Richard Linklater"Ich habe mit Leo Tolstoi über seine Bücher gesprochen"

Regisseur Richard Linklater ist ein aktiver Träumer. Er kann seine Gedankengänge im Schlaf steuern. Und entwickelt so neue Filmideen. von Jörg Böckem

Ich sitze mit dem Team in einem Konferenzraum. Wir sprechen über den Film, den wir gerade vorbereiten. Er beschäftigt sich mit dem Thema Traum. Ich stehe auf und gehe zur Tür, betätige den Lichtschalter, aber die Lampe bleibt dunkel. In diesem Moment weiß ich mit Bestimmtheit, dass ich träume. Und ich weiß, dass ich diesen Traum steuern kann. Also nutze ich den Traum dazu, mit dem Filmprojekt zu beginnen. Ich führe Gespräche mit den Schauspielern und dem Team, probiere schwierige Einstellungen, gehe durch Wände – so, wie es die Hauptfigur im Film später auch tun wird. In diesem Traum gewinne ich wichtige Ideen und Erkenntnisse, die dann im Wachen in den Film einfließen.

Für viele Menschen haben Träume eine mystische oder spirituelle Bedeutung. Lange ging es mir ähnlich. Bis ich mich, um das Jahr 2000 herum, auf meinen Film Waking Life vorbereitete. Er erzählt von luziden Träumen, also von solchen, in denen sich der Träumer bewusst ist, dass er träumt. Seit ich mich mit der wissenschaftlichen Forschung zu diesem Phänomen beschäftigt habe, hat sich mein Blick auf Träume verändert.

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Dass ich ein luzider Träumer bin, merkte ich schon als Kind, nur den Begriff kannte ich nicht. Ich wachte auf, träumte aber trotzdem weiter. Ich fand heraus, dass ich den Traum beeinflussen konnte, also in meinen Träumen tun konnte, was immer ich wollte. Eine fantastische Erfahrung.

RICHARD LINKLATER

52, wurde Anfang der neunziger Jahre bekannt als Regisseur der Filme »Slacker« und »Dazed and Confused«. Für »Before Sunrise« wurde er 1995 bei der Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. Die Geschichte der Protagonisten, gespielt von Julie Delpy und Ethan Hawke, erzählte er 2004 in »Before Sunset« weiter. Im Kino startet nächste Woche die dritte Folge unter dem Titel »Before Midnight«

Heute weiß ich, dass Träume eine Hirnaktivität darstellen, eine besondere, komplexe Form des Bewusstseins. Luzides Träumen ist eine Fertigkeit, die man trainieren kann. Mit dieser Erkenntnis habe ich die Welt des Mysteriums verlassen und die faszinierende Welt des Gehirns und seiner Verarbeitungsprozesse betreten.

Während der Arbeit an Waking Life war ich monatelang in einem merkwürdigen Zustand gefangen. Ich habe buchstäblich Tag und Nacht an diesem Film gearbeitet – wenn ich wach war und in meinen Träumen. Ein sehr anstrengender Zustand. In solchen Phasen ist es wichtig, einen Indikator zu finden, an dem ich erkennen kann, ob ich träume – wie die Betätigung des Lichtschalters. In meinen Träumen bleibt die Lampe immer dunkel.

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Ich genieße meine luziden Träume, in ihnen fliege ich wie ein Vogel über Zäune, Mauern und Städte. Eine tiefe menschliche Sehnsucht erfüllt sich, einfach wundervoll! Oder ich treffe historische Personen. Zum Beispiel habe ich mit Leo Tolstoi zu Abend gegessen und mit ihm über seine Bücher gesprochen. Meine luziden Träume sind fast immer angenehm. Wenn sie es nicht sind, kann ich sie in eine positive Richtung lenken. Echte Albträume hatte ich seit meiner Kindheit nicht mehr.

Ich habe einen Traum
Alle bisherigen Träume zum Nachlesen

Alle bisherigen Träume zum Nachlesen  |  © Miss Jones/Photocase

Vor Kurzem traf ich träumend einen guten Freund, der mir begeistert von seinen Projekten und Plänen erzählte. Ich wusste, dass dieser Freund tot ist. Ich fragte ihn: "Ist dir klar, dass du nicht mehr lebst?" Das hat ihm ein wenig die Stimmung verdorben. Wir haben das Zusammensein trotzdem sehr genossen.


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Leserkommentare
  1. Gestern habe ich ein Traumtagebuch zu schreiben begonnen, mit der Absicht, bewusster zu träumen, um das luzide Träumen zu erlernen. Und jetzt finde ich diesen total kargen, nicht nennenswerten Artikel, der mir auch nicht sagt, weshalb er geschrieben wurde. Aber er ist total faszinierend und motivierend. Ich glaube, ich träume!

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    gibt es mittlerweile eine Menge Literatur. Einfach mal im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek suchen (www.dnb.de). Auf youtube gibt es sehr gute Anleitungen, wie man das luzide Träumen erlernen kann. Nicht ganz einfach, aber es lohnt sich. Ich hatte bisher drei luzide Träume. Wirklich faszinierend. Die Kontrolle zu behalten ist dabei das Schwerste.

  2. gemacht, so "Before Sunrise" und "Before Sunset", die beide absolut empfehlenswert sind.

    Eine Leserempfehlung
  3. bekam ich von Pythagoras einen 1er in Mathe, dafür müsste mein alter Mathelehrer eigentlich nach Rom laufen.

  4. gibt es mittlerweile eine Menge Literatur. Einfach mal im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek suchen (www.dnb.de). Auf youtube gibt es sehr gute Anleitungen, wie man das luzide Träumen erlernen kann. Nicht ganz einfach, aber es lohnt sich. Ich hatte bisher drei luzide Träume. Wirklich faszinierend. Die Kontrolle zu behalten ist dabei das Schwerste.

    Antwort auf "Es ist seltsam"
  5. Luzide Träume helfen sehr kreativ zu werden, denn es verbinden sich die beiden Gehirnhälften in den REM Phasen (Traumphasen). Auf diese Weise kann man in seinen luziden Träumen auf ein großes Maß an Kreatitiät zurückgreifen. Wer luzides Träumen lernen möchte, kann auf http://www.kt-forum.de die Anfängeranleitung kostenfrei durchlesen.

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  • Serie Ich habe einen Traum
  • Schlagworte Film | Bewusstsein | Forschung | Gehirn | Gespräch | Leo Tolstoi
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