Der lettische Dirigent Mariss Jansons während eines Konzertes mit den Wiener Philharmonikern 2011 © Herbert Pfarrhofer/dpa

Wie wäre es denn, verehrtes schwaches Geschlecht, mit der Dampfstation SL45 Sensorintelligence Plus mit Antirutschfüßen (es handelt sich um ein Bügeleisen)? Oder mit dem TT86105 inklusive Aufknusperfunktion und High Lift (einem Toaster)? Siemens weiß offenbar – um einen alten Werbespruch der längst überflügelten Konkurrenz zu zitieren –, was Frauen wünschen. Als Flaggschiff der deutschen Wirtschaft macht der Konzern weltweit aber nicht nur in Haushalt, Handys, Hörgeräten, ICEs und Stromkraftwerken, sondern mithilfe der Ernst von Siemens Musikstiftung auch in klassischer Musik. Und das seit 1973, seit genau 40 Jahren also. Wie schön und lobenswert. Bis auf die Sache mit den Frauen.

Die sichtbarste Aktivität der Stiftung ist die Verleihung des mit 250.000 Euro dotierten Siemens Musikpreises. Am 4. Juni 2013 geht er an den Dirigenten Mariss Jansons. Der Lette habe, so heißt es in der Begründung, "seine Ehrlichkeit nie preisgegeben und stets am Wesentlichen festgehalten: am Tiefmenschlichen der Kunst". Wer Jansons mit einem der beiden Orchester erlebt, die er leitet, beim Bayerischen Rundfunk in München oder am Amsterdamer Concertgebouw, weiß, dass dieser Satz stimmt. Es gibt Persönlichkeiten, die dulden keine Phrasen. Jansons, 1943 im jüdischen Ghetto von Riga geboren, dirigierte schon als Kind ein Spielzeugorchester aus Knöpfen – und ist in seiner Liebe zur Musik immer absolut, unbeugsam, ja radikal geblieben. 1996 erleidet er zwei Herzinfarkte, die er bis heute als Metapher begreift: "Es ist psychologisch ein interessanter Moment, wenn du fühlst, dass dein Körper sich entscheidet, ob du ins Leben oder in den Tod gehst. Etwas geschieht tief in dir. Es ist unbedingt eine positive Erfahrung." Musizieren auf des Messers Schneide: Der Vater Arvids Jansons, ebenfalls Dirigent, war nach einem Infarkt am Pult des Hallé Orchestra in Manchester gestorben. Eine kluge Wahl also. Wenn nur die Sache mit den Frauen nicht wäre.

40 Jahre Siemens Musikpreis – da liest sich die Liste der Preisträger zwangsläufig wie ein Who's Who der musikalischen Moderne: von Benjamin Britten über Dietrich Fischer-Dieskau bis Claudio Abbado, vom gerade verstorbenen Henri Dutilleux über Alfred Brendel bis Nikolaus Harnoncourt und Michael Gielen. Allesamt exquisite Künstler. Allein, es handelt sich ausnahmslos um männliche Komponisten, Interpreten und Musikwissenschaftler. Hat die Musik etwa doch ein Geschlecht? Sollte das "Tiefmenschliche der Kunst" Frauen bis heute so unvertraut, ja unmöglich sein? Man muss sich bis 2008 durch die Listen fräsen, um auf die einzige Preisträgerin bisher zu treffen: die Geigerin Anne-Sophie Mutter. Schon befremdlich.

Vielleicht ist der Musikbetrieb, was gesellschaftliche Entwicklungen betrifft, einfach besonders hartleibig und träge. Vielleicht liegt es daran, dass im Kuratorium der Siemens Musikstiftung bis vor Kurzem ebenfalls nur Herren saßen, die sich, der Verdacht ist nicht ganz von der Hand zu weisen, den Preis mehr oder weniger gegenseitig zuschusterten. Wolfgang Rihm etwa, der Gewinner von 2003, trat 2001 vorsorglich aus der Jury aus – und, nach kleiner Abstinenz und nachdem er seine Urkunde sicher verstaut hatte, gleich wieder ein. Heute hat neben acht Juroren immerhin eine Jurorin mit das Sagen, die Musikmanagerin Ilona Schmiel. Und neun Förderpreisträgerinnen haben sich mit den Jahren auch angesammelt, allesamt Komponistinnen: von Rebecca Saunders über Olga Neuwirth und Charlotte Seither bis Zeynep Gedizlioğlu. Die Frau als Musikerin, sagt diese Statistik, ist einfach noch nicht so weit, dass man sie für ihr Lebenswerk ehren könnte oder müsste. Denn darum geht es hier, außerdem müssen die Preisträger noch aktiv sein.

Die Primadonna assoluta Maria Callas mag an diesem zweiten Passus der Satzung gescheitert sein (sie beendete ihre Karriere 1965), die Mezzosopranistin Christa Ludwig ist daran gescheitert: Für 1995 bereits auserkoren, nahm sie kurz zuvor ihren Bühnenabschied. Warum aber haben es die Komponistin Sofia Gubaidulina oder die Pianistin Martha Argerich (noch) nicht geschafft? Wo bleiben die weiblichen Galionsfiguren der Genderstudies, die das Nachdenken über Musik mindestens so geweitet haben wie die gekrönten Herren Forscher unser Mozart- und Beethovenbild? Das 40-jährige Jubiläum des "Nobelpreises der Musik" wäre ein Anlass gewesen, Zeichen zu setzen. Aber so ist das: Dank modernster Aufknusperfunktionen geht in der Küche alles immer schneller von der Hand – und was die Frauen mit der gewonnenen Zeit anfangen, interessiert niemanden.