Das Forsthaus Auerhahn liegt tief im Wald und am Rand des geplanten Nationalparks. © Hotel Forsthaus Auerhahn

Schwarz ist der Wald. Es ist Nacht. Und du bist ganz allein. Der leicht panische Blick durchs Autofenster zeigt nichts als Dunkelheit. Die Straße, ach was Straße, der sehr schmale Weg führt immer weiter abwärts, und seit mindestens zehn Minuten ist nirgendwo das kleinste Licht zu sehen.

Wann kommt denn dieses Forsthaus endlich? Ob das hier der falsche Weg ist? Der Griff zum Handy zeigt: kein Empfang. Vielleicht einfach umdrehen? Haha. Nach links fällt die Böschung steil ab, nach rechts steigt sie an. Überall Bäume. Es ist unheimlich im Schwarzwald – unheimlich schwarz. Peinlich, sagt eine andere, gemeine innere Stimme. Wenn du jetzt wenigstens in der Wildnis Amerikas wärst und um dich herum Bären und Wölfe, aber das hier ist Baiersbronn!

Das Forsthaus Auerhahn liegt so tief im Wald, wie man es sich als Kind beim Haus von Rotkäppchens Großmutter vorgestellt hat. Selten hat man Lichter so herbeigesehnt wie jene, die nach 20 Minuten das Ensemble von Holzhäusern mit tief heruntergezogenem Dach beleuchten. Noch nie hat man, drinnen in der Gaststube stehend, den gläsernen Blick von den Wänden starrender Hirschköpfe so beruhigend gefunden.

Hotelier Martin Zepf ist ein großer, freundlicher Mann in Lodenjacke; er serviert heißen Tee und lotst die Besucherin an voll besetzten Tischen mit Gästen vorbei, die beim Kaffee oder Dessert sitzen. "Ja, nicht wahr, wir haben hier einen tollen Wald", sagt Zepf stolz. "Gäste aus Amerika kommen und sagen, das sei ja wie im Nationalpark!"

Das Stichwort ist gefallen. Von jetzt an geht es im Gespräch mit Zepf nur noch darum: den Nationalpark. Ein Thema, das ihn wie viele andere Baiersbronner seit Langem Nerven kostet. Denn für den ersten Nationalpark Baden-Württembergs – 2014 soll es so weit sein – sind zurzeit noch verschiedene Zonen des Nordschwarzwalds im Gespräch, am längsten aber Baiersbronn. Der durch seine Spitzengastronomie bekannte Ort hat nicht nur die größte "Sternedichte" Deutschlands zu bieten, sondern mit 80 Prozent auch den meisten Wald aller Gemeinden im Bundesland – und den wildesten. Endlos zieht und schlängelt sich Baiersbronn über neun Teilorte dahin, von dichten Wäldern unterbrochen. Die Zone, die für den Nationalpark vorgesehen ist, läuft nah an Zepfs Forsthaus vorbei. Doch den freut das nicht. "Der Wald gefällt unseren Gästen genau so, wie er jetzt ist", sagt er. "Warum muss da was geändert werden?"

Das Bild einer Familie, die durch Ödland aus toten Fichtenstümpfen wandert

Genau genommen geht es nicht ums Ändern. Sondern im Gegenteil darum, Änderungen mal ganz sein zu lassen. Den Wald aus seiner Nutzung zu nehmen, wie die Fachleute das nennen. Im Nationalpark, der strengsten Kategorie, die dem Naturschutz in Deutschland zur Verfügung steht, soll Natur Natur sein können. Wobei es auch hier Einschränkungen gibt: In einer 30-jährigen Übergangszeit wäre menschliches Eingreifen noch möglich.

"Das hört sich alles schön an", sagt Martin Zepf mit einem Kopfschütteln, "aber was ist dann in 30 Jahren, wenn der Wald total sich selbst überlassen wird?" Zepf, der aus einer Försterfamilie stammt, findet die Aussicht höchst beunruhigend. "Wer weiß, was den Leuten im Jahr 2044 gefällt? Und was ist, wenn der Borkenkäfer sich ungehindert ausbreitet und man riesige Flächen toter Bäume hat? Das ist sicher nicht, was unsere Gäste wollen!"

