Hamburg24 Quadratmeter Erinnerung

Neue Blüte der Oral History: Die Toepfer-Stiftung spendiert dem verarmten Hamburg ein "Erzählmuseum". von Frank Keil

Noch immer ist auf der Internetplattform "Leerstandsmelder", die wohnungssuchende Hamburger mit Tipps zu leer stehenden öffentlichen Gebäuden versorgt, ein Hinweis auf die ehemalige Wache am Millerntor zu finden.

Als Eigentümer des viersäuligen Häuschens zwischen dem Michel und dem Beginn der Reeperbahn wird das ebenfalls nahebei befindliche Museum für Hamburgische Geschichte ("Hamburg Museum") genannt.

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Die zierliche Wache war einst Teil eines Stadttors, wurde 1820 im klassizistischen Stil umgebaut – und ist noch heute ausgesprochen verkehrsgünstig gelegen. Denn vor ihrer Tür führen fünf Straßenspuren in Richtung St. Pauli und weiter nach Altona, vier führen stadteinwärts.

Es gibt in der Hansestadt wohl kaum einen Ort, an dem der Verkehr lauter dröhnt, und das nahezu rund um die Uhr. Und weil die Verkehrsvibrationen doch zu heftig am Mauerwerk rüttelten und auch schon ein Wagen in die Fassade gekracht war, versetzte man 2004 (dank 300.000 Euro Spendengeld) das damals noch hart an der Bordsteinkante stehende Gebäude gut 30 Meter nach hinten, zu einem Park hin.

Nun hat die 23,7 Quadratmeter messende, tempelartige Wache – immerhin mit drei Meter hoher Decke und Fußbodenheizung! – endlich einen Mieter gefunden, der die monatlich geforderten 170 Euro zahlen und das Haus einem "kulturellen Zweck zuführen" wird, und der auch dafür die Kosten trägt: die Alfred Toepfer Stiftung. Sie will hier ein Erzählmuseum einrichten. "Museum für Hamburger Geschichten", so könnte es heißen. Oder auch: "Museum für Hamburger Geschichtchen".

Es ist eine deutschlandweit ziemlich exklusive Idee: ein Gebäude ausschließlich zum historischen Erzählen. "Wir wollen ein Angebot für jedermann schaffen, mit einer Sitzecke wie bei Oma und der Möglichkeit, auch einen Kaffee zu trinken", beschreibt Ansgar Wimmer, Vorstandsvorsitzender der Stiftung, das Konzept.

Ein- bis zweimal die Woche sollen dann die Hamburger kommen, sie sollen befragt und gefilmt werden. "Falls gewünscht, stellen wir die eine Geschichte anschließend auch auf YouTube oder eine ähnliche Plattform, die andere pressen wir auf DVD, der Erzähler nimmt sie mit nach Hause, und seine Geschichte bleibt ganz privat", erläutert Wimmer. "Es ist natürlich immer eine kleine Inszenierung: Der eine erzählt, der andere hört zu, lenkt das Gespräch, wenn nötig. Der Film wird anschließend nachbearbeitet, auch wenn wir uns keine stundenlangen Schneidearbeiten leisten können." Einen Schreibtisch und zwei, drei Monitorstationen soll es geben – dann ist der Raum voll.

Wimmer geht es darum, die Geschichten der Stadt zu bewahren, so wie das klassische Stadtmuseum die Objekte der Stadtgeschichte sammelt und ausstellt: "Es gibt vielleicht jemanden, der leitet seit 30 Jahren einen Sportverein, verabschiedet sich nun in den Ruhestand, und so geht ganz viel Wissen und Anschauung, eine Fülle täglicher Details verloren. Diesem Menschen wollen wir die Möglichkeit geben, das Erlebte zu erzählen und es festzuhalten."

Auch öffentliche Veranstaltungen sind geplant, im Dienste der klassischen Aufklärung durch Begegnung: "Ich halte Hamburg für eine hochgradig segregierte Stadt; sie besteht bis in ihre Stadtteile hinein aus lauter Minibiotopen. Wir setzen also zwei Leute gleichen Alters zusammen: Der eine gehört vielleicht zur ersten Generation der Einwanderer, der andere ist gebürtiger Hamburger und hat die Stadt nie verlassen. Und die beiden kommen ins Gespräch."

Doch auch Abende mit bekannteren Bürgern vor Publikum sollen zum Repertoire gehören. Vereinbart ist als Auftakt eine Begegnung mit der Sängerin Anna Depenbusch, der ein Gespräch mit Julia Atze folgt, einer jungen Pastorin am Michel.

Unterstützt und begleitet werden soll das Erzählmuseum, das die Toepfer-Stiftung für zunächst zwei Jahre finanziert, von dem Oral-History-Projekt "Werkstatt der Erinnerung" der Hamburger Forschungsstelle für Zeitgeschichte. Die Historikerin Linde Apel leitet es. Sie sieht das Haus als eine Chance, sich kritisch mit dem Genre des historischen Erzählens zu beschäftigen, steht doch die Oral History als Methode wie als Quellengattung selbst auf dem Prüfstand.

"Die Oral History der achtziger Jahre, als Generationenprojekt, ist einerseits zu einem Abschluss gekommen. Andererseits ist der Zeitzeuge auf allen Kanälen präsent." Diese medialen Sekundenauftritte vor abgedunkelter Bücherwand aber seien problematisch, gehe es doch meist nur darum, einen bestimmten Blick auf die Ereignisse zu bestätigen oder irgendwie gefühlig zu grundieren. "Insofern reizt es uns, jetzt noch einmal neu an die Technik der Oral History heranzugehen und damit zu arbeiten. Mal sehen, was dabei herauskommt." So könnte die Arbeit in dem kleinen Haus am Millerntor ihrerseits zum Objekt wissenschaftlicher Forschung werden.

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