Fahim Qureshi, 18, hat zwei unterschiedliche Augen, mit dem rechten lacht er, misstraut er, verschließt er sich und öffnet sich wieder. Das linke Auge ist schwarz und immer starr. Auch er ist ins Büro von Akbar gekommen, um seine Geschichte zu erzählen. Qureshi ist der einzige Überlebende eines Drohnenangriffs vom 23. Januar 2009, bei dem acht Menschen getötet wurden. Der erste Einsatz, den US-Präsident Barack Obama persönlich angeordnet hatte, drei Tage nach seiner Amtseinführung. Qureshi kommt aus Ziraki, einem Dorf wenige Kilometer von Karim Khans Wohnort entfernt. Das grobkörnige Satellitenbild auf Google Earth zeigt eine Siedlung auf einer Landzunge zwischen dem Strom des Tochi und eines seiner Zuflüsse. Am Ortsende zum Tochi hin ragt ein mächtiger Felskopf auf.

"Es war ein sehr kalter Tag, ein Freitag, und in den Pfützen auf dem Boden stand das Eis. Ich hatte den Tee auf die Veranda gebracht, dort hatten sich am frühen Abend, es war gegen 17 Uhr, die Älteren versammelt. Ich wartete etwas abseits, weil es sich für einen Jüngeren nicht gehört, in der Gegenwart der Älteren zu sitzen. Unter ihnen waren zwei meiner Onkel, beide Lehrer, und mein Cousin. Kurz zuvor war noch Laij dazugekommen, der ist geistig behindert. Sie haben immer Späße mit ihm gemacht, er hatte Angst vor Geistern. Manchmal warfen sich meine Onkel Tücher über den Kopf und erschreckten ihn. Ich wollte die Teegläser gerade wieder abräumen, da hörte ich das Zischen, zwei Sekunden lang, alle warfen sich zur Seite. Dann schlug die von einer Drohne abgefeuerte Rakete ein, und ich habe nichts mehr gesehen. Ich habe die nächsten 25 Tage nichts mehr gesehen.

Von der Wucht der Explosion wurde ich auf den Boden geworfen. Schutt fiel auf mich herab, und als ich wieder zu mir kam, brannte ich. Meine Hände, meine Brust, die Kleidung. Ich bin blind hinausgerannt, um das Feuer im Bewässerungsgraben vor dem Haus zu löschen. Ich legte mich hinein, aber in dem Graben war kein Wasser. Dann trugen mich Leute in ein Auto. Ich war vier Wochen lang im Krankenhaus. Ich bin der Einzige, der überlebt hat. Im Krankenhaus sagte mir der Arzt, mein linkes Auge sei verloren. Sie haben es durch ein Glasauge ersetzt. Im rechten Auge waren fünf bis sechs Metallsplitter, ganz klein und schwarz. In vier Operationen haben die Ärzte diese herausgeschnitten. In wenigen Sekunden hat sich mein ganzes Leben verändert.

Wieso die uns bombardieren? Ich weiß es nicht. Sie glauben, wir sind Terroristen. Aber in meiner Nachbarschaft gibt es keine Terroristen. Die Drohnen sind seit Jahren über meinem Dorf. Sie sind wie Schatten am Himmel. Die Leute bei uns nennen sie beengana, Fruchtfliegen. Weil das Geräusch ihrer Motoren wie das Surren der Fliegen klingt. Sie bewegen sich meistens in Formationen von drei bis vier kleinen Punkten am Himmel. Manchmal sind es bis zu zehn, dann weißt du, es steht irgendwo ein Angriff bevor. Es gibt zwei Arten von Drohnen, die einen sind schwarz, die anderen silbern. Die einen tragen nur Kameras, sie beobachten uns 24 Stunden lang. Sie fliegen niedriger als die Killerdrohnen. Wenn die bewaffneten Drohnen in den Sinkflug übergehen, ist das wieder ein Zeichen, dass ein Angriff bevorsteht. Ich kann jeden Tag ihr Geräusch hören, ständig, es verschwindet nie. Nur bei Regen und wenn es bewölkt ist. In der Nacht ist es lauter, weil sie dann näher zu den Dörfern hinunterkommen. Viele Menschen schlafen im Sommer nicht mehr auf den Dächern, sondern weichen in die Häuser aus, trotz der Hitze. Weil die Drohnen nachts so laut sind.

Es gibt nur noch mich. Ich muss jetzt die Familie führen, alle älteren Männer sind bei dem Angriff ums Leben gekommen. Mein Vater starb, da war ich klein. Bei uns ist es Tradition, dass die Frauen und Kinder nie alleine gelassen werden dürfen. Immer muss ein Mann im Haus sein, er begleitet sie bei Erledigungen außerhalb der Wohnung. Das bin jetzt ich. Ich bin verantwortlich für 19 Frauen und Kinder. Ich gehe auf Beerdigungen, um die Familie zu vertreten, wässere die Felder, sitze unter den Älteren. Ich fühle mich noch nicht reif dazu. Ich bin doch erst 18. Ich kann mich nicht mehr auf die Schule konzentrieren. Ich will Medizin studieren. Ich will mich an den Amerikanern rächen, indem ich sie auf dem Gebiet der Wissenschaft schlage. Indem ich ihnen zeige: Ich bin besser als ihr. Früher fiel mir das Lernen leicht, aber jetzt bin ich rastlos. Ich weiß nicht, ob ich noch lange auf die höhere Schule gehen kann. Die kleineren Jungs werden älter, müssen auch zur Schule, das kostet Geld. Wir haben vom Lehrergehalt unserer Onkel gelebt, das gibt es jetzt nicht mehr. Ich bin oft ratlos. Ich weiß nicht, was werden wird. Wie ein Hagelsturm im Sommer die Felder zerschlägt, haben die Amerikaner unser Land vernichtet."

