Mathematik : Zwischen Respekt und Distanz

Der Erziehungswissenschaftler Elmar Tenorth erklärt, warum Mathematik für ihn zur Kultur gehört.
Heinz-Elmar Tenorth, Bildungsforscher an der Berliner Humboldt-Universität © Matthias Luedecke

DIE ZEIT: Herr Tenorth, wie hätten Sie bei unserem Test abgeschnitten?

Heinz-Elmar Tenorth: Ich muss zu meiner eigenen Freude berichten, dass ich alle Aufgaben hätte rechnen können. Beim Butterpaket musste ich einen Moment nachdenken, und am meisten überlegen musste ich bei den Aufgaben zur Wahrscheinlichkeitsrechnung. Da hätte ich Fehler gemacht.

ZEIT: Das haben Sie auch wohl kaum in der Schule gehabt.

Tenorth: Überhaupt nicht. Ich lernte es nachher im Studium. Insgesamt fand ich die Aufgaben sehr realitätsnah.

ZEIT: Überraschten Sie die Ergebnisse des Tests?

Tenorth: Eigentlich nicht. Insbesondere bei den Grafiken hätte ich Ihnen gleich sagen können, dass es Probleme gibt. Wir sehen jeden Abend im Fernsehen den Dax. Hinter dem Moderator entwickelt sich diese komische Kurve, aber was sagt die uns eigentlich? Das sieht so selbstverständlich aus, ist aber viel komplizierter, als man meint.

ZEIT: Im Bericht Ihrer Kommission zur "Mathematik in der Bildungskette" ist die Rede von einem ambivalenten Verhältnis der Deutschen zur Mathematik. Was ist damit gemeint?

Tenorth: Einerseits gibt es bei allen das Bewusstsein dafür, dass Mathematik für Präzision und Berechenbarkeit steht. Ihre Reputation ist unbestritten. Gleichzeitig ist Mathematik das Fach, das uns in der Schule zuverlässig Inkompetenz-Erlebnisse beschert. Wir können uns auch nicht herausreden und sagen, das liege an den Vorurteilen des Lehrers – wie beim Deutschunterricht. Oder behaupten, der Stoff sei belanglos – wie beim Kunstunterricht. Hier haben wir eine wesentliche Dimension des Zugangs zur Welt nicht verstanden und sind in einer wirklich elementaren Weise nicht handlungsfähig. Dann muss man lernen, mit dieser Inkompetenz umzugehen, und das führt zu dieser vergnügten, selbstironischen Distanzierung: Ich kann das nicht, ich war in Mathe immer schlecht. Und man delegiert es an die Experten.

ZEIT: Ging Ihnen das persönlich auch mal so?

Tenorth: Ich hatte eine Zwei im Abiturzeugnis, saß neben einem begnadeten Mitschüler. Ich konnte alles technisch rechnen, aber die Beweise blieben mir immer fremd, und auch das Spielerische. Das kam dann erst in einem philosophischen Oberseminar.

ZEIT: Wann haben Sie verstanden, dass Mathematik nicht nur nützlich ist, sondern ein Kulturgut?

Tenorth: Als ich mit Mathe-Didaktikern über Kerncurricula diskutiert habe, sah ich immer mehr, dass Mathematik nicht eine Fähigkeit ist, die man den Spezialisten überlassen darf. Es handelt sich um eine Kulturtechnik, die den eigenen Lebenszusammenhang strukturiert und bestimmt. Wenn man über die nicht verfügt, ist man wirklich kulturbehindert.

ZEIT: Mathematik ist in der Schule auch ein Selektionsinstrument; die Leute empfinden sie als Schikane. Wenn man dann nach unserem Test sieht, wie wenig von den ganz grundlegenden Dingen übrig bleibt, kann man schon fragen: Was soll die Schikane?

Tenorth: Das ist nicht die richtige Frage. Was bleiben muss, ist eine gewisse mathematische Modellierungsfähigkeit, auch wenn ich keine Differenzialgleichungen mehr rechnen kann. Die Habitualisierung und Ritualisierung des Umgangs mit solchen Operationen – das ist der wesentliche Kern. Dann bleibt von der Mathematik, neben den grundlegenden Operationen, auch die Achtung vor Beweisbarkeit, vor Berechenbarkeit, vor der Logik des Kalküls.

ZEIT: Bei den Hauptschulabsolventen unter unseren Getesteten sieht es teilweise sehr mau aus. Kriegt das der moderne Mathematikunterricht mit der Konzentration auf die Basiskompetenzen besser in den Griff?