Bei Tag sieht man ihn dann gut, den hohen, dichten Fichtenwald, ein fast schon monotoner Anblick, mit nur wenigen Tannen und Buchen dazwischen. Der enge Forstweg führt zurück zur zentralen Verkehrsader, der Schwarzwaldhochstraße. Am Fahrbahnrand ragt ein Schild mit der Aufschrift "Nationalpark" auf, der Schriftzug allerdings mit roten Balken durchgestrichen. Vor allem die Angst vor dem Borkenkäfer treibt jene Gegner um, die sich wie Martin Zepf im Verein Unser Nordschwarzwald organisiert haben. Die Erinnerung an den Orkan Lothar ist noch wach, der 1999 über den Schwarzwald zog und in dessen Gefolge sich Scharen von Borkenkäfern über die geschwächten und entwurzelten Bäume hermachten. Fichten sind die liebste Nahrung der Käfer – und daraus bestehen hier 60 Prozent der Wälder. Der Verein arbeitet mit düsteren Drohkulissen – zuletzt mit dem Bild einer Familie, die durch ein Ödland aus toten Fichtenstümpfen wandert, darunter die Worte: "Niemand kann sagen, er habe von nichts gewusst". Es tobt ein erbitterter Kampf in Baiersbronn. Gerüchte – Betriebe auf Nationalparkgelände müssten schließen; Sägewerke verlören ihre Existenzgrundlage – heizen die Stimmung ebenso an wie die Sorge, es kämen bald keine Touristen mehr – oder umgekehrt: so viele Touristen, dass Baiersbronn dem nicht gewachsen sei.

"Wilder als hier ist der Schwarzwald nirgends"

Kurvig und durch Berg und Tal zieht sich die Schwarzwaldhochstraße, von Baden-Baden kommend, über 60 Kilometer bis nach Freudenstadt. Motorradfahrer brausen vorbei. Für sie ist die Straße, die als eine der schönsten Panoramarouten Deutschlands gilt, eine beliebte Rennstrecke. 1930 hatten Hoteliers den Bau gefordert, damit ihre Häuser mit schönen Namen wie Zuflucht und Kurhaus Ruhestein endlich miteinander verbunden wären. Der Tourismus florierte – die Kurgäste genossen die Ausblicke in die Vogesen, wanderten zu den Gletscherseen und fuhren zum Kaffeetrinken ein Hotel weiter. Bis in den Achtzigern und Neunzigern die Übernachtungszahlen immer mehr zurückgingen, Häuser schlossen oder abgerissen wurden.

Vom einstigen Kurhaus Ruhestein ist wenigstens ein Gebäude noch geblieben. Wuchtig steht es am Hang und beherbergt heute das Naturschutzzentrum Ruhestein, eine von Landkreis und Kommunen getragene Stiftung. Hier wird schwer am Thema Nationalpark gearbeitet. Drinnen wuseln junge Leute auf drei Etagen zwischen Stellwänden, Landkarten, Infotafeln hin und her. Irgendwo im Haus ist Wolfgang Schlund mit schnellem Schritt unterwegs, ein Biologe, der das Zentrum seit 15 Jahren leitet und an dessen schweren Schuhen man ablesen kann, dass er mehr Zeit im Wald als im Büro verbringt. "Durch den Nationalpark könnte diese schöne alte Touristenstraße eine Renaissance erleben", sagt der 51-Jährige, auch wenn es das nicht ist, worum es den Naturschützern geht. "Wildnis erlebbar machen", sagt Schlund mit einer Selbstverständlichkeit, als wäre man in Amerika und nicht in Baiersbronn, "wilder als hier ist der Schwarzwald nirgends." Schon jetzt bietet das Ruhestein ein Mammutprogramm aus 700 Veranstaltungen im Jahr an – vom Naturcamp über Wildnisübernachtungen bis zum "Lotharpfad" im vom Orkan verwüsteten Gebiet. Falls der Nationalpark käme, würde man noch einmal aufstocken. Ein neues Infozentrum würde entstehen, möglicherweise ein riesiges Tierfreigehege mit Wildpferden, Auerochsen, vielleicht Luchsen.