Musik wabert zwischen den Bäumen. Menschen tanzen barfuß auf dem Rasen, bunte Federn im Haar. Nach einem durchfeierten Wochenende in den Berliner Clubs ist am Sonntagnachmittag ein Trüppchen Nimmersatter in den Plänterwald hinausgefahren, zwischen den Bäumen soll es weitergehen. Doch plötzlich ist es still. Man hört bloß noch Vögel.

Wenn Jacob Bilabel von der ersten Aktion seiner Green Music Initiative erzählt, strahlt er. Das Fest im Wald vor fünf Jahren war ein Experiment. Bilabel wollte sehen, wie feiernde Menschen reagieren, wenn man sie zum Nachdenken anregt. Ob die Ekstase endet, wenn die Musik einsetzt. Aber im Wald lief alles genau so, wie er es sich gewünscht hatte. Als die Musik ausging und die Tanzwilligen zum DJ schauten, rief dieser: "Wenn ihr tanzen wollt, steigt auf die Räder!" Vier Fahrräder standen am Mischpult, direkt verkabelt mit der Musikanlage. Nur wenn in die Pedale getreten wurde, gab es Strom. "Clubbesucher gelten als Prototyp egozentrischer Menschen", sagt Bilabel, "aber in dem Moment, in dem die Musik ausging, passierte etwas sehr Interessantes: Die Leute bildeten Grüppchen, feuerten sich beim Strampeln gegenseitig an." Wenn die Menge johlte und jene anspornte, die für sie in die Pedale traten, drehte der DJ auf. Waren die Radler erschöpft, gingen die Regler runter. Manche riefen sogar Freunde an, die mithelfen – und mitfeiern sollten.

Für Bilabel war dieses Fest der Beweis, dass eine grüne Zukunft nicht öde sein muss. Heute berät seine Green Music Initiative Veranstalter dabei, zwei Gemütslagen zusammenzubringen, die auf den ersten Blick gegensätzlicher kaum sein könnten: Party und Verantwortung. Für Clubs, Festivals und Produzenten erarbeitet sie Leitlinien, berechnet den CO₂-Verbrauch und sucht nach passenden Formen, Energie einzusparen. Manchmal zahlen die Sponsoren der Festivals für die Beratung. Bilabels Agentur bietet Clubs auch an, statt eines Honorars die Hälfte dessen zu kassieren, was die Betreiber anschließend in einem Jahr einsparen. "Meist ein schlechter Deal für die Clubs", sagt Bilabel, "denn je nach Größe sparen sie das bis zu Zehnfache." Das Geschäftsmodell funktioniert, die Firma hat acht Angestellte und macht Gewinn. Bilabels Unternehmen ist Teil einer Bewegung, die immer größer wird. Seit einigen Jahren stellen Festivalbetreiber weltweit Nachhaltigkeitsbeauftragte ein, und auch Musiker selber denken um: Die Band Guster rockt auf 200 Konzerten jährlich, zu denen sie mit einem Biodiesel-Bus fährt. Der Sänger Jack Johnson verkauft Fan-T-Shirts aus 100 Prozent Biobaumwolle, produziert in seiner Heimat USA. Die Band Radiohead beauftragte eine Agentur, den CO₂-Abdruck ihrer Tourneen zu analysieren. Das Ergebnis: Allein durch Essen, Bier und Müll verursachte jeder Fan durchschnittlich drei Kilogramm CO₂ – so viel, wie durchschnittlich bei 30 Stunden Dauerfernsehen verbraucht werden. Der Großteil der CO₂-Emissionen aber entstand durch An- und Abreise der 240.000 Besucher: Viele von ihnen fuhren allein oder zu zweit im Auto zu den Konzerten quer durch die USA. Seither bemüht sich die Band, an Orten zu spielen, die gut angebunden sind, und fordert ihre Fans auf, Fahrgemeinschaften zu bilden.

