FinanzkriseWo sind die Ökonomen?

Europa erlebt die schwerste Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten. Die Bundesregierung aber lässt sich vor allem von Juristen beraten. von 

Angela Merkel gehört zu jener Sorte Politiker, die im kleinen Kreis sehr gewinnend sein können. So wie vor ein paar Wochen, als die Kanzlerin die Festrede zum 50-jährigen Jubiläum des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung zu halten hatte. Vor der Elite der deutschen Ökonomie hielt sie eine launige Ansprache, die von den Wirtschaftsprofessoren mit viel Applaus bedacht wurde.

Wahrscheinlich, weil niemand genau zugehört hat. Die Regierung tue gut daran, den Empfehlungen der Ökonomen mit "kritischer Distanz" zu begegnen, sagte Merkel. Und überhaupt gebe es häufig "unterschiedliche Begutachtungen des gleichen realen Sachverhalts".

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Die Wahrheit ist: Nie zuvor war der Graben zwischen Politik und Ökonomie tiefer. Prominente Wirtschaftsprofessoren haben sich zusammengeschlossen, um mit der neu gegründeten "Alternative für Deutschland" die etablieren Parteien herauszufordern. Und in den Führungsetagen der wichtigen Ministerien gibt es praktisch keine Ökonomen mehr.

Was sagt es über die Politik aus, wenn das Land in einer der größten Wirtschaftskrisen aller Zeiten ohne Wirtschaftsexperten regiert wird? Und was sagt es über die Ökonomie aus, wenn es den Deutschen doch zugleich so gut geht wie lange nicht mehr?

Die Suche nach einer Antwort beginnt im Bundesministerium der Finanzen. In den sechziger und siebziger Jahren standen Volkswirte wie Karl Schiller und Helmut Schmidt an der Spitze der Behörde. Als die rot-grüne Bundesregierung Ende der neunziger Jahre ihr Amt antrat, baute Oskar Lafontaine das Haus zu einem makroökonomischen Superministerium aus. Er holte sich die Grundsatzabteilung aus dem Wirtschaftsministerium, engagierte gleichgesinnte Ökonomen und nahm sich als eine seiner ersten Amtshandlungen gleich eine – später gescheiterte – Reform des Weltwährungssystems vor.

Volkswirte sind auf dem Rückzug

Heute sind die Volkswirte auf dem Rückzug. Wolfgang Schäuble ist Jurist, genau wie sein für Währungen, Finanzmärkte und Europa zuständiger Staatssekretär Thomas Steffen. Steffen ist einer der mächtigsten Beamten in Berlin und organisiert den Kampf gegen die Krise. Er vertritt Deutschland in internationalen Gremien und handelt in Brüssel Rettungspakete aus. Der langjährige Versicherungsaufseher kokettiert unter Vertrauten gerne damit, von Ökonomie nicht sehr viel zu verstehen. Auch die beiden anderen Staatssekretäre – Werner Gatzer und Hans Bernhard Beus – haben Jura studiert. Genau wie Schäubles oberster Bankenregulierer Levin Holle, der vor seinem Wechsel in das Ministerium das Berliner Büro der Beratungsgesellschaft Boston Consulting Group geleitet hat. Erst auf der Ebene der Abteilungsleiter leistet sich Deutschland mit dem ehemaligen Notenbanker Ludger Schuhknecht einen Ökonomen.

Ganz ähnlich ist die Lage im Kanzleramt. Angela Merkels oberster Wirtschaftsberater Lars-Hendrik Röller ist zwar Volkswirt, sein Spezialgebiet ist jedoch die Wettbewerbspolitik. Mit Makroökonomie oder Finanzmärkten – mit allem also, worauf es derzeit ankommt – hat er sich praktisch nicht beschäftigt. Und Röller hat mit der Krise nicht mehr viel zu tun. Die Kanzlerin, so erzählen es Insider in Berlin, höre vor allem auf ihren Europaberater Nikolaus Meyer-Landrut, einen promovierten Historiker und langjährigen Diplomaten.

