EinwanderungWelcome to Tijuana!

Während die USA über ihre Einwanderungspolitik streiten, erleben die Mexikaner ihr eigenes Wirtschaftswunder. von 

Carlos Luna manövriert sein Taxi sicher über Tijuanas Ausfallstraße, vorbei an tonnenschweren Lkw und tiefen Schlaglöchern. Er deutet auf einen Streifen Land neben der Fahrbahn, auf dem Büsche und Kakteen wachsen. "Als Jugendliche sind wir hier manchmal über die Grenze in die USA geschlichen." Nur ein Zaun aus rostigem Stahl markierte damals die Grenze. Heute stehen dort haushohe Betonwälle, alle 300 Meter ragt ein Flutlichtturm auf. "Als ob wir Mexikaner alle Kriminelle wären", sagt er.

Über die Grenze, an der Luna täglich entlangfährt, wird 4000 Kilometer nordöstlich gerade erbittert gestritten. In Washington kämpft Barack Obama um eine Einwanderungsreform, die den mehr als elf Millionen illegalen Migranten in den USA eine Einbürgerung in Aussicht stellt. Das Gesetz ist das wichtigste Vorhaben in der zweiten Amtszeit des US-Präsidenten.

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Doch die Konservativen sperren sich im Kongress. Sie befürchten, die "Amnestie", als die sie Obamas Reform bezeichnen, werde weitere Millionen von Illegalen anlocken. Genau wie damals, in den neunziger Jahren nach einem ähnlichen Vorstoß des damaligen Präsidenten Ronald Reagan. Heute wollen die Republikaner deshalb vor allem die Grenze zu Mexiko dicht machen. Republikanische Senatoren haben angekündigt, dem geplanten Gesetz nur zuzustimmen, wenn der Grenzschutz nachweisen kann, 90 Prozent der illegalen Grenzübertritte zu verhindern.

Doch ist das wirklich notwendig? Sind die USA noch das Gelobte Land für viele Mexikaner? Der Besuch in Tijuana zeigt, dass sich die Verhältnisse mancherorts umgekehrt haben. Mexikos boomende Industrieproduktion sorgt dafür, dass immer weniger junge Mexikaner al norte, in den Norden, auswandern wollen. Es ist sogar so, dass heutzutage US-Amerikaner, angelockt vom Aufschwung und auf der Suche nach neuen Chancen, die Grenze in umgekehrter Richtung überqueren.

Die Nachbarn: Nah und fremd

Mit mehr als 350 Millionen Ein- und Ausreisenden im Jahr ist die Grenze zwischen Mexiko und den USA die geschäftigste der Welt. Doch für viele US-Bürger bleibt Mexiko ein fremdes Land. Sie verbinden mit ihrem südlichen Nachbarn Korruption, Armut, Rückständigkeit – und die Gewalt der Drogenkartelle . Die Regierung in Washington hat das Land im Süden auf Distanz gehalten. Dabei sind die beiden Nationen durch Generationen von Migranten eng verbunden. Jeder zehnte Mexikaner lebt in den Vereinigten Staaten. Zählt man ihre in den USA geborenen Angehörigen dazu, gehören 33 Millionen Menschen der mexikanischen Minderheit an.

Rein und raus

Eine erste große Einwanderungswelle löste 1910 die mexikanische Revolution aus. Nach dem Sturz von Diktator Porfirio Díaz, dessen Stoßseufzer »Armes Mexiko, so fern von Gott und so nah an den Vereinigten Staaten« gerne zitiert wird, zogen fast eine Million Mexikaner über den Rio Grande. Während der Großen Depression sahen US-Bürger in den Einwanderern aus dem Süden eine Konkurrenz um knappe Jobs. Viele wurden nach Mexiko deportiert . Der Zweite Weltkrieg verkehrte das Verhältnis ins Gegenteil: Die US-Wirtschaft brauchte mehr Arbeiter, und die Regierung startete ein Gastarbeiterprogramm , das 4,5 Millionen Mexikaner in die USA lockte. Der von Präsident Nixon ausgerufene »Krieg gegen Drogen« führte ab 1969 zu einer scharfen Überwachung der Grenze. 1986 garantierte ein Reformgesetz eine Amnestie für Illegale in den USA. In den neunziger Jahren folgte eine neue Einwanderungswelle. Während der großen Rezession 2008 kehrten viele Mexikaner freiwillig in ihre Heimat zurück. Nach neuesten Erhebungen gleichen sich die Migrationsströme zwischen Mexiko und den USA inzwischen aus.

