Um die Kinder an das deutsche Schulsystem heranzuführen, muss Valentina Asimovic oft ganz von vorn anfangen. An der Tafel klebt ein Pappschild, "Tafel" steht dort in schwarzen Druckbuchstaben. Links daneben illustrieren Zeichnungen die Buchstaben des Alphabets. Weiter rechts steht ein Kartenständer mit einer Europa-Karte. Warum Valentina Asimovic, 35, aber auch viele der Kinder heute hier sind, hat ebenfalls mit Europa zu tun.

Als Roma-Schulmediatorin unterstützt Asimovic seit etwas über einem Jahr die Lehrerin in einer "Willkommensklasse" der e.o.plauen-Schule, einer Grundschule im Berliner Stadtteil Kreuzberg. Es ist eine Klasse für Schüler ohne Deutschkenntnisse – die meisten von ihnen sind Roma. Über zehn Millionen Roma gibt es in ganz Europa. Immer häufiger sitzen Kinder dieser Minderheit in den Auffangklassen. Meist kommen ihre Familien aus Rumänien und Bulgarien. 2007 sind diese Länder der Europäischen Union beigetreten. Allein 2011 kamen 146.000 Menschen aus den beiden Ländern nach Deutschland, weitere 88.000 waren es in der ersten Hälfte des Jahres 2012.

Rund 800 bulgarische und rumänische Kinder gehen inzwischen im Berliner Stadtteil Neukölln zur Schule, in Duisburg sind es etwa 450, in Köln um die 250. Wie viele von ihnen Roma sind, weiß niemand so genau, weil deutsche Statistiken nicht nach ethnischer Zugehörigkeit fragen. Als unstrittig gilt: Es sind viele.

Auch in der Willkommensklasse in Kreuzberg sind acht von zehn Kindern Bulgaren oder Rumänen. Sieben der Kinder sind Roma, schätzt Asimovic. Sie fragt nie explizit nach. "Es könnte den Schülern unangenehm sein." Jeden Mittwoch ist die Mediatorin in dem Backsteingebäude zu Besuch. Sie möchte den Kindern helfen, in der Schule Fuß zu fassen. Kein leichtes Unterfangen: Der EU-Beitritt ihrer Heimatländer mag den Rumänen und Bulgaren zwar die Tür nach Deutschland und zu den Klassenzimmern weit aufgestoßen haben – doch in der Praxis klemmt sie. Kinder und Eltern wissen oft nicht, wie Schule in Deutschland funktioniert, treffen auf Lehrer und Behörden, die überfordert sind oder ihnen abweisend begegnen. Sie haben den Andrang aus Osteuropa unterschätzt, manchmal dauert es ein Jahr, bis die Kinder einen Schulplatz bekommen.

Auch Asimovic ist Romni, wie Roma-Frauen in ihrer eigenen Sprache genannt werden. 1998 flüchtet sie mit ihrem Mann vor dem Kosovokrieg aus Serbien nach Deutschland. Bekannte erzählen ihr, dass ihre Kinder von Mitschülern als "Zigeuner" beschimpft werden; sie würden klauen und hätten keine Lust auf Schule, hört Asimovic oft. 2002 absolvierte sie bei einem Bildungsverein in Berlin eine Ausbildung als Mediatorin.

Die Roma-Mediatoren vermitteln den Eltern, wie wichtig Bildung ist

Etwa zehn Roma-Schulmediatoren werden derzeit in Berlins Schulen eingesetzt, deutschlandweit sind es zwischen 30 und 50, schätzt der Soziologe Christoph Leucht. Den tatsächlichen Bedarf stuft er deutlich höher ein. Er ist Berater bei dem europäischen Trainingsprogramm für Roma-Mediatoren (Romed) und weiß um die Schwierigkeiten von Roma-Kindern in deutschen Schulen. Das Hauptproblem sieht der Soziologe in der Einstellung der Eltern in Bezug auf Schule und Bildung. Viele von ihnen können kein Deutsch sprechen, haben selbst nie eine Schule besucht, sie versprechen sich wenig davon, Energie und Zeit in die Bildung ihrer Kinder zu investieren. Manche halten es für besser, wenn die Jungen schon früh beginnen, bei der Arbeit zu helfen, und verheiraten ihre Töchter möglichst jung, um ihre Versorgung zu sichern. "Das sind die Lebensmodelle, von denen sie wissen, dass sie funktionieren", sagt Leucht.

