Die beiden Raketen, die am Sonntag nahe dem Hisbollah-Hauptquartier in Südbeirut einschlugen, zerstören eine Illusion im syrischen Krieg. Zwei Jahre lang schien der blutige Konflikt – abgesehen von Einzelattacken – innerhalb der Grenzen Syriens zu bleiben. Jetzt aber öffnet sich der abschüssige Weg in den großen Krieg, der die ganze Region erfassen kann.

Die Geschosse sind eine Antwort von bisher Unbekannten auf eine Rede des charismatischen Hisbollah-Führers Hassan Nasrallah vom Samstag. Darin hatte er vor einem Meer grüngelber Hisbollah-Flaggen seine Anhänger auf den Krieg in Syrien eingeschworen. "Dieses ist unsere Schlacht – wir sind für sie bereit", rief er, und die schiitischen Kämpfer rissen ihre Kalaschnikows hoch – darunter auch 15-jährige Jungs. Hisbollah-Milizen stehen Seite an Seite mit den Truppen des Führers Baschar al-Assad im westsyrischen Kusair. Mit ihnen kämpfen in Syrien iranische Brigaden und irakische Milizen. Das Rüstzeug kommt aus dem Iran und aus Russland.

Ein eiserner Vorhang senkt sich im Nahen Osten. Dahinter wächst eine starke Allianz heran, für die der Syrienkrieg eine Frage von Leben oder Untergang ist. Es ist die Allianz der Schiiten. Sie spaltet Syrien und zunehmend seine Nachbarstaaten. Sie verändert die politische Geografie – Grenzen lösen sich auf, Länder zerfallen.

Lange Zeit war es richtig, von einem innersyrischen Bürgerkrieg zu sprechen, in dem vielerlei Mächte von außen ihren Einfluss geltend machten. Neben den iranischen Militärberatern und russischen Waffenlieferungen standen Katarer und Saudis im Blickpunkt, die die Opposition mit leichteren Waffen und Munition bescherten. Die Türken, die Rückzugsgebiete für die Freie Syrische Armee anboten. Die Amerikaner, die Saudis und Katarern bei der Waffenbeschaffung halfen, Kommunikationstechnik an die Opposition lieferten. Ein Kampf der Regionalmächte, dahinter die Weltmächte, ein Patt. Das ist es nicht mehr. Wir erleben einen Zerfallsprozess – in dem zugleich eine geopolitische Neuordnung sichtbar wird.

Die zerstrittenen Staaten, die hinter der syrischen Opposition stehen, kann man nicht wirklich eine Allianz nennen. Der türkische Ministerpräsident Erdoğan poltert und tut am Ende weniger, als man denkt. Saudis und Katarer haben nie jene Ausrüstung liefern können, die wirklich zum Kampf gegen eine Armee gebraucht wird: Luftabwehrraketen, schwere Gefechtsfeldwaffen. Mit den Amerikanern teilen die Saudis die Sorge, dass die Waffen in die Hände internationaler Dschihadisten fallen könnten. Die USA halten sich also heraus. Längst kämpft in Syrien die mit al-Kaida verbundene Al-Nusra-Front, auch in der Stadt Kusair. Die Opposition ist gespalten, die Freie Syrische Armee hört nicht auf ein Kommando, sie hat starke Konkurrenz. Hier die liberale Opposition, da die Muslimbrüder, hier die Kurden, da die Nusra-Front. Auch deshalb zerfällt der Staat Syrien.

Die Opposition mit der einzigen Supermacht als geizigem Gönner im Hintergrund verband das Mantra, dass Assad gehen müsse und bald weg sei. Jetzt verzweifeln sie, weil Assad einfach nicht geht. Und weil sie erkennen, welches effiziente Bündnis sich gegen sie aufgebaut hat.

Die vom Iran angeführte Allianz wurde im Krieg noch fester zusammengeschweißt. Sie hält sich nicht mit Pistolenlieferungen auf. Der Iran, irakische Schiiten und Hisbollah sind Kriegsparteien in Syrien, mit Truppen in Städten und Dörfern. Dieses ist der Krieg der schiitisch-islamistischen Allianz, die sich von Teheran über das abhängige Bagdad nach Südbeirut spannt. Sie haben Baschar al-Assad, säkular gesinnten Diktator, adoptiert. Sie wollen dafür sorgen, dass er nicht verschwindet, sondern zumindest in einem Teil Syriens regiert. Dieses Territorium von Damaskus über Kusair bis Latakia an der Mittelmeerküste wird nun militärisch arrondiert und abgesichert. Teilung des Landes inbegriffen.

Man darf die von Teheran geführte schiitische Allianz nicht als Horde heiliger Krieger missverstehen. Es geht weniger um gemeinsame Glaubensbekenntnisse als um den Kampf um die Vormacht in der Region. Die Macht Teherans war in den vergangenen zwei Jahren stark bedroht. Die arabischen Aufstände – vom Iran anfangs als "islamische Revolution" begrüßt – brachten keine Politiker hervor, die mit Teheran sympathisieren. Die jungen arabischen Revolutionäre pfeifen auf die iranischen Mullahs, die Muslimbrüder trauen ihnen nicht, die Salafisten hassen sie. Zug um Zug hat der kleine Erdgasriese Katar die Patenschaft neuer Regierungen in Kairo, Tunis und der Opposition in Syrien übernommen. Nicht Teheran, sondern Katar ist Sponsor der islamistischen Bewegungen. Das Hamas-Auslandshauptquartier ist von Damaskus nach Doha umgezogen.