477 Tote

Während Präsident Obamas erster Amtszeit wurden mehr illegale Einwanderer deportiert als in den gesamten acht Jahren der Bush-Regierung. Bis Ende des Jahres wird seine Regierung zwei Millionen Menschen abgeschoben haben, darunter 200.000 Eltern von Kindern, die in den USA geboren wurden und damit US-Bürger sind. Obwohl weniger Migranten versuchen, illegal über die Grenze im Süden zu kommen, ist die Zahl derer, die dabei umkommen, drastisch gestiegen. 2012 waren es 477. Doch nicht alle werden gefunden. Die meisten verdursten oder erfrieren . Um der verstärkten Grenzüberwachung zu entgehen, führen die Schlepperrouten zunehmend durch die Wüste oder unwegsames Gelände. Die Coyotes , die Schlepper, verlangen deshalb höhere Preise. Vor zwanzig Jahren kassierten sie 100 bis 200 Dollar für einen Grenzübertritt. Heute sind es 2.000 bis 3.000 Dollar . Migranten aus Zentralamerika zahlen 5.000 bis 8.000 Dollar. Die Schulden müssen die »Kunden« oder ihre Familien oft jahrelang abstottern.

"Welcome to Tijuana, Tequila, Sex and Marihuana!", singt die Latino-Band Manu Chao. Lange war die Grenzstadt am Pazifik vor allem bei jungen US-Amerikanern beliebt, weil sie hier schon unter 21 Jahren legal an Alkohol kamen. An der Avenida de la Revolución reihten sich Stripperlokale, Souvenirbuden und Läden mit billigen Medikamenten aneinander.

Nach dem Terroranschlag am 11. September 2001 wurde die einst lockere Aus- und Einreisepolitik zwischen San Diego und Tijuana verschärft. Das bunte Treiben auf der Avenida hatte ein Ende. Heute ist ein großer Teil der Läden und Kneipen verlassen, Fenster und Türen sind verbarrikadiert.

Mitte des Jahrzehnts wurde Tijuana zum grausigen Schauplatz des Drogenkrieges und blieb es lange. 2011 wurden in der knapp 2-Millionen-Einwohner-Stadt 476 Menschen umgebracht. Eine Nachricht, die damals mit Erleichterung aufgenommen wurde, weil es seit Jahren das erste Mal war, dass die Zahl der Opfer unter 500 lag. Tijuana stand für all das, was in den Augen der US-Nachbarn falsch läuft in Mexiko.

Leserkommentare
  1. Und vor allem macht er eines klar, daß Mexiko die USA ueberholen kann oder zumindest erstarken, was vielleicht aucha n der Schwaechung der USA an sich liegt.

    Und aus der geschichte lernen wir,daß man sich einen Limes nicht auf Dauer leisten kann .

    Manu Chao ist uebrigens Solo-Kuenstler und stammt aus Frankreich. Er hatte einst eine Band namens Mano Negra, er setzt sich fuer Lateinamerika und Afrika ein, singt auf mehreen Sprachen auch spanisch, sein Stil vereint lediglich latinoklaenge mit Afro und franzoesischen ;)