Tenorth: Auch die heutigen Hauptschüler sind teilweise so schlecht, dass es nicht hinnehmbar ist. Der Anteil der Risikogruppe, wie wir sie nennen, liegt bei den Jungen bei 20 Prozent, bei den Mädchen sind es nicht mehr ganz so viele. Das halte ich nach wie vor für den wirklichen Schulskandal. Wenn man denen nämlich alltagsbezogene Probleme und Lösungen anbietet, sind sie plötzlich besser. Die Risikogruppe halbiert sich fast, wenn die Schüler merken, dass mathematische Basisfähigkeiten für ihren gewünschten Beruf sinnvoll sind. Aber dann bleiben immer noch zehn Prozent übrig. Die Schuldenberater können Ihnen ein Lied davon singen, dass es einen Teil der Bevölkerung gibt, der elementar nicht fähig ist, sein Leben in Maß und Zahl zu beschreiben. Und ich bin immer noch der Meinung, dass die Sicherung eines Mindeststandards eine Bringschuld der Schule ist. Wenn das im schulischen Alltag nicht geht, müssen wir andere Lernformen finden.

ZEIT: Was sagen Sie den Erwachsenen, die meinen: Ich rechne mit dem Taschenrechner, das Navi bringt mich von A nach B – mich interessiert das alles nicht, lasst mich damit in Ruhe! Muss man diese Haltung nicht auch akzeptieren?

Tenorth: Natürlich akzeptiere ich, dass die Leute den Taschenrechner benutzen, bei mir auf dem Schreibtisch liegt auch einer. Die Basiskompetenz besteht aber darin, dass sie wissen, was sie tun, wenn sie den Taschenrechner benutzen. Beispiel Stromtarife: Die meisten können die nicht miteinander vergleichen, obwohl sie da mehrere Hundert Euro im Jahr sparen könnten. Das Schöne an Ihrem Test ist ja, dass er zeigt, wie wichtig Mathematik ist, um unsere Alltagsprobleme zu lösen.

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Kommentare

76 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Lehrplanproblem

Natürlich ist Geschichte wichtig, aber das Problem besteht (mal wieder) im Aufbau des Unterrichtes. Zumindest bei mir war es so, dass Klasse 9-12 nurnoch Nationalsozialismus und Weltkrieg behandelt wurde. Ist natülich wichtg, aber irgendwann wird es langweilig. Es spiegelt sich mal wieder die Grundangst der Behörden vor der NS-Zeit wieder. Zu bezweifeln, dass es der Stoff wichtig ist wäre natürlich nicht haltbar. Dennoch kann man den Unterricht durchaus spannend und abwechslungsreich gestalten. Man kann interessante Themen bearbeiten, die bis heute nachwirken und immer noch einen hohen Einfluss auf das heutige Leben haben. Dieser Einfluss ist zwar nicht direkt ersichtlich, aber das macht es imho so spannend. In jedem Falle interessanter, also zum vierten Jahr in Folge zu hören, wann und wie Hitler an die Macht kam. Dann ist es kein Wunder, dass der Geschichtsunterricht unterschätzt wird. Wäre anders, wenn man interessante Entwicklungen aufzeigen würde.
Zu Informatik: Hat ein absolutes Imageproblem (Nerds sind gut, alle anderen sind schlecht, da kann man es auch gleich ignorieren). Zudem weiß ich auch nicht, ob man die Definiton von 6 verschiedenen Arten Schädlingssoftware kennen muss. Ausgehend von Letzterem ist das Fach in der Schule relativ überflüssig und hat wenig mit der wirklichen IT zu tun. Inwieweit man das ändern kann weiß ich nicht, zu programmieren kann Spaß machen, aber auch nach hintern losgehen. Vielleicht sollte man lieber Medienkompetenz unterrichten.

Aber bei Vegetariern

darf das Schnitzel auch schonmal wegbleiben und nur der Salat gegessen werden ;)

Letztlich ist die Wertschätzung für bestimmte Fächer (-typen) eine individuelle Angelegenheit, von Mensch zu Mensch verschieden. Der von Herrn Tenorth gebrauchte Begriff "kulturbehindert" ist in diesem Zusammenhang aber arg borniert und herabsetzend. Letztlich ist die Mathematik schließlich auch nur ein - wenn auch relevanter - Wirklichkeitsausschnitt; andere >Kulturen< stehen gleichberechtigt daneben.

Dann wären die Bezeichnungen

"körperbehindert" oder "geistig behindert" auch eine gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit.

Mir ist klar, dass niemand gern das eigene Unvermögen vorbehalten bekommt. Jedoch ist Mathematik ein nicht abzustreitendes Kulturgut. Ein essentielles sogar. Genauso wie die Fähigkeit, zu lesen oder zu schreiben. Wem dort grundlegende Fähigkeiten und Fertigkeiten fehlen, dem fehlt ein wichtiges Stück Kulturgut und somit der Zugang zu einer breiten Palette darauf aufbauender Kulturgüter bzw. der Handwerkzeug, alltägliche Herausforderungen zu meistern.

Der Begriff einer Kulturbehinderung mag harsch klingen, trifft aber aufgrund der Essentialität von Mathematik meines Erachtens nach zu.

