie führen ihre Opfer auf den Fußballplatz von Miranshah, dem zentralen Ort Nordwasiristans, und töten sie vor Hunderten Zuschauern. Meistens ermordet man sie aber im Stillen. Ihre Geständnisse werden unter Folter erzwungen. Oft dient die Anschuldigung nur als Vorwand, Unliebsame aus den eigenen Reihen loszuwerden. Doch auch die tatsächlichen Informanten nutzen die Drohne als Waffe, um persönliche Feinde auszuschalten. Die Drohne mag technisch präziser als ein Kampfjet sein. Wie präzise aber sind die Informationen, auf deren Grundlage die CIA entscheidet?

Im bisher ruhigen Büro des Anwalts herrscht plötzlich Betriebsamkeit. Ganze Abordnungen aus den entlegeneren Tälern Wasiristans drängen herein, dort ist gerade eine Ausgangssperre aufgehoben worden. Die Räume füllen sich mit Gruppen von Stammesältesten. Verwitterte Gesichter und Stimmen, so dunkel wie Schotterlawinen im Gebirge. Sie glauben nicht, dass sie vor den Gerichten Pakistans Erfolg haben werden. Sie wollen aber nicht länger schweigen, sondern ihr Leid öffentlich machen. Mirza Shahzad Akbar ist nervös, er schaut zum Fenster hinaus, läuft auf die Straße, will sicherstellen, dass sich in seinem Büro nicht Leute treffen, die sich besser nicht begegnen sollten. Es gibt viele Privatfehden in Wasiristan. Einer der wichtigsten Grundsätze des Ehrenkodex der Paschtunen ist die Rache. "Wenigstens bringen sie hierher ihre Gewehre nicht mit", sagt er und lacht. Er empfängt die Angehörigen von 23 Männern, die 2007 ums Leben kamen, als eine Drohne das Arbeitslager einer Chromitmine traf. Die Väter und Onkel der Toten haben Dokumente mitgebracht, die belegen sollen, dass es sich um einfache Minenarbeiter handelte, nicht um Terroristen. In einem anderen Raum warten Überlebende und Hinterbliebene einer Dschirga, einer Versammlung zweier Dörfer, die am 17. März 2011 von zwei Raketen getroffen wurde. Die Dschirga sollte Streitigkeiten zwischen Grundstückseigentümern schlichten. Der Angriff tötete 45 Dorfälteste und Regierungsbeamte, offenbar waren auch vier Talibanvertreter dabei. Er verletzte unter anderem Ahmed Jan, einen weißhaarigen Dorfältesten, die Explosionen zerfetzten seine Beine. Er will dem Reporter nicht die Hand geben. Für ihn und alle anderen spricht Malik Jelal Khan, 54, der von der Regierung eingesetzte Verwaltungschef des Dorfes Manzar Khel, der den Anschlag auf die Dschirga überlebt hat:

"Für die Amerikaner sind wir nur Insekten. Wir leben 24 Stunden am Tag mit Drohnen über uns, fühlen uns beobachtet wie in einem großen Gefängnis. Die Menschen haben Angst, zu Beerdigungen zu gehen. Dreimal haben Drohnen in den letzten Monaten Trauerfeiern beschossen, einmal sogar in meinem Nachbardorf. Es gibt kein Dorf in der Umgebung, das nicht mindestens einmal angegriffen wurde. Die Schüler trauen sich nicht mehr zur Schule.

Neulich weckte mich mitten in der Nacht mein dreijähriger Sohn. Er heißt Hillal. ›Papa‹, sagte er, ›so viele Drohnen fliegen am Himmel.‹ In dieser Nacht waren die Drohnen sehr niedrig zur Erde heruntergesunken und machten einen großen Lärm. Ich nahm meinen Sohn an der Hand und ging mit ihm nach draußen, zu einem großen Baum abseits des Dorfes. Wir haben uns gegen seinen Stamm gelehnt, und mein Sohn hat hinauf zum Himmel gezeigt und gesagt: ›Schau, Papa, die Drohnen. Ich will nicht, dass sie dich töten.‹ Er ist dann irgendwann in meinem Schoß eingeschlafen, und ich habe ihn ins Haus zurückgetragen."

"Ich will Arzt werden, dort, wo kein Krieg ist"

