JustizirrtumDie Ehre des Rosenkavaliers

Ein türkischer Dönerverkäufer wird beschuldigt, seine deutsche Geliebte getötet zu haben. Er muss ins Gefängnis, die Zeitungen nennen ihn "Sex-Mörder". Doch dann hebt der Bundesgerichtshof das Urteil auf. War der Tod von Marlis K. ein Unfall? von Christoph Grabitz

Im ersten Licht des Tages steht er ohne Koffer am Flughafen. Als wolle er sich einreden, er werde nicht lange weg sein aus Gaziantep, Südostanatolien. Als wolle er das Schicksal lenken. "Ich nichts lenken, das macht der liebe Gott", sagt er in seinem unbeholfenen Deutsch, als das Flugzeug auf die Startbahn rollt. "Er weiß: Ich hab sie nicht töten."

Dann setzt der Schub ein und drückt ihn in den Sitz, einen kleinen 61-jährigen Mann, mit Schuhen aus Kunstleder und schief gelaufenen Absätzen. Am Fenster verschwimmen rote Erde und graue Bäume zu farbigen Streifen. Wenn alles gut geht, ist er zurück in der Türkei, bevor die Pistazien blühen. Wenn nicht, werden sie ihn einsperren, jahrelang, in der Justizvollzugsanstalt Cottbus-Dissenchen.

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Pegasus-Flug PC 157 hat seine Reiseflughöhe erreicht, als er wieder sein Ticket aus der Tasche zieht. Gaziantep–Berlin steht darauf, Samstag, 9. März 2013, Vorname: Veysel, Nachname: Kurt, Buchungsnummer 3UYM5K.

Seit Tagen studiert Veysel Kurt dieses Blatt wie einen Lieferschein seiner selbst. Das Lesen und Verstehen des deutschen Textes fällt ihm schwer. Auf einmal, ganz unten auf dem Stück Papier, entdeckt er die Worte: "Bundesministerium des Innern". Es geht darum, dass sich auf der Website des Ministeriums weitere Informationen zu den Einreisegesetzen finden, ein nebensächliches Detail. Kurt aber stutzt, fragt: "Ministerium, was bedeutet?"

Er greift zum Tabak in seiner Tasche, zögert, zieht die Hand zurück. Über seinem Sitz leuchtet das Rauchverbotszeichen. Sein Kopf wird rot, er fängt an zu schwitzen. Vom deutschen Staat erwartet er nur Schlechtes, seit damals, seit der Sache mit Marlis.

Kurt sagt: "Wir haben uns geliebt, wie Mann und Frau es machen, nur durfte niemand wissen. Plötzlich sie war tot, in diesem Moment ist meine Welt so eng geworden."

Am 7. März 2009 wird auf einem Parkplatz im südlichen Brandenburg die Leiche einer 53-jährigen Frau entdeckt. Der Täter scheint schnell gefunden: Ihr heimlicher Liebhaber, der Dönerverkäufer Veysel Kurt, muss es gewesen sein. Der Nachname klingt deutsch, ist aber auch in der Türkei verbreitet. Kurt wurde 1952 in dem kleinen Ort Eski Halfeti geboren, als Kurde im Südosten der Türkei. Elf Geschwister, fünf Jahre Schulbildung, ursprünglicher Beruf: Busfahrer.

Mitte der neunziger Jahre, als der Konflikt zwischen Kurden und Türken eskalierte, war Kurt mit seiner Frau und zwei Kindern nach Deutschland gegangen, in die Nähe von Cottbus, wo sein Bruder schon einen Dönerstand hatte.

Veysel Kurt wird wegen Mordes angeklagt. Er habe seine Geliebte beim Sex getötet, heißt es.

Das Landgericht Cottbus spricht ihn schuldig, Kurt sitzt in Haft, anderthalb Jahre lang, in der Zelle verschlimmert sich sein Diabetes, er bekommt offene Beine, sein Dönerstand verfällt.

Im Juli 2010 hebt der Bundesgerichtshof in Leipzig das Urteil auf, wegen seiner "nicht ausreichenden Tatsachengrundlage", und verweist den Fall zurück an das Landgericht Cottbus. Bis zur zweiten Hauptverhandlung wird Kurt von der Haft verschont, er darf in die Türkei ausreisen. Es ist eine Flucht. "Alle haben mich gehasst", sagt er.

Jetzt hat ihn ein Brief zurück nach Deutschland geholt, auf dem das Aktenzeichen 22 Ks 03/10 steht. "In der Strafsache gegen Veysel Kurt", heißt es da, "ist der Termin zur Hauptverhandlung auf Dienstag, den 12. März 2013, anberaumt, Haus 1, Saal 100."

Sanftes Klirren, die Stewardess schiebt Limonade durch den Gang, verkauft eingeschweißte Sandwiches. Kurt hat sich eine kleine braune Tüte mit Pistazien mitgebracht. Die leeren Schalen streicht er mit der Hand sorgfältig vom Klapptisch und verstaut sie in einer anderen Tüte.

