Der Zeitgeist kommt auf samtenen Bürokratenpfoten daher. Da verkauft das Umweltbundesamt (UBA) mit seiner Klimastudie Und sie erwärmt sich doch, was in der Wissenschaft tabu ist: Gewissheit. Grob zusammengefasst etwa: "Dass es menschengemachte Erderwärmung gibt, weiß doch jeder." Zitieren wir dazu Karl Popper, der es von Aristoteles und David Hume hat: "Alle Theorien sind Hypothesen, alle können umgestoßen werden. Das Spiel der Wissenschaft hat grundsätzlich kein Ende. Wer beschließt, die wissenschaftlichen Sätze nicht weiter zu überprüfen, tritt aus dem Spiel aus."

Das Amt meint, das Spiel beenden zu können, obwohl besonnene Forscher wissen, dass es dem sterblichen Menschen nicht gegeben ist, aufgrund der Fakten von gestern und heute die Zukunft vorauszusagen. Modelle verknüpfen Daten mit Annahmen, die selber empirisch nicht zu belegen sind. Je komplexer das Modell, je zahlreicher die Variablen, desto debattierwürdiger die Voraussage, was in 50, 100 Jahren sein wird. Inzwischen fragt sich auch der Laie, wieso die globale Mitteltemperatur seit 15 Jahren konstant ist, obwohl der CO₂-Ausstoß steigt.

Ob da vielleicht die Modelle des UN-Klimarates ein wenig revidiert werden müssten? Oder ob noch andere Faktoren im Spiel sind? Das UBA schiebt solche Fragen beiseite und titelt trotzig: Und sie erwärmt sich doch. Aber wir wollen in diesem Disput nicht noch mehr Druckerschwärze vergießen, sondern den absonderlichen Gestus des UBA betrachten. Scheinbar neutral berichtend, hat es einen Pranger für "Klimawandelskeptiker" errichtet, deren Thesen "dem wissenschaftlichen Konsens widersprechen", darunter auch für ausgewiesene Fachjournalisten wie Dirk Maxeiner und Michael Miersch, "die nicht mit dem Kenntnisstand... übereinstimmen". (Der Autor ist mit beiden befreundet.)

Freundlicherweise hat das UBA diese Leute nicht als "Klimaleugner" (wie in "Gottesleugner") gebrandmarkt, aber die Absicht lässt sich mit Händen greifen. Dieser Eingriff ist wohl einzigartig in der Geschichte der Bundesrepublik. Da wird eine Behörde zur Partei in einem Wissenschaftsstreit und verteilt Gütesiegel – sozusagen "staatlich geprüft" – an die Disputanten. "Quem ad finem?", fragt der Lateiner – wo führt das hin? Wird demnächst das Verteidigungsministerium Publizisten das Kainsmal aufdrücken, wenn die wider Waffenexporte streiten? Wird das Finanzministerium Ökonomen auf seine Webseite stellen, die contra Schäuble dicke Konjunkturspritzen fordern? Auch in solchen Fragen ist die Wissenschaft tief zerstritten.

Es gibt in diesem Land kein "Ministerium für Wahrheit" wie bei George Orwell, aber das UBA hat einen Schritt in diese Richtung getan. Es sollte der letzte sein. Im Streit um die res publica dürfen wir uns alles Mögliche um die Ohren hauen – so weit, wie es das Strafgesetzbuch erlaubt. Aber eine Behörde, die Wahrheiten dekretiert und Abweichler diskreditiert, trassiert den Weg in den Glaubensstaat, obwohl sich das UBA mit dem Titel Und sie erwärmt sich doch in die Pose des Galileo wirft. Müssen die Inkriminierten jetzt ebenfalls abschwören? Als gerechte Strafe gehört den UBA-Verantwortlichen das Auswendiglernen von Orwells 1984 aufgebrummt.