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    Das Mexiko die U.S.A wirtschaflich überholt, dafür bräuchte es Jahrzehnte.
    Die U.S.A hat einen Output der den Mexikos um ein vielfaches übersteigt.
    Verschuldung sagt nichts über die Wirtschafskraft eines Landes aus, siehe Japan. Japan müsste ja das Dritte Welt Land schlechthin sein, nach der Aussage des Artikels
    Das Mexiko hier eine leichte postive Veränderung annimmt ist schön und der Artikel liegt heir auch richtig, denn die Rgeriung von Obama wird immer faschistoider und verbaut somit den Weg für eine freidliche Welt bzw er seine eigenen Ziele.
    Dennoch Wirtschaft braucht nur bedingt demokratische Elemente um zu wachsen, leider. Kulturelle/Gesellschaftliche Freiheit ist deshalb auch schützenswerter, weil sie eben so leicht ausgehebelt werde kann.
    Das soll keine Häme sein, nur realistisch betrachtet wird es noch länger dauern bis die U.S.A als Wirtschaftsmacht Nr1. abgelöst werden. Vorsichtige Schätzungen gehen von Mitte dieses Jahrhunderts aus. Nachfolger natürlich China

  2. Die Grenze wurde in einer Zeit mystifiziert als Neologismen wie "Homeland Security" in den USA Furore machten (kein Amerikaner hat vor 2001 den Begriff "Homeland" gebraucht). In einer Zeit nationaler Überhöhung bis hin zum Melodramatischen, was sich beispielsweise in exzessiven Aktionen wie riesige "UNITED WE STAND" Banner über Interstates zeigte (zumeist von privaten Bürgern gespendet). Auch trotziger Isolitianismus spielt eine Rolle, zB ist die Abhängigkeit von ausländischen Energiequellen auch für die Demokraten ein Hauptthema. Selbst in Filmen wurde die US Grenze überhöht (z.B. "Monsters" von 2010, wo ein hunderter Meter hoher Grenzwall die USA vor Aliens schützt). Kaum Nationalismus wie man ihn in Europa kennt sondern vorallem Nationalismus der sich auf amerikanische Symbole, (vermeintliche) Ideale, den Way of Life etc. stützt und nicht zwingend Neubürger ausschließt, aber eifersüchtig darüber wacht dass diese den legalen Weg nehmen und auch in jedem Nebensatz würdigen was für eine Ehre es sei in den USA zu leben, wie geehrt und glücklich sie sich fühlten, vorallem wie stolz sie jetzt seien, etc.
    das war alles der Zeitgeist der Bush-Ära und das alles versandet langsam aber sicher. Und weil die Politik in den USA nicht weniger langsam ist und "hinterher hinkt" wie bei uns wurde die Grenze erst jetzt zu dem Bollwerk ausgebaut, als was die Amerikaner sie nach 2001 gerne gesehen hätten. Mich würde nicht wundern wenn die Grenze in 5 weiteren Jahren wieder abgerüstet wird.

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  3. "Genau wie damals, in den neunziger Jahren nach einem ähnlichen Vorstoß des damaligen Präsidenten Ronald Reagan."

    Irgendwas stimmt daran nicht? Oder war das etwas, was Reagan angestoßen, aber nicht mehr umgesetzt hat? Schließlich war George Bush Senior ab 1989 Präsident und später Bill Clinton.

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  4. Das Mexiko die U.S.A wirtschaflich überholt, dafür bräuchte es Jahrzehnte.
    Die U.S.A hat einen Output der den Mexikos um ein vielfaches übersteigt.
    Verschuldung sagt nichts über die Wirtschafskraft eines Landes aus, siehe Japan. Japan müsste ja das Dritte Welt Land schlechthin sein, nach der Aussage des Artikels
    Das Mexiko hier eine leichte postive Veränderung annimmt ist schön und der Artikel liegt heir auch richtig, denn die Rgeriung von Obama wird immer faschistoider und verbaut somit den Weg für eine freidliche Welt bzw er seine eigenen Ziele.
    Dennoch Wirtschaft braucht nur bedingt demokratische Elemente um zu wachsen, leider. Kulturelle/Gesellschaftliche Freiheit ist deshalb auch schützenswerter, weil sie eben so leicht ausgehebelt werde kann.
    Das soll keine Häme sein, nur realistisch betrachtet wird es noch länger dauern bis die U.S.A als Wirtschaftsmacht Nr1. abgelöst werden. Vorsichtige Schätzungen gehen von Mitte dieses Jahrhunderts aus. Nachfolger natürlich China

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    ...war übrigens die EU Wirtschaftskraft Nr 1. Also: besser krank reden oder gesund beten?

