Die Leitzentrale in der Nähe des Potsdamer Platzes wird von einem elektronischen Schaltbild beherrscht. Bunte Linien und Lämpchen zeigen die Elektroleitungen jedes Berliner Kiezes an. Hier wird Deutschlands größtes Stromnetz überwacht. Es ist das zentrale Nervensystem der Hauptstadt. Seine Synapsen aktivieren Kühlschränke, Heizungen, Telefone, die S-Bahnen ebenso wie die Konzert- und Operationssäle der 3,5-Millionen-Metropole.

In diesen Wochen setzen sie auch die Berliner Politik unter Spannung. Denn das lokale Stromnetz mit seinen mehr als 35.000 Kilometer Leitungen und 80 Umspannwerken steht zum Verkauf. Es ist ein Poker um Milliardenwerte, der die Weichen für das Gelingen der Energiewende stellt – weit über Berlin hinaus. Wie in Hunderten von Städten und Gemeinden, so läuft auch in der Hauptstadt der Konzessionsvertrag mit dem derzeitigen Inhaber und Betreiber des Netzes aus. An der Spree ist die Vattenfall-Tochter Stromnetz Berlin bis zum Jahr 2014 die Herrin über alle Leitungen. Nun muss der Senat dieses Eigentums- und Nutzungsrecht neu vergeben. Für die nächsten 20 Jahre legen die Politiker fest, wem das Netz gehören soll: einem privaten Unternehmen? Einem kommunal betriebenen Stadtwerk? Oder einer Genossenschaft? Hinzu kommt die Frage: Wie frei ist die Kommune bei dieser Entscheidung?

Schon die Privatisierung der Wasserversorgung sorgte in Berlin für Zoff. Und auch jetzt wieder lässt ein Volksbegehren ein scheinbar sprödes Infrastrukturprojekt zum politischen Streitfall werden.

Von Charlottenburg bis Pankow sammeln die Unterstützer des "Berliner Energietischs" Unterschriften dafür, dass Energieversorgung und Netze wieder in die öffentliche Hand übergehen. "Die Daseinsvorsorge sollte keinen Profitinteressen dienen", sagt der Sprecher Stefan Taschner.

Die 54 Träger – darunter Attac, Umweltorganisationen, der Mieterverein – wollen verhindern, dass Berlins größter Energieversorger Vattenfall bei der Netzkonzession erneut zum Zuge kommt. Für sie ist dieser Name ein Synonym für die Braunkohleverstromung in Brandenburg – und dafür, dass Berlin Schlusslicht beim Einsatz von Wind und Sonne ist. Wer so klimaschädlich Strom erzeuge, der werde auch beim Netzausbau die Energiewende nicht vorantreiben, meinen die Kritiker. Wenn sie bis zum 10. Juni 173.000 Stimmen zusammenbekommen, dann stimmen die Berliner über ihren Gesetzentwurf ab; wohl am Tag der Bundestagswahl.

Für den gleichen Termin ist in Hamburg bereits ein ähnliches Plebiszit anberaumt. Dort gehören Vattenfall gemeinsam mit E.on-Hanse drei Viertel der Stadtwerke und des Stromnetzes. Die Stadt hält 25,1 Prozent, die Initiative "Unser Hamburg – unser Netz" will 100 Prozent durchsetzen. Kämen die Volksentscheide in beiden Großstädten durch, dann würde das dem bundesweiten Trend zur Rekommunalisierung der Energieversorgung noch mehr Schwung verleihen. Auch in Stuttgart und in kleinen Orten von Schmalkalden bis Waldbröl wollen Bürgermeister und Stadträte die Energiewende mit eigenen Netzen stärker selbst gestalten. Wer auch immer das Stromnetz betreibt: Ihm winken verlässliche Einkünfte aus den Durchleitungsentgelten anderer Stromversorger. Die Bundesnetzagentur genehmigt eine Rendite von sieben bis neun Prozent, die können Kommunen gut gebrauchen. Seit 2007 gründeten sie auch deshalb bundesweit 71 neue Stadtwerke und übernahmen 170 Netzkonzessionen.

Dieses Ziel haben die Bürger auch in Berlin formal erreicht. Um die Jahreswende beschloss die große Koalition, ein Stadtwerk zu gründen. Ein zweites Unternehmen, die Berlin Energie, soll sich die Netzkonzession holen. Doch die Unterstützer des Energietischs halten das für ein Manöver, dem Volksbegehren den Wind aus den Segeln zu nehmen – und sammeln weiter Unterschriften.

Die Lage ist vertrackt: Selbst wenn Berlins Politiker durch das Votum der Bürger auf eine Rekommunalisierung verpflichtet würden, könnten sie nicht einfach dem landeseigenen Unternehmen das Netz übertragen. Der freie Wettbewerb hat nämlich Vorfahrt. Er bremst die Entscheidungsfreiheit aus, weil das Energiewirtschaftsgesetz ein "transparentes und diskriminierungsfreies" Vergabeverfahren fordert. Nach strengen Leitlinien des Bundeskartellamtes und der Bundesnetzagentur muss Finanzsenator Ulrich Nussbaum andere Interessenten also gleichbehandeln wie die stadteigene Berlin Energie.

Auch Bundesumweltminister Peter Altmaier ist jetzt Netzgenosse

Im Rennen sind neben ihr und der Vattenfall-Tochter fünf weitere Bewerber: die envia Mitteldeutsche Energie AG mit ihrem Mehrheitseigner RWE, die Thüga, ein Netzwerk kommunaler Energiedienstleister, das holländische Unternehmen Alliander, das ebenfalls Gemeinden gehört, und der Staatskonzern State Grid Corporation of China.