80 Prozent der Drohnenschläge in Pakistan gehen auf das Territorium von Nordwasiristan nieder, in dem 361.000 Menschen leben. Das Gebiet ist mit 4707 Quadratkilometern etwa so groß wie zwei deutsche Landkreise. Es besteht dort eine Art Nichtangriffspakt zwischen der pakistanischen Armee und den Taliban. Die Armee verlässt nur selten ihre Stützpunkte. Die eigentlichen Machthaber der Region sind die Tahrik-i-Taliban, der pakistanische Ableger der Taliban, und ihr lokaler Führer Hafiz Gul Bahadur. Sie betreiben ihre eigenen Gerichte, Steuerämter, Schulen und Kliniken. Viele Dorfbewohner stehen auf ihrer Gehaltsliste in dem an Jobs so armen Land. Und viele sehen in den Taliban die Befreier von korrupten Beamten und bestechlichen Ältestenräten. Die Taliban in Nordwasiristan kooperieren wiederum eng mit dem Haqqani-Netzwerk, das in Afghanistan zu den berüchtigsten Terrorgruppen zählt. Wie US-Geheimdienste glauben, waren es die Haqqani, die Osama bin Laden nach Afghanistan brachten. Ihnen gilt die Drohnenjagd, angeblich konnten die Amerikaner einige ihrer wichtigsten Führer töten. Doch um welchen Preis? Wie viele tote Zivilisten nimmt die CIA für den Tod eines Topterroristen in Kauf?

Und wie viele tote Kinder nehmen die Taliban in Kauf, um sich vor den Drohnen zu schützen? "No drones, no polio", diese Losung riefen sie vor einigen Monaten aus und stoppten die staatlichen Polioimpfungen. Ihre Kommandeure haben die 240.000 Kinder Wasiristans in Geiselhaft genommen. Sie wollen die Impfungen erst dann wieder erlauben, wenn alle Drohnenangriffe eingestellt werden. Über die Taliban und ihre Repressionen sprechen die Opfer der Drohnenanschläge nur in vorsichtigen Andeutungen. Es wäre zu riskant.

Sadam Hussain, 17, neunte Klasse, absolvierte am Vortag seiner Reise nach Islamabad die Jahresabschlussprüfung der höheren Schule in Miranshah. Auf dem Satellitenbild wirkt seine Heimatstadt zersplittert. Rasterförmig angelegte Viertel wechseln mit Arealen, denen jede Ordnung fehlt. Viele unterschiedliche Stämme wohnen in der Hauptstadt Nordwasiristans. Die Repräsentanten Pakistans verschanzen sich in einem wuchtigen Fort, das vor hundert Jahren die britischen Kolonialherren bauten. Am 10. März 2010 starben bei einem Drohnenangriff auf Hussains Haus seine acht Monate alte Nichte und ihre Mutter, die Frau seines älteren Bruders. In der Jackentasche trägt er ein Foto des toten Kindes.

"Ich habe gestern bei der Prüfung versagt. Ich habe von 525 möglichen Punkten nur 380 erreicht. Ich schau auf eine Aufgabe, und dann weiß ich gar nichts mehr. Als ich nach dem Examen auf die Straße ging, flog eine Drohne über der Stadt. Man sieht die Dinger ständig, aber diese gestern flog wirklich sehr niedrig. Alle Leute liefen schnell in die Häuser. Ich konnte an den Tragflächen der Drohne vier Raketen erkennen. Ich weiß nicht, welche Farbe sie hatte. Je nach Sonneneinstrahlung wechselt die. Ich will weg aus Wasiristan. Ich will Arzt werden, dort, wo kein Krieg ist, aber dafür muss ich auf der Schule noch viel besser werden.

Ich kann mich gut an den Tag erinnern, als die Rakete unser Haus traf. Es war die Zeit, in der die Moskitolarven aus der Erde schlüpfen und die ersten Rosen blühen. Ich hatte unruhig geschlafen in dieser Nacht und bin ab dem Morgengebet um fünf Uhr wach gewesen. Ich ging dann mit der Steinschleuder raus, um Vögel zu jagen. Das machen alle Jungs bei uns. Du lockt sie an, indem du ihr Zwitschern nachahmst, und zielst auf ihren Kopf. Wir werfen die Vögel dann ins offene Feuer, sie sind ganz klein und schmecken sehr lecker. Meine Freunde und ich filmen uns gegenseitig. Einer bearbeitet die Videoclips auf dem Computer. Später an diesem Tag haben wir Fußball gespielt, ich liebe Fußball. Ich bin der Einzige bei uns in der Nachbarschaft, der richtige Fußballschuhe hat. Mein Bruder aus Karatschi hat sie mir geschickt. Sie sind weiß, haben rote Streifen und sind von adidas, mit echten Stollen!

Abends bin ich früh ins Bett, so müde war ich. Mein älterer Bruder stritt mit mir, weil ich an diesem Tag nicht in die Schule gegangen bin. Ich hatte einfach keine Lust, und das Wetter war so schön. Mein Bruder ist das Oberhaupt der Familie, seit mein Vater von einem Onkel bei uns zu Hause erschossen wurde. Aber da war ich noch sehr klein.

Vor dem Einschlafen habe ich aus dem Nachbarraum das Quengeln von Jawarya gehört, meiner Nichte. Meine Tante hat den Ventilator angeschaltet, damit das Baby besser schläft. Gleich danach traf die Rakete unser Haus. Sie zerstörte die Hudschra und das Zimmer meiner Tante. Ich weiß nicht mehr genau, was mit mir geschah. Ich war plötzlich wach. Alles war schwarz. Alles war still. Meine Ohren waren taub. Dann sah ich Rauch, hellen und dunklen. Ich begann zu husten. Ich hatte mit meiner Mutter und drei Schwestern in einem Zimmer gelegen. Wir rannten raus. Die Leute trauten sich erst nicht zu unserem Haus, aus Angst, dass die Drohne noch einmal schießt. Ein paar begannen zu graben, um nach Verschütteten zu suchen. Nachbarn haben das Baby und seine Mutter dann unter Trümmern im Obstgarten gefunden.