Der Luftkrieg über Wasiristan hat in den vergangenen Jahren an Intensität zugenommen. Er begann 2004 mit der Liquidierung eines einzelnen Taliban-Kommandeurs. Ein weiterer Angriff folgte 2005. Doch in dem Maße, in dem der Widerstand gegen die internationalen Truppen in Afghanistan zunahm, stieg in Wasiristan die Zahl der Drohnenangriffe. Schließlich tötete die CIA jede Woche gleich mehrfach, 177 Angriffe waren es im bisher aktivsten Jahr 2011 und 368 insgesamt. Die USA veröffentlichen keine Statistiken über ihren Roboterfeldzug. Diese Zahlen sind Schätzungen, die auf Meldungen der Bevölkerung basieren. Was ursprünglich als Geheimdienst-Mission gegen wenige Terroristenführer begann, wurde zu einem konventionellen Krieg, mit der Drohne als zentralem Waffensystem.

In den meisten Fällen weiß die CIA offenbar nicht, auf wen sie genau schießt. Eine Studie der angesehenen Stanford Law School kommt zu dem Schluss, dass lediglich zwei Prozent aller Attacken hochrangige Al-Kaida-Führer und Taliban-Kommandeure töteten. Nur von diesen seien die Namen bekannt. Die meisten Opfer werden im Rahmen von signature strikes umgebracht. Dieses Prinzip wurde unter der Präsidentschaft von Obama zum System erhoben: Die US-Regierung entschied 2009, dass es nicht länger notwendig sei, die Identität der Zielpersonen zu kennen. Seitdem dürfen auch Gruppen von Männern angegriffen werden, die "bestimmte Merkmale haben oder Charakteristiken, die mit terroristischen Aktivitäten in Verbindung gebracht werden können". Der Schießbefehl wird auf Grundlage von "Verhaltensmuster-Analysen" erteilt. Wiederholt haben Abgeordnete des US-Kongresses die Obama-Regierung aufgefordert, dass sie die genauen Kriterien offenlegt. Nie erhielten sie eine Antwort.

Der Lehrer Siddique ur Rehman ist mit seinem Zwillingsbruder und seinen fünf Kindern zum Interview angereist, mit zwei Söhnen und drei kleinen Mädchen. Am 24. Oktober 2012 töteten vier Hellfire-Raketen einer Drohne die Mutter der beiden Männer und verletzten acht Kinder. Im Büro von Mirza Shahzad Akbar schauen die mitgereisten Mädchen neugierig den Ausländer aus dem Westen an. Noch nie haben sie einen gesehen.

Auf den Satellitenbildern wirkt ihr Heimatdorf Tappi wie eine Wagenburg. Es liegt wenige Kilometer westlich von Ziraki, dem Wohnort von Fahim Qureshi, dem halb blinden 18-Jährigen. Tappi war seit 2008 bereits fünf Mal das Ziel von Drohnenangriffen. Aus der Luft sieht man eine kreisförmige Ansammlung von Lehmhäusern. Wie Waben wirken die Strukturen der Innenhöfe, tief und hohl. Die Felder, die das Dorf umgeben, sind kleinteilig, von Baumreihen und Gräben durchzogen. Tappi ist zwischen einem Bergrücken und dem kilometerbreiten Schotterbett des Tochi eingezwängt, eines Flusses, der oft nur ein Rinnsal ist, manchmal aber so mächtig wie der Rhein. Rehmans Familie bewohnt eines der Häuser am Ortsrand.

Rehmans Sohn, Zubair ur Rehman, 13 Jahre, erster Oberlippenflaum, Schüler der achten Klasse, ist ein schüchterner Junge. Er erzählt:

"Meine Großmutter Momina Bibi war seit den frühen Morgenstunden auf dem Feld, um Okraschoten zu ernten. Ich bündelte gerade Heu. Es war der Tag vor dem Opferfest, ich war von der Schule gekommen, hatte eine Kleinigkeit gegessen, dann ging ich raus, um meiner Oma zu helfen. Ich beeilte mich, weil ich am Nachmittag mit ein paar Freunden auf den Jahrmarkt in Miranshah wollte. Der findet bei uns nur einmal im Jahr statt, eine große Sache. Ich wollte Geschenke für die Kleinen kaufen. Meine Schwester hatte mir bei der Feldarbeit geholfen, die ist fünf. Ich weiß noch, dass mein zweijähriger Bruder auf dem Dach unseres Hauses stand. Als ich mich über das Heu beugte, zischte etwas über mir. Ich wurde weggeschleudert und fiel zu Boden. Ich lag immer noch da, als nur zwei, drei Meter vom ersten Einschlag entfernt die zweite Rakete niederging. Ein Schrapnell zerfetzte mir das Knie. Ich verstand erst gar nicht, was passierte, ich schrie. Die Mädchen, die neben mir herumgealbert hatten, wurden von der Druckwelle mehrere Meter weit ins Feld geworfen. Mein zweijähriger Bruder, der oben auf dem Dach gestanden hatte, fiel vom Haus. Er brach sich dabei mehrere Rippen. Dass die Oma tot ist, habe ich lange nicht gewusst. Erst als ich nach einigen Wochen aus dem Krankenhaus in Peschawar zurückkam, haben sie es mir gesagt."