Angenommen, Georg Baselitz wäre der Kopf einer internationalen Geldwäscher- und Drogenbande. Angenommen, Joseph Beuys hätte im Krieg seinen jüdischen Nachbarn getötet und wäre später heimlich in die NPD eingetreten. Müsste dann die Kunstgeschichte umgeschrieben werden? Oder ist es für die Bedeutung der Kunst ganz unerheblich, ob sich der Künstler als guter, als gerechter Mensch erweist?

Seit ein paar Tagen wird in den Feuilletons über solche Fragen debattiert. Vordergründig geht es um Baselitz und Beuys und ihr vermeintliches Fehlverhalten, um Steuerhinterziehung und braunes Gedankengut. Im Kern aber dreht sich die Debatte um das Ethos der Künstler im Allgemeinen und darum, wie käuflich, ja korrupt manche von ihnen sind.

Viel hat sich verändert, seitdem allwöchentlich neue Rekordverkäufe in Millionenhöhe gemeldet werden. Die Kunst ist aus der Liebhabernische herausgetreten, sie ist populär und teuer geworden. Und das bleibt nicht ohne Folgen, für die Künstler und für die Kunst. Ihre Autonomie und Freiheit werden zu Markte getragen.

Wenn ein Milliardär wie François Pinault anruft und Ólafur Elíasson darum bittet, die Fassade seines Palazzos in Venedig zu verzieren, dann erfindet der ein schmückendes Gespinst aus leuchtenden Fäden. Wenn sich der griechische Industrielle Dakis Joannou bei Jeff Koons meldet, weil der seine Riesenjacht künstlerisch gestalten soll, dann wird der Schiffsrumpf umgehend hübsch bemalt.

Und was ist, wenn Ringier anklopft, die Schweizer Aktiengesellschaft, weil sie einen Künstler sucht, der den jährlichen Geschäftsbericht zum Kunst- und Sammelobjekt nobilitiert? Dann stehen selbst Berühmtheiten wie John Baldessari, Richard Prince oder Fischli & Weiss bereitwillig zur Verfügung.

Auftragskünstler im vormodernen Sinne

Es ist noch nicht lange her, da hätten die Künstler solche Vorhaben zurückgewiesen. Sie hätten stolz auf ihre Autonomie gepocht, hätten erklärt, dass sie keine Dekorateure der Macht und keine Girlandenflechter des Geldes seien. Heute aber scheinen nur wenige noch Vorbehalte zu haben. Sie machen sich gemein mit den Interessen anderer. Sie werden zu Auftragskünstlern im vormodernen Sinne.

Ehedem hatte ein Künstler, auch ein erfolgreicher, nur mit seinem Galeristen zu tun, vielleicht noch mit dem Kustos eines Museums. Heute hingegen wollen sich Großsammler mit ihm austauschen, Art-Consultants treten auf den Plan, viele Kuratoren möchten mit ihm arbeiten. Und alle haben sie ihre eigene Vorstellung von dem, wie Kunst zu sein hat. So gerät der Künstler unwillkürlich hinein in den Sog der Nachfrage, und das umso mehr, als heute die meisten wichtigen Kunstwerke nicht aus freien Stücken, sondern auf Anfrage entstehen.