Mit dem Rad durch Wien © Alexander Klein/Getty Images

Sogar ein grauer Weimaraner Rüde trabt mit. Auch ohne Leine hält er genau einen Meter Abstand zu seinem Besitzer. Wie der Mann mit Hund gleiten 70 andere Menschen an diesem Sonntag in karierten Wollsakkos, Dreiviertelhosen und Petticoats durch die Wiener Innenstadt. Auf schweren Waffen-Rädern mit Weidenkörbchen, klassischen Randonneurs von Puch und Bianchi oder auf Lastenrädern, wie sie in Holland oder Dänemark längst zum Stadtbild gehören. Ein dreirädriges Transportrad hat ein mit Sonnenenergie gespeistes Musiksystem an Bord: Zu den Klängen des Comedien-Harmonists-Schlagers Schöne Isabella von Kastilien schwenken die Radfahrer ihre Hüte.

Bei dem Gemeinschaftsradeln handelt es sich um einen Tweed-Ride: die neueste Manifestation der Wiener Radszene. War das Fahrrad vor zehn Jahren noch Symbol armer Schlucker oder bloß Sportgerät, hat sich die Tretmaschine in den vergangenen fünf Jahren zum Symbol eines urbanen Lebensstils entwickelt: Was mit Fahrradboten, in kleinen, anarchistischen Selbsthilfewerkstätten und mit Fahrrad-Demos begann, wuchs innerhalb weniger Jahre zu einer selbstbewussten Bewegung heran, die auch die Politik für sich entdeckt. Besonders die Grünen haben das Radfahren zu einer Ideologie erhoben. Sie sehen darin ein Patentrezept für urbane Fortbewegung und forcieren ihr Verkehrskonzept gegen alle Widerstände. Ihr Wiener Weg zu einer europäischen Rad-Hauptstadt könnte sich allerdings als holpriger herausstellen, als das viele erwarten.

"Mit dem Fahrrad zeigen wir Würde und Mobilität – ohne große Ausgaben, ohne Benzinverbrauch, ohne schädliche Nebenwirkungen", schwärmt Verlagsleiter Daniel Marold, der in Wien die Tweed-Rides organisiert: "Ich fahre in Ruhe von A nach B. Egal, ob ich reich bin oder arm. Das ist ein Privileg, auf das wir hinweisen." Das Lebensgefühl, das Marold beschreibt, zeigt sich in vielen Städten der Welt. Auf ihm ruht auch die Hoffnung jener, die – wie die rot-grüne Wiener Stadtregierung – auf eine Mobilitätswende setzen. Erweiterung der Kurzparkzonen, autofreie Siedlungsprojekte oder die groß angelegte Verkehrsberuhigung rund um die Mariahilferstraße: Das sind die rot-grünen Antworten auf die Frage, wie die Stadt damit umgehen soll, dass sie jedes Jahr um 15.000 bis 20.000 Menschen wächst, dass 300.000 Autofahrer täglich ein- und wieder auspendeln und das öffentliche Verkehrsnetz bisweilen bereits an seine Kapazitätsgrenzen stößt. Was läge näher als die Wiederentdeckung einer Erfindung aus dem 19. Jahrhundert?

Der Hipster mit Vollbart und XXL-Brille tritt heute genauso in die Pedale wie der Anzugträger auf dem Weg in die Kanzlei. Junge Eltern pfeifen auf Haus, Garten und Auto: Statt täglich in den Speckgürtel zu pendeln, radeln sie, wenn ihnen nach Luft und Sonne ist, lieber in den Augarten. "Radfahren rückt als Verkehrsmittel für den Alltag in den Mittelpunkt", behauptet Christoph Chorherr, Planungssprecher der Wiener Grünen: "Erstmals in der Geschichte dieser Stadt ist es eine Top-Priorität."

Im vergangenen Jahr surrten 4.185.106 Radfahrer an den Zählstellen vorbei, die an stark frequentierten Kreuzungen und prominenten Radwegen eingerichtet wurden: Das sind 10,3 Prozent mehr als 2011. In den vergangenen zehn Jahren konnte der Anteil der mit dem Fahrrad zurückgelegten Wege, gemessen am Gesamtverkehr, von zwei auf sechs Prozent gesteigert und verdreifacht werden. Das ist aber immer noch wenig im internationalen Vergleich. In München, das mit Wien vergleichbar ist, sind dreimal mehr Menschen mit dem Rad unterwegs. Auch in kleineren österreichischen Städten wie Graz oder Salzburg steigt fast jeder Fünfte auf das stählerne Ross. Ganz zu schweigen von Vorarlberg, wo das Radfahren von der konservativen Landesregierung seit Jahren massiv gefördert wird.

Bis 2015 – so das Ziel, auf das sich die Regierungsparteien in Wien geeinigt haben – soll der Anteil der Radfahrer in der Stadt auf zehn Prozent steigen. Die neu geschaffene Mobilitätsagentur, eine Art PR-Abteilung des Wiener Magistrats, orchestriert zu diesem Behuf Events, Initiativen und Ideenwettbewerbe wie etwa die Aktion Radelt zur Arbeit, bei der Firmen und deren Mitarbeiter Rad-Kilometer sammeln und via Onlineplattform gegeneinander antreten. Ganz allgemein ist man um gute Stimmung bemüht. "Viel hängt vom Bewusstsein der Leute und von den Gepflogenheiten ab", sagt Martin Blum, der Leiter der Agentur: "Wenn die Nachbarin mit dem Fahrrad fährt, gibt mir das Zuversicht, dass ich das auch tun kann."

Ein Höhepunkt im von Maria Vassilakou ausgerufenen "Radjahr" ist die Velocity, die nach Brüssel, Kopenhagen und Vancouver heuer im Juni in Wien stattfindet. Rund 2.000 internationale Verkehrsexperten, Stadtplaner und Verwaltungsbedienstete werden zur wichtigsten internationalen Fahrradkonferenz im Rathaus erwartet. "In München hat die Velocity als Katalysator für eine Mobilitätswende gewirkt", sagt Wolfgang Gerlich vom Planungsbüro Plansinn, der die Konferenz zusammen mit der Mobilitätsagentur organisiert: "Hoffentlich gelingt uns das auch in Wien."

Auch die Erweiterung des Radwegenetzes soll das Radfahren attraktiver machen. Stark frequentierte Strecken sind dem steigenden Aufkommen nicht mehr gewachsen. Gerade der Ausbau der Infrastruktur rund ums Rad erweist sich jedoch oft als schwierig. In einem Bezirk blockiert die Bezirksvorsteherin die Errichtung neuer Stellplätze, im nächsten formieren sich Eltern aus Protest gegen einen Radweg, weil sie Angst davor haben, ihre Kinder könnten über den Haufen gefahren werden. An anderen Stellen verhindern die Wiener Linien die Aufhebung einer Einbahnregelung für Radfahrer, weil dies den öffentlichen Verkehr blockieren könnte.