Ding, dang, dong! Seit mehr als 20 Jahren habe ich diese Tonfolge nicht mehr gehört. Aber für Erinnerungen bleibt jetzt keine Zeit. Denn in diesem Moment sagt mir dieser Gong nur eines: Ich bin zu spät! Und das an meinem ersten Schultag! Für eine Fernsehreportage werde ich den Unterricht in einigen Klassen begleiten und teilweise als Co-Lehrerin unterrichten. Immer wieder klagen Lehrer, wie überlastet sie seien. Sind Lehrer nicht die, die zwölf Wochen im Jahr Ferien haben, nachmittags frei und trotzdem immer jammern? Ich möchte selbst herausfinden, ob dieser Eindruck eigentlich stimmt.

Die Schule Stübenhofer Weg ist umrahmt von Hochhäusern. Balkone reihen sich an Balkone, die hier weniger der Naherholung dienen, sondern mehr als Halterung für Satellitenschüsseln. Die Schule ist eine Stadtteilschule, ein Zusammenschluss von Haupt- und Realschule; in Hamburg ist es die zweite Schulform neben dem Gymnasium. Hamburg-Wilhelmsburg ist ein "besonderer Stadtteil". So nennt die Politik das. Früher hieß es Brennpunkt. Ich hetze zum Klassenraum der 6b. Meinem neuen Arbeitsplatz für die nächsten Wochen.

Gestern schon habe ich gemeinsam mit der Klassenlehrerin Frau Zimmermann die Stunde vorbereitet. Deutsch, bestimmte und unbestimmte Artikel, eigentlich zu schaffen. Trotzdem bin ich nervös. 22 Kinder sind in der Klasse, aus etwa zehn Nationen. Geboren wurden die meisten in Deutschland. Aber ihre Eltern stammen aus Pakistan, der Türkei, Ghana, Afghanistan, Russland. Sechs dieser Schüler sind außerdem Inklusionskinder. Sechs! Vor vier Jahren hat Deutschland die UN-Konvention über Inklusion unterschrieben. Dazu gehört auch, dass behinderte Kinder nicht länger ausgegrenzt werden sollen und deshalb auch an Regelschulen unterrichtet werden. In Hamburg wird das seit 2010 umgesetzt. Das, was Förderschulen mit speziell ausgebildeten Lehrern kaum geschafft haben, nämlich Kinder mit Förderbedarf zu einem Schulabschluss zu bringen, soll nun hier, an einer Schule in einem "besonderen Stadtteil", gelingen. Die Inklusionskinder hier sind nicht körperlich oder geistig behindert. Es sind Kinder mit Lern- oder Sprachschwächen. Oder mit sogenannten sozial-emotionalen Defiziten.

Zu meiner Überraschung hat die Stunde noch nicht angefangen, dabei ist es schon kurz nach acht. Einige der Schüler rennen vor dem Klassenzimmer auf dem Gang herum, und fünf Jungs fehlen noch. Zwölf Minuten sind um. Wir, Frau Zimmermann und ich, fangen die Stunde mit einem Spiel an, zur Auflockerung was Nettes. Ich lese einen Text über Zuschauer im Fußballstadion vor. Mit unbestimmten und bestimmten Artikeln: "Ein Fan sitzt am Rand. Eine Frau mit roten Haaren hat ein Mädchen auf dem Arm. Der Fan ruft: Schiri raus. Das Mädchen weint..." Die Kinder sollen zählen, wie viele Menschen in dem Text vorkommen. Sechs wäre die richtige Antwort. Gruppe A der Klasse zählt 21 Zuschauer, Gruppe B 12. Wir lesen den Text noch einmal. Diesmal kommt Gruppe A auf 10 Zuschauer – Gruppe B auf sieben. Anscheinend funktioniert unser Spiel überhaupt nicht. Leonie meldet sich und sagt 14. Wir lesen den Text zum dritten Mal – diesmal zählen wir alle zusammen laut mit. "Laaangweilig", ruft Saba. Sie hat recht, es ist langweilig. Fünf Minuten hatten wir für das Spiel angesetzt, jetzt sind schon gute 20 um. Aber wenigstens die Grundregel von bestimmten und unbestimmten Artikeln sollten wir doch in dieser Stunde schaffen. Eigentlich müsste das eine sechste Klasse ohnehin längst können. Früher, als Schülerin, habe ich beim Blick auf die Uhr immer gedacht: Oh Gott, noch eine Viertelstunde. Jetzt denke ich: Oh Gott – nur noch eine Viertelstunde.

