Biografie "Pep Guardiola"Demut und Selbstkritik

Wird es der spanische Trainer Pep Guardiola schaffen beim FC Bayern München? Guillem Balagués Biografie gibt auf die wichtigste Frage des Fußball-Sommers keine Antwort von Hans Ulrich Gumbrecht

Pep Guardiola, der von Juli an den FC Bayern München trainieren wird, ist im vergangenen Januar 42 Jahre alt geworden, und deswegen wundert man sich etwas über einen Buchtitel, der seinen Namen mit den so definitiv klingenden Worten Die Biografie ergänzt. Fängt Guardiolas Berufsleben nicht gerade erst an, interessant zu werden, mit der offenen Frage, ob er in Deutschland seine phänomenalen Erfolge aus den vier Jahren in Barcelona fortsetzen kann? Genau diese Frage wird die deutsche Übersetzung des Buchs von Guillem Balagué, einem katalanischen Sportjournalisten, der mit der spanischen und englischen Fußballszene vertraut ist, zweifellos zu einem Bestseller machen, doch eigentlich passt der Untertitel der 2012 erschienenen englischen Originalausgabe – Another Way of Winning – viel besser zu den Interessen hierzulande. Dafür ist das Buch auf den neuesten Stand im deutschen Fußball gebracht: Mario Götzes erst im April angekündigter Wechsel von Dortmund nach München wird auf den letzten Seiten als Erfüllung eines Wunsches von Guardiola erwähnt.

Das Buch setzt ein mit einem Vorwort des legendären Sir Alex Ferguson von Manchester United, der sich wundert, warum Guardiola ihm als Vorbild nicht gefolgt ist und versucht hat, seine Triumphe in Barcelona auf Jahrzehnte auszudehnen. Erstaunlicherweise antwortet Guillem Balagués "Prolog" in einem eigenartigen Ton existenzialistischer Tiefe auf Fergusons Vorwort. Pep Guardiola habe von Barcelona Abschied genommen, schreibt Balagué, weil er "anders als die meisten Trainer" sei und deshalb "demütig" (dieses Adverb ist offenbar zum Lieblingswort des geistig gehobenen Fußballjournalismus geworden) einen Grad von Erschöpfung an sich selbst entdeckt habe, wie er mit intellektueller Frische und Motivationskraft unvereinbar sei. An dieser Stelle der Bucheröffnung liegen noch gut 400 eng bedruckte Seiten vor dem Leser, der erfahren möchte, was denn genau, neben der Fähigkeit, auf die eigene Erschöpfung zu reagieren (von der noch oft die Rede sein wird), Pep Guardiola so ganz "anders" macht.

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Er sei ein "hingebungsvoller", detailbesessener Arbeiter, liest man, ein Arbeiter aber auch, der immer wieder zu "Inspirationen" gelange; er sei "zu Scherzen aufgelegt", doch zugleich "ernst", "nachdenklich" und voll natürlicher Autorität. Guardiola kümmere sich um die individuellen Probleme und sogar um das Privatleben seiner Spieler, ohne ihnen je zu nahe zu treten. Nationale Tugenden sollen in diesem Verhalten zum Vorschein kommen: "Pep ist ein sehr stolzer Katalane. Er ist ein gebildeter und höflicher Mensch, der ganz seinen Eltern nachschlägt, die sich, anständig und bescheiden, wie sie sind, nicht von anderen Eltern unterscheiden." "Integrität und harte Arbeit" habe er seinem Vater abgeschaut, "Würde und Prinzipien" soll ihm die katalanische Kultur vermittelt haben, und so sei es kein Wunder, dass der Gedanke an seine Herkunft Guardiola ein besonderes Glück vermittle. Außerdem liebt dieser so "andere" Trainer auch noch anspruchsvolle Gedichte, besonders katalanische, was den Fans der Bayern eher Sorgen machen sollte. Denn wie viel Zeit wird noch für den Brotberuf bleiben angesichts der multiplen Erwartungen, denen ein Mensch solcher Vollkommenheit gerecht werden muss?