Nicht einmal Wirtschaftsminister Philipp Rösler scheint viel auf die Wirtschaftswissenschaften zu geben. Seine Staatssekretäre: eine Romanistin, ein Verwaltungswissenschaftler und ein Kartellexperte.

Auch auf den unteren Hierarchieebenen dominieren die Rechtsexperten. Laut einer Studie der Ökonomen Justus Haucap von der Universität Düsseldorf und Michael Mödl von der Universität München sind weniger als ein Drittel der Mitarbeiter im höheren Dienst des Wirtschafts- und des Finanzministeriums Volkswirte. Und auch der Finanzausschuss des Bundestags lädt mehr Juristen als Ökonomen als Gutachter ein.

Dabei konnte auch Angela Merkel anfangs noch gut mit den Wirtschaftswissenschaftlern. Sie holte im Jahr 2005 den Bundesbankvolkswirt Jens Weidmann – heute Präsident der Notenbank – ins Kanzleramt und lud nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers Wirtschaftsprofessoren wie Hans-Werner Sinn vom Münchner Ifo-Institut zu Krisengesprächen ins Kanzleramt ein. Inzwischen finden solche Treffen kaum noch statt. Man spricht mehr übereinander als miteinander. Mehr als 200 Ökonomen unterzeichneten einen Aufruf gegen die von der Regierung geplante Bankenunion – und viele davon gehören zum harten Kern der "Alternative für Deutschland".

Die Kanzlerin und ihr Finanzminister haben irgendwann in dieser Krise das Vertrauen in die Ökonomen verloren, die die Regierung immer wieder kritisieren, aber sich selten einig sind.

Leserkommentare
    • boxo
    • 29. Mai 2013 20:02 Uhr

    dann heisst es wohl zur Bundestagswahl mit der Zweitstimme die Alternative für Deutschland zu wählen.

    Haben Sie die Alternative zu Juristen! Professor Lucke, Starbatty und andere können Deutschland weiterhelfen.

    20 Leserempfehlungen
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    • Kauri
    • 29. Mai 2013 22:57 Uhr

    Die Quintessenz aus dem Beitrag von Herrn Schieritz ist in der Tat, dass die Ökonomie wieder eine Rolle in der Politik spielen muss! Da die Parteien sich vor allem mit Juristen vollgesogen haben, war es zwangsläufig, dass sich eine neue Partei gründet, die in der Spitze vor allem aus Volkswirten besteht! Also eine typ. Reaktion auf Missstände!
    Leider braucht auch diese Partei Juristen bei dem Aufbau in der Fläche, da sonst das Procedere von Wahlvorgängen angegriffen wird, nur mit dem Ziel, die Partei ( Wettbewerber) als Konkurrenz zur Bundestagswahl zu verhindern!
    Für mich sind Juristen Dienstleister, mehr nicht. Da , wo Werte geschaffen werden, sind Juristen nicht mehr an der Spitze! Es herrschen Betriebswirte und Ingenieure. Die leisten sich einen Syndikus . Es wäre viel geholfen, wenn Betriebswirte und Ingenieure auch in den Entscheidungsgremien des Staates sitzen würden!
    Ich bin übrigens Ingenieur und habe mich seit 2007 um solche Abartigkeiten , wie asset-bakedsecurities (ABS) gekümmert, nur um die Abartigkeit des Finanzwesens zu verstehen.
    Die Aufsichtsgremien der IKB haben das ja wohl absolut verschlafen! Die KfW übrigens auch. Das waren noch Zeiten, als ein Prof. Erhard oder später ein Prof. Schiller das Wirtschaftsministerium führten. Die hätte man nicht so über den Tisch gezogen! Allein schon deshalb nicht, weil auch deren Umfeld nur die guten Experten eine Chance hatten!
    Möllemann, Bangemann, Rösler, von Guttenberg, Glos u.a. waren/sind ein Trauerspiel!