Zwischen Krieg in Syrien und Frieden im Libanon liegen nur wenige Kilometer

Der Syrienkrieg ist Teil eines Generalangriffs auf die arabischen Aufstände. Rollback auf Iranisch. Wenn die sunnitischen Massen gegen ihre Herrscher aufstehen und dabei die Interessen des Irans und seiner Verbündeten bedrohen, müssen sie mit Gewalt rechnen. Im Irak gefährdeten sunnitische Aufrührer die Regierung von Premier Nuri al-Maliki. In Syrien wankte nicht nur Assad, sondern Hisbollah drohte auf einer isolierten Insel zwischen einem sunnitisch-revolutionären Syrien und dem feindlichen Israel auszutrocknen.

Deshalb kämpfen nun schiitische und alawitische Milizen den syrischen Aufstand mit allen Mitteln nieder – Flugzeugen, Panzern, Giftgas. Assad selbst nutzt die Gunst der Stunde, die ihm die Allianz bietet, und behauptet gegenüber einem Hisbollah-Sender bereits, das "militärische Kräfteverhältnis hat sich jetzt komplett zugunsten der Armee verschoben". Er beschwört, "Syrien und die Hisbollah bilden eine Schicksalsgemeinschaft" und freut sich auf eine Lieferung moderner S-300-Flugabwehrraketen aus Russland. Mit strategischem Blick steckt diese iranisch geführte Allianz heute ihr Territorium ab, schlägt Breschen durch die mehrheitlich sunnitische Welt des Nahen Ostens. Von Damaskus bis Latakia verläuft die eine Linie. Von Teheran über Bagdad und Damaskus bis Südbeirut die andere.

In diesem Kampf zerbrechen ganze Länder. Der erste gescheiterte Staat ist der Irak. Die falsche Invasion der Amerikaner und ihre falsche Politik führten zum ethnisch-religiösen Bürgerkrieg, der bis heute nicht erloschen ist. Zum Sieger in Bagdad und im Süden des Landes wurde Nuri al-Maliki. Politisch geprägt im iranischen Exil, kehrte Maliki nach dem Sturz Saddam Husseins zurück nach Bagdad. Als Ministerpräsident wächst er nun zum schiitischen Diktator heran. Er verfolgt sunnitische Politiker und provoziert die Kurden im Norden des Landes im Streit um Rohstoffexporte aus Kurdistan. Er sabotierte die Versuche der Arabischen Liga, einen friedlichen Übergang in Syrien zu vermitteln. Jetzt kämpfen schiitische Milizen aus dem Irak in Syrien.

Syrien zerfällt nun in diesem Krieg, der als arabischer Aufstand begann und als Bestätigung iranischer Dominanz enden soll. Dabei ist es nicht lebenswichtig, ob ganz Syrien unter der Herrschaft Assads bleibt. Auf die Wüste in Zentralsyrien lässt sich leicht verzichten. Auf die kurdischen Siedlungsgebiete entlang der türkischen Grenze auch. Die an Kurden und arabische Sunniten verlorenen Erdölvorräte im Osten des Landes schmerzen da schon mehr. Entscheidend ist jedoch, dass die schiitische Allianz den Westen Syriens kontrolliert und die Grenzen zum Libanon.

Bisher hat die syrische Opposition stets auf der Einheit des Landes bestanden. Doch wie sehr der Zerfall vorangeschritten ist, lässt sich daran erkennen, dass auch syrische Vordenker auf der Flucht vor Assad längst von der Auflösung des Staates ausgehen. Auf dem Bergedorfer Gesprächskreis der Körber-Stiftung am vergangenen Wochenende in Istanbul hat der Exilsyrer Samir Altaqi, derzeit Direktor des Orient Research Center in Dubai, eine konsequente Föderalisierung und den Wiederaufbau der Wirtschaft in zunächst isolierten Regionen vorgeschlagen. "Nur in einem dezentralisierten Bundesstaat hat Syrien noch eine Chance." Wenn denn Assad irgendwann ginge.

Der nächste zerbrechende Staat könnte der Libanon sein. Hassan Nasrallahs Kriegsrede und die Raketen auf Südbeirut sind Funken genug, um die Spannungen im Vielvölkerstaat Libanon zur Entladung zu bringen. Die Waffenarsenale Hisbollahs, sunnitischer Fanatiker und christlicher Milizen sind gefüllt. Bisher hat die traumatische Erinnerung an den erst 1990 beendeten Bürgerkrieg die Gemüter immer wieder beruhigt. Doch wie lange hält das noch vor, wenn Hisbollah nebenan gegen Sunniten kämpft? Zwischen Krieg in Syrien und Frieden im Libanon liegen nur wenige Kilometer.

Grenzen im Nahen und Mittleren Osten werden zum Risiko. In Jordanien werden die Flüchtlinge zur immer größeren Belastung – und das in einem Vielvölkerstaat, der stets auf der Suche nach seiner Daseinsberechtigung ist. Selbst die starke Türkei muss damit rechnen, dass die Flüchtlinge irgendwann das komplizierte ethnisch-religiöse Gemisch in ihrer Grenzprovinz zu Syrien, Hatay, zur Entzündung bringen. Der Anschlag in der dort gelegenen Kleinstadt Reyhanl war offenbar ein so schlimmes Fanal, dass die Staatsmacht eine Nachrichtensperre über alle Ermittlungen verhängt hat.

Wem das Vordringen der iranisch geführten Allianz nicht behagt, muss sich entscheiden. Entweder steigt er ganz ein in den Krieg, in dem er auch unwillkommene Bundesgenossen dulden müsste. Oder er akzeptiert, dass der Iran als Regionalmacht den Mittleren Osten spaltet und mitgestaltet. Die von Russland und Amerika anberaumte Syrien-Konferenz im Juni in Genf könnte die erste Gelegenheit bieten. Da wollen die Iraner auch gern dabei sein.