Mit einer Biografie, von der Leser die Entfaltung eines individuellen Profils erwarten können, zumal mit einer Biografie, die sich auf Prognosen zukünftigen Erfolgs oder Misserfolgs hochrechnen lässt, haben solche Beschreibungen denkbar wenig zu tun. Die paradoxe Logik dieses Buchs lässt sich in der Behauptung kondensieren, dass Guardiola so sehr "anders" sei, weil er sämtliche Werte verkörpert, nach denen alle Mittelschichts-Europäer streben (was natürlich nicht der Held, sondern der Autor des Buchs zu verantworten hat). Eher als in eine Biografie fühlte ich mich in eine säkulare Heiligenlegende gelockt, zumal Guardiolas Vollkommenheit – wie bei den meisten Heiligen – schon in früher Jugend hervorgetreten sein soll. Wenn beim Straßenfußball in seinem Heimatdorf "eines der Kinder mit einem verirrten Schuss für Sachschaden sorgte, bewahrte Pep den Verursacher mit einem Lächeln stets vor Ärger". Aber er habe "auch schnell begriffen", in seinen frühen Teenagerjahren offenbar, dass ihn das Weinen über eine Niederlage "keineswegs seelisch entlastete". In der aggressiven Welt des Wettkampfs und der Medien muss ein so harmonisch besaiteter Mensch immer wieder zum Opfer zynisch-abgebrühter Zeitgenossen und Konkurrenten werden. Diesen Part übernehmen in Guillems Buch naturgemäß Real Madrid und José Mourinho: "Die Rollen sind bei diesem Drama klar verteilt. Der Gute gegen den Bösen, der Respektvolle gegen den Konfliktstrategen. Mourinho suchte eindeutig die direkte persönliche Konfrontation. Gegen Ende seiner vier Jahre in Barcelona räumte Pep ein, dass ›Mourinho den Krieg gewonnen hat‹ – einen Konflikt, in den er nicht hineingezogen werden wollte."

Aufschlussreicher oder genauer geraten die ausschweifenden Kapitel von Balagués Buch eigentlich nie, auch dann nicht, wenn spezifische Persönlichkeiten oder Institutionen des Fußballs zum Thema werden. Selbst seine Antworten auf die Frage nach den Erfolgsbedingungen des FC Barcelona sind bis zur Banalität vorhersehbar: "Das Modell Barcelona ist die Konsequenz eines Klubklimas, das immer den guten Fußball bevorzugte", was in solcher Ausschließlichkeit natürlich auf diesen so wenig wie auf irgendeinen anderen Klub zutreffen kann. Selbst über La Masía, die berühmte Jugendakademie, in der Guardiolas Fußballerkarriere und die seiner wichtigsten Spieler begann, erfährt man kaum sportlich Aufschlussreiches: "La Masía fördert die spielerische und allgemein-menschliche Entwicklung der dort untergebrachten Talente und vermittelt ihnen ein starkes Gefühl der Zugehörigkeit und der Identität. Wir sind alle Barça-Fans, wir sind eine Familie, wir gehören zusammen, wir alle geben uns große Mühe, damit alles funktioniert."

Leserkommentare
  1. Klinsmann versteht augenscheinlich nicht viel von Fussballtaktik.
    Zumindest hatte man stark diesen Eindruck, wenn man seinerzeit den Bayern-Spielen zusah.
    Guardiola scheint enorm viel von Taktik zu verstehen. Zumindest hat man diesen Eindruck, wenn man Barca zu seiner Zeit mit dem aktuellen Barca vergleicht.

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  2. ihn mit Klinsmann zu vergleichen, das grenzt schon an Beleidigung und die hat er nicht verdient. Klinsmann ist ein Mensch in dem Geschäft ohne jeden Sinn und selbst Interesse für/an Taktik, glaubt an die Wirkung von Esoterik-Mist, ist im menschlichen Umgang eine absolute Niete und hat nur ein sehr begrenztes Arsenal an Motivationssprüchen zur Verfügung. Darüber hinaus umgibt er sich mit Trainerteams, die ähnlich planlos sind, wie er selbst.
    SO schlecht kann jemand, der 14 Titel gewann überhaupt nicht sein, Messi hin oder her.

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    oder warum maßen Sie sich ein solches Urteil an? Haben Sie Trainingseinheiten besucht, oder mit einer Vielzahl von Spielern gesprochen? Und im Vergleich dazu Guardiola. Wir wissen doch alle, wenn wir ehrlich sind nicht wirklich viel über ihn. Kennen nicht seine Ansprachen vor dem Spiel, nur, dass er mit Barcelona sensationellen Erfolg hatte:
    zum Vergleich die Teams:
    http://www.weltfussball.d...
    http://www.weltfussball.d...

