GuantánamoElf Jahre in der Hölle

Noch ist Younous Chekkouri Häftling in Guantánamo. Ein Besuch bei seinen Verwandten in Deutschland, die für seine Freilassung kämpfen von 

Younous Chekkouri, 45 Jahre alt, Häftlingsnummer 197, hat fast ein Viertel seines Lebens im Gefangenenlager Guantánamo verbracht. 2001 wurde der Marokkaner als vermeintlicher Al-Kaida-Kämpfer in Pakistan verhaftet und wenige Monate später auf den US-Militärstützpunkt auf Kuba gebracht. Ein Verfahren gegen ihn wurde nie eröffnet. 2009 befand ein Ausschuss, bestehend aus Angehörigen aller US-Geheimdienste, dass Chekkouri "ungefährlich" sei und stempelte seine Akte mit dem Vermerk "cleared for release" – Freilassung genehmigt. Vier Jahre später sitzt er immer noch dort.

Seit mehreren Wochen befindet sich Younous Chekkouri im Hungerstreik, er soll inzwischen fast zwanzig Kilo verloren haben. Falls er sich noch einigermaßen bewegen kann, saß er am vergangenen Donnerstag wahrscheinlich im Fernsehraum, die Füße wie üblich an einen Stahltisch gekettet, um Barack Obamas Rede zum "Krieg gegen den Terror" zu hören. Darin versprach der US-Präsident, Guantánamo endlich zu schließen. Man darf bezweifeln, dass Chekkouri ihm geglaubt hat.

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Abdelkarim und Aisha Mahjoub haben von Obamas Rede aus der Tagesschau erfahren. Sie glauben dem amerikanischen Präsidenten, sie wollen ihm glauben. Die Mahjoubs leben in einer kleinen Wohnung in Süddeutschland, über der Couchgarnitur hängt eine Koransure. Mahjoub ist 66 Jahre alt, er hat über die Hälfte seines Lebens in Deutschland verbracht, fast dreißig Jahre lang war er Stahlarbeiter. Seine Frau ist 52, hat den gemeinsamen Sohn großgezogen und immer wieder Aushilfsjobs gemacht. Die Mahjoubs sind inzwischen deutsche Staatsbürger, sie gehen freitags in die Moschee, er trifft sich regelmäßig zur Rentnerrunde mit seinen Exkollegen, sie sich mit ihren Bekannten im Schwimmverein, und beide wissen noch nicht, wie sie es ihren Freunden sagen sollen: dass ihr Neffe Younous in Guantánamo sitzt. Dass Younous, um freizukommen, ein Land braucht, das ihn aufnimmt, weil ihm in seiner Heimat Marokko erneut Haft und Folter drohen. Dass die Mahjoubs hoffen, Deutschland werde dieses Land sein. "Ich will Younous hier bei uns einen Neustart ermöglichen", sagt er. "Ein Ende des Albtraums."

Die Mahjoubs heißen eigentlich anders. Sie wollen ihren wahren Namen lieber nicht nennen. Sie wollen sich auch nicht fotografieren lassen. "Guantánamo", sagt Frau Mahjoub, "da kriegen die Leute doch sofort einen Schrecken."

Nur ist überhaupt noch nicht klar, ob und wann Younous Chekkouri freikommt. Und ob das Lager wirklich aufgelöst wird.

Guantánamo
Januar 2002

Aus Afghanistan werden die ersten Gefangenen nach Guantánamo transportiert. Als "feindliche Ausländer" dürfen sie weder Haftprüfungsanträge stellen noch den Schutz der Genfer Konventionen beanspruchen.

April 2003

Der amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld erlaubt, Gefangene mit Schlafentzug, Isolation und anderen Methoden zu misshandeln. Das Internationale Rote Kreuz mahnt kurz darauf rechtstaatliche Verfahren für die rund 600 Insassen an – ohne Erfolg.

Juni 2006

Drei Gefangene begehen Selbstmord. Mindestens sieben Häftlinge sollen sich bis heute das Leben genommen, über 40 einen Suizidversuch unternommen haben.

Juni 2008

Der Oberste Gerichtshof der USA urteilt, dass die Insassen in Guantánamo ein Recht auf Haftprüfung vor einem ordentlichen Gericht haben.

Juli 2008

Der Jemenit Salim Hamdan wird als erster Häftling von einem Militärtribunal wegen Unterstützung des Terrorismus zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt.

Mai 2009

Der US-Kongress blockiert die Finanzierung zur Schließung des Lagers und die Verlegung der Häftlinge auf amerikanisches Territorium.

166 Männer sitzen immer noch in dem Häftlingscamp auf einem amerikanischen Militärstützpunkt auf Kuba. Es ist extralegales Niemandsland – geschaffen vom ehemaligen Präsidenten George W. Bush, um im "Krieg gegen den Terror" Verdächtige auf unbestimmte Zeit inhaftieren und verhören zu können. Ohne Anklage, ohne Prozess, außerhalb jeglicher Rechtsnormen. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch liefen von Beginn an Sturm gegen ein Gefängnis, in dem Folter zu einer "erweiterten Verhörmethode" umdefiniert wurde. Völkerrechtler nennen es bis heute ein "juristisch schwarzes Loch". Barack Obama bezeichnete Guantánamo in seiner Rede am vergangenen Donnerstag als weltweites Symbol "für ein Amerika, das den Rechtsstaat missachtet". Nichts solle seine Regierung jetzt daran hindern, das Lager zu schließen, "das nie hätte eröffnet werden dürfen". Das Publikum, überwiegend Offiziere und Studenten der National Defense University, spendete rauschenden Applaus. Was verwunderlich ist. Denn bislang ist Obamas Umgang mit Guantánamo eine Geschichte des Scheiterns.