Es ist so laut wie in einem Schwimmbad am Samstagmorgen

Im Frühjahr hat Schulleiter Kay Stöck gemeinsam mit anderen Direktoren der Stadtteilschulen in Wilhelmsburg einen Brief an den Hamburger Schulsenator geschrieben. Der Tenor: So gehe es nicht weiter. Viele Schüler würden bis zu zwei Jahre im Unterrichtsstoff zurückhängen. Und dann gebe es ja auch noch die gestiegenen Anforderungen der Inklusion. Dafür wurden den Schulen zwar zusätzliche Lehrerstellen zugewiesen, aber das reicht bei Weitem nicht aus. Das habe ich auch gemerkt. Man schafft es ja schon zu zweit kaum, den Kindern gerecht zu werden. Und bislang gibt es keine Ressourcen, den Unterricht solcher Klassen überall doppelt zu besetzen.

In Klasse 6b geht es jetzt weiter mit "Mibele", mit Begleitung lernen. Für Menschen wie mich, die in den Siebzigern und Achtzigern in die Schule gegangen sind, eine zunächst verwirrende Form des Unterrichts. Die Schüler sollen selbstständig Arbeitsblätter und Aufgaben bearbeiten, die sie in den verschiedenen Stunden bekommen haben: Deutsch, Mathe, Englisch. Wir als Lehrer unterstützen nur.

Es herrscht ein Lautstärkepegel wie in einem vollen Schwimmbad am Samstagmorgen. Jeder redet mit jedem, Kinder laufen durch die Klasse. Sie sollen einen Lückentext bearbeiten. Bestimmte oder unbestimmte Artikel eintragen. "Ich war heute auf ... Abenteuerspielplatz. In ... Ecke ... Hütte höre ich es leise fauchen." Saba schreibt: "In der Ecke die Hütte leise fauchen." – "Kann eine Hütte fauchen?", frage ich sie. "Ja, ist Magie", antwortet Saba. Akim schreibt: "Ich war heute auf den Abenteuerspielplatz." Man weiß gar nicht, wohin man zuerst gehen soll. Zu Jastyn-Lee oder Aileen, den Klassenbesten, die ihr Blatt nach zwei Minuten schon fertig hatten und dringend neue Aufgaben brauchten? Beide hätten wohl das Zeug zum Realschulabschluss, vielleicht sogar zum Abitur. Oder soll ich mich um Fiifi kümmern, eines der Inklusionskinder? Der sich nach 20 Minuten das Arbeitsblatt noch nicht einmal vom Pult geholt hat. Ein aufgeweckter Junge, der aber eben große Schwierigkeiten hat, sich länger auf eine Aufgabe zu konzentrieren. Sitzt man neben ihm und gibt ihm klare Anweisungen, arbeitet er prima. Aber da sind ja noch 21 andere Schüler. Ich eile also von Kind zu Kind, erkläre, motiviere und diszipliniere zwischendrin die anderen, wenn es zu laut wird.

Ding, dang, dong! Große Pause. Jedenfalls für die Schüler. Für uns Lehrer heißt das entweder Pausenaufsicht oder Lehrerzimmer. Dort geht es fast genauso trubelig zu wie im Unterricht. Das Lehrerzimmer ist hier kein verschlossener Ort mehr wie zu meiner Schulzeit, sondern an der Frontseite vollständig verglast. Es bilden sich Trauben von Schülern davor, die wie Putzerfische an der Scheibe hängen und hineinstarren, weil sie irgendetwas von ihren Lehrern wollen. "Ich hab mein Trinken vergessen. Können Sie die Klasse aufsperren?" Pause heißt auf jeden Fall nicht Pause von Schülern.

