MallorcaPalmas neue Offenheit

Die Patios gehören zum architektonischen Erbe der mallorquinischen Hauptstadt. Neuerdings sind auch Fremde in den prächtigen Innenhöfen willkommen. von 

Ein Schritt hinein in den Patio, und alles ist vergessen: der Lärm der Mofas, die durch die Altstadtgassen brausen, das Gewühle der Passanten, die Hitze der Mittagssonne. Auf einmal streichelt Kühle die Wangen, ein hölzernes Vordach spendet Schatten. Der Blick fällt auf den Marmorfuß einer Statue, dem jenseits des Knöchels der Körper abhandengekommen ist; fällt auf eine Treppe, massiges gotisches Gestein, poliert von Abertausenden Fußsohlen; auf achteckige Säulen, die den stillen Innenhof einfassen. Farne wachsen aus Tonkrügen, Grünlilien spreizen ihre schmalen, weißgrünen Blätter über die Steine. Es riecht nach frischer Erde und altem Holz.

"Der Patio ist meine Oase, mein Ruheort", sagt Francisca España, die Hausherrin des Can Alemany, eines alten Bürgerhauses in Palma de Mallorcas historischer Oberstadt. Die Señora stöckelt routiniert übers holprige Pflaster, zupft hier verdörrte Wedel von der Palme, wischt da einen Fleck vom Gestein. Seit Jahrhunderten gehört ihrer Familie das Alemany-Anwesen, das einst nach einem deutschstämmigen Juristen benannt wurde. Im ersten Stock wohnt heute, mit stolzen 98 Jahren, die Schwiegermutter, eine Etage höher lebt sie selbst, das Erdgeschoss wird, wie früher schon, vor allem als Lagerraum genutzt. "Nie möchte ich in einem modernen Haus wohnen", sagt Señora España, "mir gefällt, dass hier in den Steinen überall die Geschichte mitlebt." Auch wenn der alte Brunnen heute vor allem als Blumenständer dient und die beiden Stufen links neben dem Eingang schon lange niemand mehr erklommen hat: Einst halfen sie steifhüftigen Mallorquinern dabei, aufs Pferd zu steigen. Die Energiesparbirne, die in einer gusseisernen Lampe aus dem 18. Jahrhundert steckt, ist das einzig moderne Element im gesamten Patio. "An diesem Ort, der sich nie verändert hat, vergesse ich den Alltag, den Trubel der Stadt", sagt die Señora. Hier gießt sie in Ruhe ihre Blumen, hängt ihren Gedanken nach, genießt ihr privates Idyll. Dennoch hat sie sich dazu entschlossen, den Patio wenigstens von Zeit zu Zeit für andere aufzusperren.

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Das liegt auch an Bartomeu Bestard, dem Stadtchronisten von Palma. Bestard ist von Amts wegen für die Pflege des städtischen Erbes zuständig und möchte Palmas schöne Patios vorzeigen können. Die Innenhöfe gehören zum Stolz der Stadt, sind oft seit Jahrhunderten unverändert, mit gotischen Bögen, Barockgeländern und in Stein gemeißelten Engeln. Gut 150 Patios haben sich aus früheren Epochen erhalten, viele davon stammen noch aus Palmas erster großer Blütezeit im Mittelalter. Dem Gros der Touristen sind sie unbekannt. Und das nicht nur, weil den meisten von ihnen der Strand wichtiger ist als historisches Gestein. Die Patios lagen schließlich auch hinter mächtigen Mauern und Toren verborgen. Bestard und ein paar Gleichgesinnte mochten sich damit nicht abfinden. Sie machten Besitzer ausfindig, sprachen bei Adligen vor, warben geduldig für ihr Anliegen. Mit Erfolg. Inzwischen werden ein paar Dutzend Patios regelmäßig während fester Führungen geöffnet. Stadtführer sind, mit Schlüsseln und Anekdoten ausgestattet, auf verschiedenen Rundgängen unterwegs, erläutern bauliche Besonderheiten und breiten Familiengeschichten aus. Außerdem hat die Stadtverwaltung vielen Eigentümern Gitter bezahlt, die es ihnen erlauben, die hölzernen Eingangstore zum Patio tagsüber offen stehen zu lassen. Wer schon nicht gern Fremde im Hof hat, soll ihnen doch bitte wenigstens einen kleinen Einblick gewähren.

Einer, der mitmacht bei der neuen Offenheit, ist Pedro de Montaner, Graf von Zavellà. Er besitzt ein riesiges Palais in der Oberstadt, Can Vivot, mit einem Patio, in dem ganze Ballgesellschaften Platz fänden. De Montaner, ein drahtiger Mann von Anfang 60 in Jeans und Wollpulli, erzählt und schwärmt ohne Unterlass vom Zauber seines Hofes: wie es mitunter nach Wald duftet, mitten in der Stadt, wenn nach Regenfällen ein Flaum aus Moos auf dem Pflaster entsteht. Wie die roten Marmorsäulen glitzern, wenn die Abendsonne sie anstrahlt. Und wie er als Kind hier Verstecken spielte, auch wenn die Mutter das als nicht standesgemäß empfand und ihn immer wieder in den Spielsaal schickte.

Der Graf ist Historiker, er leitet das Stadtarchiv und hat schon Bücher über Palmas Innenhöfe verfasst. "Zu Beginn des 14. Jahrhunderts", sagt er, "gab es in der Stadt eine Art Wettstreit: Jeder, der es sich leisten konnte, wollte einen Patio. Und der eigene sollte natürlich toller sein als der des Nachbarn." Auch de Montaners Vorfahr wünschte sich einen Patio, der alles Bisherige in den Schatten stellen würde. Am Hofende ließ er deshalb eine Freitreppe errichten, die nach dem ersten Absatz in zwei Flügel auseinanderschwingt. Der Ruhm war von kurzer Dauer, denn bald schon übertrumpfte ihn ein anderer Bauherr mit einem noch spektakuläreren Aufgang.

An Geld mangelte es Palma damals nicht. Adlige betätigten sich als Freibeuter oder ließen andere auf ihren Landgütern schuften, Händler schickten Schiffe übers Meer. 500 Patios zählte die Stadt in ihren besten Zeiten. Und weil es in Palma seit 1229 keinen Krieg mehr gegeben hat, konnte ein knappes Drittel davon überleben. "Sie waren das Herz der Stadt, die Seele des geselligen Lebens", sagt de Montaner und zieht eine Lithografie von 1842 aus der Aktentasche: Sie zeigt den Patio des Can Vivot, voll mit Menschen verschiedener Stände.

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