Faktomat"Unser Konzept entlastet 90 Prozent der Steuerzahler" – Stimmt das?

Katrin Göring-Eckardt behauptet, die Mittelschicht sei von geplanten Steuererhöhungen nicht betroffen. Im "ZEITmagazin Faktomat" macht Elisabeth Niejahr den Faktencheck. von 

Katrin Göring-Eckard im Februar 2013

Katrin Göring-Eckard  |  © Thomas Kienzle/Getty Images

Im ZEITmagazin Faktomat können Leser Aussagen von Politikern vorschlagen, die sie für unglaubwürdig halten. Die Redaktion prüft regelmäßig jene Behauptungen, für die sich die meisten Leser interessieren. Schicken Sie uns Ihre Vorschläge und stimmen Sie ab, was wir prüfen sollen! Zum Auftakt interessieren sich die meisten Leser für den Vorschlag von "madwoman". Sie misstraut Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt: Stimmt deren Aussage zu den Steuerplänen ihrer Partei?

Die Reichen sollen mehr bezahlen. Wenn das Wahlprogramm der Grünen Realität würde, müssten Vermögende und Spitzenverdiener, Erben und wohlhabende Immobilienbesitzer mit höheren Steuern rechnen. Wie aber sieht es mit der Mittelschicht aus, die angeblich nicht betroffen ist – und wer gehört überhaupt dazu? Stimmt es, dass 90 Prozent der Einkommensteuerzahler entlastet würden, wie die Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt kürzlich im heute-journal behauptete?

Aus dem Wahlprogramm der Ökopartei geht hervor: Die Einkommensteuer soll für die meisten Bürger sinken. Ausgerechnet die Grünen, die vergleichbare Pläne der Regierung immer kritisiert haben, wollen nun Geringverdiener und Mittelschicht entlasten. Am Ende würden Haushalte mit kleinen und mittleren Einkommen vermutlich sogar mehr Steuern sparen, als ihnen während der schwarz-gelben Regierungszeit erlassen wurden. Nur bei den Bürgern mit hohen Einkommen würden die von den Grünen ebenfalls geplanten Steuererhöhungen am Ende stärker ins Gewicht fallen.

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Die Ampel zum ZEITmagazin-Faktomat: Grün, wenn die geprüfte Aussage richtig ist, gelb, wenn sie teilweise wahr ist, und rot, wenn sie falsch ist.

Die Ampel zum ZEITmagazin-Faktomat: Grün, wenn die geprüfte Aussage richtig ist, gelb, wenn sie teilweise wahr ist, und rot, wenn sie falsch ist.  |  ©DIE ZEIT

Wie kann es sein, dass ausgerechnet die Grünen Steuern senken – wo sie doch immer betonen, das Geld werde für Schulen und Kindergärten gebraucht, für Rentner und den Schuldenabbau? Die Grünen wollen die Steuersenkungen aus anderen Gründen als die FDP. Trittin, Göring-Eckardt und ihre Partei sind überzeugt, dass die Sätze für den Grundbedarf von Hartz-IV-Empfängern falsch berechnet sind, sie wollen ihnen etwa 50 Euro mehr zahlen als bisher. Das hat Folgen für das Steuersystem, denn auch hier spielt eine Rolle, wie viel der Mensch zum Leben braucht. Davon hängt die Höhe des sogenannten Existenzminimums ab, das laut Verfassungsgericht steuerfrei bleiben muss. Die Folge: Weil die Grünen den Armen helfen wollen, müssen sie die Steuern für alle Einkommensteuerzahler senken. So kommt ein erhöhter abgabenfreier Grundfreibetrag von 8712 Euro zustande – und so ergeben sich die geplanten Entlastungen im Wahlprogramm.

29.000 Euro Durchschnittseinkommen

In welchen Fällen würde dieser Steuervorteil durch die ebenfalls geplanten Steuererhöhungen für Gutverdiener wieder aufgehoben? Mehr Einkommensteuer sollen nach dem Konzept der Grünen alle Singles zahlen, die über 5800 Euro brutto im Monat verdienen. Für Familien und Ehepaare sind die geplanten Lasten etwas kleiner. Gehören also Alleinstehende mit einem Bruttoeinkommen von 5800 Euro im Monat, knapp 70.000 Euro im Jahr, nicht mehr zur Mittelschicht? Für das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung zählt zur Mittelschicht, wer im Monat zwischen 1130 und 2420 Euro brutto verdient, worauf auf der Faktomat-Website bereits der Leser "Weirdwhalerider" hingewiesen hat. Zu dieser Einkommensgruppe gehören fast 50 Prozent der Deutschen.

Selbst wenn man die Definition etwas weiter fasst, würde nach dem Grünen-Modell nur eine Minderheit durch eine höhere Einkommensteuer belastet. Laut Bundesfinanzministerium zahlen lediglich 5,6 Prozent aller Einkommensteuerpflichtigen den aktuellen Spitzensteuersatz von 42 Prozent. Er ist ab einem Jahreseinkommen von 53.000 Euro fällig. Das durchschnittliche Bruttoeinkommen in Deutschland lag im vergangenen Jahr bei 29.000 Euro.

