Die Grünen sind also im Zentrum der politischen Macht angekommen. Sie sind auf Landesebene in unterschiedlichen Koalitionen in einer Regierung, und aus einer Allianz von Bewegungen der frühen Achtziger ist eine Partei geworden – die auch mit fast allen kann.

Es war ein langer Weg. Und es gibt genügend Gründe, sich an die unprofessionellen Anfänge der Gruppierung zu erinnern. Ursprünglich wollten die Grünen nämlich gar keine Partei sein – zu etabliert schmeckte für sie diese Bezeichnung. Und sie wollten immer wieder das Rad der Demokratie neu erfinden, etwa durch die Ämterrotation. Vor allem aber hielten sie immer und immer wieder an der Basisdemokratie fest; die sympathischen, aber letztlich wirklichkeitsfremden Versatzstücke der 68er-Bewegung.

Dann kamen die ersten Erfolge: 1984 der Einzug in den Vorarlberger Landtag und zwei Jahre später in den Nationalrat. Die Mühlen des politischen Alltags begannen zu mahlen. Statt jeden Promi intern zu verhindern, wurde der politische Marktwert einiger Namen erkannt. Im Parlament wurde mediengerecht, fast populistisch agiert, und verschiedene Positionen auch durchaus verändert – am spektakulärsten wohl gegenüber der Europäischen Union. 1994 noch mit Jörg Haider in einer Ablehnungsfront, vermag heute niemand die österreichischen Grünen in ihrer Pro-EU-Haltung zu übertreffen.

Adam Wandruszka prägte 1954 den Begriff der Lager, die in ihrer Dreisamkeit seit dem Ende der Monarchie das Parteiensystem Österreichs bestimmten. Diese Trias aus sozialistischem, katholisch-konservativem und deutschnationalem Lager konnte weder von den Kommunisten noch von anderen, neuen Parteien gesprengt werden. Nur die Grünen schafften es, auf Dauer als vierte Partei zu reüssieren. Und sie hatten ja auch prachtvolle Themen: die neue Frauenbewegung, die Sensibilität für die Ökologie und die wachsende Einsicht in die Notwendigkeit, Österreich mit seiner NS-Vergangenheit zu konfrontieren. Die Grünen konnten diese Themen nicht monopolisieren, sie trieben aber die anderen Parteien damit vor sich her.

Und sie nahmen sich von jeder der Traditionsparteien ein Stück: vom deutschnationalen Lager den Protest gegen den rot-schwarzen Proporz, dem katholisch-konservativen Lager stahlen sie die dominante Rolle im jungen Bildungsbürgertum, und die Frage sozialer Gerechtigkeit, die hatte nun nicht mehr nur eine rote Farbe.

Es sind die Jüngeren, die von grüner Politik angesprochen werden konnten. Es waren die Kinder der roten und der schwarzen Traditionsfamilien, die sich für Grün als politische Farbe zu interessieren begannen: Wurden doch Rot und Schwarz immer mehr mit dem Status quo identifiziert. Und es sind vor allem die Modernisierungsgewinner, die zu den Grünen tendieren: Menschen mit höherer Bildung; diejenigen also, für die der Begriff "Postmaterialismus" geprägt wurde.

Modernisierungsgewinner haben den Wind der Geschichte hinter sich. Sie können, durch ihren relativen Bildungsvorsprung, materielle Vorteile ihr Eigen nennen, wie etwa eine höhere Arbeitsplatzsicherheit – und sind ebendeshalb an den materiellen Werten weniger interessiert. Sie leisten sich den Luxus relativ Privilegierter – sie müssen nicht immer ängstlich an das eigene materielle Wohlbefinden denken. Sie denken eher an die Rechte von Flüchtlingen, und ihr Zorn richtet sich gegen patriarchalisches Denken, in Österreich und anderswo. Für Grüne ist die Zukunft der Natur ein Anliegen – weil ihre relativ sichere Gegenwart sie für eine solche Sicht frei macht. Und sie sind nicht bereit, sich einfach in die engen Grenzen des "Wir" und "die anderen" einschließen zu lassen – sie sind viel eher und mehr international als die rhetorisch der Internationalität verpflichtete Alte Linke es je sein konnte.