  5. Die Mexikaner wollen nicht mehr in die USA migrieren, also kann es ihnen egal sein, wie offen die Grenzen sind. Meines Wissens schottet Mexiko sich selbst gen Süden gegen Einwanderung bzw. Durchwanderung ab und behandelt die illegalen Einwanderer aus dem Süden auch nicht besser als die Amis die Mexikaner.

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  6. Also wer will denn heute noch in die USA immigrieren?

    Man benötigt schon ein gehöriges Maß an Verblendung um die Rassenprobleme, den Polizeistaat, die schlechten Bildungchancen für die Allgemeinheit, den Nationalismus, die Armut und die Masseninhaftierung zu übersehen.

    Den gesellschaftlichen Veränderungen in den sechziger Jahren ist man mit Repression begegnet, und was wir heute sehen ist nur die logische Konsequenz dessen.

    Uns blüht das auch, wenn wir nichts dagegen unternehmen. Aber es interessiert ja sowieso niemanden, also gehe ich dann mal.

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  7. Neue Industriegebiete, neue Straßen,neue Industriewerke: das hört sich wie ein stinknormaler morderner Alptraum an. Aber für Neoliberale gibts bestimmt nichts Schöneres. Asphalt, Lärm, Gestank und landschaftliche Verödung, das war noch immer der feuchte Traum eines jeden Liberalen, solange er selber nicht drin leben muss.

    Was autonome Drohnen anrichten können, wenn erstmal das Militär deren Potenzial entdeckt, da sollte man gar nicht dran denken.

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    die kann man nur sagen wenn man Satt ist. Dann beginnt man an diesen Dingen rumzumäkeln.

    Ja am besten wäre es wir würden alle in einem Großen Haus in einer Parklandschaft leben. Es gäbe keine Straßen, alle würden sich beamen. Das essen kommt aus dem Kühlschrank, die Industrieprodukte von Amazon, und das Geld vom Konto.

    Die Realität ist anders.
    Das hat auch nichts mit Neoliberal oder co zu tun. Industrialisierung unter den Kommunisten war auch kein Renaturierungsprogramm

  8. Wie schön das alles klingt, jetzt geht es wohl so richtig los in Mexiko.

    Ich lebe schon seit geraumer Zeit hier, doch leider beobachte ich eher eine zunehmend depressive Stimmung als den Optimismus eines Wirtschaftsbooms. Natürlich ist Mexiko ein starker Industriestandort, und es ist (oder wäre?) ein reiches Land!

    Es hat enorme Devisenreserven und ist einer der weltweit größten Ölförderer. 30 Millionen Mexikaner leben in den USA und schicken Geld nach Hause (das ist die zweitgrößte Devisenreserve), darüber hinaus liegt es geographisch ideal als Nadelöhr zwischen Nord- und Lateinamerika. Hinzu kommen die verschwindend geringen Produktionskosten. Nicht umsonst lassen so viele Firmen wie VW & Co hier produzieren, um dann ihre Produkte in die USA zu schicken.

    Doch genau darin besteht das Problem. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist gigantisch. Der durchschnittliche Lohn eines Arbeiters liegt bei 7MXN/h, das sind 30 Cent, ein Arzt verdient nur an die 600€/Monat. Die Bildung auf dem Land wird kaum gefördert, denn die Politik und die Kartelle nutzen jede Möglichkeit, um sich an den Ressourcen des Landes zu bereichern und möchten, dass das so bleibt. Mexiko wird regiert von Banken und Ganoven, und die PRI mit ihrer Marionette Pena Nieto wird das ganze nur festigen.

    Viele meiner Freunde sehen für sich schon keine Zukunft mehr in Mexiko, und manch einer spricht bereits von der Entwicklung eines failed state.

    Es fragt sich eben immer, wer der Gewinner und wer der Verlierer ist.

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