Leserkommentare
  1. Es ist schon ernüchternd, wenn man sieht, dass man mit 2420 Euro in Deutschland schon fast zur Oberschicht gehört. Netto hat man als Alleinstehender davon noch ca. 1.800 Euro im Monat

    Armes Deutschland. Wobei 1800 Euro pro Monat eigentlich doch recht viel Kohle sind :P

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    "Es ist schon ernüchternd, wenn man sieht, dass man mit 2420 Euro in Deutschland schon fast zur Oberschicht gehört. Netto hat man als Alleinstehender davon noch ca. 1.800 Euro im Monat"

    Bei 2400 Euro Brutto, bekommt ein Alleinstehender (StKl 1) ca. 1500-1600 Euro raus. (je nach KK und Kirchensteuer)

    das man nach 3 1/2 jahren lehre (handwerksberuf)

    zuweilen froh sein kann wenn man auf seine 700-900€ netto kommt

    und hilfskräfte die keine lehre machen müssen kommen zum teil auf über 600€

    das ist ein paradebeispiel dafür was in unserem land schief geht

    Laut Brutto-Netto-Rechner und aus eigener Erfahrung sind das netto bei 2420 brutto eher so um 1600. Nicht gerade das, womit man große Sprünge machen kann, bspw. Altersvorsorge, Immobilienerwerb, Kinder großziehen, Konsum für Binnennachfrage usw. Wirklich ernüchternd.

    Steuermodell haben Sie als Alleinstehender ohne Kinder am Ende des Jahres mehr raus! Und zwar knapp 300€. Bei der FDP sind es nicht einmal 200€ mehr (als ob deren Steuer"konzept" durchsetzen würde)

    Sie bellen hier also den falschen Baum ein.

    http://www.focus.de/finan...

  2. die Grünen (und mit ihnen deren potientielle Koalitionspartner) sind für uns mit diesen Steuerplänen definitiv nicht wählbar.
    Wer als junger Unternehmer einen (Klein- oder Kleinst-) Betrieb führt und noch ein paar Jahrzehnte arbeiten muss, bis er sich eine Rente gönnen kann, verstößt fundamental gegen seine eigenen Interessen, wenn er die Grünen und ihre Vorstellungen von Steuergestaltung wählt. Wer dies dennoch tut, schaufelt sich sein eigenes existenzielles Grab.
    Auch wenn uns - wie mir - die jetzige Regierung und ihr Handeln nicht besonders gefällt: Rot-Grün ist für uns keine Alternative: Tausende unternehmerische Existenzen wären bedroht.

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    Können Sie Ihre Bedenken näher erläutern?

    Denn ich sehe nicht, wieso der Jungunternehmer nicht weiterhin sein Geld verdienen kann.
    Wenn er einer derjenigen sein sollte, der mehr als 6000 Euro pro Monat nach Hause bringt, dann sollte ihn die höhere Abgabe auf den Überschuss auch nicht sonderlich schmerzen.

    dort sorgt Vater Staat fürs geld und die Pension -und das nicht zu knapp.

    Insofern haben diese Menschen eigentlich kein INteresse an Selbstständigen, weil das gar nicht in ihr Weltbild passt.
    Für dei GrünInnen regelt der Staat alles und ergo sollen diejenigen die diesen Staatsauftrag erbringen auch die besten Prämien bekommen (eigentlich verrückt ,aber eben im Zuge des Antikapitalismus auf jeden Fall "in" )

    Sofern man die Pensionsansprüche in eine Vermögensbesteuerung miteinbeziehen würde, wäre es gerecht..das planen die Grünen im Blick auf ihre Klientel vermutlich nicht

    • millu
    • 29. Mai 2013 15:24 Uhr

    Haben die „Grünen“ denn genügend Beamte in der Organistation und ihrer Wählerschaft?

    Ich bin seit fast 20 Jahren selbständig und von Anfang an freiwillig in der „Gesetzlichen“ krankenversichert. (Die „PKV“ hielt ich damals für ein unkalkulierbares Altersrisiko.) Ebenso zahle ich für meine Altersvorsorge z.Zt. in verschiedene Anlageformen über 1000,- EUR/Monat, natürlich ohne Arbeitgeberzuschuß, und die Firma muß für die bei Selbständigen unvermeidbaren Umsatz-Schwankungen Vorkehrungen treffen.

    Meine Ex-Frau, eine Beamtin, habe ich immer beneidet: keine Altersvorsorge, wegen des relativ niedrigen „Brutto“ geringe Kosten für die Krankenversicherung und niedrige Einkommensteuer: am Ende fast das gleiche „Netto“ auf dem Konto.

    Mich können die grünen Steuerpläne möglicherweise treffen, einen Beamten kaum!

