Musicaldarsteller"Ich Jane!"

Es ist der Traum aller Musicaldarsteller: Einmal im Leben die Hauptrolle spielen. Merle Hoch hat es geschafft. von Felix Ehring

Fünf Tage lang wartete Merle Hoch auf den Anruf. Vier Vorstellungsrunden hatte sie überstanden, hatte vorgetanzt, vorgesungen, vorgespielt. Immer wieder. Sie hoffte. Sie verbot sich den Gedanken, dass es geklappt haben könnte. Sie war so kaputt von den Proben in Hamburg, dass sie ihre eigene Leistung nicht mehr einschätzen konnte. Kein Gefühl mehr dafür, ob sie gut war oder nicht. Dann klingelte ihr Telefon, eine Hamburger Nummer, die Castingdirektorin. Die Zusage für die Hauptrolle, die Jane. "Ich habe einfach nur ins Telefon geschrien", erinnert sich Hoch. "Ich habe geschrien, dass es mir leidtut, dass ich schreie. Ich konnte nicht mehr aufhören. Ich hatte da mein ganzes Herzblut reingesteckt." Von Juni an wird Merle Hoch nun die Jane im Musical Tarzan spielen, das seit 2008 läuft. Es ist die bislang teuerste Musicalproduktion in Deutschland, pro Abend kommen bis zu 2000 Gäste in das Theater Neue Flora, unter ihnen stets Reisegruppen aus der Provinz mit bunten Regenjacken, aber auch Geschäftsleute in Anzügen. Die großen Musicals in Hamburg, zu denen auch König der Löwen gehört, spülen zuverlässig Touristen in die Stadt.

Am Ende der Proben wird sie als Jane im plüschigen Kleid Tarzan treffen

In einem schmalen, fast leeren Raum des Theaters steht Hoch aufrecht vor einem Klavier und singt sich ein. Sie schlägt die Tasten an und klettert mit ihrer Stimme die Tonleiter hinauf. Erst leise, dann lauter, dann extrem laut produziert die kleine, zierliche Frau klare Töne. Sie singt "Kiiijumu" und "Dädärädä", so laut und hoch, dass es beim Zuhören im Innenohr schmerzt. Nach fünf Minuten ist Hoch fertig. "Früher, im Studium, habe ich dafür eine Dreiviertelstunde gebraucht", sagt sie, das Singen sei anfangs nicht ihre stärkste Disziplin gewesen. Dann läuft Hoch durch die langen Flure zur Probebühne, wo Tarzan bereits auf sie wartet.

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Im Musical wird Hoch als Nachwuchsforscherin Jane Porter in einem plüschigen Kleid durch den afrikanischen Dschungel irren und auf Tarzan treffen, den von Affen großgezogenen Halbwilden. Sie wird sich in ihn verlieben und als Jane beinahe täglich diese Liebe besingen. Sechs Wochen lang probt sie für die Rolle, dann muss alles sitzen. "Als ich dieses riesige Theater zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich: Merle, wie willst du das denn packen?", sagt sie. Mittlerweile ist sie zuversichtlicher, es zu schaffen.

Merle Hoch ist Teil einer aufwendigen Unterhaltungsindustrie. Die Firma Stage Entertainment hat 20 Millionen Euro in die Produktion investiert, in die Lizenz von Disney, die Musik von Phil Collins, in Theaterumbau, Bühnenbild, Kostüme. 39 Schauspieler aus halb Europa gehören zum Ensemble, hinter den Kulissen sorgen bei jeder Show 70 Personen für einen reibungslosen Ablauf.

In diesem Geflecht muss Merle Hoch funktionieren, an sechs Tagen und in acht Vorstellungen pro Woche. "Durch die Hauptrolle habe ich etwas mehr Druck", sagt Hoch. "Ich darf keinen Ton vergeigen." Sie habe allerdings auch Vorteile: "Andere Darsteller aus dem Ensemble müssen sich mehrere Rollen draufschaffen, um im Krankheitsfall einspringen zu können. Ich kann mich auf die Jane konzentrieren."

Ausbildung

Als beste Wahl für den Berufseinstieg gelten die staatlichen Hochschulen in Essen, München und Berlin, die Musicalstudiengänge anbieten. Das Auswahlverfahren ist hart. Es gibt private Schulen, die aber nicht alle die nötigen Qualitätsstandards erfüllen.

Auftritt

Die Künstlervermittlung der Bundesagentur für Arbeit vermittelt Darsteller. Um in die Datenbank aufgenommen zu werden, müssen Darsteller vorspielen. Das Einstiegsgehalt an Stadt- und Staatstheatern beträgt laut Tarifvertrag 1.600 Euro brutto. Kleine private Theater zahlen oft weniger.