Mediatoren wie Asimovic müssen die Eltern motivieren, die Bildung der Kinder zu unterstützen. Sie erklärt ihnen dann, dass Kinder ohne Ausbildung in Deutschland schlechte Chancen auf ein gutes Leben haben. Oft geht es aber auch um ganz banale, alltägliche Dinge. Dann führt sie die Eltern durch Schulen und Geschäfte. Zeigt ihnen, wo sie günstig Hefter, Lineale und Ringblocks bekommen. Auch Telefonate oder Hausbesuche der Lehrer wären ohne Mediatoren kaum machbar. Den ersten Kontakt zu den Eltern stellen in vielen Fällen die Roma-Schulmediatoren her, sie sprechen die Sprache, kennen die Kultur. Sie rufen in den Familien an und erklären, was sie in der Schule machen, fragen, ob sie zu einem Gespräch vorbeikommen können. Dann erst besuchen sie die Familien, zunächst immer allein. Frühestens beim zweiten oder dritten Besuch nehmen sie auch die Lehrer mit. Mal kann es einfach darum gehen, einander kennenzulernen. Doch meist gibt es im Vorfeld der Hausbesuche ein Problem. Wenn Schüler häufig schwänzen oder gar nicht mehr in die Schule kommen, können sich Lehrer an die Mediatoren wenden. "Die Roma-Schulmediatoren sind mehr als Übersetzer", sagt Silke Lehfeld, Leiterin der Willy-Brandt-Oberschule im Wedding, auch an ihrer Schule gibt es Roma-Mediatoren. "Sie sind unsere Türöffner. Ohne sie würde ich mit den Eltern nicht ins Gespräch kommen." Wenn Mädchen, die gerade erst Teenager sind, ein Baby bekommen oder verheiratet werden, gehen Lehrer und Mediatoren in die Familien der Ehemänner, um ihnen die Erlaubnis für den Schulbesuch der Schwiegertochter abzuringen. "Vor Jahren hätte ich das für vollkommen unmöglich gehalten", sagt Lehfeld. Inzwischen habe sie die Situation akzeptiert und verhandele mit Ehemännern, die selbst noch Schulkinder sind.

Viele Kinder kommen nun regelmäßiger zur Schule

9.55 Uhr in der e.o. plauen-Schule: In einem Stuhlkreis haben sich die Schüler um Asimovic und die Klassenlehrerin versammelt. Aufgeregt scharren Turnschuhe über das abgewetzte Fischgratparkett, als sie sich mit frisch gelernten Vokabeln vorstellen. Einige sind schon in Bulgarien oder Rumänien zur Schule gegangen; andere sind Analphabeten. Die fehlende Schulerfahrung vieler Roma-Kinder ist eines der zentralen Probleme bei der Integration in das deutsche Bildungssystem.

Asimovic übersetzt, was die Lehrer an die Tafel schreiben, hilft, Fragebögen auszufüllen. "Aleko", sagt sie und schiebt einem Jungen ein Blatt Papier übers Pult, auf dem verschiedene Lebensmittel gezeichnet sind, "zeig mir mal den Frischkäse." Aleko runzelt die Stirn, zögernd zeigt er auf eine Karaffe Zitronenlimonade. Asimovic lacht. Aufmunternd. "Er wird es schon lernen." Sie mag ihre Arbeit, sie hat das Gefühl, etwas bewegen zu können. Die Kinder kommen regelmäßiger zur Schule, manche sogar bis zum Abitur.

Der Unterricht ist für heute vorbei. Die Kinder haben die Klasse bereits verlassen, Asimovic und die Lehrerin besprechen die nächsten Wochen. Einige der Kinder werden bald in normale Klassen wechseln. "Da müssen wir mit den Eltern reden", sagt die Lehrerin. Sie ist froh, dass es für dieses Gespräch Asimovic gibt. Ein Brief würde keinen Sinn machen: Häufig können die Roma-Eltern ihn nicht lesen.

Korrektur: Leider stand im Text eine falsche Zahl. "Allein 2011 kamen 1.477.092 Menschen aus den beiden Ländern nach Deutschland." Die richtige Zahl ist 147.000. Wir haben sie korrigiert.