Tabakindustrie : Interpol, die Lobby und das Geld

Die Polizeiorganisation gerät wegen eines Millionendeals mit der Tabakindustrie in die Kritik.

Nach den Vereinten Nationen ist sie die größte zwischenstaatliche Vereinigung der Welt: Die Polizeiorganisation Interpol wird von 190 Mitgliedsländern getragen. Sie dient den nationalen Kriminalpolizeibehörden dazu, sich über Staatengrenzen hinweg zu vernetzen und zusammenzuarbeiten. Die Organisation mit Sitz im französischen Lyon schult überdies Polizisten und Zollbeamte aus aller Welt.

Unter ihrem seit 2000 amtierenden Generalsekretär Ronald Noble, einem US-Amerikaner, hat sich die Organisation rasant fortentwickelt. Die Zahl der über Interpol ausgeschriebenen Fahndungen hat sich binnen zehn Jahren verzehnfacht. Die Erfolge sind allgemein anerkannt.

Was viele hingegen nicht wissen, ist, dass Interpol unter der Führung des umtriebigen Chefs binnen zwei Jahren mehrere große Deals abgeschlossen hat: Von der Fifa erhält die Organisation 20 Millionen Euro, verteilt auf zehn Jahre, und von der Pharmaindustrie weitere 4,5 Millionen Euro, verteilt auf drei Jahre.

Vergangenes Jahr vereinbarte Interpol mit dem Tabakkonzern Philip Morris eine Finanzspritze in Höhe von 15 Millionen Euro, verteilt auf drei Jahre. Die Polizeiorganisation will nach eigenen Angaben gemeinsam mit Philip Morris eine "globale Initiative" gegen "das Organisierte Verbrechen des Schmuggels" starten.

Unter Fälschungen und dem Schmuggel von Zigaretten leiden sowohl die Industrie wie auch die Steuerkassen. Nach einer Schätzung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG belaufen sich die Steuerausfälle innerhalb der Europäischen Union auf mehr als elf Milliarden Euro pro Jahr.

Interpol-Chef Noble pries die Zusammenarbeit der Tabakindustrie bei einer Rede Ende April in Istanbul als einen "gemeinsamen Schritt in eine sichere Welt". Doch bei anderen Organisationen stößt sie auf Kritik. Dass Interpol Geld von der Tabakindustrie nimmt, halten die Experten der Weltgesundheitsorganisation WHO für falsch. Das Sekretariat der Anti-Tabak-Konvention der WHO schrieb deswegen jüngst einen Brief an Interpol. Dabei geht es laut einem WHO-Repräsentanten darum, "zu erfahren, welche Schutzmaßnahmen von Interpol vorgenommen wurden, um Interessenkonflikte zu vermeiden".

Bei der WHO kritisiert man, dass Interpol auf ein von Philip Morris entwickeltes Kontrollsystem namens Codentify zurückgreift. Grundlage dieses Systems ist ein durch die Industrie vergebener zwölfstelliger Code für jedes Tabakprodukt, der Zollbeamten oder Polizisten zur Identifizierung dienen soll. Auf das System haben auch British American Tobacco, Imperial Tobacco Group und Japan Tobacco Zugriff, es ist ein Gemeinschaftsprojekt der vier weltgrößten Tabakunternehmen.

Experten halten das Codentify-System für ziemlich untauglich. Das Anti-Tabak-Büro der WHO kritisiert, dass die Nachverfolgung oft nicht vom zweiten oder dritten Glied der Lieferkette ausgeführt würde und dass kleinste Einheiten (also etwa Zigarettenschachteln) nicht einzeln etikettiert würden. Wenn ein Code zweimal verwendet werde, so schreibt Luk Joossens, Berater der EU für Tabakpolitik im Magazin Tobaccocontrol, erkenne das System nicht, welches der Produkte ein Original und welches eine Fälschung sei. Die Interpol-Initiative erwecke den Eindruck, "dass mit der Bekämpfung von Fälschungen der Schmuggel zurückgedrängt" werden könne. Dies sei aber nicht der Fall, da dann "andere Arten von illegalem Schmuggel populärer würden".

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