Leserkommentare
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  5. Obama hat im Januar 2009 zwar öffentlichkeitswirksam die Schließung der Geheimgefängnisse (black sites) verkündet, aber gleichzeitig autorisiert, "Terrorverdächtige im Geheimen zu entführen und sie in Gefängnisse in Ländern zu verfrachten, die mit den Vereinigten Staaten zusammenarbeiten (Extraordinary rendition)."

    http://de.wikipedia.org/w...

    " Gemäß einem Bericht des Europäischen Parlaments vom Februar 2007 führte die CIA 1.245 Flüge durch, die oftmals Länder zum Ziel hatten, in denen die Verdächtigten in Missachtung des dritten Artikels der UN-Antifolterkonvention Folter ausgesetzt werden konnten."

    http://de.wikipedia.org/w...

    Was er betreibt ist purer Populismus und Symbolpolitik. Die Ermordung von "Verdächtigen" mittels Drohnen ist ja auch wesentlich praktischer. Das Africa Command in Stuttgart operiert in unzähligen afrikanischen Staaten und es ist ein Skandal ohne Beispiel, dass dies von deutschem Boden aus geduldet wird.

    [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf diffamierende Aussagen. Danke, die Redaktion/ls

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  6. Die Schilderungen sind bestürzend.
    Die Duldung dieser Praktiken wurde schon viel zu lange von der Mehrheit schweigend hingenommen.

    In Deutschland gibt es eine beklemmende, lebensgefährliche, in Rechtsstaatlichkeit fragwürdige Lücke zwischen 'Bürger' und 'Terrorverdächtiger' und dann wieder von NGO's anerkannter Vorbildlichkeit in einer Form von Reintegration.

    Die Familie (Onkel und Tante) ist herzerwärmend, mutig, beeindruckend.

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  7. Es gibt immer wieder Islamisten, die ihre Glaubensbrüder im Kampf unterstützen wollen, ein aktuelles Beispiel ist Syrien.
    Die Geschichte, dass der Verhaftete in Pakistan war, um dort "günstig studieren" zu können und 2001 im Afghanistan der Taliban war, um für eine "karitative NGO" (welche?) zu arbeiten scheint mir unglaubwürdig.

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    ob Ihnen "die Geschichte" des Verhafteten unglaubwürdig erscheint.

    Ein Mensch, der in einem Rechtsstaat verhaftet wird, hat einen Anspruch auf eine Klärung der gegen ihn erhobenen Vorwürfe durch ein ordentliches Gericht.

    Das wird den Gitmo-Insassen vorenthalten, und das ist der Skandal, handelt es sich hier doch nicht um irgendein beliebiges Drittweltland mit einer fragwürdigen Justiz, sondern um das land of the free and the hope of the brave.

    Ich verweise auf folgenden Satz aus dem Artikel:

    "2009 befand ein Ausschuss, bestehend aus Angehörigen aller US-Geheimdienste, dass Chekkouri "ungefährlich" sei und stempelte seine Akte mit dem Vermerk "cleared for release" – Freilassung genehmigt."

    Welches den, nicht gerade muslimfreundlich eingestellten, US-amerikanischen Geheimdiensten überlegene Wissen haben Sie denn auf welches Sie Ihre Zweifel stützen? Oder glauben Sie tatsächlich, dass auch die US-Geheimdienste nicht offensichtlich ihre Zweifel an der Geschichte gehabt haben müssen?

    Wenn selbst die US-amerikanischen Geheimdienste sagen, der Mann kann freigelassen werden, müssen Sie hier schon ein bischen mehr "Butter bei die Fische" bringen, als ein nebulöses Gefühl des "Irgendwie kommt mir das komisch vor." Können Sie das? Haben Sie Fakten parat, die der CIA entgangen sind?

  8. vor den Internationalen Gerichtshof - aber, ich weiß, Amerikaner dürfen dort nicht angeklagt werden, sonst wäre er überhaupt nicht zustande gekommen. Läßt sich ein solcher Geburtsfehler nicht berichtigen? - Seine Helfershelfer sollten national angeklagt werden: Otto Schily genauso wie Joschka Fischer und Gerhard Schröder, ohne das auf ihre politische Parteizugehörigkeit umzulegen; denn sie waren als Menschen, die sie sind, in ihrem Amt tätig. Was wurde daraus zwischenzeitlich? - Barack Obama hat alles auszubaden und nichts davon initiiert. Die republikanische Gesinnung unter der US-Amerikanern ist immer noch extrem hoch in ihrer Überheblichkeit, als Vertreter der weißen Rasse von Natur aus das Recht zum Richten zu haben (s. nur Ku-Klux-Clan oder die Frage der Bewaffnung). Aber in seiner zweiten Amtsperiode sollte Barack Obama zu allen politischen Mehrheitsentscheidungen auch die Rechte seines Amtes nutzen. -

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