  1. Da kann man auch gleich Glaskugelleser oder Tarotkarten verwenden.
    Ich würde gern Menschen die in der wirklichen Welt leben als Berater der Regierenden sehen.
    Wann hat sich Frau Merkel zum letzen mal eine oder zwei Stunden lang mit einer Einzelhandelskauffrau unterhalten?
    Der Herr Schäuble mit einem Taxifaher?
    Der Herr Rösler mit einem Menschen im Hospiz?

    11 Leserempfehlungen
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    • khsb
    • 29. Mai 2013 23:22 Uhr

    ZU: "Da kann man auch gleich Glaskugelleser oder Tarotkarten verwenden. Ich würde gern Menschen die in der wirklichen Welt leben als Berater der Regierenden sehen. Wann hat sich Frau Merkel zum letzen mal eine oder zwei Stunden lang mit einer Einzelhandelskauffrau unterhalten? Der Herr Schäuble mit einem Taxifaher? Der Herr Rösler mit einem Menschen im Hospiz?"

    Bei aller Wertschätzung für Einzelhandelskauffrau, Taxifahrer und Pfleger (die haben wenigstens den Vorteil, dass sie mit dem "richtigen Leben" zu tun haben, dass vielen Politikern in Regierung und Opposition abgeht), möchte ich deshalb noch lange nicht auf jegliche Sachkompetenz (Geldsystem, Volkswirtschaft, Steuer- und Finanzwirtschaft) verzichten. Komischerweise ist es bei der Opposition genauso: ehemalige Theologie- und Theaterwissenschaftstudenten, Lehrer, Soziologen und Erzieher wollen unser Wirtschafts- und Finanzpolitik steuern. Das kann ja nur ins Auge gehen (und geht es ja auch gerade).

    • ZPH
    • 29. Mai 2013 20:11 Uhr

    wenn einen die Meinung des einen nicht gefällt, dann findet man leicht einen, der das genaue Gegenteil behauptet.

    10 Leserempfehlungen
    • isback
    • 29. Mai 2013 20:17 Uhr

    ... hinreichend nachgewiesen, dass ihre Tätigkeit die Grundvoraussetzung von Wissenschaftlichkeit nicht erfüllt:

    Ihre Theorien erlauben keine Voraussagen.

    Noch dazu ist ihnen auch Starrsinn eigen.

    Aktuelles Beispiel:
    http://www.zeit.de/2013/2...
    (Ein Plädoyer für Staatsverschuldung, der Wurzel allen Übels.)

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    • vwlstu
    • 29. Mai 2013 21:41 Uhr

    naja es liegt in der natur eines seriösen wissenschaftler, sich nicht selbst zum Allwissenden wohlmeinenden Diktator aufzuschwingen.
    leider wird man in den medien nicht gehört wenn man einen sachverhalt von unterschiedlichen seiten beleuchtet. deshalb unterliegen wohl einige proffesoren der versuchung ihre persönliche ansicht von der relevanz eines sachverhalt als ein faktum darzustellen, letztendlich ist die vwl teiweise auch die fortsetzung von politik mit anderen mitteln (logik). die relevanz vieler mechanismem wird unterschiedlich von verschiedenen aktueren bewertet. aber letztendlich ist die vwl noch zu unerforscht, um absolut sichere prognosen und empfehlungen abgeben zu können. modelle werden sehr schnell sehr komplex wenn man versucht mehrere aspekte der wirklichkeit abzubilden. konfrontiert man modelle mit den daten, valdiert sie , oder versucht wirkungsgeflechte oder prognosen zu erstellen, bekommt man oft ergebnisse deren validittät nur eingefleischten ökonometrikern offensichtlich wird. das aber ist in anderen wissenschaften nicht anders. in der pharmazie werden daten oft frisiert um gewisse signifikanz niveaus zu erreichen damit ein medikament auch zugelassen wird.