Kurts Liebesgeschichte begann Anfang des Jahres 2009. Er lebte getrennt von seiner Frau in einer kleinen Mietwohnung mit sparsamem Mobiliar in der Bahnhofstraße 19 in Doberlug-Kirchhain, knapp 9.000 Einwohner, 70 Kilometer südwestlich von Cottbus.

Leserkommentare
    • M-F.
    • 08. Juni 2013 12:30 Uhr
    1. [..]

    Entfernt. Bitte üben Sie Kritik mit sachlichen Argumenten. Danke, die Redaktion/ls

    Eine Leserempfehlung
    • Hokan
    • 08. Juni 2013 13:16 Uhr

    Gutes 'Dossier' der Papierzeit. Neben seiner plastischen und einfuehlsamen Schilderung der Person des Angeklagten gelingt ein ernuechternder Blick auf die Praxis deutscher Rechtsprechung. Schlamperei, Karriere-orientierte Sicht auf den zur Verhandlung stehenen Fall und der respektlose bis diskriminierende Umgang des Gerichts mit eben diesem. Einmal mehr ein Fall in der langen Kette hoechst beunruhigender bis katastrophaler Leistungen deutscher Rechtsprechung. "Im Zweifelsfall fuer die Ablage"

    9 Leserempfehlungen
    • Kelhim
    • 08. Juni 2013 13:24 Uhr

    Nicht sehr vertrauenserweckend vom Staatsanwalt und den Richtern, die den Mann damals verurteilten. Was mir bei vielen solchen berichteten Justizirrtümern auffällt, ist, dass nicht etwa hinterher aus dem Nichts doch noch entlastende Details auftauchen, sondern einfach von Anfang an nicht sauber gearbeitet und entlastende Details aus Inkompetenz oder Starrsinn übersehen wurden.

    10 Leserempfehlungen
  1. ... war oder der Mann wirklich schuldig ist, hier wird mal wieder gezeigt warum der Staat nicht die Todesstrafe in seinem Arsenal haben darf, für solche vergehen. Auch wenn es die Gesellschaft sehr viel Geld und Resourcen kostet jemanden bis zum Lebensende einzusperren, zu bewachen und durch zu füttern.

    9 Leserempfehlungen
  2. 5. Sparen

    " ... unnötige Kostenfaktoren zu erkennen "

    Das wird noch viel schlimmer kommen. Weil das System die Finanzen nur für ein Jahr voraus plant.

    Wenn Behörden nicht mehr wieter wissen, dann klicken sie halt etwas zusammen, Hauptsache Urteil und Plansoll erfüllt.

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  3. Denke mal dieser Herr hat die fürchterliche Tat nicht begangen.
    Ein Mensch der wirklich liebt bringt keinen Menschen um!
    Na ja weil er Ausländer ist kann da noch etwas anderes unterschwellig bei der Beweisaufnahme mitgespielt haben.
    Hoffen wir das sich das Recht einen Pfad schlägt und das Fehlurteil berichtigt wird.

    • mick08
    • 08. Juni 2013 15:46 Uhr

    Es ist dem beharrlichen Engagement einiger redlicher Anwälte zu verdanken, dass ab und an Fehlurteile als solche identidfiziert und korrigiert werden. In dem Sinne, ganz herzlichen Dank an Jens Mader und all die anderen anwaltlichen Kämpfer für Gerechtigkeit.

    Leider ist das Ganze – wieder einmal – ein sehr sehr trauriges Lehrstück auch darüber, dass die Staatsanwaltschaft ihren Aufrag nicht erfüllt; sich ein eigenes Vor-Urteil bildet, dem eigenen Vor-Urteil zwanghaft folgt, ohne nach Entlastendem zu suchen. Nicht nur das, hat die Staatsanwaltschaft Fehler gemacht, statt diese zuzugeben, verteidigt sie ihre Position zu Lasten des falsch Verurteilten. Leider habe ich solches Verhalten zu häufig beobachtet und das ist wirklich pervers!

    Aber nicht nur das, auch die weniger guten Rechtsmediziner stützen sich in ihren Fehlurteilen gegenseitig. Richtig schlimm und traurig das Ganze. Schön, dass Herr Kurt aus den Klauen dieses kranken Apparats befreit wurde.

    Denjenigen, die noch andere Beispiele für die Krankheiten der Justiz kennen lernen möchten, sei - als eines von vielen Beispielen – noch einmal das schlimme Justizverbrechen im Fall des Bauern Rudolf Rupp empfohlen:

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-77222581.html

    3 Leserempfehlungen
  4. .. finden sie - das: ".. Wer kauft noch Döner bei einem, dem so was passiert?" .. nicht ausgesprochen taktlos in Ihrem Feature mit Blick auf die Tote ist? Kaum viel anders die gewählte Überschrift .. und so manche unverschämte Details .. das ist keine Art, verzeihen Sie, aber ich finde Ihre Schreibweise hier empörend ..

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