Abschied

Musicaldarsteller arbeiten nach ihrer Karriere auf der Bühne zum Beispiel im TV oder in der Werbung, als Sprecher, Regisseur oder Lehrer für Gesang, Tanz oder Schauspiel. Laut Arbeitsagentur bezieht im fortgeschrittenen Alter "ein hoher Prozentsatz" Hartz IV.

Drei Wochen vor der Premiere wirkt Hoch entspannt, sie lacht viel und begrüßt die meisten Kollegen, denen sie auf dem Flur begegnet, mit einer festen Umarmung und Smalltalk. Arbeitssprache ist Englisch, und die Darsteller wirken energiegeladen, so als brauchten sie die Bühne allein schon, um sich körperlich auszutoben. Hoch sagt: "Nicht bei jeder Produktion ist die Stimmung so gut wie hier." Es gebe Ensembles, in denen die Konkurrenz um Hauptrollen stärker zu spüren sei und die Regisseure Druck ausübten auf die Darsteller. Das liege ihr nicht so. "Ich bin ohnehin total selbstkritisch", sagt Hoch.

Die Probebühne steht in einem hellen Raum mit Bullaugenfenstern, einem Klavier und Plastikstühlen am Rand. Der neue Tarzan-Darsteller, Gian-Marco Schiaretti, übt Handstand, ein Italiener mit imposantem Brustkorb, der die Rolle von Alexander Klaws übernehmen wird. Klaws war der erste RTL-Superstar aus Dieter Bohlens Fernsehshow, der sich nach einigen Chart-Erfolgen zum Musicaldarsteller ausbilden ließ. Ebenfalls im Proberaum: der künstlerische Leiter und ein Pianist. Bevor es losgeht, setzt Hoch sich einen kleinen Rucksack auf, den sie als Jane trägt, nimmt das zugehörige Notizbuch der jungen Forscherin in die Hand und läuft fünf Runden am Rand der Probebühne entlang, aufwärmen.

Leserkommentare
  1. Ein bedauernswertes Leben führt diese Frau Hoch ... folgt man dem Tenor in dem Artikel. Aber Reportagen scheinen sich heutzutage sowieso viel lieber auf das 'Och, was haben wir es schwer' zu konzentrieren (die Zunft der Schreiberlinge gleich mit einbeziehend), als z.B. auf die aufregende Sonderstellung, die so ein Darsteller in der Gesellschaft.

    Wären Berichte vor 30 Jahren auch schon in dem Stil gemacht worden, wüsste ich nichts über die Serengeti und wilde Tiere, aber ich wüsste haarklein, wie schwierig und unwegsam der Weg von Sielmann und Grzimek damals waren. Die Hitze und dann gabs ja kaum Technik und man wusste nicht, an wen man das Material später verkaufen könnte und die Wilden und und und ...

    Also, ich nehm jetzt mit: Musicalstars sind bedauernswerte Individuen. Ob das Frau Hoch so recht ist?

    2 Leserempfehlungen
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    ...früher war einfach alles besser.

    • Welken
    • 11. Juli 2013 1:22 Uhr

    Für meinen Geschmack klingt das Leben dieser Frau tatsächlich sehr unangehm. Viel Arbeit, stumpfsinniges Funktionieren, wenig Zeit, wenig Geld und eine unsichere Zukunft.

    Menschen, die einen derartigen Beruf ergreifen sind entweder bewunderswert idealistisch oder furchteinflößend fanatisch. Da werde ich lieber Tierfilmer!

  2. ...früher war einfach alles besser.

    Antwort auf "Ooch ..."
  3. ...warum nicht?

    Durch den krankheitsbedingten Ausfall der Hauptdarstellerin sind schon die größten Karierren von Zweitbesetzungen gestartet. ;-)

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    • Welken
    • 11. Juli 2013 1:22 Uhr

    Für meinen Geschmack klingt das Leben dieser Frau tatsächlich sehr unangehm. Viel Arbeit, stumpfsinniges Funktionieren, wenig Zeit, wenig Geld und eine unsichere Zukunft.

    Menschen, die einen derartigen Beruf ergreifen sind entweder bewunderswert idealistisch oder furchteinflößend fanatisch. Da werde ich lieber Tierfilmer!

    Antwort auf "Ooch ..."
  4. Ich finde, es wird eher beschrieben, dass der Job als Schauspieler bzw. Sänger, egal ob Musical, Theater etc nicht nur toll und glamourös ist, sondern meistens nur aus Routine, viel lernen und aus Angst um das nächste Engagement besteht.

    Ist in der heutigen Zeit, in denen jeder Superstar werden will vielleicht auch mal angebracht zu erzählen

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  • Schlagworte Arbeitsvertrag | Musical | Hamburg
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