Für Discos: Klimaanlagen regelmäßig reinigen und bei Tageslicht putzen

Doch auch wenn sich immer mehr Künstler engagierten, noch überwiege die Skepsis in der Branche, sagt Bilabel. "Viele haben Angst, dass der Spaß ausbleibt, wenn sie auf die Umwelt achten", sagt Bilabel. Als er vor fünf Jahren die Green Music Initiative gründete, um das zu widerlegen, sagten seine Kollegen, er spinne. Jacob Bilabel kam ja aus dem großen Musikbusiness. Bei Universal Music Germany war er als Vice President für neue Geschäftsfelder und Unternehmenskommunikation zuständig, später wechselte er zu Myspace. Er fuhr einen großen Firmenwagen, flog viel und veranlasste aufwendige Produktionen. Seine Welt war geprägt vom Überfluss und Verschleiß ambitionierter Musiker sowie dem üppigen Leben der Stars. 2006 sah er dann An Inconvenient Truth, den Dokumentarfilm des ehemaligen US-Präsidentschaftskandidaten Al Gore über die globale Erwärmung. Bilabel sagt, es sei wie ein Erweckungserlebnis gewesen. "Ich hatte plötzlich das Gefühl, irgendetwas läuft hier falsch." Er verkaufte seine Anteile bei Myspace und gründete mit dem Geld und seinem Netzwerk ein eigenes Unternehmen, Thema 1, zu dem auch die Green Music Initiative gehört.

Noch heute ist Jacob Bilabel, 42, alles andere als ein klassischer Öko. Er sagt oft Wörter wie "sexy" und "Spaß". Den Begriff "Verzicht" würde er dagegen am liebsten streichen, weil er die Laune verderbe. Eine Horrorvorstellung sind für ihn Musiker, die vom Waldsterben singen und ohne Verstärker spielen. Sein Ziel ist ein subtiler Wandel, hin zu einer grünen Zukunft, die Spaß macht.

Als Bilabel zum ersten Mal mit einem Ingenieur durch eine Disco ging, um zu prüfen, wo Energie gespart werden könne, waren dessen Ratschläge eher für ein Reihenhaus geeignet: die Musik leiser, weniger Licht und nicht so lange feiern. Das war für Bilabel keine Option. In einem Pilotprojekt entwickelte die Green Music Initiative zusammen mit der Energieagentur NRW eine Beratung für die speziellen Bedürfnisse der Branche. "Sehr viel Energie geht beispielsweise durch schlechte Kühlschränke verloren, die Sponsoren gratis hinter die Tresen stellen", sagt Bilabel. Manchmal reiche es, diese von der Wand wegzurücken, besser zu isolieren oder sich eigene, energieeffizientere zu kaufen. Andere Tricks seien, die Klimaanlage regelmäßig zu reinigen oder bei Tageslicht zu putzen – Maßnahmen, welche die Feierlaune nicht beeinflussen.

Noch größer ist die Wirkung bei Festivals. Seit drei Jahren arbeitet Bilabel mit den Betreibern des Melt!-Festivals zusammen. Die Vorlage: drei Tage Ekstase, 20.000 Besucher, Müllberge. CO₂-Ausstoß und Stromverbrauch sind so groß wie bei einer Kleinstadt. Um Fans dazu zu ermutigen, das Auto zu Hause zu lassen, organisierten die Veranstalter im vergangenen Jahr eine Radtour zum Festivalgelände. Von der Bahn gab es günstige Tickets. In Zukunft soll eine Bühne nur mit Sonnenenergie betrieben werden. Auch am Catering haben die Organisatoren gearbeitet: Essen und Getränke kommen nun vorwiegend aus der Region, und dieses Jahr soll es – zumindest backstage – einen fleischfreien Freitag geben. "Wir werden den Künstlern kein Fleisch servieren und das auch so an die Fans kommunizieren, damit sie vielleicht mitmachen", sagt Katja Dreyhaupt vom Organisationsteam des Melt!-Festivals.

Für Camper: Kompostierbare Zeltheringe aus Kartoffelstärke nutzen

Die Musikbranche, so Bilabel, sei ein perfekter Hebel für die grüne Wende. Nicht weil sie so viel mehr Energie verbrauche oder Müll produziere als andere Branchen, sondern weil sie einen so starken Vorbildcharakter habe. "Ein Festival ist ein soziales Experiment", sagt er. "Jugendliche probieren sich dort aus, spielen mit Musik, Licht, Drogen, Sex – mit neuen Lebensformen. Festivals sind oft so etwas wie Initiationsriten. Was sie dort erleben, hat einen großen Einfluss auf die Jungen." Auch Pioniere in anderen Orten versuchen das zu nutzen. Auf dem Roskilde-Festival in Dänemark tanzen die Leute zu World-Musik und bekommen ein kaltes Bier, wenn sie eine volle Mülltüte abgeben. Und beim Glastonbury-Festival in Südengland trennen nach Konzerten von The Smashing Pumpkins und Cat Power Tausende Freiwillige den gesamten Müll. Es gibt dort sogar kompostierbare Zeltheringe aus Kartoffelstärke, damit die Camper weniger Metall auf den Äckern hinterlassen.