Warum gehen wir ins Museum? Warum sehen wir uns gerahmte Bilder an? Weil wir unsere Neugier entschädigen wollen für all die leeren Bilderrahmen, in die wir im Alltag hineinblicken. So hat sich der Schriftsteller Elias Canetti den Sinn des Museums erklärt. Die leeren Bilderrahmen unseres Alltags, so Canetti, seien die Fenster, an denen wir täglich vorbeigehen und die keinen Blick erlaubten auf das Leben, das hinter ihnen stattfindet.

Das Kunstmuseum ist ein Haus der offenen, mit fremdem Leben gefüllten Fenster. Es gibt tausend Antworten auf die eine Frage: Wie leben die Menschen, die wir nicht kennen?

Der Berliner Theatermann Matthias Lilienthal hat eine andere Möglichkeit gefunden, hinter die Mauern zu blicken. Er schickt seit 2002 seine Kundschaft auf Tour durch spezielle Viertel von beispielsweise Duisburg, Berlin, Moskau, Wien, Caracas, Johannesburg, jeder muss sich selbst den Weg von einem Schauplatz zum nächsten suchen, alles spielt sich in Privathäusern ab. Was einen erwartet, ist ungewiss, eins ist aber klar: Man gerät stets ins Innerste der Stadt oder, in Canettis Sinn, in den Mittelpunkt des Bildes.

Soeben hat Lilienthal, der als Intendant der wichtigsten freien Theaterbühne Deutschlands, des HAU (Hebbel am Ufer) in Berlin, zu Ruhm gekommen ist, seine X Wohnungen in Beirut veranstaltet. Lilienthal hat in der libanesischen Hauptstadt die letzten acht Monate als Dozent am Kunstinstitut Askhal Alwan verbracht, und X Wohnungen in Beirut – das ist die Jahresarbeit seiner Studenten.

Brüchiger Frieden

Man kann sich keinen heikleren Stadtraum für eine solche Exkursion vorstellen. Seit dem libanesischen Bürgerkrieg, der die Stadt in ihrer Mitte durchtrennt hat mit einem green line genannten Front- und Todesstreifen, sind zwar viele Kriegsruinen verschwunden, und aus einander von Haus zu Haus unter Feuer nehmenden Nachbarfeinden sind knapp Überlebende des täglichen Verkehrswahnsinns geworden, man arrangiert sich also im Alltag miteinander, allerdings ist der Frieden in Beirut immer brüchig. Es ist eher das Stillhalten von Leuten, die auf neue Befehle und neue Angriffe warten. 

Erst am vergangenen Sonntag sind Raketen im Süden Beiruts eingeschlagen, fünf Menschen wurden verletzt; als mögliche Täter werden radikale libanesische Sunniten oder Anhänger der syrischen Rebellen genannt. In den betroffenen Vororten leben viele Funktionäre der schiitischen Hisbollah, und deren Generalsekretär, Hassan Nasrallah, hat sich soeben in einer Videobotschaft per Großbildleinwand seinen Anhängern in Beirut eindeutig als Verbündeter des syrischen Diktators Baschar al-Assad gezeigt. Den Assad-Anhängern von Hisbollah stehen aber Hunderttausende Syrer gegenüber, die vor Assad nach Beirut flohen.

Würde Israel in den Syrienkonflikt konsequent eingreifen, dann griffe, dies ist die uralte Kriegsmechanik, sofort die Hisbollah von den Flüchtlingslagern der Stadt aus Israel an, und Israel würde Beirut angreifen. Der Iran würde dem Libanon beistehen. Ein Flächenbrand entstünde, Beirut wäre mittendrin.

"Wir könnten nur noch auf diesem Weg hier weg", sagen die Europäer, die in Beirut leben, und deuten aufs offene Meer, westwärts: 15 Flugminuten von hier liegt Zypern.