ZEIT: 2010 bot Ihnen die Max-Planck-Gesellschaft an, eine eigene Abteilung in Leipzig zu gründen. Wie ist es da? Sie sind eine von ganz wenigen weiblichen Max-Planck-Direktoren.

Singer: Als ich nach fast zehn Jahren aus dem Ausland zurückkam, war die geringe Frauenquote unter uns Direktoren sehr gewöhnungsbedürftig. Ich kam zur ersten Jahresversammlung der Max-Planck-Gesellschaft, und da sah ich zunächst fast nur Männer in schwarzen Anzügen und mit ehrfürchtigen grauen Haaren. Dabei steht Max-Planck im Vergleich zu anderen deutschen akademischen Institutionen noch relativ gut da. Es ist also eher ein deutsches Problem.

ZEIT: Sie tragen die Erforschung des Mitgefühls und der Kooperation in diese Organisation. Kann das nur eine Frau?

Singer: Es stimmt, dass ich öfter mit Vorurteilen zu diesem Thema konfrontiert bin – kann man solche Gefühle wirklich wissenschaftlich akkurat messen, vor allem wenn es nicht einmal die eigenen sind? Aber solche Bedenken sind irrational, denn Emotionen laufen genauso im Gehirn ab wie Sprache, Denken und Wahrnehmung. Also kann man sie auch erforschen. Und doch spürt man bei manchem Kollegen den diffusen Widerwillen, sich mit Mitgefühl und solchen weiblichen Konzepten zu befassen, weil sie als weich und unwissenschaftlich gelten. Dazu kommt in der Neuroökonomie die Sorge, ein Wirtschaftssystem könne nicht auf caring beruhen.

ZEIT: Darauf also, dass wir uns um die Belange anderer kümmern. Und – kann es das?

Singer: Ja, jeder hat ein caring- System. Es ist überlebenswichtig, hat evolutionäre Ursachen und ist bei Männern wie Frauen vorhanden und aktivierbar. Also kann es genauso wie Leistungsmotivation die Basis für ein Wirtschaftssystem werden.

ZEIT: Würde eine Wirtschaft, die stärker von Frauen geführt wird, kooperativer arbeiten?

Singer: Frauen entwickeln das Sichkümmern wohl eher, schon weil sie die Kinder bekommen und sich meist um diese kümmern. Aber Väter übernehmen vermehrt diese Rolle. Zudem muss die Aktivierung des caring-Systems überhaupt nichts damit zu tun haben, ob wir Kinder kriegen oder nicht. Wir untersuchen zum Beispiel im Rahmen unserer Plastizitätsforschung...

ZEIT: ...die fragt, wie sich die Hirnstrukturen durch Erfahrungen verändern ...

Singer: Wir untersuchen da, wie mentales Training auf junge und ältere Erwachsene beider Geschlechter mit oder ohne Kinder wirkt. Die Frage ist, ob man das Mitgefühl bewusst stärken kann, indem man regelmäßig meditiert. Tatsächlich lässt sich bei Erwachsenen Mitgefühl trainieren, was mit einer Steigerung des Wohlbefindens und Verhaltens im Sinne anderer einhergeht.

ZEIT: Nicht nur das Verhalten ändert sich, sondern tatsächlich auch das Gehirn. Wie denn?

Singer: Genauso wie Sie zum Fitnesstraining gehen und Muskeln trainieren können, so können Sie auch das Gehirn trainieren. Da reichen zehn Minuten Meditation am Tag und einmal die Woche ein Trainer im Gruppentreffen, und nach wenigen Wochen sieht man bereits Veränderungen im Hirnscanner.

ZEIT: Sie behaupten, solches Training ändere auch unsere Reaktionen im wirtschaftlichen Bereich. Besteht also im mentalen Training die große Hoffnung auf eine kooperativere und verantwortlichere Wirtschaft?

Singer: Wir haben in Experimenten gezeigt, dass man tatsächlich die Motivation fürs Miteinander stärken kann. Dabei ändern sich Reaktionsweisen, Stress wird reduziert, zum Beispiel unter dem Druck des Wettbewerbs. Sie können aber auch lernen, Ihr Herz zu öffnen. Das ist für Ökonomen, so denke ich, eine besonders schwer zu schluckende Pille: Man kann so etwas wie Dankbarkeit, Liebesfähigkeit und soziale Motivation schulen, und die Menschen richten sich dann eher danach aus als an Macht und Gewinn. Letztere sind natürlich auch wichtig, es kommt nur auf die Balance an. Und die kann man ändern, auch in einem Wirtschaftssystem, das ja eigentlich ein System für Menschen von Menschen ist.

ZEIT: Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Singer: Nehmen Sie das System der Forschung, in dem es wie in der Wirtschaft oft darum geht, wer der Erste und Schnellste ist. Derzeit arbeite ich an einer großen Studie über die Wirkung mentalen Trainings – dabei sind 20 Meditationslehrer und Therapeuten, die ein Jahr lang 200 Leute mit mehr als 40 verschiedenen Forschungsmaßnahmen begleiten –, von der Frage der Gehirnveränderung bis zu den Fragen, was man als Stress empfindet, wie stark das Immunsystem ist, wie wohl man sich fühlt und wie sehr man sich an anderen orientiert. Da haben wir in den vielen Meetings mit den Lehrern spontan Meditationspausen eingeführt. Ich war oft von Donnerstag bis Samstag in Berlin bei diesen Workshops und konnte es mit den klassischen wissenschaftlichen Sitzungen am Max-Planck-Institut in Leipzig vergleichen. Ich kann Ihnen sagen, der zweite Teil der Woche war viel angenehmer, und auch die Sitzungen waren effizienter und die Entscheidungen besser.

ZEIT: Kennen Sie Unternehmen, wo viel meditiert wird?

Singer: Nein, aber ich weiß von Kollegen, dass Meditations-Workshops für Manager derzeit großen Erfolg haben. Berichte über Burn-out und eigener Stress lassen viele Führungskräfte nach dem suchen, was hilft: Prävention statt Reparatur.

ZEIT: Kann man sich mit stärkerer Orientierung aufs Mitgefühl gegen aggressive chinesische Konkurrenten auf dem Weltmarkt behaupten?

Singer: Diese reine Ausrichtung auf Wettbewerb und Macht ist ja das Problem: Wir müssen immer besser, effizienter und schneller sein als der andere!