Auch gut

>> So ist nun Mathematik wie Deutsch oder Englisch ein Fach mit Textexegese

Passt doch auch. Denn Mathematik ist Sprache, ist wie eine Sprache mit Hilfe einer anderen Sprache zu erlernen.

Was lernen wir einfacher Englisch oder Chinesisch? Wir erlernen Englisch nicht einfacher, weil es einfach der Deutschen Sprache naeherliegt (obwohl dies genau genommen tatsaechlich der Fall ist), der Grund liegt an den Schriftzeichen und der bedeutung hinter den jeweiligen Zeichen.

Syntax und Semantik können verschieden sein, der Zweck jedoch derselbe, etwas Beschreiben zu können.

Sei es nun Englisch, Deutsch, Chinesisch oder aber auch Mathematik, alles für ein und denselben Zweck gedacht.

Ignoranz....

kann im IT Bereich jedoch sehr gefährlich sein.
Leider ist ein Rechner nicht nur ein Nutzgegenstand, er ist Zentraler Bestandteil des heutigen Lebens.
Ich nutze hierbei einfach mal eine kleine Metapher: Der normale Mensch versteht das bedienen eines Atomkraftwerkes genausowenig und möchte nur das es eben funktioniert.
Jetzt stellen Sie sich jedoch einmal vor jeder Mensch hätte ein kleines Atomkraftwerk unten in seinem Keller, ich behaupte das Spätestens wenn Kriminelle Leute mit Leichtigkeit einfach ihr Unwissen ausnutzen und damit eine Kernschmelze auslösen, wünschen Sie sich vielleicht auch nicht so Ignorant gewesen zu sein.

Ich kann ihnen versichern das die momentane recht unauffällige und im Vergleich recht wenig genutzte Kriminalität im IT Bereich ein absolutes Wunder ist.
Sie können sich gar nicht ausmalen wie einfach fast jeder Bürger Schaden verursachen kann, welcher wirklich weitreichende Folgen haben könnte.
Zu einem Großteil funktioniert dies jedoch nur da ein Großteil Rechner und Smartphones absolut bedenkenlos nutzen.

Jeder kann nur hoffen das es sich nicht bald alles Rächen wird, aber da nun ja sogar App Stores mit IT "Waffen" geplant sind , freuen Sie sich doch darauf, dass ihr Nachbar bald neben ihren Amazon, Bank , Facebook Konten jegliche Information über Sie bereithält und vielleicht wenn es ihm langweilig ist dafür sorgt das sie Nebenher noch ihren Job verlieren.

Viel Spaß !

@Daniel Düsentrieb

Klar, Sie haben übersehen, dass es absolut nichts mit Mathematik zu tun hat, wie einfach oder kompliziert man Geräte konstruiert. Eine chaotische Menustruktur, eine schlecht durchdachte Benutzerführung hat nichts mit Mathe zu tun.

Und auch das Handhaben eines PCs durch den Benutzer erfordert keine mathematischen Kenntnisse. Ebensowenig wie ich für das Tippen auf der Schreibmaschine mich mit Mechanik auskennen muss oder für das Bewohnen eines Hauses mit Statik.

Praxisbezug

Schulmathematik hat aber nichts mit normaler Mathematik, also Beweisen, zu tun. Mich nervte es ziemlich, dass man zurechtkonstruierte Gebäude betrachten und dann davon alles berechnen musste. Aber ich denke, dass Beweise noch mehr abschrecken würden. Natürlich sind die genial und unglaublich spannend, aber wenn schon welche an der Berechnung der Winkel scheitern...
Imho ist das Problem des Mathematikunterrichtes, dass es kaum Praxisbezug gibt (Das das nichts mit "richtiger" Mathematik zu tun hat ist eine andere Sache). Wenn es diesen Bezug geben würde, dann würde man auch schneller verstehen und wenn man das schafft, dann kommt das Interesse und die Motivation eigenständig sich zu informieren ganz von alleine. Meiner Erfahrung nach ist eine Klasse dann durchschnittlich gut in Mathematik, wenn der Lehrer die Dinge anschaulich erklären kann.

.....

Sie bewerten alle das Leben danach, wie jemand mit Gesetzen, Preisen oder Vertragsschlüssen umgeht. Eine absolut institutionalisierte Art zu Leben. Und wer in dieser nicht "richtig mitspielt" (mitspielen kann) wird als kulturbehindert beleidigt. Dabei sind Menschen die sich sprichwörtlich über den Tisch ziehen lassen in unsere Kultur, dem Kapitalismus nicht wegzudenken. Die Konkurrenzgesellschaft funktioniert nicht ohne Menschen die unterliegen. Ein Handel bei dem Profit erwirtschaftet wird, entsteht nicht ohne dass jemand ausgebeutet wird.

Die Frechheit, die Unterlegenen und Ausgebeuteten im Kapitalismus auch noch als behindert zu bezeichnen und zu diffamieren, erinnert mich stark an die Gedanken der "instrumentelle Vernunft" Adornos.