Ein Junge auf einer Mathematik-Ausstellung in Russland © lya Naymushin/Reuters

In unserem Land wird es in absehbarer Zeit keine Mehrheit für ein Tempolimit auf den Autobahnen geben. Das hat nicht nur mit der Freude am schnellen Fahren zu tun, glaubt Ulrich Kortenkamp. Sondern auch mit einer fundamentalen Rechenschwäche: "Die Deutschen sind nicht in der Lage vorherzusagen, wie sich ihre Fahrzeit bei einer Änderung der Geschwindigkeit verändert."

Wüssten sie, wie wenig Zeit sie durchs Rasen einsparen, wären sie vielleicht offener für eine Geschwindigkeitsbegrenzung, meint der Professor für Mathematikdidaktik von der Universität Halle.

Kortenkamp hat zusammen mit seinem Saarbrücker Kollegen Anselm Lambert die Fragen zu dem großen Mathematik-Test entwickelt, den DIE ZEIT, die Stiftung Rechnen und das Meinungsforschungsinstitut Forsa im April mehr als 1.000 repräsentativ ausgewählten Deutschen vorgelegt haben. Jetzt kann man den Test auch auf ZEIT ONLINE machen.

Wer den Mathe-Test vom Mobilgerät aus machen möchte, findet ihn hier.

Bei der Autofahrerfrage (Nummer 14 im Online-Mathetest) konnten nur 28 Prozent der Befragten die Zeitersparnis korrekt berechnen. Und auch bei den anderen Fragen mussten erschreckend viele Bürger passen. "Versetzung gefährdet", lautet das Fazit der Stiftung Rechnen, die sich vorgenommen hat, die mathematische Bildung der Nation zu fördern.  

Zu dumm?

Sind die Deutschen zu dumm zum Rechnen? Die Ergebnisse legen nahe: Es liegt nicht an den intellektuellen Fähigkeiten, sondern an der Grundeinstellung zu Zahlen und Größen. Sie könnten, wenn sie wollten.

Viele zucken mit den Schultern, wenn sie auf Mathematik angesprochen werden. Kann ich nicht, brauche ich nicht. Wie lange meine Autofahrt dauert, sagt mir das Navi, und ansonsten habe ich einen Taschenrechner. Aber wer sich die Zeit nimmt, Handyverträge und Stromtarife miteinander zu vergleichen, dem kann ein bisschen Mathematik bares Geld bringen.

Selbst viele Erwachsene, denen die Nützlichkeit der Mathematik klar ist, denken mit Grausen an die Schulzeit zurück, in der sie sich vom Mathematiklehrer schikaniert fühlten. So mancher Pädagoge plädiert dafür, die Stofffülle insbesondere der höheren Mathematik in der Schule drastisch zu reduzieren, damit wenigstens von den grundlegendsten Techniken nach der Schulzeit etwas übrig bleibt. Wie viel das normalerweise ist, weiß aber niemand. Es gab nie eine verlässliche Studie über die Rechenfertigkeiten der Erwachsenen in Deutschland.

Man hätte es sich einfach machen und den Befragten den Mathe-Abschlusstest der Hauptschule vorlegen können. Das hätte eine gute Schlagzeile ergeben, weil auch die meisten Hochschulabsolventen durchgefallen wären. Aber das wäre unfair gewesen, schließlich ist es normal, dass man die spezielleren Dinge, die man in der Schule lernt, im täglichen Leben vergisst – weil man sie nicht braucht.

Die Fragen, die Kortenkamp und Lambert für diesen Test entwickelt haben, sind anderer Natur: Von ein paar einfachen Rechnungen abgesehen, konfrontieren sie die Menschen mit Problemen, die jedem von uns begegnen. Zu ihrer Lösung braucht man weder Sinus noch Cosinus, keine Potenz- oder Integralrechnung – die benötigte Mathematik geht nicht über das Pensum der neunten Klasse hinaus, bei den meisten Fragen nicht über das der sechsten.

Umso bedrückender sind einige der Ergebnisse der Forsa-Studie. Die einfachen Aufgaben des Tests, bei denen nur gerechnet werden muss, sind noch von mehr als 90 Prozent der Befragten gelöst worden. Das klingt beruhigend – trotzdem findet Ulrich Kortenkamp die Versagerquote zu hoch: "Aufgabe 2 entspricht etwa der Frage 'Wie schreibt man Wurstbrot' im Fach Deutsch – wenn hier zehn Prozent falsch lägen, wäre man doch zu Recht schockiert."

Eher ein Lesetest

Sobald aber die Texte länger werden, in die die Aufgaben verpackt sind, sinkt die Zahl der korrekten Antworten rapide. Eigentlich, sagen die beiden Professoren, sei der Test kein Rechentest, sondern ein Lesetest. Es gehe darum, einem Text die wesentlichen Informationen zu entnehmen, die man zur Beantwortung einer Frage brauche. Erst wenn man die habe, könne man sich überlegen, was denn da nun gerechnet werden müsse. Der letzte Schritt, die eigentliche Rechnung, sei dann simpel.

Um das zu belegen, haben Kortenkamp und Lambert zwei Aufgaben in den Test geschmuggelt, die auf exakt dieselbe Rechnung hinauslaufen: Einmal wird das Problem in zwei Sätzen beschrieben, das andere Mal in drei Sätzen – und schon sinkt die Zahl der richtigen Antworten. Am deutlichsten bei den Probanden mit Hauptschulabschluss: von 81 auf nur noch 69 Prozent.