    München hatte zur Klinsmannzeit einen relativ dünn besetzten Kader. Besonders wenn Ribery fehlte, hat sich das extrem gezeigt. Das wurde ja korrigiert. Ich versteh dieses Nachtreten nicht, zumal es nicht fundiert wirkte, denn Bayern ist in der CL mit zwei Unentschieden gegen wen ausgeschieden? Und Wolfsburg hat einfach eine überragende Rückrunde gespielt, ähnlich wie Dortmund bei der Meisterschaft. Also sollte man einiges ein bisschen in der Relation sehen.

    Nochmal zu Guardiola. Viele meinen, der Bayernerfolg könne nicht wiederholt werden, aber ich denke, dass Bayern den Zenit erst noch vor sich hat, besonders, wenn man die bisherigen Personalentscheidungen sieht. Spannend nur, ob Robben bleibt, oder geht, denn er ist m.M.n. einer der gefährlichsten Spieler Europas auf Grund seiner Schnelligkeit und einer gesunden Portion Egoismus.

    • dacapo
    • 08. Juni 2013 2:29 Uhr

    ........ Sie gegen Kliensmann auffahren. Nun warten Sie doch mal erst mal ab, was dieser neuer Trainer bei dem FCB anstellen kann. Heynckes hat ja vorgelegt. Das, sein Barca-System ist nicht ohne weiteres übertragbar. Eine riskante Verpflichtung ist es allemal. Aus der Sicht des FCB muss die Arbeit gelingen, sonst klingelt es aber im Gehölz des Mia-Sam-Mia-Vereins. Wie das Verständnis zwischen dem "eleganten" Guardiola und dem ergeizig "kantigen" Sammer aussehen wird, steht nicht nur in den Sternen.

  3. Ich würde ebenfalls diese beiden Trainer nicht miteinander vergleichen wollen. Einerseits weil ich als Bayern Fan Angst habe, dass uns das gleiche Debakel wie bei Klinsmann ereilt. Und andererseits, weil Herr Guardiola bereits bewiesen hat, dass er ein Fähiger Trainer ist.

    Einzig und allein bleibt die Frage, ob er seine Kenntnisse auf Bayern übertragen kann und inwieweit er Anpassungsbereit an eine andere Spielkultur ist.

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  4. Der Deutsche Restfußball wird es danken.

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    • LTank
    • 07. Juni 2013 12:00 Uhr

    Was für eine merkwürdige Besprechung der Balague Biografie über Pep Guardiola. Ich habe das Buch selber noch nicht gelesen, teile aber nach allem was ich gehört habe, die Skepsis von Herrn Gumbrecht bezüglich des Buches durchaus.

    Zwei Punkte der Rezension scheinen mir aber gründlich misslungen zu sein:

    Erstens erwartet Herr Gumbrecht offenbar das relevante Teile des Buches sich um Guardiola und den FC Bayern drehen. Das mag aus deutscher Sicht zwar irgendwie verständlich sein, ist aber völlig unangemessen. Pep Guardiola hat von 2008 bis 2012 den Fußball so revolutioniert, wie es seit Arrigo Sacchi in den späten 80ern nicht mehr passiert ist. Er hat dabei eine Mannschaft kreiert, die von fast allen auf Augenhöhe mit den großen Teams der Geschichte, von manchen als das beste Team überhaupt angesehen wird. Und diese Mannschaft gehört zwar zu einem Verein mit den Initialen FCB, aber nicht zu den Bayern! Angesichts dieser bisherigen Leistungen des Trainers Guardiola, vom Spieler ganz zu schweigen, viel über die Bayern zu erwarten, geht an der Sache aber komplett vorbei.

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    zusammengefasst in ein paar Phrasen. "Solange ich den Ball habe, kann der Gegner keine Tore schießen" "Angriff ist die beste Verteidigung" "Erfolg macht sexy" "Man kann auch in Schönheit sterben" Aber was ist denn die wirkliche Revolution? Man passt sich in die gegnerische Hälfte, lässt den Ball zirkulieren und spielt im entscheidenden Moment direkt. Erinnert mich extrem daran: https://www.youtube.com/w... Wir vergessen im Fußball sehr schnell. Die Schönheit hat weder Barcelona, noch Guardiola erfunden, genausowenig wie Ballbesitz, Kurzpassspiel und Tempofußball. Erinnert sei auch an Real mit Ronaldo (dem Brasilianer). An United und viele andere. Was genau war also das Revolutionäre?