    ...die Unternehmer, bzw was sich so alles als Unternehmer benennen darf, schon immer gesagt. Sobald es um Steuergerechtigkeit geht jault die deutsche Wirtschaft auf.
    Dieses Ritual der Sofortabwehr zeigt nur: Die Grünen haben mit ihren Plänen absolut recht.

    Grünen-Wähler. Is' fair, wenn ich Steuern zahle, wenn dafür die Familien, die mit meinem Einkommen zu viert auskommen müssen, kostenlose Kita-Plätze kriegen. An 'ne Rente glaube ich sowieso nicht.

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Polemik. Danke, die Redaktion/jk

  3. Das kann gar nicht sein, da die Grünen mit Fakten nicht viel gemein haben.

    "Für das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung zählt zur Mittelschicht, wer im Monat zwischen 1130 und 2420 Euro brutto verdient...."

    In D-Mark umgerechnet und vor 20 Jahren war das mal die Mittelschicht, beim heutigen Preisniveau ist das fast ne Art Existenzminimum.

    Echt unfassbar, wie man die Verarmung der Deutschen verleugnet und verharmlost wird.

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    Wenn 50% der Deutschen in diesen Gehaltsregionen liegen, dann ist das die Mittelschicht.

    Ob diese nun ärmer ist als die von vor 30 Jahren oder reicher, ist dabei völlig egal.

    Zahlen und Methodik genannt, mit denen die Wahlversprechen der Grünen überprüft wurden.

    Sie vermeiden in IHrer Antwort die Argumentation mit Fakten und setzen statt dessen auf dumpfe Polemik ("Grüne haben mit Fakten nichts gemein" - natürlich nicht, denn sie sind eine Partei und eine Partei ist kein Fakt.) Das Nachrechnen wäre wohl anstrengender gewesen als das Hinschreiben platter Parolen.

    Trotzdem sollte ihr Beitrag der Redaktion nicht als bedenklich gemeldet bzw. gelöscht werden. Einlassungen wie die Ihren Dokumente des Versagens. Die Grünen können sich glücklich schätzen, Leute gegen sich zu haben, die derart argumentfrei daherreden.

    (Sagt einer, der durchaus der Ansicht ist, dass die Grünen ihren Zenit überschritten haben, und dass das auch gut so ist.)

    • stimme
    • 29. Mai 2013 14:23 Uhr

    Auf den Diskussionsseiten gibts wohl keinen Faktencheck? Und hat Korgüll (Nr. 2) denn überhaupt den Faktencheck gelesen?
    Also: Entweder er gehört zu den echten Großverdienern mit nicht arbeitender Ehefrau (oder sie ist eine Großverdienerin ohne arbeitenden Ehemann), dann kann wohl von "Grab schaufeln" keine Rede sein. Oder sie/er argumentiert an den Fakten komplett vorbei....

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    weder zu den "echten Großverdienern" (Und wenn es so wäre? Dann wäre es ja wohl auch legitim, wenn ich meine Interessen hier vertreten würde.), und meine Ehefrau arbeitet ebenso wie ich als Selbstständige in einer völlig anderen Branche. Die Pläne der Grünen zur (Einkommenssteuer-) Erhöhung wären für uns beide ungünstig. Sie werden ansonsten Verständnis dafür haben, dass ich hier, auch wenn anonym, unsere Einkommensverhältnisse nicht näher darstelle. Fakten liefern ja auch Sie selbst keine weiteren.

  4. "Es ist schon ernüchternd, wenn man sieht, dass man mit 2420 Euro in Deutschland schon fast zur Oberschicht gehört. Netto hat man als Alleinstehender davon noch ca. 1.800 Euro im Monat"

    Bei 2400 Euro Brutto, bekommt ein Alleinstehender (StKl 1) ca. 1500-1600 Euro raus. (je nach KK und Kirchensteuer)

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    • bayert
    • 29. Mai 2013 14:32 Uhr

    sicher gut leben. Mit 2.000 Euro/m netto kann man sich schon zur Schickeria zählen.

    • bayert
    • 29. Mai 2013 14:32 Uhr

    sicher gut leben. Mit 2.000 Euro/m netto kann man sich schon zur Schickeria zählen.

    5 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Alleinstehender"
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    • Hickey
    • 30. Mai 2013 19:33 Uhr

    die Mieten in München nicht...

    • bayert
    • 29. Mai 2013 14:33 Uhr

    Abgeordnetendiäten bleiben steuerfrei.

    22 Leserempfehlungen
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    • xy1
    • 30. Mai 2013 23:15 Uhr

    Die Diäten werden versteuert, die Pauschale (für Kosten, Mitarbeiter) nicht.
    Die vielen Empfehler sollten auch mal die Aussagen prüfen.

  5. die ungefähr den Realitätsgehalt hat, den das nunmehr nur als Werbewort geltende Mäntelchen von der "Ökopartei" nahelegt.

    Als die Grünen tatsächlich mal etwas "Ökopartei" waren, hab ich die auch noch gewählt; ist aber lange her.

    Peter

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