Ob Unterricht funktioniert, hängt von vielen Faktoren ab

Langsam ahne ich, was sie hier meinen mit Überlastung. Es ist kurz vor 13 Uhr, ich habe noch keinen Schluck getrunken, mein Magen knurrt, und im Gegensatz zu den Schülern, die alle fünf Minuten aufs Klo rennen, haben Lehrer dazu keine Zeit. Neben dem Lehrerzimmer liegt das Büro von Schulleiter Kay Stöck. Man sieht ihn oft durch seine Schule gehen. Hier streicht er einem Kind über den Kopf, dort ermahnt er ein anderes, den Müll aufzuheben, er kennt fast alle Schüler beim Namen. "Das Wichtigste, wenn man hier arbeitet, das Allerallerwichtigste ist, dass man Kinder mag", erklärt er mir.

Die Schule sei kein sozialer Brennpunkt, wie man ihn sich vorstelle, mit Gewalt oder Drogen habe man hier keine Probleme. Es seien nur eben viele Kinder hier, denen die Eltern nicht das mitgegeben hätten, was man sich wünschen würde. Kein Vorlesen, keinen Zoo- oder Museumsbesuch, keinen Musik- oder Turnunterricht, keine Gespräche über Gott und die Welt und das Leben. "Das müssen wir ihnen hier mitgeben." Erziehung, das sei für einige Eltern eben Sache der Schule.

Es ist der vierte Tag. Erst der vierte. Ich fühle mich jetzt schon so, als wäre ich seit Wochen an dieser Schule. Immer der gleiche Trott. Ankommen, Schüler zusammentrommeln, motivieren, Schultern straffen und durch. Wie ein Schauspieler, der die Bühne betritt. Ich habe schlecht geschlafen und Kopfschmerzen. In meiner Redaktion würde ich mich jetzt hinter meinem Computer verschanzen. Hier sind 22 Augenpaare auf mich gerichtet. Sofort wird sondiert: Wie ist sie drauf? Erst mal austesten, was heute geht. Ich kann mir keinen anderen Beruf vorstellen, in dem man durchgehend so präsent sein muss wie in diesem. Jede Unachtsamkeit, jede Inkonsequenz, jede Schwäche wird einem sofort 22-fach um die Ohren gehauen. Kinder sind gnadenlos. Man weiß als Lehrer morgens nie, was der Tag bringen wird. Wie sie drauf sind, die Schüler. Ob Unterricht funktioniert, hängt von unglaublich vielen Faktoren ab: Ist es Montag oder Freitag? Erste oder letzte Stunde? Ist die Klasse schon lange zusammen oder frisch durcheinandergewürfelt? Ist es ein guter oder ein schlechter Lehrer?

Ich war in Dutzenden Unterrichtsstunden mit den unterschiedlichsten Lehrern. Man merkt sofort, ob ein Lehrer die Klasse im Griff hat oder nicht. Welche Fehler er macht. Murmelt er leise vor sich hin, hört keiner zu. Erklärt er schlecht, verstehen die Schüler nicht, was sie machen sollen, und fangen an zu stören. Schimpft ein Lehrer ständig, werden auch die Schüler motzig. Dabei machen die meisten Lehrer nicht schlechten Unterricht, weil sie den Kindern Übles wollen, sondern weil sie es nicht besser können. Wenn man vor einer Klasse steht, merkt man in der Situation selten, welche Fehler man macht.

Erst später, beim Betrachten meines Filmmaterials, fällt mir auf, dass ich an manchen Punkten völlig verwirrende Aufgabenstellungen gegeben habe. Oder den Falschen ermahnt habe. Aber eine derartige Überprüfung haben Lehrer nicht. Zwar werden sie alle paar Jahre vom Schulleiter oder Schulrat begutachtet, aber diese Stunden spiegeln selten den Alltag wider. So machen sie immer weiter ihren Stiefel. Das einzige Feedback, das man als Lehrer bekommt, ist das der Kinder. In Form von Unruhe, schlechten Noten, frechen Bemerkungen, Respektlosigkeit. Und wie reagiert man darauf? Man erhöht den Druck, verteilt weitere Strafaufgaben. Bis man eines Tages nicht mehr kann. 19 Prozent der verbeamteten Lehrer werden frühpensioniert. Der Krankenstand unter Hamburger Lehrern ist hoch.

Man kann bei diesen Zahlen zu dem Schluss kommen, Lehrer seien einfach faul. Mein Eindruck ist, nach vier Wochen in – zugegeben – nur einer Schule: Das, was von Lehrern erwartet wird, und das, was sie unter solchen Bedingungen leisten müssen, ist: eine Zumutung.