  5. oder warum maßen Sie sich ein solches Urteil an? Haben Sie Trainingseinheiten besucht, oder mit einer Vielzahl von Spielern gesprochen? Und im Vergleich dazu Guardiola. Wir wissen doch alle, wenn wir ehrlich sind nicht wirklich viel über ihn. Kennen nicht seine Ansprachen vor dem Spiel, nur, dass er mit Barcelona sensationellen Erfolg hatte:
    zum Vergleich die Teams:
    http://www.weltfussball.d...
    http://www.weltfussball.d...

    München hatte zur Klinsmannzeit einen relativ dünn besetzten Kader. Besonders wenn Ribery fehlte, hat sich das extrem gezeigt. Das wurde ja korrigiert. Ich versteh dieses Nachtreten nicht, zumal es nicht fundiert wirkte, denn Bayern ist in der CL mit zwei Unentschieden gegen wen ausgeschieden? Und Wolfsburg hat einfach eine überragende Rückrunde gespielt, ähnlich wie Dortmund bei der Meisterschaft. Also sollte man einiges ein bisschen in der Relation sehen.

    Nochmal zu Guardiola. Viele meinen, der Bayernerfolg könne nicht wiederholt werden, aber ich denke, dass Bayern den Zenit erst noch vor sich hat, besonders, wenn man die bisherigen Personalentscheidungen sieht. Spannend nur, ob Robben bleibt, oder geht, denn er ist m.M.n. einer der gefährlichsten Spieler Europas auf Grund seiner Schnelligkeit und einer gesunden Portion Egoismus.

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    Lahms, einiger anderer Spieler des FC Bayerns und einiger Spieler der US-Nationalmannschaft, dass es möglich ist, sich ein Bild von der Arbeitsweise des Herrn Klinsmanns zu machen.

    Lesen Sie u.a. diesen Artikel hier:
    http://www.sportingnews.c...

    Habe mich beim Lesen in eine dunkle Zeit zurückversetzt gefühlt.

    gegen wen ausgeschieden? Ich weiß nicht von was für ZWEI Unentschieden Sie sprechen, ich kann mich hingegen nur an ein 0-4 gegen Barcelona erinnern, was sich wie ein 0-10 anfühlte, wo Barca im Rückspiel eine ruhige Kugel schob, um Bayern nicht noch weiter zu demütigen und man so zu EINEM Unentschieden kam.

  6. Lahms, einiger anderer Spieler des FC Bayerns und einiger Spieler der US-Nationalmannschaft, dass es möglich ist, sich ein Bild von der Arbeitsweise des Herrn Klinsmanns zu machen.

    Lesen Sie u.a. diesen Artikel hier:
    http://www.sportingnews.c...

    Habe mich beim Lesen in eine dunkle Zeit zurückversetzt gefühlt.

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    • LTank
    • 07. Juni 2013 12:08 Uhr

    Zweitens fordert Gumbrecht, dass es in dem Buch mehr um den Fußball an sich gehen sollte. Das klingt für mich plausibel. Schließlich ist Guardiola grade aufgrund seiner Beziehung zum Fußball ein so interessanter Mensch. Dann zeigt Herr Gumbrecht jedoch, dass sein eigenes Fußballverständnis heftige Lücken aufweist, die dazu führen, dass er die Ausgangssituation zwischen Guardiola und den Bayern verkennt.

    Er charakterisiert das Spiel der Bayern als "vertikal" und stellt es dem Guardiola'schen Ballbesitzfußball gegenüber. Das ist taktisch gesehen größtenteils Quatsch. Es gibt zwar tatsächlich so etwas, wie eine Trennung zwischen vertikalem Fußball, der vor allem auf die Umschaltmomente setzt, und dem Ballbesitzfußball im modernen Spitzenfußball. Aber die Bayern Anno 2013 und den FC Barcelona des Pep Guardiola auf unterschiedlichen Seiten dieser Trennung zu verorten, ist schlicht falsch. Der FC Bayern spielt gegen fast jeden Gegner der Welt einen ausgeprägten Ballbesitzfußball. Fast? Ja, gegen die Großmeister des tiki-taka, gegen Barca selbst, nicht. Hinter dem Original sind die Bayern jedoch die europäische Topmannschaft, die am zweitmeisten auf Ballbesitz setzt.

    Es gibt zwar Unterschiede zum spanisch-katalanischen tiki-taka (mehr Zweikampfhärte im Mittelfeld, etwas konventionellere Formation, ja, auch ein wenig mehr direktes Spiel) aber im Großen und Ganzen war Heynckes' FC Bayern sowas wie ein Neffe von Guardiolas FC Barcelona. Pep bleibt also in der Familie.

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