Ihr Tod ist jetzt drei Jahre her, und doch hat sich mein Bruder immer noch nicht davon erholt, dass seine Frau und seine Tochter nicht mehr da sind. Er arbeitet als Teeboy im Büro des Verwaltungschefs. In den ersten Wochen nach dem Tod seiner Familie wanderte er viel umher, mied das Haus, saß in der Moschee und betete. Einige der Ältesten fragten ihn: Warum kommst du nicht zu uns herein und schaust ein wenig fern? Aber er wollte nicht. Jemand hat ihm dann Pillen gegeben, damit er besser schlafen konnte, sie waren rot. Mein Bruder war früher sehr sanftmütig, aber jetzt ist er oft zornig. Und wenn er so zornig ist, muss man wirklich Angst vor ihm haben. Wir versuchen, alle schlechten Nachrichten von ihm fernzuhalten. Neulich hat er mich verprügelt, weil ich zu spät vom Fußballspielen kam, grün und blau hat er mich geschlagen. Respekt vor den Älteren muss sein, aber ich würde meine Kinder nie so schlagen, wie mein Bruder mich schlägt."

In dem Verfahren der Familien wurden lange keine Urteile gesprochen. Mirza Shahzad Akbar hat im Laufe der letzten zwei Jahre Klagen beim Obersten Gericht der Provinzhauptstadt Peschawar und beim Bezirksgericht in Islamabad eingereicht. Islamabad ist der Sitz der US-Botschaft und damit auch des CIA-Landesdirektors, der die Abschüsse genehmigt. Akbar rechnete erst nicht mit raschen Urteilssprüchen, zu groß schien die Angst der pakistanischen Richter vor internationalen Konsequenzen. Doch Anfang Mai errangen die Familien ihren ersten Sieg. Das Provinzgericht in Peschawar verurteilte die Bombardierung der Dschirga im Jahr 2011, bei der 45 Menschen gestorben waren. Die Richter forderten die pakistanische Regierung auf, Drohnen in Zukunft abschießen zu lassen und das Verfahren an den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag weiterzuleiten.

Die CIA hat bislang offiziell nicht auf die Gerichtsverfahren reagiert. Sie musste aber gleich zu Beginn der Anti-Drohnen-Kampagne den CIA-Chef für Pakistan abziehen. Akbar hatte ihn des hundertfachen Mordes angeklagt, seinen Namen öffentlich gemacht und ihn auf Transparente gedruckt, die er in Islamabad aufhängen ließ. Die CIA warf Akbar vor, er habe damit das Leben des Spitzenspions gefährdet.

126 Familien haben bislang bei dem Anwalt Klage eingereicht. Er selber kann den Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen nur teilweise überprüfen, weil auch ihm die Einreise nach Wasiristan verwehrt ist. Er kann sich nicht auf eine Polizei stützen, die Tatorte aufsucht und Zeugen befragt, weil es dort keine Polizei gibt. Die Sicherheitskräfte Pakistans trauen sich in Wasiristan nur selten aus ihren Festungen. In den Stammesgebieten gibt es zudem weder Gerichte noch Staatsanwälte. Er habe viele vermeintliche Opfer abgelehnt, sagt Akbar, mögliche Trittbrettfahrer, deren Geschichten er unstimmig fand. Karim Khan, der als erstes Drohnenopfer zu ihm kam, und zwei weitere Vertraute hat er zudem damit beauftragt, vor Ort unabhängige Nachforschungen anzustellen, so unabhängig es eben geht im Land der Taliban.

Der Anwalt würde gerne Fotos von den Tatorten machen lassen. Immer noch dauert es Wochen, bis Informationen über zivile Todesfälle nach außen dringen. Vor einiger Zeit hatte Akbar die Idee, Klägerfamilien aus unterschiedlichen Dörfern mit 50 Kameras auszustatten. Sie sollten damit die Zerstörungen dokumentieren. Doch die meisten lehnten ab, hatten Angst, von den Taliban als Spitzel verdächtigt zu werden. Einer, der trotzdem mitmachen wollte, war der 16-jährige Tariq Aziz. Er hatte kurz zuvor einen Cousin bei einem Drohnenangriff verloren. Der Jugendliche traf den Anwalt in Islamabad und erklärte sich bereit, an dem Dokumentationsprojekt teilzunehmen. Es kam jedoch nicht dazu.

Auf der Fahrt zurück nach Wasiristan wurde er getötet, zusammen mit einem zwölfjährigen Cousin – von einer Drohne.