ZEIT: Aber sonst machen uns die Chinesen platt.

Singer: Da spricht jetzt bei Ihnen das Angstsystem. So pendelt man von der Macht- und Leistungsmotivation zur Angst davor, zu kurz zu kommen. In dieser Dynamik sind wir gefangen. Aktiviert man jedoch eine Ausrichtung auf Liebe, Vertrauen und Gemeinschaft, dann denkt man nicht so, handelt nicht so – und oft kommt dann auch etwas anderes zurück. Man geht nicht unter.

ZEIT: Doch.

Singer: Wirtschaftliche Experimente zeigen zum Beispiel, dass, wenn sie einem anderen Vertrauen entgegenbringen, Sie auch eher Vertrauen und Großzügigkeit zurückerhalten. Natürlich bin ich keine reine Idealistin. Sie haben recht: Es gibt immer solche, die das Vertrauen und Wohlwollen anderer ausnutzen und, anstatt zu kooperieren, rein egoistisch handeln, und gegen diese Trittbrettfahrer müssen wir uns natürlich schützen. Angst darf aber kein Argument gegen die Möglichkeit sein, unser Wertesystem zu verändern.

ZEIT: Aber Gutmütigkeit leistet den Ausnutzern doch Vorschub. Das sagt Ihnen jeder Ökonom.

Singer: Dann denken diese Ökonomen ganz im alten System. Sie sollten anfangen, das Denken an andere und ans Wohl der Gesellschaft auch als menschliche Grundeigenschaft und als Gewinn zu behandeln und in ihre Modelle aufzunehmen. Möglich ist das. Den eigenen Nutzen zu optimieren ist für den Menschen nicht alles, mittlerweile beweisen das genügend Experimente. Die große Mehrheit der Menschen verhält sich demnach nur dann egoistisch, wenn zum Beispiel wegen vorheriger schlechter Erfahrung der Teil ihrer Motivation aktiviert wird, der ihnen sagt: "Nimm dich in Acht, traue hier niemandem." Dann gibt es in der Tat wenig Kooperation.

ZEIT: Philosophen beklagen oft, der Markt erobere unser Leben und zerstöre die Werte. Und Sie haben wirklich ein Gegenmittel gefunden?

Singer: Na ja, Gegenmittel, das weiß ich nicht. Aber was klar ist: Wir können das Gewicht von Egoismus zu mehr Altruismus verschieben. Und dies vermutlich nicht nur auf individueller, sondern auch auf gesamtwirtschaftlicher Ebene. Allerdings geht das nicht, indem wir die gleiche Art von Wohlstandsgesellschaft aufrechterhalten wie bisher. Unsere Vorlieben müssten sich so verändern, dass wir sagen: Weniger ist mehr. Wenn ich jetzt weniger arbeite, aber mehr Zeit für echten Kontakt mit anderen habe, erledige ich auf kurze Sicht vielleicht nicht ganz so viel, aber dafür gibt es echte Begegnungen, die wiederum mehr Vertrauen und Lebenszufriedenheit nach sich ziehen.

ZEIT: Klingt gut, bloß verlieren die Menschen nicht gerne etwas, das sie haben.

Singer: In unserer Marktwirtschaft frönt man zu sehr dem reinen Konsumgedanken. Statt dessen brauchen wir eine gesunde Balance zwischen Leistung, Macht, Konsumieren – und Sichkümmern, An-andere-Denken, Mitfühlen. Von all diesen menschlichen Potenzialen sind derzeit nur wenige aktiviert, und daher sind wir einzeln und als Gesellschaft aus der Balance geraten. Lebenszufriedenheit, echte Beziehungen und seelische Gesundheit – solche Faktoren sollten in die Wohlstandsberechnung eines Staates einfließen. Wenn wir uns verändern, dann muss sich auch das System verändern.

ZEIT: Sie behaupten also nicht, mit mehr mentalem Training würden wir noch erfolgreicher im Wettbewerb?

Singer: Das wäre ja paradox! Wenn Sie im Modus des caring sind, wollen Sie den anderen nicht plattmachen. Im Gegenteil, Mitgefühl möchte das Wohl des anderen vergrößern. Nehmen Sie das vorherige Beispiel unserer Fähigkeit zur Empathie. Ihnen kann es gut gehen, aber wenn ein anderer nun traurig ist, dessen Wohl Sie im Auge haben, dann fühlen Sie sich auch nicht mehr gut und sind motiviert, das Wohl des anderen zu fördern. Das ist der Trick: Sie wollen, damit es Ihnen gut geht, einen glücklichen Vertragspartner auf der anderen Seite haben. Sie brauchen das, damit Sie sagen können: Das war ein guter Tag.

ZEIT: Wie sagen Ökonomen zu dieser Botschaft?

Singer: Ich habe zum Beispiel eine Kooperation mit Dennis Snower, dem Präsidenten des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, begonnen. Es geht um Caring Economics. Komischerweise wirft er mir keine Naivität vor, sondern, wenn überhaupt, werfe ich Ökonomen mit dem alten Menschenbild vor, dass sie naiv sind. Man kann doch nicht ernsthaft als Grundlage von heutigen Wirtschaftsmodellen ein Menschenbild annehmen, bei dem die Vorlieben schön stabil bleiben, das Verhalten frei von Gefühlen bestimmt wird und sich alles nur um den eigenen Nutzen dreht.

ZEIT: Das geben heute viele Experten zu.

Singer: Ja, das stimmt. Aber es zu sagen reicht nicht. Wir müssen mehr fühlen und nicht nur reden. Es wäre gut, Politiker und CEOs würden auch anfangen zu fühlen, zum Beispiel wenn sie von Armutsbekämpfung sprechen. Sie müssen die Erfahrung machen, wie sich ihr Bewusstsein erweitert und ihr Herz öffnet. Erst dann gibt es moralischen Wandel.