  2. Dass die ZEIT dazu übergeht, nicht mehr jeden Ökonomen als "Rechtspopulisten" zu brandmarken, nur weil er den Euro oder die Rettungspolitik desselben ablehnt. Und dass es auch unter Ökonomen verschiedene Schulen gibt, ist doch normal. Deutschland muss sich eben fragen, welche Schule am besten zu den eigenen Interessen passt. Und da erscheint Krugmann doch als die falsche Wahl.

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    • vwlstu
    • 29. Mai 2013 21:24 Uhr

    wirklich, das müssen Sie mir aber genauer erklären. welche politik empfehlen sie denn in der "eurokrise" bzw "finanzkrise"?

  3. "Vielleicht sollte die Regierung einfach nur genauer darauf achten, welche Ökonomen sie konsultiert. Es gab durchaus Wirtschaftsleute, die schon vor Jahren aufgezeigt haben, welche Folgen die harten Sparauflagen haben würden. "
    Wenn man schon so argumentiert, warum dann nicht gleicht die Ökonomen konsultieren, die die Krise schon vor der Euro-Einführung vorhergesagt haben?!

    Beispiele wären z.B. Hankel, Starbatty oder Nobelpreisträger Milton Friedman.

    7 Leserempfehlungen
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    Eine interessante Vorhersage aus der Diskussion zwischen den Nobelpreiträgern Friedman und Mundell (http://www.irpp.org/po/ar...):

    "Will the euro contribute to politi-
    cal unity? Only, I believe, if it is eco-
    nomically successful; otherwise, it is
    more likely to engender political strife
    than political unity. And here, I
    believe, is where Bob and I differ most.
    Ireland requires at the moment a very
    different monetary policy than, say,
    Spain or Portugal. A flexible exchange
    rate would enable each of them to have
    the appropriate monetary policy. With
    a unified currency, they cannot. The
    alternative adjustment mechanisms are
    changes in internal prices and wages,
    movement of people and of capital.
    These are severely limited by differ-
    ences in culture and by extensive gov-
    ernment regulations, differing from
    country to country. If the residual flex-
    ibility is enough, or if the existence of
    the euro induces a major increase in
    flexibility, the euro will prosper. If not,
    as I fear is likely to be the case, over
    time, as the members of the euro expe-
    rience a flow of asynchronous shocks,
    economic difficulties will emerge.
    Different governments will be subject
    to very different political pressures and
    these are bound to create political con-
    flict, from which the European Central
    Bank cannot escape. "

  4. Eine interessante Vorhersage aus der Diskussion zwischen den Nobelpreiträgern Friedman und Mundell (http://www.irpp.org/po/ar...):

    "Will the euro contribute to politi-
    cal unity? Only, I believe, if it is eco-
    nomically successful; otherwise, it is
    more likely to engender political strife
    than political unity. And here, I
    believe, is where Bob and I differ most.
    Ireland requires at the moment a very
    different monetary policy than, say,
    Spain or Portugal. A flexible exchange
    rate would enable each of them to have
    the appropriate monetary policy. With
    a unified currency, they cannot. The
    alternative adjustment mechanisms are
    changes in internal prices and wages,
    movement of people and of capital.
    These are severely limited by differ-
    ences in culture and by extensive gov-
    ernment regulations, differing from
    country to country. If the residual flex-
    ibility is enough, or if the existence of
    the euro induces a major increase in
    flexibility, the euro will prosper. If not,
    as I fear is likely to be the case, over
    time, as the members of the euro expe-
    rience a flow of asynchronous shocks,
    economic difficulties will emerge.
    Different governments will be subject
    to very different political pressures and
    these are bound to create political con-
    flict, from which the European Central
    Bank cannot escape. "

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